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Veranstaltungen 1987-2023
1987
20
Tagesfahrt nach Bad Lauchstädt, Goethe-Theater, Inszenierung
Die Zauberflöte
Prof. Dr. h.c. Karl-Heinz Hahn:
Thomas Mann und die Goethe-Gesellschaft
Prof. Dr. Norbert Miller:
Anmerkungen zur Münchener Ausgabe
1988
21
Prof. Dr. Hans Wolfgang von Löhneysen:
Die Goethe-Büste von David d´Angers
Beate Schubert:
Goethe am Vorabend der Französischen Revolution
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings:
Die Initiation »Wilhelms Meisters«
Hans Joachim Mey:
Der Briefwechsel Marianne von Willemer und Hermann Grimm
1989
24
Prof. Hans-Dieter Holzhausen:
Der Literaturkritiker und Goetheforscher Ludwig Geiger
Joachim Pukaß und Christian Rhode: Lesung
Goethes »Reinicke Fuchs«
Prof. Dr. Hans Wolfgang von Löhneysen: Seminar
Der Sammler und die Seinigen
Goethes 240. Geburtstag in Schuberts Garten – mit musikalischen Darbietungen
Prof. Dr. Paul Raabe:
Goethes verstreute Briefe
1990
25
Tagesexkursion nach Wörlitz,
Führung durch die Gartenanlagen
Goethes 241.Geburtstag in Schuberts Garten – mit musikalischen Darbietungen
Tagesfahrt nach Weimar,
Anna Amalia und ihr Musenhof,
Exkursion nach Bischofsgrün:
Auf den Spuren Goethes zum Ochsenkopf,
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings:
Zeitkritik in Goethes »Wahlverwandtschaften«
Szenische Lesung
Goethes »Wahlverwandtschaften«
1991
26
Frank-Volker Merkel-Bertholdi:
Leopardis »Consalvo« und Goethes »Werther«
Gesprächsabend über
Alfred Kirchners Inszenierung von Goethes »Faust I«
Theater: Peter Hacks:
Gespräch im Hause v. Stein ü. d. abwesenden Herrn von Goethe
Dr. Rudolf Elvers:
Die Mendelssohns und Goethe
Filmvorführung:
Carl August von Weimar – Goethes Freund
, Regie: Beate Schubert
Tagesfahrt nach Weimar
Goethes 242.Geburtstag in Schuberts Garten – mit musikalischer Umrahmung
Tagesfahrt nach Bad Lauchstädt, Besuch der Inszenierung von Goethes »
Urfaust«
Tagesfahrt nach Neu-Hardenberg, Führung durch Schloß und Parkanlagen
Prof. Dr. Kurt Biermann:
Alexander von Humboldt als Weggefährte Goethes
1992
30
Dr. Birgit Weissenborn:
Bettina von Arnim und Goethe,
Szenische Lesung »
Die Wahlverwandtschaften«
Ulrich von Heintz:
Führung durch das Schloß Tegel
Goethes 243. Geburtstag in Schuberts Garten – Musikalisch literarischer Abend
Dr. Frank Schweitzer ;
Goethes »Farbenlehre«
1993
32
Prof. Dr. Heide Eilert:
Goethe und die Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts
Prof. Dr. Martin Seiler:
Exkursion über die Pfaueninsel
Goethes 244.Geburtstag in Schuberts Garten – Musikalisch-literarischer Abend
Filmvorführung:
Charlotte von Stein,
Regie: Beate Schubert
Prof. Dr. Siegfried Unseld:
Goethe, der Schriftsteller – vom Verleger gesehen
Prof. Dr. Otto Krätz:
Goethe und die Naturwissenschaften
, Vortrag mit Experimenten
1994
38
Prof. Dr. Alfred Behrmann:
Italien, wir und die klassischen Reisen der Goethezeit
Dr. Ilse Jahn:
Alexander von Humboldt und Goethe
Exkursion ins Fichtelgebirge:
Mit dem Geologenhammer auf Goethes Spuren
Goethes 245. Geburtstag in Schuberts Garten – Musikalisch-literarischer Abend
Gottfried Eberle:
Goethe und die Musik
, mit gesungenen und gespielten Beispielen
Dr. Joachim Burkhardt: Buch- und Videovorführung:
Ein Film für Goethe
Dr. Manfred Obermann:
Der Einfluß der Freimaurerei auf Goethes Leben und Werk
Prof. Dr. Wolfgang von Löhneysen: »
West-östlicher Divan«: Buch der Betrachtungen
Dr. Werner Hennig:
Einführung in Goethetexte: »Das Märchen» – »Novelle«
1995
42
Dr. Werner Hennig:
Goethe Einkommen und Vermögen
Prof. Dr. Hans-Dieter Holzhausen:
Goethes Gespräche mit Eckermann
Dr. Gerhard Schewe:
Zum Goethebild Romain Rollands
Prof. Dr. Frank Nager:
Gesundheit, Krankheit und Tod bei Goethe
Film-Uraufführung
Goethe und sein Haus am Frauenplan
, Regie Beate Schubert
Goethes 246.Geburtstag in Frau Schuberts Garten – Musikalisch-literarischer Abend
Prof. Dr. Effi Biedrzynski:
Goethes Weimar
Dr. Ernst Schneider:
Goethe midlife-crisis in Italien
Reinhold Köpke:
Goethe – ein Vorläufer der Tiefenpsychologie
1996
48
Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff:
Goethe und der Orient
Dr. Dagmar von Gersdorff: Lesung
Königin Luise und Friedrich Wilhelm III.
Prof. Dr. Alfred Behrmann:
Goethes Reise nach Sizilien
Goethes 247.Geburtstag in Schuberts Garten – Konzert
Tagesfahrt nach Naumburg: Stadtbesichtigung und Führung durch den Dom
Tagesfahrt nach Dornburg: Besichtigung des Renaissance- und des Rokokoschlosses
Dr. Renate Grummach:
Goethe im Gespräch – aus der Arbeit eines Editors
Peter Stein:
Über die Möglichkeiten, den Gesamtfaust zu inszenieren
316
1997
50
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings:
Schillers Kritik am Illuminatenorden und ihre Folgen
Beate Schubert:
Goethes Verhältnis zu Büchern
Dr. Jochen Klauß:
Charlotte von Stein – eine Weimarer Legende
Goethes 248. Geburtstag: Wannsee-Dampferfahrt z. 10-jährigen Bestehens der GG-Bln.
Dr. Dagmar von Gersdorff: Lesung
Bettina und Achim von Arnim
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethes Konstitution und Krankheiten
1998
51
Tagesexkursion: Besuch der Inszenierung
Faust I,
Anhaltinisches Theater Dessau
Prof. Dr. Otto Krätz:
Alexander v. Humboldt – Wissenschaftler, Weltbürger, Revolutionär
Tagesexkursion nach Leipzig:
Klein Paris und der junge Goethe
Tagesexkursion: Anhaltinisches Theater Dessau, Besuch der Inszenierung »Faust II«
Goethes 249.Geburtstag in Schuberts Garten – musikalisch-literarischer Abend
Prof. Martin Seiler (SPSG): Führung durch die Potsdamer Gärten
Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff:
Deutschlands dienstältester Minister
1999 Goethe und seine Berliner Beziehungen
52
Maria Erxleben:
Goethes Verhältnis zu Berlin
Dr. Gudrun Fritsch: Führung durch das Käthe-Kollwitz-Museum, anschließend:
Dr. Wolfgang Butzlaff:
Käthe Kollwitz und Goethe
Hans-Hellmut Allers:
Goethe und das Berliner Theater
Prof. Dr. Ernst Osterkamp:
Goethe und Wilhelm von Humboldt
Dr. Helmut Börsch-Suphan:
Goethes Dichtungen als Inspirationsquelle Berl. Künstler
Dr. Hartmut Schmidt:
Goethe, Nicolai und die Berliner vor 225 Jahren
Tilmann Buddensieg:
Schinkel, Rauch und Goethe
Prof. Dr. Frank Schneider:
Goethe und Reichhardt
Gottfried Eberle:
Goethe Interesse an Zelters Singakademie
Prof. Dr. Norbert Miller:
Goethe im Hause Mendelssohn
Prof. Dr. Hartmut Böhme, Jan-Lüder Röhrs, Prof. Dr. Ferdinand Dammerschun:
Alexander von Humboldt
, Podiumsdiskussion
2000 Gesundheit und Krankheit bei Goethe
68
Prof. Dr. Volker Hesse:
Gesundheit und Krankheit bei Goethe
Dr. Hubert Heilemann:
Goethe als Patient
Prof. Dr. Manfred Heuser:
Die Newton Kritik – eine paranoide Psychose Goethes?
Prof. Dr. Wolfgang Schad:
Goethe als Psychiater
Goethes 251. Geburtstag in Schuberts Garten – Muskalisch-literarisches Programm
Dr. Hartmut Schmidt:
Essen und Trinken bei Goethe
Prof. Dr. Manfred Bühring:
Goethe Anschauen in der Medizin
Prof. Dr. Heinz Schott:
Medizin der Goethezeit
Dr. Gunhild Pörksen:
Gesundheit und Krankheit in Goethes Tagebüchern und Briefen
2001 Goethe – Jugend und Alter
72
Prof. Dr. Henrik Birus:
Die Wiederbegegnung des alten mit dem jungen Goethe
Dr. Renate Grötzebach:
Zwei Leseabende zu Goethes »Werther«
Was geht uns heute Goethe an?
Diskussion mit Schülern über »Werthers« Leiden
Jahrestagung der deutschen Goethe-Gesellschaften e.V.
Ausstellung
Goethe – Berlin –Mai 1778
, Staatsbibliothek Berlin (Haus I)
Filmvorführung:
Die neuen Leiden des jungen W.
(1976),
Ulrich Plenzdorf:
Rückblick nach 30 Jahren,
Diskussion mit dem Autor
Joachim Wohlleben:
Goethes »Werther« im Kontext seiner Zeit
Goethes 252. Geburtstag in Schuberts Garten, Lesung:
Der Mann von 50 Jahren
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethes Beziehungen zu Kindern und Heranwachsenden
Hans-Wolfgang Kendzia:
Fünf Leseabende zu Goethes »Faust II«
Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff:
Gespräch über Peter Steins »Faust«-Inszenierung
Dr. Klaus-Michael Köppen:
Goethe als geriatrischer Patient
2002 Die Frauen um den jungen Goethe
80
Dr. Dagmar von Gersdorff: Autorenlesung
Goethes Mutter und Schwester
Dr. Josef Mattausch:
Goethes Jugendliebe Katharina Schönkopf
Dr. Wolfgang Butzlaff:
Goethes Verlobungen und Gelöbnisse
Monika Schopf-Beige:
Friedrike Brion und Lili Schönemann
Musikalisch-literarischer Abend –
Die Liedgedichte des jungen Goethe
Dr. Harald Schmidt:
Werthers Lotte – Wahrheit und Dichtung
Ottilie Lohss:
Charlotte von Stein – Goethes Freundin
Prof. Dr. Friedmar Apel:
Iphigenie in Weimar
Eckart Henscheid: Lesung
Frauen unter Goethe
Dr. Franziska Schöffler:
Frauengestalten in »Wilhelm Meisters Lehrjahre«
2003 Die Frauen um den älteren Goethe
84
Siegfried Seifert:
Die Weimarer Primadonna Karoline Jagemann
Eckart Kleßmann:
Christiane Vulpius im Urteil der Zeitgenossen
Hans-Hellmut Allers:
Bettine von Arnim und ihre Beziehung zu Goethe
Prof. Dr. Theo Buck:
Mariannne von Willemer und Goethe
Cornelia Kühn-Leitz: Rezitationsabend
»Buch Suleika«
aus dem
»West-östlichen Divan«
Prof. Dr. Katharina Mommsen:
Die Dichterin Marianne von Willemer
Dr. Heike Spies:
Die Frauengestalten in »Wilhelm Meisters Lehrjahre«
Prof. Dr. Detlev Jena:
Goethes Verhältnis zur Großfürstin Maria Pawlowna
Filmvorführung:
Die Wahlverwandtschaften
mit anschließender Diskussion
Hans-Wolfgang Kendzia:
Goethes Einstellung zur Ehe
Dr. Klaus-Michael Koeppen: Ulrike von Levetzow
Monika Schopf-Beige:
Ottilie von Goethe
2004 Goethe und die Künste
88
Prof. Dr. Werner Busch:
Goethe und die Künste
Hans-Hellmut Allers:
Der Dramatiker und Theaterleiter Goethe
317
Prof. Dr. Katharina Mommsen:
Die Malerin Angelica Kauffmann
Dr. Michael Engelhard:
Goethe und Palladio
Gottfried Eberle:
Goethe und die Musik
Prof. Dr. Ernst Osterkamp:
Goethe als Leser Johann Joachim Winckelmanns
Dr. Jochen Klauss:
Johann Heinrich Meyer, Goethes Künstlerfreund
Hans-Wolfgang Kendzia:
Goethes Portraitisten und sein Verhältnis zu ihnen
Dr. Helmut Börsch-Suphan:
Goethe und Schinkel
Prof. Dr. Norbert Miller:
Der Dichter, ein Landschaftsmaler
Dr. Manfred Koltes:
Das Verhältnis der Gebr. Boisserée im Spiegel ihrer Korrespondenz
2005 Das Goethe-Schiller-Jahrzehnt
98
Hans-Hellmut Allers:
Goethe und Schiller – Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft
Monika Schopf-Beige:
»Das Märchen« – Eine Botschaft Goethes an Schiller
Rainer Schmitz:
Weimarer »Xenien« – Anmerkungen zur lit. Streitkultur um 1800
Prof. Dr. Rolf-Peter Janz:
Schillers und Goethes Annäherung an das antike Theater
Prof. Dr. Katharina Mommsen:
Goethes Anteil an Schillers »Wilhelm Tell«
Dr. Angelika Reimann:
Goethe und Schillers und ihr Balladenschaffen
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethe und die Medizin
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings:
Die Weimarer Klassik und das Böse
Hans-Wolfgang Kendzia:
Anmerkungen zum Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller
Ulrich Ritter und Christian Steyer: Lesung:
Goethe und Schiller – eine Begegnung
2006 200 Jahre Goethes »Faust«
106
Hans-Helmut Allers:
Dr. Faustus in Historie und Literatur
Prof. Dr. Frank Möbus:
Zur Entstehungsgeschichte von Goethes »Faust«
Dr. Alwin Binder:
Visionen moderner Welt in Goethes »Faust I« vor und nach 1800
PD Dr. Michael Jaeger:
Mephistos Modernität
Dr. Manfred Osten:
Zur Aktualität der »Faust«-Tragödie
Event Theaters Brandenburg in der Ruine des St.-Pauli-Klosters
»Faust I«
Prof. Dr. Volker Hesse:
Dr. Faustus und Dr.med Johann Wolfgang Goethe
Dr. Angelika Reimann:
Goethes Gretchentragödie u. d. Kindsmord im 18. Jahrhundert
Prof. Dr. Theo Buck: »
Faust II«, 5. Akt – Fausts Tod, ein tragisches Ende?
Prof. Dr. Alfred Behrmann:
Die Dramaturgie der »Faust«-Dichtung
2007 Zwischen Musenhof und Ministeramt
110
Hans-Hellmut Allers:
Goethe 1775-1786 – Das erste Weimarer Jahrzehnt
Dr. Jochen Golz:
Ein Portrait der Herzogin Anna-Amalia
Dr. Thomas Franzke:
Goethe und das Weimarer Liebhabertheater
Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma:
Wieland in Oßmannstedt bei Weimar
Dr. Manfred Osten:
Goethe als Leiter der Kriegskommission
Dr. Angelika Reimann:
Goethes amtliche Tätigkeit vor und nach der italienischen Reise
Prof. Dr. Theo Buck:
Goethe – ein politischer Schriftsteller?
Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff:
Politische Dimensionen der Weimarer Theaterarbeit
Prof. Dr. Katharina Mommsen:
Goethes berufliche Auseinandersetzung mit Friedrich II
.
2008 Goethes lebenslange Suche
116
Hans-Hellmut Allers:
Goethes lebenslange Suche
Ursula Homann:
Goethes Glaube und Gottesvorstellung
Dr. Manfred Osten:
Goethe u. d. Verheißungen der Lebenswissenschaften im 21. Jhdt.
Prof. Dr. Ludolf von Mackensen:
Goethe und die Alchemie
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings: »
Faust« – die alte und die neue Schöpfung
Goethes 259. Geburtstag, Jürgen Thormann liest
Goethe: Meine Religion, mein Glaube
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethes Ergründung der Naturwissenschaften
Dr. Otto Krätz:
Chemische und physikalische Experimente bei Goethe
Beate Schubert:
Esoterik in Goethes Leben und Werk
Prof. Dr. Theo Buck:
Goethes Entelechie
2009 Goethes Freunde,Weggefährten und Lehrmeister
132
Hans-Hellmut Allers:
Goethes Freunde,Weggefährten und Lehrmeister
Beate Schubert:
Goethes Lehrmeister in Frankfurt und Leipzig
Dr. Michael Zaremba:
Johann Gottfried Herder – Goethes Mentor
Dr. Ulrike Leuschner:
Die schwierige Freundschaft zwischen Goethe und Merck
Dr. Egon Freitag:
Zum Verhältnis von Goethe und Wieland
Dr. Manfred Osten:
Zur Modernität des Goethe-Jacobi-Verhältnisses
Prof. Dr. K. Mommsen:
Goethes und Schillers Bündnis im Spiegel ihrer Dichtungen
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethe, die Jenenser u. weitere Lehrer d. Naturwissenschaften
Dr. Volker Ebersbach:
Goethes Freundschaft mit Carl August u. m. Carl Friedrich Zelter
Prof. Dr. Manfred Geier:
Goethe und die Gebrüder Humboldt
2010 Goethes Vorbilder
156
Dr. Bettina Fröhlich:
Goethes Platon-Rezeption
Prof. Dr. Günter Häntzschel:
Goethe zu Homer
Dr. Manfred Osten:
Zur Aktualität der Hafis-Rezeption bei Goethe
Prof. Dr. Hendrik Birus:
Goethes Shakespeare
Prof. Dr. Alfred Behrmann:
Dantes Spuren bei Goethe – ein Fährtengang
Dr. Michael Engelhard:
Der Sprachmeister Goethe als Erbe Luthers
Prof. Dr. Christoph Perels:
Goethes kritische Verehrung für Rousseau, den Erzieher
Prof. Dr. Theo Buck:
Goethes Verhältnis zu Moliere,Voltaire und Diderot
Dr. Manfred.Osten:
Goethes Spinoza-Begeisterung
Prof. Dr. Volker Riedel:
Goethes Blick auf die Jahrhundert-Gestalt Winckelmann
2011 Goethe lebt! – Zur Aktualität eines Autors im 21. Jahrhundert
160
Dr. Detlev Lüders:
Goethes Aktualität
(Einführung)
Prof. Dr. Dieter Borchmeyer:
Goethes Altersfuturismus
Dr. Manfred Osten:
Goethe als Manager unserer Krisen
Prof. Dr. Wulf Segebrecht:
Goethe in Gedichten der Gegenwart
Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff:
Die Entdeckung des politischen Goethe
Prof. Dr. Josef Mattausch:
Vom Leben der Goethe-Sprache
Hans-Hellmut Allers:
Goethes Haltung zu Liebe, Ehe und Familie
318
Dr. Elisabeth von Thadden:
Zur Aktualität von Goethes »Wahlverwandtschaften«
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethes naturwiss. Forschungen – ihre aktuelle Bedeutung
PD Dr. Michael Jaeger:
Fausts Weltkolonisation – Zur Aktualität Goethes
2012 Goethes Weltsicht und ihre Aktualität
168
Prof. Dr. Theo Buck:
Goethe heute
Dr. M. Osten u. Dr. Sahra Wagenknecht:
Über den Eigentumsbegriff bei Goethe
Dr. Bernhard Bueb:
Was die deutsche Schule von Goethe lernen sollte
Dr. Adolf Muschg:
Goethes Natur als Beziehungsfähigkeit
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Zur Modernität von Goethes »Werther«
Prof. Dr. Katharina Mommsen:
Goethe und die Weltkulturen
Prof. Dr. John-Dylan Haynes, Dr. Manfred Ostenund, Prof. Dr. Wolf Singer:
Podiumsgespräch
Naturwissenschaftliche Implikationen in Goethes Denken
Dr. Manfred Osten:
Zur Aktualität von Goethes Asienverständnisses
2013 Goethe zwischen Aufklärung Klassik u. Romantik
172
Hans-Hellmut Allers:
Goethe zwischen Aufklärung, Klassik und Romantik
Rainer Falk:
Der junge Goethe und die Berliner Aufklärung
Gösta Knothe (Regisseur):
Die zwei inkommensurablen Teile des Goethe’schen »Faust«
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Die lit. Fehde zwischen Goethe und den Berliner Aufklärern
Prof. Dr. Hans Richard Brittnacher:
Der Konflikt zwischen Goethe und Kleist
Prof. Dr. Helmut Schanze:
Goethe und die Frühromantik
Prof. Dr. Christa Lichtenstern:
Goethe und die Skulptur
Theater Palais am Festungsgraben: »
Reinecke Fuchs«
zu Goethes 264.Geburtstag
Prof. Dr. Hartmut Fröschle:
Goethes Verhältnis zu der Dramatik der Romantiker
Prof. Dr. Conrad Wiedemann:
Goethes Mann in Berlin – Der Briefwechsel mit Zelter
Dr. M. Osten:
Die Romantik und Goethes Widerstand gegen deren Kunst u. Literatur
Prof. Dr. Theo Buck:
Goethes »Werther« im Urteil der europäischen Romantik
2014 Von Werken Goethes und ihrer Entstehung I
Dr. Manfred Osten:
Goethes Dichtung und was ist Wahrheit?
176
Robert Walter-Jochum, M.A.:
Goethes Sesenheim in »Dichtung und Wahrheit«
Prof. Dr. Gesa Dane:
Fakten und Fiktionen in Goethes »Die Leiden des jungen Werthers«
Prof. Dr. Peter André Alt:
Goethes »Torquato Tasso« als Drama der sozialen Form
Prof. Dr. Rüdiger Safranski, Dr. Manfred Osten:
Goethe – Kunstwerk des Überlebens
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Warum Goethe über Italien keinen Reisebericht verfaßte
Dr. Ariane Ludwig:
Entstehung und Komposition von »Wilhelm Meisters Wanderjahren«
Prof. Dr. Dirk v. Petersdorff:
Widersprüche in Goethes Leben u. Lyrik
Prof. Dr. Anne Bohnenkamp-Renken:
Aus der Arbeit an der historisch-kritischen
Hybrid-Edition von Goethes »Faust II«
2015 Von Werken Goethes und ihrer Entstehung II
180
Prof. Dr. Peter André Alt:
Das Vorspiel als Endspiel: Goethes »Faust«-Prolog
PD Dr. Michael Jaeger:
Goethe, der Wanderer und »Faust«
Prof. Dr. Daniel W. Wilson:
Schillers Zensur der »Römischen Elegien«
u. d. »Venezianischen Epigramme«
Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm:
Zu Goethes autobiogr. Schriften und ihrer Entstehung
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Goethes Briefe aus der Schweiz
Goethes 266.Geburtstag, Duo Con emozione:
Goethe-Vertonungen
Dr. Elke Richter:
Goethes Briefe an Charlotte von Stein
Dr. Manfred Osten:
Alexander von Humboldt in Goethes »Wahlverwandtschaften«
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethes Verständnis des Lichtes
Prof. Dr. Steffen Martus:
Die Entstehung von Goethes Lebenswerk
2016 Weltbürger Goethe
184
Dr. habil. Jochen Golz:
Der Weltbürger Goethe
)
Prof. Dr. Christof Wingertszahn:
Goethe und England
Prof. Dr. Theo Buck:
Die intensive Beschäftigung Goethes mit Frankreich
Prof. Dr. Michael Maurer:
Kulturmuster Bildungsreise – Goethe in Italien u. d. Folgen
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Die böhmischen Bäder: Refugium u. intellektueller Marktplatz
Dr. Manfred Osten:
Goethe, ein fernöstlicher Weltbürger
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethes Interesse an Südamerika
Dr. Manfred Osten:
Zur Modernität von Goethes Islam-Verständnis
PD Dr. Michael Jaeger:
Goethes Flüchtlinge
Prof. Dr. Hendrik Birus:
Goethes Idee der Weltliteratur
2017 Die Liebe, Goethes Lebensthema
Dr. Manfred Osten:
Die Liebe – Goethes Glücksgeheimnis
Prof. Dr. Thorsten Valk:
Erotische Rollenspiele in der Lyrik des jungen Goethe
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Zur Natur- und Liebesdichtung im Sturm- und Drang
Detlef Schönewald:
Der Werther – ein Liebesversuch
August Dr. Heike Spies:
Verlobung und Hochzeit im Goethe-Umkreis
Beate Schubert:
Goethes Briefe und Zettelgen an Frau von Stein
Dr. Monika Estermann:
Die Wahlverwandtschaften - ein literarisches Experiment
Dr. Manfred Osten:
Die Liebe im westöstlichen Divan
Prof. Dirk von Petersdorff:
Die letzte Liebeserschütterung in der Marienbader Elegie
2018 Goethe - Vordenker und Wegbereiter
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Über die Aktualität von Goethes Werken
Dr. Manfred Osten:
Goethe, ein Vordenker der Migrationskrisen des 21. Jahrhunderts
Prof. Dr. Olaf L. Müller:
Goethe als Naturwissenschaftler – eine Rehabilitation!
Prof. Dr. Bertram Schefold:
Goethe und die moderne Wirtschaft
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Goethes Stadtflucht oder warum wir alle einen Kleingarten haben wollen
Podiumsdiskussion: Dr. Manfred Osten, Dr. Rüdiger Safranski:
Das Glück bei Goethe oder die Kunst des Überlebens
Podiumsdiskussion: Dr. Sahra Wagenknecht, Dr. Manfred Osten, Dr. Michael Jaeger:
Auf freiem Grund mit freiem Volker stehn – Alptraum oder Utopie
Prof. Theo Buck:
Goethe als Dramaturg des modernen Theaters
Dr. Bernhard Fischer:
Goethe und Cotta auf dem Weg zum modernen Urheberrecht
Dr. Michael Jaeger:
Feuermaschinen - Goethe und Marx
319
2019 Goethe - Der Zeichner, Kunstkenner und Sammler
Beate Schubert:
Goethes Verhältnis zu den bildenden Künsten
Dr. Manfred Osten:
Einführung in Goethes Schule der Achtsamkeit
Dr. Petra Maisak:
Der junge Goethe und die bildenden Künste
Prof. Dr Norbert Christian Wolf:
Goethe Kunstanschauung vom Sturm und Drang bis zur Rückkehr aus Italien
Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt:
100 Jahre Goethe-Gesellschaft Berlin e.V.
Prof. Dr. Johannes Grave:
Ideal und Geschichte - Spannungen in Goethes Kunstauffassung um 1800
Prof. Dr. Hermann Mildenberger:
Goethes Weg zur Landschaft
Prof. Dr. Thorsten Valk:
Spannungsvolle Nähe - Goethe und die Kunst der Romantik
Prof. Dr. Stefan Matuschek (Jena):
Goethe Antike-Konzept in seiner historischen Entwicklung
Dr. Robert Steegers:
Der Sammler Goethe im Spiegel seiner Werke und seiner Zeit
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
(Autographen) Sammeln als Leidenschaft
Dr. Markus Bertsch:
Wirkung und Rezeption Goethes in der zeitgenössischen Kunst
2020 Goethes Natur
Dr. Manfred Osten (Bonn):
Goethes ganzheitliches Naturverständnis als Lyriker, Forscher und Pantheist
Dr. Thomas Schmuck:
Tagesfahrt nach Weimar: Führung durch die Ausstellung Abenteuer der Vernunft- Goethe und die Naturwissenschaften um 1800
Prof. Dr. Uwe Hentschel (Chemnitz/Berlin):
Naturgenie trifft auf Unnatur – Lyriker des Sturm und Drang
Prof. Dr. Volker Hesse (Berlin):
Goethe im Netzwerk der Naturwissenschaften
Dr. Thomas Schmuck (Weimar):
Goethes Gespräch mit der Erde
Dr. Hans-Georg Bartel (Berlin):
Goethe und der Wandel der Chemie zur exakten Naturwissenschaft um 1800
Goethe 271. Geburtstag in Krongut Bornstedt/ Sanssouci
Wolfgang Jorcke (Berlin):
Drei Leseabende zum Jahresthema Goethes Natur
Dr. Helmut Hühn (Jena):
Goethes Morphologie und Metamorphosenlehre
Prof. Dr. Friedrich Steinle (Berlin):
Goethes Farbenforschung im Kontext ihrer Zeit – Ein neuer Blick
2021 Epochenumbruch um 1800 in Goethes Leben und Werk
Prof. Dr. Uwe Hentschel (Chemnitz/Berlin): Zu den Umbruchs- und Krisenerfahrungen um 1800
Beate Schubert (Berlin): Der Student Goethe inmitten der Epochen
Prof. Dr. Dirk von Petersdorff (Jena): Goethe im Sturm und Drang
Prof. Dr. Ernst Osterkamp (Berlin): Goethe und das klassische Ideal
Dr. Manfred Osten (Bonn): Zur Aktualität des Goetheschen Verständnisses der Französische Revolution
Dr. Manfred Osten – Prof. Dr. Peter André Alt - Podiumsdiskussion: Goethes und Schillers Konzept zur ästhetischen Erziehung des Menschen
Goethes 272. Geburtstag: Bad Lauchstädt -Geburtstags-Matinée Musik um Goethe: Goethe-Theater: Faust - Der Tragödie erster Teil
Drei Leseanachmittage zum Jahresthema: Leitung: Wolfgang Jorcke (Berlin)
Prof. Dr. Jochen Golz (Weimar): Goethe, Schiller und Friedrich Schlegel an der Schwelle der Moderne
Prof. Dr. Helmut Hühn (Jena): Zeit und Geschichte in Goethes „Wahlverwandtschaften“
Dr. h.c. Friedrich Dieckmann (Berlin): Napoleonisches beim alten Faust
PD Dr. Michael Jäger (Berlin): Die Julirevolution in Paris und der Beginn des Maschinenzeitalters
320
2022 - Opponent und Vorbild – Goethe in der Auseinandersetzung
Dr. Manfred Osten (Bonn):
Goethes Opposition gegen alle lebensfeindlichen Tendenzen seiner Zeit
Philipp Restetzki (Görlitz):
Goethes Verhältnis zu Spinoza unter besonderer Berücksichtigung des Faust
Beate Schubert (Berlin):
Der Kriegsminister Goethe in Opposition zu Friedrich des Großen
Prof. Dr. Rainer Holm-Hadulla (Heidelberg):
Goethes unkonventionelle Frauenbeziehungen
Prof. Dr. Uwe Hentschel (Berlin/Chemnitz):
Goethes Kritik an profaner Nützlichkeit und Arbeitsteilung
Prof. Dr. Jochen Golz (Weimar):
Goethes Blicke auf seinen künstlerischen Widersacher Jean Paul
Goethes 273. Geburtstag:
Bedlam-Theater Fülle des Lebens Gedichte - Balladen – Szenensplitter
Dr. Manfred Osten (Bonn):
Goethe - ein Gegner der kranken Lazarettpoesie der Romantiker
Prof. Dr. Uwe Hentschel (Berlin/Chemnitz):
Goethe und die Unterhaltungsliteratur
Prof. Dr. Ernst Osterkamp (Berlin):
Der Sammler Goethe im Spiegel seiner Werke und seiner Zeit
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Goethe - ein Weltbürger in den Zeiten des Nationalismus
Dagmar von Gersdorff (Berlin):
Lesung: Die Schwiegertochter - Ottilie von Goethe
Dr. PD Michael Jäger (Berlin):
Goethe, Faust und der Saint-Simonismus
2023 - Zäsuren und Umbrüche in Goethes Leben und Werk
Dr. Manfred Osten (Bonn):
Zur Aktualität der Umbrüche und Krisen in Goethes Leben und Werk für das 21. Jahrhundert
Beate Schubert (Berlin):
Goethe entdeckt Shakespeare
Prof. Dr Albert Meier (Kiel):
Goethes revolutionäres Dichten im Sturm und Drang
Prof. Dr. Uwe Hentschel (Berlin/Chemnitz):
Goethes „Iphigenie“ – Zeitenwenden in Weimar und auf Tauris
Prof. Dr Jochen Golz (Weimar):
Goethes Lebenskrise nach seiner Rückkehr aus Italien
Besuch des Romantikmuseums in Frankfurt
Prof. Dr. Dieter Borchmeyer (München):
Entstehungsgeschichte von Goethes Götz
Theaterpremiere im Burghof Jagsthausen:
260 Jahre Goethes Götz v. Berlichingen
Dr. Ariane Ludwig:
Goethes Mährchen - eine Reaktion auf die Französische Revolution
Paul Sonderegger:
Lesung zu Goethes 274. Geburtstag
Herz mein Herz , was soll das geben ? Goethe fünf Jugendlieben in Dichtung und Wahrheit
Dr. Monika Estermann (Berlin):
Lesenachmittage zum Jahresthema
Prof. Dr. Georg Schmidt (Jena):
Goethes politisches Wollen und die Zeitenwende
Dr. Friedrich Dieckmann (Berlin):
Goethe in der Zeitenwende/ Von den Schwierigkeiten politischer Dichtung in stürzender Zeit
Prof. Dr. Ernst Osterkamp (Berlin):
Goethes produktiver Widerstand gegen die Zumutungen des Zeitgeistes
Dr. Manfred Osten (Bonn):
Goethes Faust - die versiegelte Tragödie der Zeitenwende
321
Das Jubiläumsjahr 250 Jahre Goethe beginnen wir
erstmalig mit einem monothematischen Jahrespro-
gramm und einem selbstgestalteten Flyer. Eröffnet
wird die Veranstaltungsreihe mit einem Vortrag von
Maria Erxleben, Bewundert viel und viel geschol-
ten… – Goethes Verhältnis
zu Berlin.
Erst  nach  Wochen  des
Suchens hat sich ihr Text
als  Schreibmaschinen-
skript wieder angefunden,
und  wir  können  ihn  auf
den  nächsten  Seiten  in
komprimierter Form wie-
dergeben.
Die  Referentin  räumt
darin auch fachkundig auf
mit  dem  immer  wieder
kolportierten  Vorurteil,
Goethe habe Resentiments
gegen die Berliner gehabt
und  diese  Zeit  seines
Lebens für einen verwege-
nen  Menschenschlag  ge-
halten.
Sie läßt all jene prominenten Berliner Zeitgenossen
Revue passieren  – Literaten, Verleger, Architekten,
Künstler,  Schauspieler,  Musiker,  Mediziner  und
Naturwissenschaflter –, zu denen Goethe in den
sechs Jahrzehnten von 1774 bis 1832 Kontakt hat
und mit denen er umfangreiche Korrespondenzen
unterhält.  
In der anschließender Diskussion wird der  Wunsch
geäußert, man möchte doch einen Spaziergang auf
Goethes Spuren durch das alte Berlin unternehmen.
Gesagt getan, Mitte Mai finden sich fast 40 Inte-
ressierte Unter den Linden ein und folgen,  Frau
Erxlebens kundigen Erläu-
terungen  lauschend,  via
Staatsbibliothek, Universi-
tät,  Zeughaus,  Palais  am
Festungsgraben (die ehe-
malige  Zelter´sche Sing-
akademie),  über  die
Museumsinsel hinüber ins
Nikolaiviertel, um schließ-
lich erschöpft und um ei-
nige Erkenntnisse über das
friderizianische Berlin rei-
cher,  in  der  historischen
Weinstube  in  der  Post-
straße zu landen, die Goe-
the – wer weiß – damals
vielleicht auch schon auf-
gesucht hat.
Zwei  Tage  später  nutzen
drei  Dutzend  Mitglieder
die  Gelegenheit,  sich  die
Stella-Aufführung  der
Schaubühne anzusehen und anschließend ein von
Ekkehart  Krippendorff vermitteltes  Gespräch
mit der Dramaturgin zu führen.
Im Mai findet eine kombinierte Veranstaltung statt:
zunächst eine kundige Führung durch das Käthe-
Kollwitz-Museum durch die Direktorin Gudrun
Fritsch.
1999
Goethe und seine Berliner Beziehungen
Maria Erxleben (Berlin)
Bewundert viel und viel gescholten….
Goethes Verhältnis zu Berlin
Dr. Gudrun Fritsch (Berlin)
Führung durch das Käthe-Kollwitz-Museum
anschließend: Dr. Wolfgang Butzlaff (Kiel)
Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden…
Käthe Kollwitz und Goethe
Hans-Hellmut Allers (Berlin)
Erlaubt ist, was gefällt…
Goethe und das Berliner Theater
Prof. Dr. Ernst Osterkamp (Berlin)
die schönsten Spuren des
fruchtbaren Zusammenseins…
Goethe und Wilhelm von Humboldt
Dr. Helmut Börsch-Suphan (Berlin)
Menschliche Formen zu zeigen,
so schön als möglich…
Goethes Dichtungen
als Inspirationsquelle Berliner Künstler
Dr. Hartmut Schmidt (Lotte-Museum, Wetzlar)
Ein Genie ist ein schlechter Nachbar…
Goethe, Nicolai und die Berliner vor 225 Jahren
Tilmann Buddensieg (Berlin)
Die grenzenlose Marmorthätigkeit der
preußischen Hauptstadt
Schinkel, Rauch und Goethe (Dia-Vortrag)
52
Anschließend läßt uns im benach-
barten Literaturhaus Wolfgang
Butzlaff in  seinem  Vortrag
Käthe Kollwitz und Goethe an
den  Ergebnissen  seiner  For-
schungen teilhaben. Die Enkelin
der Künstlerin hatte ihm die Tage-
bücher ihrer Großmutter zur Lektüre überlassen und
so erfährt man zum allgemeinen Erstaunen, daß die
Malerin der Not, des Elends und der Unbill der Hun-
gerjahre nach dem Ersten Weltkrieg eine ausgewie-
sene und belesene Goethe-Kennerin war.
Nach der Sommerpause eröffnet die Herbstsaison
unser Mitglied Hans-Hellmut Allers mit seinem
Vortrag Erlaubt ist, was gefällt – Der Dramatiker
Goethe und seine Beziehungen zum Berliner Thea-
ter. Seine ungemein spannende, viel bislang unbe-
kannte Details aufweisende Recherche, kann hier
aus Platzgründen auch nicht ansatzweise wiederge-
geben werden, liegt jedoch als 140 Seiten umfas-
sende  Publikation  vor;  zwei  Dutzend  Exemplare
sind noch vorhanden und können über die Berliner
Geschäftsstelle zum Preis von 10 € bezogen werden.
Anläßlich  der  250.  Wiederkehr  von  Goethes
Geburtstag widmen wir uns ja in diesem Jahr vor
allem der Frage, welche Haltung der mittlerweile
überzeugte  Weimarer  Goethe  zur  preußischen
Hauptstadt einnahm. Zu welchen Künstlern, Wissen-
schaftlern und sonstigen Zeitgenossen hatte er Kon-
takt, entweder durch lebhafte Korrespondenzen oder
durch mündlichen Gedankenaustausch in Weimar
oder an einem dritten Ort?
In  seinem  Vortrag Die  schönsten
Spuren  des  fruchtbaren  Zusa-
menseins weist Ernst  Oster-
kamp darauf  hin,  daß  die
Zustände Berlins und Weimars
erstaunlicherweise kaum einen
Niederschlag  im  Briefwechsel
mit Wilhelm von Humboldt finden.
Immerhin gilt dieser als Repräsentant des gültigen
künstlerischen Geschmacks in Berlin und nimmt in
seiner Funktion als Staatsrat für Unterricht und Kul-
tus, als Vorsitzender des Vereins der Kunstfreunde
sowie als Leiter der Kommission zur Einrichtung
des ersten preußischen Kunstmuseums großen Ein-
fluß im Sinne Goethes auf die Kultur und Wissen-
schaftsmetropole.
Wie uns Helmut Börsch-Suphan anschaulich er-
läutert, steht am Anfang der Beziehung zwischen
Goethe und den Berlinern Künstlern die Illustration.
1775 stach Daniel Berger Zeichnungen Chodowie-
ckis  zu  Goethes Schriften, zu Erwin  und  Elmire,
Clavigo, doch insbesondere zu den Leiden des jun-
gen Werther. Es sind Bilder, die im Fluß der Hand-
lung einzelne geeignete Momente herausheben.
Gottfried Eberle (Berlin)
Poesie, Harmonie und Gesang…
Goethe Interesse an Zelters Singakademie
(mit Musikbeispielen)
Prof. Dr. Norbert Miller (Berlin)
Schnappe nur jedes Wort auf, alles will ich
von ihm wissen
Goethe im Hause Mendelssohn
Prof. Dr. Hartmut Böhme, Jan-Lüder Röhrs,
Prof. Ferdinand Dammerschun
Alles der Natur angehörige kam  zur Sprache
Goethe und Alexander von Humboldt
53
Auf  der  höheren  Ebene  einer  durchdringenden
Zusammenfassung des Geschehens stehen die bei-
den von Chodowiecki selbst tradierten Blätter zur
französischen  Übersetzung  des Werther,  weil  sie
Leben und Tod, Anfang und Ende des Romans in der
ganzen Spannung des Geschehens bezeichnen.
Der so beliebten Szene der ersten Begegnung Wer-
thers mit der von sechs Kindern umringten Lotte,
steht  das  von  einer  unerbittlichen  Geometrie  ge-
prägte Sterbezimmer mit der Silhouette Lottes ge-
genüber.  Es  gibt  bei  Chodowiecki  weniges  von
dieser Größe bei kleinem Format.
Eines der am beliebtesten Motive neben den Illu-
strationen zu Goethes Faust war der Erlkönig. Von
diesem Gedicht existieren bis in die Gegenwart un-
zählige Darstellungen; als bekannteste Darstellung
kann wohl das zu Goethes Lebzeiten entstandene
Gemälde von Moritz von Schwind gelten, von dem
unzählige  Kopien  hergestellt  wurden.  Auch  der
Faust I bot eine Fülle von dankbar aufgegriffenen
Motiven,  namentlich solche mit historisierendem
genrehaftem Charakter. Weitgehend unbekannt ist
die von Karl-Friedrich Schinkel 1834 geschaffene
Gouache mit dem Titel Die Nacht zieht über den
Golf von Neapel, zu der er sich von Goethes Faust
II inspirieren ließ.
In einem ebenso launigen wie faktenreichen Vor-
trag erläutert uns Hartmut Schmidt, der Leiter des
Lotte-Museums in Wetzlar das gespannte Verhält-
nis zwischen Goethe und dem Berliner Verleger
Friedrich Nicolai, dem damaligen tonangebenden
Verfechter der Berliner Aufklärung. Dieser macht
sich bekanntlich lustig über den Werther-Kult und
verfaßt 1775 eine Parodie auf Goethes Die Leiden
des jungen Werther: Die Freuden des jungen Wer-
ther, in der dieser am Leben bleibt (die Pistole war
von Albert nur mit Hühnerblut geladen worden)
und schließlich Lotte heiratet. Ende gut, alles gut –
wie langweilig.   
Die Reaktionen auf Nico-
lais  Parodie  sind  höchst
unterschiedlich. Viele, be-
sonders aus den Reihen der
Aufklärer, loben diese Ver-
sion, während die Stürmer
und Dränger überwiegend
die beißend satirische Dar-
stellung der Protagonisten,
die eine deutliche Anspie-
lung auf das Genre sind, kritisieren.
Die wohl heftigste Reaktion kommt jedoch vom
Verfasser des  Originals. Als einer  der bissigsten
Kommentare  Goethes  zu Werthers  Freuden gilt
sein Gedicht Nicolai auf Werthers Grab, erschienen
etwa 1775:
Ein junger Mensch ich weiß nicht wie,
Starb einst an der Hypochondrie
Und ward dann auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbei
Der hatte seinen Stuhlgang frei,
Wie ihn so Leute haben.
Der setzt sich nieder auf das Grab,
Und legt ein reinlich Häuflein ab,
Schaut mit Behagen seinen Dreck,
Geht wohl erathmend wieder weg,
Und spricht zu sich bedächtiglich:
„Der arme Mensch, er dauert mich
Wie hat er sich verdorben!
Hätt’ er geschissen so wie ich,
Er wäre nicht gestorben!“
Aufs äußerste verärgert über diese Verunglimpfung
seines Romans, beginnt Goethe einen aufs heftigste
geführten literarischen Feldzug gegen Nicolai, der
Zeit seines Lebens anhalten wird. Neben einzelnen
Streitgedichten verfaßt er weitere schriftliche zum
Teil sehr offensichtliche Angriffe, etwa in den Xe-
nien und 'widmet' Nicolai sogar einen kleinen Auf-
tritt in seinem Faust II als Proktophantasmist, eine
Anspielung darauf, dass Nicolai an Phantasmen litt.
Am 16. Juli schreibt Goethe an Sulpiz Boisserée:
Insofern es mir ziemt, ein Wort mitzusprechen, (...)
thu ich folgenden, doch ganz unmaßgeblichen Vor-
schlag: Rauch in Berlin genießt eines verdienten
Ruhms (…) er könnte mich in den nächsten Mona-
ten besuchen, sein Modell mit fortnehmen und, bey
der gränzenlosen Marmorthätigkeit, die jetzt in
Berlin herrscht, würde die Büste bald fertig seyn;
setzt man sich von Frankfurt aus in Bezug mit ihm,
so erbiete ich mich, ihn auf's freundlichste im Laufe
dieser Monate zu empfangen.
Tilmann Buddensieg entführt uns ins Jahr 1820 in
die Woche vom 18.-20. August, in der die beiden
Berliner  Bildhauer  Christian  Daniel  Rauch  und
Christian  Friedrich  Tieck  gleichzeitig  (a  tempo)
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ihre Bildnisse des einundsiebzigjährigen Goethe in
dessen Jenaer Gartenwohnung modellieren. Wäh-
rend der dreitägigen Modellierarbeit unterrichten
die beiden Bildhauer Goethe über den Fortgang der
Bauarbeiten  am  Neuen  Berliner  Schauspielhaus
nach Plänen Schinkels, dessen Vorgängerbau im
Jahre 1817 abgebrannt war.
Im Unterschied zur Büste Tiecks, die zunächst in
Vergessenheit gerät, erfreut sich die Büste Rauchs
bald  lebhaften  Interesses  und  großer Wertschät-
zung. Auch Goethe selbst ist von der Arbeit Rauchs
sehr angetan. Mit Rauchs Büste bin ich sehr zufrie-
den (...) Die  Behandlung  der  Büste  ist  wirklich
grandios und wird sich daher in jeder Größe statt-
lich ausnehmen.
Heute noch gilt die Büste Rauchs aufgrund ihrer
Lebensnähe  als Inbegriff  des
späten Goethe.
(Siehe hierzu aus  Maria Erxlebens Vor-
trag: Goethe und seine Berliner Beziehun-
gen auf den folgenden Seiten)
Einen weiteren  Höhepunkt bil-
det  die  Veranstaltung  im  Haus  von Gottfried
Eberle im Westend:  Poesie, Harmonie und Gesang
– Goethes Interesse an Zelters Singakademie mit
Gesangseinlagen  der  Sopranistin Regine  Geb-
hardt.
Sowie Zelter sich auf Flügeln des Gesangs mit einem
Sprung über Ziegelsteine und Mauern hinweg vom
Feld seines Handwerks in das Feld der Kunst begibt,
so soll auch dieses geflügelte Pferd über die Felder
springen und dabei genau in der Schwebe, im Sprung
über die Grenze, gleichsam zwi-
schen beiden Feldern festge-
halten sein. Derart gehört es
dem Bereich  der  Kunst  und
dem Bereich des Handwerks
gleichermaßen  an.  Der  im
Wappen abgebildete Zelter als
Pferd ist  zugleich ein Pega-
sus, auf dem der Dichter aus
Weimar im Geiste sich reiten sieht. Versteckt erinnert
Goethe so daran, daß nicht wenige seiner Gedichte
für den Freund und die geselligen Berliner Anlässe in
der Singakademie entstanden.
Auszug aus: Der Singemeister Carl Friedrich Zelter,
hg. von Christian Filips
Mehrheitlich hieß es, man habe sich gefühlt wie in
einem Berliner Salon und ob sich etwas in dieser
Form nicht öfter machen ließe. Ich gebe diese An-
regung hier weiter an Mitglieder, die über die ge-
eigneten  Räumlichkeiten  verfügen  und  bereit
wären, die Goethe-Gesellschaft einmal für eine Ver-
anstaltung  zu  beherbergen;  öffentliche  Säle  mit
einem Flügel sind in Berlin unbezahlbar.
Ein  Selbstläufer  ist  schließlich
der Vortrag von Norbert Mil-
ler über Goethe  und  Felix
Mendelssohn  Bartholdy.
Daß  dieses  Wunderkind,
»der neue Mozart«, zu den
Schülern seines Duzfreun-
des  Zelter  zählte,  ist  ein
Glücksumstand , der Goe-
the wohl bewußt war.  Vier-
zehnmal  kommt  Zelter nach
Weimar. Vergeblich versucht er,
Goethe wenigstens einmal zu einem Besuch von
Berlin  zu  bewegen,  das  doch  im  Hinblick  auf
Musik  und  Musiktheater  so viel mehr zu  bieten
hatte.
Die Gewinner dieser von Miller genau analysierten
Abstinenz sind wir Nachgeborenen. Denn die in der
Provinz-Residenz doch stets mit Spannung erwar-
teten Neuigkeiten aus der Hauptstadt haben zum fa-
cettenreichen  Kolorit  einer  der  wichtigsten
Goethe-Korrespondenzen beigetragen.
Zum Jahresende wagten wir uns dann zum ersten
Mal an eine Podiumsdiskussion: Unser neugeba-
ckenes Vorstandsmitglied Jan-Lüder Röhrs fragte
die beiden Berliner Naturwissenschaftler Hartmut
Böhme und Ferdinand  Dammerschun über
Goethes besonderes Verhältnis zu Alexander von
Humboldt aus.
Zelters Wappen,
Entwurf Goethes, 1831
55
Maria Erxleben
Goethes Beziehungen zu Berlin
Bewundert viel und viel gescholten – Es sei mir ge-
stattet, diesen Vers, der den Helena-Akt des Faust
II eröffnet, zu zitieren und zur Charakterisierung
von Goethes Urteil über Berlin zu benutzen, drückt
er doch in einmaliger Weise die Widersprüchlich-
keit aus, in der sich Zustimmung und Ablehnung
gleicherweise finden. Goethes Verhältnis zu Berlin
sei, eine geistige Mitbürgerschaft (...), welche über
Zeit und Ort hinaus ein gegenseitiges Glück beför-
dert.
(Brief an Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen
vom 15. März 1826.)
Es gibt bedeutende Veranlassung, sich wieder ein-
mal mit Goethes Verhältnis zu unserer Stadt zu be-
fassen und zu versuchen, einen – wenn auch nur
partiellen und notwendigerweise eingeschränkten
– Überblick über die vielfältigen menschlichen und
kulturellen Wechselbeziehungen zu bieten, die sich
zwischen ihm und der sich seit Friedrich des Gro-
ßen Regierung in ungeheuren Tempo entwickeln-
den  Metropole  im  nordöstlichen  Deutschland
ergeben haben.
Äußerungen  Goethes  über  Berlin,  die  große
Königsstadt,  die lebendige,  getümmelreiche,  le-
benslustige, verführerische, ungeheuer weite und
bewegte, die immer wieder mit den berühmt-be-
rüchtigten biblischen Großstädten Babylon, Ninive,
Sodom und Gomorrha gleichgesetzt wurde, solche
Äußerungen, bewundernd, absprechend oder iro-
nisch gebrochen, finden sich in großer Zahl in Goe-
thes  Briefen  und  Gesprächen,  später  auch  in
Aufsätzen und Rezensionen.
Wer  kennt  nicht  die  pointierten  Aussagen,  die
immer wieder belegen sollen, daß Goethe mit un-
serer Stadt nichts im Sinn gehabt habe? Ich meine
die Zeilen des ganz jungen Leipziger Studenten im
Brief  vom  1766  an  die Schwester  Cornelia: Ich
glaube, es ist jetzt in Europa kein so gottloser Ort
als die Residenz des Königs in Preußen oder den
von Eckermann Jahrzehnte später überlieferten Satz
aus einem  Gespräch  vom 4. Dezember 1823: In
Berlin ist ein so verwegener Menschenschlag bei-
sammen, daß man mit Delikatesse nicht weit reicht,
sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und
mitunter etwas grob sein muss, um sich über Was-
ser zu halten.
Viel bedeutsamer für unser Thema als solche Einzel-
aussagen Goethes über Berlin und die Berliner sind
die aus seinem Schaffen erwachsenen und auf sein
Schaffen zurückwirkenden, durch ein Empfangen
und  Geben  fruchtbaren  Wechselbeziehungen  mit
hervorragenden Bürgern und angesehenen Institutio-
nen der Stadt, die sich auf der Basis gleichartiger
sachlicher Interessen und enger persönlicher Kon-
takte – meist beidem – entwickelten und die jeweils
zugleich ein Stück Kulturgeschichte reflektieren.
Seit etwa 1790, nachdem die Aus-
einandersetzung mit der Berli-
ner Aufklärung und besonders
mit Friedrich Nicolai und des-
sen Werther-Persiflage  sowie
die eigenen Reiseeindrücke von
1778 erst einmal Vergangenheit für
Goethe geworden waren, läßt sich ein immer reger
werdendes Interesse seinerseits an den historischen
und  kulturellen  Fortschritten,  an  den  künstleri-
schen, wissenschaftlichen und technischen Vorha-
ben  im  aufstrebenden  Berlin  beobachten.  Diese
Teilnahme, die nach der Italienreise Goethes ein-
setzt, wird ganz sicher durch die monatelange Ge-
meinschaft  mit  Karl  Philipp  Moritz  in  Rom
geweckt.
Dieser  junge,  doch  schon
anerkannte  Reiseschrift-
steller,  Verfasser  des
Romans Anton  Reiser,
Philologe  und  Archäo-
loge  wird  Goethes
Freund  und  Vertrauter,
und er profitiert dabei selbst
von dessen umfangreichen Altertums- und Sprach-
kenntnissen.
Man darf wohl annehmen, daß in den langen Ge-
sprächen,  die  Goethe  in  seiner  Eigenschaft  als
Krankenpfleger, Beichtvater, Vertrauter und gehei-
mer Sekretär – so von Goethe in der Italienischen
Reise im Januar 1787 beschrieben – mit dem Kran-
ken (er hatte sich beim Sturz vom Pferd den Arm
gebrochen) führte, daß in diesen Gesprächen auch
die Rede von Berlin gewesen sein wird.
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Dort in Rom, der südlichen Haupt- und Weltstadt,
dürfte Goethe von Moritz eine freundliche Korrek-
tur seines Eindrucks von Berlin, den er während
seines fünftägigen Besuchs im Mai 1778 gewonnen
hatte, erfahren haben. Dazu dürfte sicher auch die
poetische  Beschreibung  der  großen  Stadt  in
Moritzens Gedicht Sonnenaufgang über Berlin auf
dem Tempelhofer Berge vom 10. August 1780 bei-
getragen haben:
Des blau gewölbten Tages Glanz wird stärker,
und majestätisch steigt Berlin empor.
Die Sonne, die den Gold umsäumten Fächer
Des Morgenrot entfaltet hat,
Vergüldet nun mit ihrem Strahl die Dächer
Und grüßt mit Lächeln unsere Königsstadt…
Mit seiner Häuser und Paläste Menge
Hat es die ganze Flur bedeckt.
Dort dient es sich in ungeheurer Länge
Und hat die beiden Arme ausgestreckt,
Von da, wo seiner Dächer helles Schimmern
Sich in des Waldes Grün verliert,
Bis an die Wiesen, deren sanftes Flimmern
Im Sonnenglanz die Morgenseite ziert…
Nun strömt das Lichtt herab wie Flammenbäche
Und alle Gipfel sind besonnt.
Unüberschaubar ist die weite Fläche
Der Stadt und reicht bis an den Horizont.
Moritz selbst verehrt Goethe unendlich. Als Theo-
retiker  des  sogenannten  Kunstschönen  und  zum
Professor der Ästhetik und Altertumskunde an der
Akademie der Wissenschaften zu Berlin ernannt,
verbreitet  Moritz  in  seinen  Vorlesungen  in  den
Räumen  der Akademie  –  die  Universität  war  ja
noch nicht gegründet –, die von allen bedeutenden
und einflußreichen Leuten, auch von Ministern und
Angehörigen des Hofes sowie einem Kreis gebil-
deter  Damen  besucht werden, Goethes  Ruhm in
Berlin.
Er exemplifiziert an Goethe und an seinem dichte-
rischen Gestaltungsvermögen, seiner ihm von der
Natur verliehenen Bildungskraft, die sich in allen
seinen Werken manifestiere, seine eigene Kunst-
theorie. Damit löst Moritz eine Art Initialzündung,
ein prägendes Bildungserlebnis in den
Köpfen  und  auch  Herzen  seiner
Hörer und vor allen Dingen Höre-
rinnen aus, die, wie er selber, au-
ßerdem  fast  alle  im  seit  1780
bestehenden kultivierten Salon der
Henriette Herz verkehren.
In diesem unterhält man
sich, wie später auch in den
anderen berühmten Berliner
Salons – etwa dem der Rahel
Levin, über die neuesten Er-
scheinungen auf dem Gebiet
der Literatur.
Im Salon Herz, in dem Geist und Gefühl, nicht Her-
kunft und Stand den Ausschlag geben, beginnt man
nun sehr einfühlsam, Goethes Dichtungen in neuem
Lichte zu sehen, sucht und findet Besonderes an
ihnen und findet damit auch gleichzeitig zu einem
neueren  besseren  Verständnis  des  Dichters,  was
gewiß  auch  manchmal  zu  einer  schwärmerisch
übertriebenen Verehrung seiner Person führt.
Auch nach Moritz’ frühem Tod 1793 werden die
freundschaftlichen Gefühle und Verbindungen, die
sich  zwischen  den tonangebenden Männern und
Frauen der Berliner Gesellschaft zu Goethe herge-
stellt  haben,  von  diesen  weitergetragen  und  bei
Begegnungen und in Korrespondenzen vertieft.
Zum Kreise der Verehrer zählen auch die jungen
Dichter  der  Romantik,  die  in  diesen  Jahren  in
Berlin wirken, etwa Ludwig Tieck, die Gebrüder
Schlegel,  de  la  Motte  Fouqué  und  Zacharias
Werner, die sich Goethe und seiner Dichtung ver-
bunden fühlen.
Besonders ist auch der in Berlin geborene Achim
von Arnim zu nennen, der hier in Berlin zusammen
mit Clemens Brentano 1804 die Liedersammlung
Des Knaben Wunderhorn plant, die dann 1805 in
Heidelberg ausgeführt und Goethe gewidmet wird.
Programmatisch für das geistig kulturelle Berlin
stehen ferner Namen wie Wilhelm von Humboldt,
Carl-Friedrich  Zelter,  August  Wilhelm  Iffland,
Georg  Wilhelm  Friedrich  Hegel,  Karl  Friedrich
Schinkel, Christian Daniel Rauch, Christoph Wil-
helm Hufeland und Wilhelm Beuth zu nennen, auf
die hier nicht im Einzelnen eingegangen werden
kann.
Stellvertretend mögen sie für alle stehen, durch die
Goethe mit der Literatur und Musik, mit der dar-
stellenden, bildenden und der Baukunst sowie den
Geistes- und Naturwissenschaften  einschließlich
der Ökonomie, Technik und Politik sowie mit allen
entsprechenden Institutionen in Berlin verbunden
ist.
Diese Verbindungen erweitern Goethes Gesichts-
feld, bilden mit das universale Hintergrundwissen,
57
aus dem Ideen und Fakten, oft schöpferisch adap-
tiert und reproduziert, Eingang in sein dichterisches
Werk sowie in seine kunsttheoretischen und natur-
wissenschaftlichen Arbeiten finden. Aber auch die
Berliner Bekannten und Freunde fühlen sich ihrer-
seits in ihren Bestrebungen durch Goethe angeregt
und bestätigt.
In Berlin findet Goethe die Anerkennung und Ver-
ehrung weitreichender Kreise durch alle sozialen
Schichten hindurch, nicht zuletzt durch Zelters po-
puläre  Gedichtvertonungen.  Von  hier  wird  der
klassische Goethe und sein Werk weitestgehend be-
kannt gemacht, wird er doch auf den Gebieten von
Kunst und Wissenschaft Autorität und Vorbild.
Im Folgenden sei nun auf einige Einzelheiten von
Goethes Begegnung mit und sein Verhältnis zu Ber-
lin eingegangen. Zunächst einmal ist festzuhalten:
Berlin hat in Goethes Leben einen anderen Stellen-
und Erlebniswert als andere Orte, in denen er ge-
wesen ist oder wohin er briefliche Kontakte unter-
hielt.  Nach  Berlin  verzehrt  ihn  nicht  eine
schmerzhafte  Sehnsucht  wie  nach  Rom,  hierher
  locken ihn nicht die freundlichen Jugenderinnerun-
gen und die Milde des Spätsommerlichts wie nach
den Städten der Rhein-Main-Gegenden. Es zieht
ihn  auch  nicht  eine  heiter  gesellige Atmosphäre
hierher wie in die böhmischen Bäder; nein, die Be-
ziehungen zu Berlin sind von Anfang an nüchterner,
sachlicher,  nicht  durch  eine  arkadische  Traum-
vorstellung verklärt.
Doch  ist  sein  Verhältnis  zu  der  Stadt  zugleich
gemischt aus Neugierde, Furcht und Bewunderung,
weniger voll innerer Wärme. Die Stadt gibt seinem
Geist  Nahrung,  weniger  seinem  Gemüt,  flößt
Respekt ein, aber keine liebenden Gefühle. Dazu
ist sie ihm zu groß, grenzenlos im Umfang wie im
Wollen und Hervorbringen.
Die  große Vielfalt  und  Rastlosigkeit  in  der  sich
verändernden ökonomischen und sozialen Struktur,
die Beschleunigung aller lebendigen und techni-
schen Prozesse als Ausdruck der rasanten Entwick-
lung der Produktivkräfte, reißt alle und alles mit
sich und macht das Lebensgefühl und die Lebens-
weise der Berliner so dynamisch im Positiven wie
auch  Negativen.
In welchem Licht erscheint nun Berlin dem jungen
Goethe? Als er das erste und auch einzige Mal in
die Stadt kommt, ist er 28 Jahre alt, der Sieben-
jährige Krieg erst 15 Jahre vorüber und die preußi-
schen Truppen bereits in ein neues Kriegsabenteuer
verwickelt, den bayerischen Erbfolgekrieg.
Vom 15.-20. Mai 1778 begleitet er den inkognito
als  Graf  von  Ahlefeldt  reisenden  Herzog  Carl
August und den Fürsten Leopold Franz III. von An-
halt-Dessau, die hier in Berlin die politische Lage
sondieren wollen. Friedrich der Große ist zu diesem
Zeitpunkt gar nicht anwesend, sondern bei seinen
Truppen.
Vielleicht  hat  man  gerade  deshalb  diese  Tage
gewählt, denn man macht sehr bald Besuch beim
Prinzen Heinrich, von dem man  weiß, daß  er in
Opposition zu seinem königlichen Bruder steht und
mit verschiedenen Generälen eine Fronde bildet,
die gegen eine Teilnahme an diesem Krieg sind. Die
sächsischen Fürsten wären bei einer erneuten krie-
gerischen Auseinandersetzung zwischen Preußen
und Österreich von einem Durchmarsch der preu-
ßischen  Armee  durch  ihr  Land  die  wieder  am
stärksten Betroffenen.
Also schon der Anlaß für diese Berlinreise ist für
Goethe  ein  höchst
unerfreulicher;  drin-
gende   Zurückhaltung
und Diskretion im Um-
gang mit Zivilpersonen
und  Militärs  zur  Wah-
rung von Carl Augusts
Inkognito sind ihm an-
geraten.  Außerdem  ist
ihm  auch  das  literari-
sche  Berlin  mit  seiner
propagierten Aufklärung, aus der heraus auch Nico-
lais Werther-Persiflage entstanden ist, nicht gerade
sympathisch.  Es  ist  noch  nicht  lange  her, da  hat
Goethe  in  diesem  Zusammenhang  die  Verse  ge-
schrieben: Was schert mich der Berliner Bann, Ge-
schmäckler-Pfaffenwesen,  und  wer  mich  nicht
verstehen kann, der lerne besser lesen!
58
Zeit  seines  Lebens  fühlt  er  sich  in  gewissen
Berliner Literaturkreisen als Geächteter, erst bei
den Aufklärern, sehr viel später dann, fast am Ende
seines Lebens, bei den streng orthodoxen Kreisen
und viele seiner wenig freundlichen Urteile über die
Berliner beziehen sich nur auf diese Personengrup-
pen.
Doch wieder zurück zum Mai des Jahres 1778. Aus
Potsdam kommend fährt Goethe am 16.Mai nach-
mittags um 4 Uhr nach Berlin hinein. Vermutlich
wohnt er Unter den Linden 23 im Hotel de Russie,
das später den Namen Zur goldenen Sonne erhält.
Goethes Berliner Tagebuch bietet nur äußerst lako-
nische  Eintragungen  und  stichwortartig  einige
Namen  und  Bezeichnungen,  aus  denen  seine
Besichtigungen  und  Besucher
werden  müssen.  Man  ersieht
aus den kurzen Notizen, daß er
im  Stadtzentrum  war, in  der
Nikolaikirche,  wo  er  einer
Predigt  des  Aufklärers  und
Berliner   Propstes  Johann  Joa-
chim  Spalding  beiwohnt.   Ferner
besucht  er  die  Spandauer  Straße,  besichtigt  das
Schloß, den alten Dom und das Zeughaus, spaziert
durch  die  Friedrichstraße  und  stattet  auch  der
Königlichen Porzellan-Manufaktur am Ende  der
Leipziger Straße einen Besuch ab.
Die damals doch recht neuen Prachtgebäude Unter
den Linden wie die Oper, die zwischen 1775 und
1780 entstehende Bibliothek, d.h. die Kommode,
das  1766  erbaute  Palais  Prinz  Heinrich,  heute
Humboldt-Universität, sowie die von Friedrich dem
Großen  selbst  als  Entwurf  skizzierte  Hedwigs-
Kathedrale hat er zwar gesehen, äußert aber keine
Eindrücke, sondern notiert nur die Namen.
Zweimal ist Goethe bei
dem von ihm verehrten
Kupferstecher  Daniel
Chodowiecki zu Besuch,
dessen  kleinformatige
Buchillustrationen  er
Zeit  seines  Lebens  be-
wundert.  Das  Titelbild
zu Nicolais Anti-Werther
Die Freuden des jungen
Werthers,  die  Umar-
mung Lottes durch Wer-
ther  darstellend,  hat  er
sich  sogar  ausgeschnit-
ten und, wie er später in Dichtung und Wahrheit be-
schreibt, »unter seine liebsten Kupfer gelegt.«
Erwähnt wird ein Spaziergang im Tiergarten. Fer-
ner besucht er den Archivar der Akademie der Wis-
senschaften, Wegelin, und die deutsche Sappho, die
Dichterin Anna Louise Karsch.
Die  Karschin  und  ihre  Tochter
geben ausführliche Berichte über
Goethes Besuch in ihrem Hause,
die aber sicherlich recht dichte-
risch ausgeschmückt sind. Offen-
bar erfreulich für Goethe sind das
Wiedersehen mit dem aus den Lili-
Tagen in Offenbach bekannten Musiker
und Komponisten Johann André, der 1775 Erwin
und Elmire vertont hat und nunmehr Musikdirektor
der Döbbelinschen Schauspielertruppe in Berlin ist.
Gleich am Abend des Ankunftstages sieht Goethe
die Aufführung Die Nebenbuhler.
Genauso karg wie zu Berlin sind die Tagebuchan-
gaben über die Tage in Potsdam auf der Hin- und
Rückfahrt, die auch nur aus einigen, oft noch in Ab-
kürzung geschriebenen, Wortbrocken bestehen.
Geradezu erschütternd ist jedoch das wiedergege-
ben, was Goethe in Berlin eigentlich bewegt und
dann  auch  wohl  für  mehr  als  50  Jahre  wie  ein
Trauma seine Einstellung zur preußischen Königs-
stadt immer wieder unterschwellig beeinflußt haben
mag, wie in seinen Reisebriefen an Charlotte von
Stein und in einem Bericht an den Freund Johann
Heinrich Merck, den hochgebildeten einstigen He-
rausgeber der Frankfurter Gelehrten Anzeigen und
derzeitigen Kriegsrat in Darmstadt.
Auch in Berlin hat Goethe, der Augenmensch, auf-
merksam  umhergeschaut, aber er hat geschwiegen
– geschwiegen im Tagebuch, an der Tafel, in adliger
Gesellschaft und in bürgerlichen Häusern. Man hat
ihm das – fremde Tagebücher und Briefe bezeugen
es mehrfach – als Stolz und Hochmut, aber auch als
59
Unwissenheit  und Ungeschicklichkeit ausgelegt.
Aber in den vertrauten Briefen sprach er!
Im Bericht an Charlotte von Stein heißt es:
Berlin. Sonntag d. 17. Abends. Durch die Stadt und
mancherley Menschen Gewerb und Wesen hab ich
mich durchgetrieben. Von den Gegenständen selbst
mündlig mehr. Gleichmut und Reinheit erhalten mir
die Götter aufs schönste, aber dagegen welckt die
Blüte des Vertrauens der Offenheit, der hingeben-
den Liebe täglich mehr. Sonst war meine Seele wie
eine Stadt mit geringen Mauern, die hinter sich eine
Citadelle auf dem Berge hat. Das Schloss bewacht
ich, und die Stadt lies ich in Frieden  und Krieg
wehrlos, nun fang ich auch an die zu befestigen,
wärs nur indess gegen die leichten Truppen.
Es ist ein schön Gefühl an der Quelle des Kriegs
zu sizzen in dem Augenblick da sie überzusprudeln
droht. Und die Pracht der Königstadt, und Leben
und Ordnung und Überfluss, das nicht wäre ohne
die tausend und tausend Menschen bereit für sie ge-
opfert zu werden. Menschen Pferde, Wagen, Ge-
schütz,  Zurüstungen,  es wimmelt von allem. (...)
Wenn ich  nur gut erzählen  kan  von  dem grosen
Uhrwerck, das sich vor einem treibt, von der Bewe-
gung der Puppen kan man auf die alte Walze FR,
gezeichnet mit tausend Stiften, schliessen, die diese
Melodien eine nach der andern hervorbringt.
Berlin d. 19. Wenn ich nur könnte bey meiner Rück-
kunft Ihnen alles erzählen wenn ich nur dürfte. Aber
ach, die eisernen Reifen mit denen mein Herz ein-
gefasst wird ,treiben sich täglich fester an, daß end-
lich gar nichts mehr durchrinnen wird. (…) So viel
kann ich sagen, ie grösser die Welt, desto garstiger
wird die Farce und ich schwöre, keine Zote und
Eseley der Hanswurstiaden ist so eckelhafft als das
Wesen der Grossen Mittlern und Kleinen durchei-
nander. Ich habe die Götter gebeten dass sie mir
meinen Muth und grad seyn erhalten wollen biss
ans Ende, und lieber mögen das Ende vorrücken
als mich den lezten Theil des Ziels lausig hinkrie-
chen lassen. Aber den Werth, den  wieder dieses
Abenteuer für mich für uns alle hat, nenn ich nicht
mit Nahmen.
Im Brief an Merck lesen wir am 5.August:
… in Berlin war ich im Frühjahr; ein ganz ander
Schauspiel! Wir  waren  wenige  Tage  da, und ich
guckte nur drein wie das Kind in Schön-Raritäten-
Kasten. Aber Du weißt, wie ich im Anschaun lebe;
es  sind  mir  tausend  Lichter  aufgegangen.  Und
dem alten Fritz bin ich recht nah worden, da ich
hab sein Wesen gesehn, sein Gold, Silber, Marmor,
Affen, Papageien und zerrissene Vorhänge, und hab
über den großen Menschen seine eignen Lumpen-
hunde räsonniren hören. Einen großen Theil von
Prinz Heinrichs Armee, den wir passirt sind, Ma-
noeuvres und die Gestalten der Generale, die ich
hab halb dutzendweis bei Tisch gegenüber gehabt,
machen mich auch bei dem jetzigen Kriege gegen-
wärtiger. Mit Menschen hab ich sonst gar Nichts zu
verkehren gehabt und hab in preußischen Staaten
kein laut Wort hervorgebracht, das sie nicht könn-
ten drucken lassen. Dafür ich gelegentlich als stolz
ausgeschrieen bin.
Soweit Goethes Eindrücke und Erlebnisse bei dem
einzigen Berlin-Besuch seines Lebens. In den Jah-
ren danach tritt Berlin für ihn erst einmal zurück bis
zum Ende seiner Italienreise, erst die 90-er Jahre
des  18.  Jahrhunderts  beginnen  den  Wandel  in
seinen Beziehungen zu Berlin herbeizuführen.
Zwar hat es 1795 noch eine Kontroverse gegeben,
als der zur Aufklärer-Fraktion um Friedrich Nicolai
zählende Daniel Jenisch im Berlinischen Archiv der
Zeit und des Geschmacks den Vorwurf erhebt, daß
es in Deutschland an klassischen Nationalautoren
mangele. Goethe hat das in seinem berühmten Auf-
satz Literarischer Sansculottismus zurückgewiesen
und  dabei  auch  den  heute  selbstverständlichen
Gedanken der Verbindung der vergangenen Kultur-
leistung  mit  den  Bestrebungen  der  Gegenwart
innerhalb  der  eigenen  historischen  Epoche  aus-
gesprochen.
Und auch, als 1796 die Xenien in Berlin wie auch
anderswo große Aufregung bei den Betroffenen,
aber auch geheime Zustimmung bei den Goethe-
Verehrern finden, wird das sich aufbauende Verhält-
nis nicht mehr ernstlich gestört.
Goethe hat sich zur Abrundung seines Weltbildes
und der Verfestigung seiner theoretischen Überle-
gungen  und  wissenschaftlichen  Erkenntnisse  in
Berlin  Gleichgesinnte  gesucht,  gleich  strebende
60
und vorzügliche, Belehrung gebende Sachkenner,
und sie auf fast allen Gebieten gefunden. Er lernt
Berlin  als  die  Stadt  anerkennen,  wo,  wie  er  an
Beuth  im  Februar  1832  schreibt:  Wissenschaft,
Künste, Geschmack und Technik vollkommen ein-
heimisch in lebendiger Tätigkeit sind.
Auf Vorschlag des Archäologen
Aloys Hirt wird Goethe 1806
zum Ehrenmitglied der Aka-
demie der Wissenschaften er-
nannt  in  der  richtigen
Einschätzung,  daß  er  durch
seine  den  Klassizismus  in
Deutschland fördernden Bestrebun-
gen, mit seinen aus tiefer Antike-Kenntnis erwach-
senden theoretischen Aufsätzen und literarischen
Kunstwerken auch wissenschaftliche Anerkennung
verdiene.
Nun  einige  weitere  Bereiche,  in  denen  Goethes
Einbindung in das kulturelle Leben Berlins sichtbar
wird:  Eine hervorragende  Rolle spielt  dabei das
Theater. Der im Entstehen begriffenen deutschen
Bühne kommt eine der bedeutendsten Vermittler-
rolle zwischen dem Autor, dem Sprachkunstwerk
und dem Publikum zu. Weiter gefördert wird beim
Publikum das Verständnis des Bühnenwerks wie
auch die Bekanntschaft mit der Person des Autors
durch Kritiken und Besprechungen in den großen
Berliner  Tageszeitungen,  besonders  der Spener-
schen und der Vossischen.
Es sei jedoch gleich gesagt, daß Goethes Stücke
keinen besonders großen Raum im Spielplan des
Berliner Theaters einnehmen. Die Autorenhonorare
für die Zeit von 1790 bis 1810 belegen das für Ber-
lin. Sie betragen für Goethe 200, Schiller 1100, für
Iffland 2700 und für Kotzebue 4000 Taler! Das liegt
daran, daß man von Seiten des großen Publikums
den klassischen Aufführungen vielfach Langeweile
vorwirft.
Die Natürliche Tochter erregt 1803 sogar einen
Theaterskandal,  ausgelöst  von  dem  Bildhauer
Gottfried Schadow, wie man in Berlin munkelt. Die
Aufführung wurde ausgepocht, also das, was heute
durch Pfeifen und Ausbuhen geschieht.
Anders klingen natürlich die Berichte der Goethe-
Verehrer aus dem an Bildung und Einfluß tonange-
benden  Teil  des  Publikums,  die  auch  auf  die
Geschmacks- und Urteilsbildung ihrer Mitbürger
Einfluß nehmen wollen.
Rahel  Levin  berichtet  z.B.  ihrem  zukünftigen
Gatten Varnhagen von der Tasso-Aufführung 1811:
Meine Wonne! Es mußten 800 Menschen Götter-
worte hören und die Seele einnehmen... Goethe,
Gott, wie vergöttere ich den immer von neuem.
Tatsächlich entfaltet Goethes dramatisches Werk
von Berlin aus seine große künstlerische Wirkung.
Es beginnt damit schon am 12. April 1774 mit der
Uraufführung des Götz von Berlichingen durch die
Koch’sche Gesellschaft. Diese Truppe nimmt nach
dem Götz 1774 auch noch den Clavigo in ihr Re-
pertoire auf; doch das Thema Goethe und das Ber-
liner  Theater  ist  abendfüllend  und  reicht  für
mehrere Bücher.
Wie mit dem Theaterleben ist Goethe über Carl-
Friedrich Zelter natürlich mit der Musikkultur Ber-
lins  verbunden.  Es  ist  dies  ebenfalls  eines  der
großen Themen, die in Einzelbehandlungen immer
wieder dargestellt zu werden verdienen.
1796  hatte  Zelter Goethe einige
seiner Lied-Kompositionen zu-
kommen lassen, die in Goethe
den Wunsch nach näherer Be-
kanntschaft  erwecken.  Er
schreibt  an  die  Übermittlerin
der Lieder, die Frau des Berliner
Verlegers  Johann Friedrich Unger:
Musik kann ich nicht beurteilen, denn es fehlt mir
an  Kenntnis  der  Mittel,  deren  sie  sich  zu  ihrem
Zweck bedient, ich kann nur von der Wirkung spre-
chen die sie auf mich macht... Und so kann ich von
Herrn Zelters Kompositionen meiner Lieder sagen,
daß  ich  der  Musik  so  herzliche  Töne  zugetraut
hätte.
Es ist das Einfache, das Gemütvolle, das ihn an Zel-
ters Musik anzieht. Mit Zelter ergibt sich dann eine
jahrzehntelange  Korrespondenz,  die  in  dem
menschlich so anrührenden und kulturhistorisch so
61
interessanten Briefwechsel nachzulesen ist. Zelter
wird für Goethe der Berichterstatter über Berliner
Verhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft und
bei Hof, über die Entwicklung der Stadt und ihrer
Bewohner, über das kulturelle Leben in allen seinen
Manifestationen. Er ist der Vermittler persönlicher
Kontakte zwischen Goethe und manchen Berliner
Persönlichkeiten der Wissenschaft und Kunst, und
er wird selbst im Laufe der Zeit so etwas wie der
offizielle  Repräsentant  des  großen  Dichters  in
Berlin.
Als Direktor der Singakademie und Begründer der
geselligen Berliner Liedertafel (1808), so genannt,
weil man alle vier Wochen an jedem einem Voll-
mond nächsten Dienstag (die Straßenbeleuchtung
in Berlin war nämlich katastrophal) bei einer Mahl-
zeit von zwei Gängen an einer langen Tafel zusam-
menkam, bei der man nach dem Vorbild russischer
Truppen auch in Berlin den Männergesang pflegen
wollte, fand Zelter viele Goethe-Gedichte geeignet,
später verfasst der Dichter zum Teil eigens Verse
für diesen geselligen Kreis. Es sei hier nur an das
Bundeslied (In allen guten Stunden...), das Tischlied
(mich ergreift, ich weiß nicht wie, ein himmlisches
Behagen...)  zu  erinnern  oder  an  das  berühmte
Trinklied ergo bibamus (Hier sind wir versammelt
zu löblichem Tun...). Beim  ersten Mal – so ein Be-
richt vom April 1810 – habe man so laut und fürch-
terlich gesungen, daß die Dielen erklangen und die
Decke des langen Saals sich zu heben schien.
Und wer kennt nicht die schlichte Vertonung des Kö-
nigs in Thule? Durch diese volksliedhaften, gut sing-
baren Kompositionen werden Goethes  Gedichte in
weiten Kreisen der Bevölkerung bekannt. Von den
Aufführungen der Berliner Singakademie, von ihrem
endlich 1827 fertiggestellten großen neuen Gebäude
am  Kastanienwäldchen  hinter  der  Alten  Wache
gehen ständig Berichte nach Weimar.
1827 ist auch die Höhe der von Zelter betriebenen
Bach-Pflege  erreicht.  Schon  vorher  sind  in  der
Singakademie Bach’sche Motetten erklungen, nun
aber  überträgt  Zelter  seine  Begeisterung  für  die
Musik  des  universalen  deutschen  Komponisten
auch auf den großen deutschen Dichter.
Der läßt sich in Bad Berka vom dortigen Organisten
Schütz Bachkompostionen vorspielen und übermit-
telt seinem Freund nach Berlin im Juni 1827 den
ungeheuren Eindruck, den diese Musik auf ihn ge-
macht hatte, mit den großartigen, der Musik adä-
quaten Worten: wenn die ewige Harmonie sich mit
sich selbst unterhielte, wie sich’s etwa in Gottes
Busen kurz vor der Weltschöpfung möchte zugetra-
gen haben.
Als Krönung von Zelters Bemühungen um Bach ist
die am 11. März 1829 erfolgte erste Wiederauffüh-
rung der Matthäuspassion in der Singakademie an-
zusehen,  die  zu  dirigieren  Zelter  seinem
bedeutendsten und liebsten Schüler überlässt, Felix
Mendelssohn Bartholdy. Auch dieser, schon in Kin-
derjahren bei Goethe eingeführt, ist stets ein großer
Verehrer  des  Dichters  und  seiner  poetischen
Schöpfungen geblieben.
Von seinen Vertonungen Goethischer Gedichte soll
hier nur die 1831 begonnene Erste Walpurgisnacht,
Ballade  für  Chor  und  Orchester,  die  Ouvertüre
Meeresstille und glückliche Fahrt genannt werden,
ebenso die Liedkomposition Auf dem See und das
Zigeunerlied.
Unter  Goethes  Komponisten
seiner  Texte  verdient  noch
besonders  der  schon  ge-
nannte  Johann  Friedrich
Reichardt hervorgehoben zu
werden, der mit seinen Lied-
vertonungen  im  letzten  Jahr-
zehnt des 18. Jahrhunderts sehr zur
Volkstümlichkeit Goethes beigetragen hat.
Nicht zuletzt ist auch Karl-Friedrich Schinkel in
besonderer Weise mit  Zelter  verbunden  –  durch
dessen  Eigenschaft  als  Maurermeister  und  über
Schinkels Theaterneubau des Schauspielhauses am
Gendarmenmarkt und durch seine Bühnendekora-
tionen.
Belebende und  fördernde Anteilnahme sind  hier
ebenfalls  die  Grundpfeiler.  Es  ist  bekannt,  daß
62
Goethe durch sein schöpferisch nachvollziehendes
Vorstellungsvermögen  gerade  bildende  Künstler
anzuregen und zu ermuntern vermag, ihre eigenen
Ideen reicher darzulegen und manche seiner Emp-
fehlungen in ihre eigene Vorstellungswelt einzube-
ziehen.
Schinkel empfindet dies ganz stark, wie aus seinem
Brief an Christian Daniel Rauch vom November
1816 hervorgeht In Goethes Nähe wird dem Men-
schen eine Binde von den Augen genommen, man
versteht sich vollkommen mit ihm über die schwie-
rigsten Dinge, welche man allein sich nicht getraut
anzugreifen und man hat selbst eine Fülle von Ge-
danken darüber, die sein Wesen unwillkürlich aus
der Tiefe herauslockt.
Da Goethe ein lebenslanges Interesse
an Bauaufgaben pflegt, läßt er sich
auch von Schinkel besonders über
dessen Vorhaben in Berlin unter-
richten. 1817 berät er sich mit ihm
über  das  Relief  an  der  Neuen
Wache. 1820 wird er bei einem ge-
meinsamen Besuch von Schinkel, Rauch
und Friedrich Tieck (während die beiden letztge-
nannten dabei ihre Goethe-Büste modellieren) über
den Theaterneubau unterrichtet.
Goethe notiert in den Tag und Jahresheften, wie
fruchtbar für beide Seiten diese Begegnung ist: Es
hatte sich in den wenigen Tagen so viel Produktives
betreffend Anlage und Ausführung, Pläne und Vor-
bereitung, Belehrendes und Ergötzliches  zusam-
mengedrängt,  daß  die  Erinnerung  daran  immer
wieder neu belebend sich erweisen muß.
Und so entwirft er dann mit Schinkel gemeinsam
eine passende Inschrift für das Neue Schauspiel-
haus, der dann aber doch jene des Altertumsfor-
schers Aloys Hirt vorgezogen wird
Auch  über  die  Innenausstattung  und  sogar  über
räumliche Mängel, wie z.B. die Logen hinter dem
Balkon seien zu eng, zu niedrig, finster, ja ängstlich,
oder die Orchesterleute klagten über unbequeme
Eingänge und Treppen oder die Bildhauer bewit-
zelten die Reliefs, Gruppen, Figuren usw., darüber
wird ein genauer Briefwechsel, meist über Zelter
oder Schultz geführt.
Goethe erhält auch alle Pläne und Risse des Alten
Museums im Lustgarten sowie die Bauzeichnungen
der  Friedrichwerderschen  Kirche,  die  der  greise
Dichter mit den Worten kommentiert: Ich wünschte
wirklich darin einer Predigt beizuwohnen, welches
viel gesagt ist!
(an Zelter, 12. Februar 1829)
Am 10. Februar 1821 findet in Anwesenheit des
Hofes die Einweihung des Konzertsaals und der
Festsäle im Schauspielhaus statt. Das eigentliche
Theater wird am 26. Mai mit einem Eröffnungspro-
log,  den  Goethe eigens zu dem Anlaß  gedichtet
hatte, festlich seiner Bestimmung übergeben. Vor-
getragen wurde der Prolog vor einem Prospekt, der
den Gendarmenmarkt mit dem Schauspielhaus zwi-
schen den Türmen des Deutschen und des Franzö-
sischen Domes zeigte.
Goethes Dank an Schinkel für die sich in seiner
Architektur aussprechende humanisierende Bau-
gesinnung, die der eigenen entspricht, findet sich in
den Schlußversen des Prologs zur Eröffnung des
Schauspielhauses 1821 in der mahnenden Anrede
an das versammelte Publikum:
So schmücket sittlich nun den geweihten Saal
Und fühlt euch groß im herrlichsten Lokal
Denn euretwegen hat der Architekt
Mit hohem Geist so edlen Raum bezweckt
Das Ebenmaß bedächtig abgezollt
Daß ihr euch selbst geregelt fühlen sollt.
Auf den Prolog folgte Goethes Schauspiel Iphige-
nie auf Tauris.
Von gleicher Herzlichkeit wie zu Schin-
kel ist gleich von Anfang an Goethes
Verhältnis  zu  Christian  Daniel
Rauch. Auch hier seien nur wenige
Fakten in Erinnerung gerufen. Bei
seinem  Besuch  mit  Schinkel  und
Tieck  in  Weimar  1820  modelliert
Rauch seine berühmte à-tempo-Büste, die
mit ihrem leicht zur Seite gedrehten Kopf wohl die
bekannteste,  weil  lebensvollste  und  wahrheits-
63
getreueste Wiedergabe des Goethe’schen Antlitzes
darstellt.
Die  bereits  erwähnten  Bildhauer
Friedrich Tieck und Gottfried Scha-
dow stehen ebenfalls in einem pro-
duktiven  Verhältnis  zu  Goethe.
War  die  Beziehung  zu  Schadow
ursprünglich ablehnend, so wandelt
sie sich doch im Lauf der Jahre.
Zu  den künstlerischen  und zugleich  technischen
Leistungen, die Goethe hier beeindrucken, gehört
auch die vom Stadtbaumeister Christian Gottlieb
Cantian vor dem Alten Museum aufgestellte Gra-
nitschale, wie Goethes Aufsatz von 1828 Granitar-
beiten in Berlin beweist.
Auf dem sich überschneidenden Gebiet von Wis-
senschaft, Technik und  Volksbildung seien auch
noch zwei Männer genannt, die weiter Wirkendes
und Bleibendes geleistet haben, indem sie den Fort-
schritt auf praktisch technischem Gebiet in die Aus-
bildung junger Menschen integrierten, was Goethe
außerordentlichen Respekt abnötigte.
Es handelt sich um Christian Wilhelm
Beuth als Begründer des Gewerbein-
stituts. Ihm vertraut Goethe in sei-
nen  letzten  Lebenswochen, am  1.
Februar 1832, eine in die Zukunft
gehende  Bitte  an,  nämlich für  die
Herstellung künstlicher plastischer ana-
tomischer Lehrpräparate von Organen und
Körperteilen zu sorgen, wofür Beuth entsprechende
Institutionen und Künstler interessieren sollte.
Ich habe nicht lange mehr Zeit, schreibt Goethe,
und muß daher eilen, das Mögliche zu tun, anderes
zuverlässigen  Freundin  anzuvertrauen.  Ich  mag
mich  aber  umsehen,  wo  ich  will,  außer  Berlin
scheint mir das Gelingen unmöglich. — Wie sehr
er  von  der  Wichtigkeit  dieses Anliegens  durch-
drungen ist, bezeugt der Ausschnitt über die plasti-
sche  Anatomie  im  dritten  Buch  von Wilhelm
Meisters  Wanderjahren,  auch  dieses  wieder  ein
Beispiel, wie Tageswissen in einer Dichtung seinen
Platz findet.
Als zweites Beispiel neben Beuth ist Karl Friedrich
Klöden zu nennen, dessen mit Stichen Daniel Cho-
dowieckis versehenes Buch Von Berlin nach Berlin
manchem bekannt sein wird. Klöden
berichtet darin von seiner Leitung
der  ersten  Gewerbeschule.
Diese, eine hohe Allgemein-
bildung zur Bewältigung der
Aufgaben  der  industriellen
Revolution vermittelnde Schu-
le, wird das Muster eines neuen
Schultyps,  der  Realschule,  in  der
man sich, statt auf die alten Sprachen wie im her-
kömmlichen Gymnasium, auf die lebenden und auf
die naturwissenschaftlichen und technischen Fächer
konzentriert. Ihr Programm zu Prüfungen an den
Gewerbeschulen  wird  1829  von  Goethe  lobend
besprochen.
Zum Schluß möchte ich noch auf einige der zahl-
reichen und vielfältigen wissenschaftlichen Kon-
takte  eingehen,  die  sich  zwischen  Goethe  und
Berliner Gelehrten und wissenschaftlichen Institu-
tionen ergeben haben.
Es steht außer Zweifel, daß Goethes Streben in den
späteren Lebensjahren darauf gerichtet ist, gerade
auch für seine naturwissenschaftlichen Arbeiten auf
den Gebieten der Optik, der Farbenlehre, der Ana-
tomie, Zoologie, Botanik, Geologie und Mineralo-
gie Anerkennung zu finden, die ihm jedoch von den
meisten Fachgelehrten versagt bleibt.
Als 1806 Preußen seine Universität Halle verliert
(Halle wurde bekanntlich dem Königreich Westfa-
len zugeschlagen), kommen viele Professoren von
dort nach Berlin und es entsteht sehr schnell der
Plan einer Universitätsgründung.
Der Altphilologe Friedrich August Wolf, der die
Philologie von der Theologie eman-
zipiert und die eigentliche Al-
tertumswissenschaft  erst
begründet hat, dem Goethe
freundschaftlich verbunden
ist und dem er viel für sein
eigenes  Antike-Verständnis
verdankt, hat schon 1807 eine
diesbezügliche  Denkschrift  bei
Friedrich Wilhelm III. eingereicht und Wilhelm von
Humboldts Namen an die erste Stelle seiner Vor-
schlagsliste gesetzt.
Zelter schreibt dazu an Goethe am 23 August 1809:
Wolf hat einen Plan gemacht, statt der alten Uni-
versität Halle eine neue preußische hier am Orte
zu etablieren und solche womöglich in der Akade-
mie der Wissenschaften zu verbinden.
Aber erst 1809, als Wilhelm von Humboldt zum
Leiter des preußischen Unterrichtswesens berufen
64
wird, erreicht dieser die Gründungsgenehmigung
und dazu die Schenkung des seit 1802 leerstehen-
den Palais des verstorbenen Prinzen Heinrich als
Universitätsgebäude.
Humboldt, auch im Salon der Henriette Herz als
junger  Mann  zum  Verehrer  Goethes  geworden,
steht seit 1794 in engem Kontakt mit Goethe und
bleibt bis zu dessen Lebensende einer seiner ver-
trauten jungen Freunde, der es sich sogar erlauben
kann, den Herrn Geheimrat in seinen Briefen mit
Liebster Goethe oder mein innig geliebter Freund
anzureden.
Wilhelm  von  Humboldt,  das
sei  nicht  vergessen  anzu-
merken, ist auch der Adres-
sat  von  Goethes  letztem
Brief  vom  17.  März  1832,
fünf  Tage  vor  seinem  Tode
geschrieben, geht dieser somit
als Vermächtnis auch nach Berlin.
Er enthält die Antwort auf Humboldts Bitte, das
Faust-Manuskript doch nicht einzusiegeln, sondern
den  Freunden  schon  jetzt  den  Lesegenuß  zu
gönnen.
Goethe aber lehnt es ab, weil für diese sehr ernsten
Scherze die Zeit noch nicht gekommen sei, da ver-
wirrende Lehre zu verwirrtem Handeln über die
Welt walte. Und er schließt mit dem Bekenntnis und
der Aufforderung zur Steigerung der eigenen Per-
sönlichkeit, der individuellen Existenz.
Genauso vertraut wie zu Wilhelm von Humboldt ist
auch  Goethes  Verhältnis  zu  dessen  jüngerem
Bruder Alexander. 1794 hatte der junge Bergrat bei
seinem Bruder in Jena zu Besuch geweilt und es
hatte  sich  eine  tiefe  gegenseitige  Beziehung
zwischen ihm und Goethe ergeben.
Goethe stellt diese Beziehung in einem Brief an den
Berliner  Verleger  Unger  einmal  so  dar: Die
Gegenwart  des  Herrn  Bergrat  machte  mir  eine
ganz besondere Epoche, indem er alles in Bewe-
gung setzt, was mich von vielen Seiten interessieren
kann.
Auch der junge Humboldt bekennt, daß das Jenaer
Jahr und der Gedankenaustausch mit Goethe auf
seine geistige Entwicklung sehr stark eingewirkt
habe, nach seiner Rückkehr von
einer Süd- und Mittelamerika-
Expedition finden wir in dem
Brief an Goethe vom 6. Feb-
ruar 1806, in dem er die beab-
sichtigte  Übersendung  seiner
mit Bonpland verfaßten Ideen zu
einer Geographie der Pflanzen ankündigt, den schö-
nen Satz: In den einsamen Wäldern am Amazonen-
strom  erfreute  mich  oft  der  Gedanke,  Ihnen  die
Erstlinge dieser Reise widmen zu dürfen nach Art
der antiken Weihgeschenke!
Besonders schätzt Goethe den archäologisch und
zeichnerisch begabten Architekten Wilhelm Zahn,
der Zeichnungen von Wandmalereien aus Pompeji
vorlegen kann und dem die Benennung eines der
schönsten  pompejanischen  Häuser  mit  Casa  di
Goethe zu danken ist.
65
Zu Goethes Besuchern oder Korrespon-
denzpartnern  gehören  ferner  der
Theologe  und  Philosoph  Friedrich
Schleiermacher,  der  Verfasser  der
Römischen Geschichte Barthold Georg
Niebuhr und der Althistoriker  Friedrich
Wilken.
Nicht  vergessen  sei  auch  der  große  Orientalist
Heinrich  Friedrich  von  Diez,  dessen  wertvoller
Nachlaß in der Berliner Staatsbibliothek auf-
bewahrt wird, und dem Goethe bedeutende
Anregungen und Belehrungen für seinen
West-östlichen Divan verdankt. Verbun-
den mit Goethe ist auch der Philosoph
Johann Gottlieb Fichte, mit dessen An-
schauung er vielfach übereinstimmt und
den er gern nach dem Atheismusstreit an der
Universität Jena gehalten hätte.
In der pädagogischen Provinz in Wilhelm Meisters
Wanderjahren reflektiert er in der Lehre von der
notwendigen  Einordnung  des  individuellen
Lebens in die Gesellschaft unter anderem
auch Fichtes philosophische Grundsätze.
Auch Wilhelm Friedrich Hegel ist mit
Goethe seit seiner Lehrtätigkeit in Jena
1801-1807 gut bekannt, Goethes Urphä-
nomen und Hegels Idee sind einander ent-
sprechende Begriffe. Beide verbindet auch
Hegels Eingehen auf Goethes Farbenlehre.
Neben  vielen  anderen  hervorragenden  Männern
ihres Fachs seien auch noch zwei berühmte Ärzte
genannt: Werner Christoph Wilhelm Hufeland, als
Sohn  des Weimarer Hofarztes auch  einige  Jahre
Goethes behandelnder Arzt, ist leitender Mediziner
der Charité und königlicher Leibarzt in Berlin ge-
worden.  Sein  Kollege  Johann
Christoph Reil, nach der Schlie-
ßung der Hallenser Universität
1806 auch in Berlin tätig, ist
bei seiner ärztlichen Tätigkeit
in den Lazaretten nach der Völ-
kerschlacht bei Leipzig 1813 an
Typhus verstorben. Mit Goethe war
er schon als Badearzt in Halle wie auch durch seine
dortige Begründung des Theaters bekannt, wozu
der  Dichter  1811  den  Prolog Was  wir  bringen
geschrieben hat.
Last but not least sei der große Anteil von Berliner
Verlegern  an  der  fruchtbaren  Wechselbeziehung
zwischen Goethe  und  Berlin  angeführt.  Sie  ma-
chen, zum Teil in Erstdrucken,
Goethes Werk dem Lesepubli-
kum bekannt. Um nur die wich-
tigsten  zu  nennen:  Bei Unger
erscheint  1789  Das Römische
Carneval, später in die Italieni-
sche Reise aufgenommen, dann
7 Bände Goethes Neue Schrif-
ten und 1796 der Wilhelm Meis-
ter.  Vieweg  verlegt  1797  den
Erstdruck  von Hermann  und
Dorothea, der ein Riesenerfolg
wird, so daß Goethe zufrieden
an Aloys Hirt schreibt:»Berlin
ist  vielleicht  der  einzige  Ort,
von dem man sagen kann, dass
ein  Publikum  beisammen  sei,
und umso mehr muss es einen
Autor interessieren, wenn er daselbst gut aufge-
nommen wird.«
Nicht  zu  vergessen  auch  der  berüchtigte  Nach-
drucker Friedrich Himburg, der zwar ohne Hono-
rarzahlung an  den  Dichter,  doch  aber schon seit
1775  für  die  Verbreitung  seiner  Werke  gesorgt
hatte. Dem gesamten Verhältnis, das zu einer tiefen
Verbundenheit mit unserer Stadt geführt hatte, gibt
Goethe Ausdruck in einem anfangs bereits zitierten
Brief vom 15. März 1826 an Friedrich Wilhelm III.
anläßlich  des erteilten  Privilegs gegen Nachdru-
cker, wo er sich über Berlin und sich Rechenschaft
gibt: Männer, welche (...) das Treffliche vollbrin-
gen, solche standen von früh an mit mir in trauli-
chen  Verhältnissen  und  durch  fortdauernde
Wechselwirkung ist eine geistige Mitbürgerschaft
eingeleitet, welche über Zeit und Ort hinaus ein ge-
genseitiges Glück befördert.
Auf einer  geistigen  Mitbürger-
schaft beruhte sein Verhältnis zu
Berlin,  der  persönlichen  hat  er
sich, selbst besuchsweise, immer
wieder  entzogen,  trotz  des
manchmal geäußerten Wunsches,
hinzukommen. Am 19. Novem-
ber  1820  schreibt  er: Mein
Wunsch Berlin zu besuchen (...)
die Königsstadt  zu  schauen, zu
erkennen  und  zu  verehren (...),
dieses Gefühl ist zu einer Art Un-
geduld  geworden,  daß,  wenn
Fausts Mantel in meinem Besitz
wäre,  sie  mich  augenblicklich
auffliegen sehen.
66
Aber der Mantel ist  nicht in seinem Besitz. Von
einer weiteren Berlinvisite mag ihn eher eine bei-
nahe ans Existenzielle rührende Faustische Vision
der Großstadt abgehalten haben: Des Erdgeists sau-
sendes Weben, die menschliches Vermögen eigent-
lich  übersteigende  unablässige  Bewegung  und
Tätigkeit, die hier Wirklichkeit geworden war.
Rational läßt sich so etwas nicht erklären. Entschei-
dend aber bleibt, daß trotz oder gerade wegen aller
Widersprüchlichkeiten das Verhältnis Goethes zu
Berlin für beide Seiten fruchtbar war und der Kunst
und der Wissenschaft ihrer Zeit einen bis heute gül-
tigen Stempel aufgeprägt haben.
67
Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begüns-
tigten  gepriesen, auch will ich mich nicht beklagen und  den
Gang meines  Lebens nicht schelten. Allein im  Grunde ist  es
nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen,
daß ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen ei-
gentliches Behagen gehabt.
Goethe zu Eckermann, 27.Januar 1824
Goethes zahlreiche, oft akut-bedrohliche, oft auch
langwierige und immer wiederkehrende Erkran-
kungen  sind  ein  lebenslanges Thema  in  seinen
eigenen Äußerungen, Gesprächen und Briefkon-
takten mit seinem Umfeld. Die wichtigsten Diag-
nosen, die uns dadurch überkommen sind, seien
hier wiedergegeben: Lebensbedrohliche Risikoge-
burt; Masern, Windpocken, echte Pocken; Hals-
entzündungen, katarrhalische Fieber; zweimaliger
Blutsturz; Gelenk- und Muskelrheumatismus; Ha-
bituelle Obstipation; Nierensteine; Zahneiterun-
gen,  Zahnverlust;  Hypertonie,  Arteriosklerose;
Schwindelanfälle, Gedächtnisverlust; zwei Herz-
infarkte; Hypochondrie, Depression; Polyarthritis;
phasenweise Alkoholismus.
Die erste lebensbedrohliche Krise ist überliefert
aus der Leipziger Zeit, als der Jugendfreund Beh-
risch 1767 nach Dessau versetzt wird, Goethes
Beziehungen zu dem geliebten Kätchen Schön-
kopf zusammenbrechen und ein Juraexamen be-
vorsteht. Eines  Nachts  wachte  ich  mit  einem
heftigen Blutsturz auf, und hatte noch soviel Kraft
und Besinnung, meinen Stubennachbar zu wecken.
Doktor  Reichel  wurde  gerufen,  der  mir  aufs
freundlichste hülfreich ward, und so schwankte ich
mehrere Tage zwischen Leben und Tod.
Ob die Krankheit in dieser akuten Phase wirklich
lebensbedrohlich war, wissen wir nicht; daß sich
aber die Vorstellung einer Todesnähe bei Goethe
traumatisch festgesetzt  hat, lässt  sich über  sein
ganzes Leben immer wieder beobachten. Bei den
ersten Anzeichen der Stabilisierung seines Zustan-
des  bricht  er  seinen  Aufenthalt  endgültig  ab.
Frankfurt  erreicht  er als  Schiffbrüchiger,  als
Studienabbrecher,  körperlich  krank,  vor  allem
aber  seelisch  verwundet. Der enttäuschte Vater
findet einen Kränkling vor.
Es beginnt eine einein-
halbjährige  Rekonva-
leszenz im Elternhaus,
mit  mehreren,  erneut
sehr dramatisch erleb-
ten Rückfällen. In sei-
nem  Giebelzimmer
verbringt  er Tage des
Hindämmerns  und
immer  wiederkehren-
der  Rezidive  seiner
seelischen und körper-
lichen Probleme. Einem
unerklärlichen, schlau-
blickenden,  sprechen-
den, übrigens abstrusen
Arzt gelingt es, mit einer
geheimnisvollen Arznei
die  schwere  Verstop-
fung  zu  durchbrechen.
Als der ungeduldig ge-
wordene  Vater  auf  die
Fortsetzung  des  Studi-
ums drängt und Goethe
im  März  1770  nach
Straßburg  aufbricht,
fühlt er meine Gesund-
heit,  noch  mehr  aber
meinen  jugendlichen
Mut wieder hergestellt.
Als er sich 1775 in das problematische Liebesver-
hältnis mit der Frankfurter Bankierstochter Lili
Schönemann  bis  zur  Depression  verstrickt,
schreibt er an seine vertraute Brieffreundin, Au-
guste Gräfin zu Stolberg: O wenn ich jetzt nicht
Dramas schriebe ich ging zu Grund! Dies ist bei
Goethe  ein  wichtiges,  häufig  wiederkehrendes
Phänomen: Schon nach dem Werther-Erlebnis hat
er seine poetische Kreativität als »altes Hausmit-
tel« bezeichnet und sich dadurch aus »einem stür-
mischen Elemente« gerettet gefühlt.
Daß er sich öfter aus körperlichen Misshelligkei-
ten gewissermaßen frei schreibt, läßt sich bis ins
hohe Alter verfolgen.
2000    
Gesundheit und Krankheit bei Goethe
Prof. Dr. Volker Hesse (Berlin)
Was nützt mir der ganzen Erde Geld?
Kein kranker Mann genießt die Welt
Gesundheit und Krankheit bei Goethe
Dr. Hubert Heilemann (Dresden)
Gesteigertes  Übelbefinden, heftige Schmerzen am
Herzen, um 11 Uhr zur Ader gelassen…
Goethe als Patient
68
Prof. Dr. Manfred Heuser (München)
Farben – die Seele des Lichts
Die Newton-Kritik
– eine paranoide Psychose Goethes?
Prof. Dr. Wolfgang Schad (Witten-Herdecke)
Seelenleiden zu heilen vermag der Verstand
nichts,
die entschlossene Tätigkeit hingegen alles…
Goethe als Psychiater
Goethes 251. Geburtstag in Frau Schuberts
Garten
Musikalisch-literarisches Programm
Seit 1776 führt er 57 Jahre lang Tagebuch, bis
wenige Tage vor seinem Tode. Akribisch notiert
er dort u.v.a. seine körperlichen Zustände und
seine Stimmungen. Bereits am Anfang seines
Weimarer Aufenthaltes lesen wir von andauern-
dem Zahnweh, verdorbenem Magen, von wie-
derholten  Fiebern,  Bronchialkatarrhen  und
rheumatischen Schmerzen in Muskeln und Ge-
lenken, von Herzklopfen und fliegenden Hitzen.
Die ständig gestörte Verdauung wird im Alltag
zum Dauerproblem, ebenso die Zahneiterungen,
die zu dieser Zeit beginnen und ihn bis ins Alter
begleiten, bis er seine Zähne verlor. Die Tage-
buchnotizen lassen sich beliebig auffüllen durch
klagende Briefe an die Geliebte Charlotte von
Stein und an Freunde wie Lavater, Merck, Kne-
bel  und  andere.  Sie  alle  zeigen,  wie  anfällig
Goethe sich fühlt, wie übersensibel, wie hypo-
chondrisch er auf körperliche Beschwerden rea-
giert.
In den 1780-er Jahren, unter der Last seiner Wei-
marer Ämter als Kammerpräsident, in der Berg-
werkskommission und in der Oberaufsicht über
die wissenschaftlichen und Kunstanstalten, lesen
wir im Tagebuch und in seinen Briefen immer
wieder  von  Zahnflüssen,  Halsentzündungen,
rheumatischen Beschwerden, Magenverstimmun-
gen  und  ähnlichen  Alltagsbeschwerden: mein
Zahnweh ist leidlich, doch hab ich mich bei Hofe
entschuldigt; (...) mein Hals hat sich diese Nacht
nicht verbessert, ich will versuchen, zuhause zu
bleiben; (...) ich darf es nicht wagen, auszuge-
hen«; »man sieht, daß allerlei im Körper stickt
das nicht weiß, wohin es sich resolvieren will.
Sein Arzt in dieser Zeit ist bis 1793 der damals
noch junge, später wohl berühmteste Arzt seiner
Zeit, Christoph Wilhelm Hufeland. Er überzeugt
nicht nur Goethe durch seine Vorstellung von
einer dem Körper innewohnenden Lebenskraft
und von der Förderung eines gesunden und lan-
gen Lebens durch die vernünftige Regulierung
der  menschlichen  Grundbedürfnisse  Essen,
Trinken, Schlaf, Bewegung, Ruhe etc., die sog.
Makrobiotik. Hufeland schickt Goethe 1785 zu
seiner ersten Badekur nach Karlsbad – ihr wer-
den vierundzwanzig weitere Badereisen folgen:
Das Karlsbader Schwefelwasser fördert insbe-
sondere  Goethes  chronisch  schlechte  Ver-
dauung – bis an sein Lebensende wird er Wasser
vom dortigen Kreuzbrunnen im Hause haben.
69
Aus der zweiten Badekur in Karlsbad, im Septem-
ber 1786, bricht Goethe heimlich nach Rom auf,
um dort bis zum Juni 1788 zu bleiben. Nie wieder
hat er sich so gesund gefühlt wie dort; das Klima
bekommt ihm ausgezeichnet, wo man den ganzen
Tag nicht an seinen Körper denkt, sondern wo es
einem gleich wohl ist, notiert er bereits nach we-
nigen Tagen in Vicenza für Frau von Stein. Gegen
Ende seines Aufenthaltes schreibt er ihr aus Rom,
er hätte die ganze Zeit keine Empfindung aller der
Übel gehabt, die mich im Norden peinigten« und
daß er »mit eben derselben Constitution hier wohl
und munter lebe, so sehr als ich dort litt.
Im Jahr seiner Rückkehr 1788 nimmt er die 23-
jährige Christiane Vulpius zu sich, begegnet erst-
mals Friedrich Schiller und löst sich von Frau von
Stein. Er steht an der Schwelle zu einer neuen Le-
bensphase  –  und  beginnt  erneut  an  den  alten
Übeln zu leiden und sich entsprechend zu verhal-
ten. Da ich mich einmal entschlossen habe krank
zu sein, so übt auch der Medikus (…) sein despo-
tisches Recht aus, schreibt er im März 1800 an
Schiller, durch dessen Freundschaft er andererseits
seit 1794 den für beide so ungeheuer produktiven
Aufschwung erlebt.
Anfang Januar 1801 erkrankt er an der sogenann-
ten Blatterrose, die medizinisch damals wie heute
als Erysipel bezeichnet wird. Unter gleichzeitigem
hohem Fieber mit einer zeitweisen Bewußtlosig-
keit  entwickelt sich  im  Bereich  der linken Ge-
sichtshälfte  eine  hochentzündliche,  teilweise
blasenbildende  Schwellung,  die  auf  das  linke
Auge, den Gaumen, den Rachen und den Kehl-
kopf übergreift. Krampfhusten und Erstickungs-
anfälle führen dazu, daß er zwei Tage nicht im
Bett bleiben kann, um nicht zu ersticken. Neun
Tage und neun Nächte dauert dieser Zustand, nach
dem endgültigen Abklingen bleibt er monatelang
krank, grämlich und reizbar.
Im Februar 1805 erkrankt Goethe erneut ernstlich,
mit wochenlangen Nierenkoliken unter gleichzei-
tigen Fieberschüben und erheblichen Schmerzen;
die Koliken werden Goethe noch jahrelang quä-
len. Zweimal nachts muß Christiane den ganzen
Leib mit scharfem Spiritus einreiben,  innerlich
werden alte, bei Harnwegserkrankungen bewährte
pflanzliche Hausmittel wie Brennessel und Bären-
traube, aber auch Opium und Bilsenkraut gegen
die Schmerzen gegeben. Zudem muß er reiten, um
den vermuteten Nierenstein in Bewegung zu brin-
gen.
Nach der Schlacht von Austerlitz, in der Napoleon
vernichtend die Österreicher und Russen schlägt,
soll Goethe gesagt haben: Wenn mir doch der liebe
Gott eine von den Russennieren schenken wollte,
die zu Austerlitz gefallen sind!
Noch während der Rekonvaleszenz des Steinlei-
dens bricht nach langer, wirklich schwerer Krank-
heit sein Freund Schil-
ler  zusammen  und
quält sich 9 Tage lang
bis zu seinem Tode am
9. Mai 1805 im Alter
von  45  Jahren.  Man
wagt  zunächst  nicht,
es  Goethe  zu  sagen;
als er es erfährt, rea-
giert  er  mit  einem
schweren  Rückfall.
Unleidlicher Schmerz
ergriff  mich,  und  da
mich  körperliche  Leiden  von  jeglicher  Gesell-
schaft trennten, war ich in traurigster Einsamkeit
befangen. Meine Tagebücher melden nichts von
jener Zeit; die weißen Blätter deuten auf einen
hohlen Zustand. Dieser dauert, wie das  nahezu
stumme Tagebuch ausweist, sieben Monate.
Goethes übersensible Einstellung, sich von Krank-
heit und Tod ihm nahestehender Menschen fern-
zuhalten, ist mehrfach aus seinem Leben bezeugt.
1816, während Christianes achttägigem Sterben in
so fürchterlichen Krämpfen, daß die Mägde da-
vonliefen, bleibt er in seinen hinteren Zimmern,
arbeitet, experimentiert und diktiert Post. Goethe
weiß von dieser seiner Tendenz, sich durch Bei-
hülfen, die uns die Kultur anbietet, zusammen zu
nehmen, um sich von Kummer und Trauer abzu-
lenken, bezahlt dies aber fast jedesmal mit einem
vermehrten Ausbruch seiner körperlichen Übel.
Am deutlichsten wird dies nach dem plötzlichen
Tod seines Sohnes August im Oktober 1830 auf
der  Reise  in  Rom,  den  er  zunächst  äußerlich
Dr. Hartmut Schmidt (Wetzlar)
Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort
Essen und Trinken bei Goethe
Prof. Dr. Manfred Bühring (Berlin)
Das Wahre erscheint nicht unmittelbar…
Goethe Anschauen in der Medizin
70
beherrscht zur Kenntnis nimmt, dann aber, einige
Wochen  später mit dem  zweiten Blutsturz  seines
Lebens reagiert.
Mit seinen Ärzten versteht er sich gut; zu seinen
Hausärzten Wilhelm Huschke wie auch später zu
Wilhelm  Rehbein  –  beide  sind  großherzogliche
Leibärzte – hat er großes Vertrauen, wenngleich er
sie vielfach beschimpft und ihre Anordnungen gele-
gentlich hintergeht.
Als sich der 66-jährige 1815 in Heidelberg aus der
Liebesbeziehung mit Marianne von Willemer ver-
abschiedet, fingen aber die bisher nur drohenden
Übel  an,  förmlich  aufzubrechen. Es  entstand,  so
fährt  Goethe  fort, ein  Brustweh,  das  sich  fast  in
Herzweh verwandelt hätte, aber dies sei, so läßt er
sich von dem Heidelberger Professor Nägele beru-
higen, eine  natürliche  Folge  der  Heidelberger
Zugluft und veränderlichen Schloßtemperatur.
Am 11. Februar 1823, im Alter von 74 Jahren, er-
krankt Goethe akut so schwer, daß man bereits sei-
nen  Tod  meldet.  Starke  Schmerzen  in  der
Herzgegend, Beklemmung auf der Brust, hochgra-
diges  Angstgefühl,  Atemnot,  später  Fieber  und
Ödeme an beiden Füßen –Symptome eines Herzin-
farktes.
Huschke  und  Rehbein  können  dies  damals  nicht
wissen, sie behandeln symptomatisch mit Aderlass,
Blutegel, Meerrettich-Kompressen und Arnika-Tee.
Goethe hat hierzu wenig Vertrauen: Probiert nur
immer, sagt er zu seinen Ärzten, der Tod steht in
allen Ecken und breitet seine Arme nach mir aus,
aber laßt euch nicht stören.
Gegen die Hilflosigkeit der Ärzte erhebt er dieses
Mal bittere Klage, beschimpft sie als Hundsfötter
und wehrt sich gegen ihre Verordnungen: wenn ich
nun doch sterben soll, so will ich auf meine eigene
Weise  sterben. Tatsächlich  erholt  er  sich  relativ
bald, ist sich nach dieser Krise aber im Klaren, daß
ihm die nun folgenden Jahre nur  geschenkt sind.
Den nahezu gleichen Zustand mit schwerem Husten
und  Herzschmerzen  erlebt  er  noch  einmal  im
November des gleichen Jahres, in tiefer Depression
nach  dem  Verzicht  auf  die  junge  Ulrike  von
Levetzow in Marienbad. Die relativ schnelle Erho-
lung von diesem Zustand wird sicher zu recht mit
dem  beruhigenden  Besuch  seines Altersfreundes
Carl- Friedrich Zelter gesehen, dem Goethe mehr-
fach die Marienbader Elegie vorliest und dem er
noch ein Jahr später davon schreibt: Wenn das, was
du als Grund meiner Krankheit erkanntest, nun, wie
es den Anschein hat, sich als das Element meines
Wohlbefindens manifestieren wird, so geht alles gut.
Zu Goethes großem Leidwesen verstirbt
1825  sein  langjähriger,  sehr  geliebter
Hausarzt Hofrat Rehbein. An seine Stelle
kommt der junge, erst 28-jährige Dr. Carl
Vogel,  der  Goethe  bis  zu  seinem  Tode
nicht nur bestens ärztlich betreut, sondern
wie seine Vorgänger zur Vertrauensperson
wird. Daß ich mich jetzt so gut halte, sagt
Goethe  zu  Eckermann, verdanke  ich
Vogel; ohne ihn wäre ich längst abgefah-
ren. Vogel ist zum Arzt wie geboren und
überhaupt einer der genialsten Menschen,
die mir je vorgekommen sind.
Bis zuletzt arbeitet er am vierten Teil von Dichtung
und Wahrheit und vollendet im Jahr vor seinem Tod
den zweiten Teil seines Faust. Die Beschreibung sei-
nes  Hausarztes  Vogel  über Die  letzte  Krankheit
Goethe’s im Winter 1831/32 dokumentiert eindrück-
lich den dramatischen Verlauf des offensichtlichen
Herztodes, der schließlich – in der Beschreibung Vo-
gels – ungemein sanft zu Ende gegangen sei.
Prof. Dr. Heinz Schott (Bonn)
Den Sinnen hast Du dann zu trauen,
kein Falsches lassen sie Dich schauen…
Medizin der Goethezeit
Dr. Gunhild Pörksen (Freiburg)
Die Nacht im Sessel sitzend zugebracht…
Gesundheit und Krankheit
in Goethes Tagebüchern und Briefen
71
Hatte Goethe, der sich mit dem Wesen der Natur
beschäftigte, der suchte, was die Welt im Innersten
zusammenhält, der als Staatsmann, Theaterdirektor
und Dichter sich in einem Zustand beständiger Be-
schäftigung  befand,  überhaupt  Zeit  für  Kinder?
Waren sie Teil seines Lebensplanes, seiner Emotio-
nen, seiner Fürsorge und Objekte liebevoller Zunei-
gung?
Wie  wir  aus zeitgenössischen  Berichten  wissen,
fühlt sich bereits der junge Goethe zu Kindern hin-
gezogen. So wissen wir von seiner Zuneigung zu
den Kindern seiner Freunde und Bekannten, u.a. zu
Mercks Kindern  in  Darmstadt,  den  Kindern  des
Amtmanns Buff in Wetzlar, Charlottes Geschwister
sowie den Kindern Wielands in Weimar.
Nach  der  Übersiede-
lung  nach  Weimar
1775 erlebt er den har-
monischen  Familien-
kreis des Schriftstellers
Christoph Martin Wie-
land.  Der  ledige  Goe-
the fühlt  sich Kindern
so eng verbunden, daß
er für den Nachwuchs
der  Freunde  eigens
Kinderfeste  in  seinem
Gartenhaus organisiert
und  gestaltet.  Auch
führt  er  Geschicklich-
keitsspiele und sportli-
che  Übungen  in
Weimar  ein;  etwa  das
Schlittschuhlaufen.
Dies  entspricht  seiner
Vorstellung von einem natürlichen Leben und einer
natürlichen Erziehung.
In  Weimar  nimmt  der  unverheiratete
Goethe zwei Pflegesöhne in sein Haus auf
– zunächst den 12 jährigen Schweizer Hir-
tenknaben Peter im Baumgarten und später
den 11 Jahre alten, Friedrich, genannt Fritz,
den jüngsten Sohn der Frau von Stein.
Die Bemühungen Goethes um seine Pfle-
gesöhne sind in ihrem Ansatz sehr emotio-
nal und z.T. rührend. Während der engen
Bindung an Charlotte von  Stein  kann  er
unter den gegebenen Bedingungen in die-
ser  Lebensperiode  nicht  an  die
Gründung einer eigenen Familie
denken.
Die Betreuung des 12-jährigen
Peter  im  Baumgarten  gestaltet
sich jedoch zunahmend problema-
tisch. Peter gliedert sich nur schwer
ein,  raucht  Pfeife  und  nimmt  seinen
Hund mit ins Bett. Auch malt er einmal die Büste
Wielands mit Tinte an. Nach zwei Jahren schickt
Goethe ihn 1779 nach  Ilmenau, damit er den Jäger-
beruf erlernen soll.  
Frau  von Stein vertraut ihm ihren jüngsten Sohn
Fritz  an, der  drei  Jahre  lang  –  von  1783  bis  zur
Italienreise – in Goethes Haus wohnen wird. Goethe
sieht ihn als ein Liebespfand der Frau von Stein. Er
schreibt ihr 1783: Du weißt nicht, wie sehr ich Dich
auch  in  ihm liebe  und wie ich mich freue,  einen
Pfand von dir zu haben. Er nimmt Fritz auf seinen
Reisen mit, um ihn durch Anschauung zu bilden.
Friedrich  von  Stein  selbst  bezeichnet
später in der Gesamtrückschau die Er-
ziehungsphase bei Goethe als die glück-
lichste Periode seiner Jugend.
In Wilhelm Meisters Wanderjahren äu-
ßert er seine Ansichten über die Aufgabe
der Erziehung: Wohlgeborene, gesunde
Kinder bringen viel mit: die Natur hat
jedem alles gegeben, was er für Zeit und
Dauer nötig hatte, dieses zu  e n t w i k-
k  e  l  n  ist  unsere  Pflicht,  öfters  ent-
wickelt´s sich besser von selbst.
2001
Goethe – Jugend und Alter
Prof. Dr Henrik Birus (München)
Im Gegenwärtigen Vergangenes...
Die Wiederbegegnung des alten
mit dem jungen Goethe
Die neuen Leiden des jungen W. (1976)
Filmvorführung
Anschließend: Diskussion mit dem Autor
Ulrich Plenzdorf: Rückblick nach 30 Jahren
Prof. Dr. Volker Hesse (Berlin)
Meinem Herzen sind die Kinder am nächsten
Goethes Beziehungen zu Kindern
und Heranwachsenden
72
Goethes Erziehungsmaximen beinhalten vor allem
folgende Grundsätze:
1. Heranführen des Kindes an die Dinge der Wirklichkeit.
2. Die Bildung den Anlagen entsprechend zu gestalten.
3. Heiterkeit in der Pädagogik und Milde des Lehrers
4. Erziehung zur Ehrfurcht den Erwachsenen gegenüber.
Bemerkenswert sind für uns auch Goethes Gedan-
ken über Fortentwicklung und Reifen des Kindes.
In Dichtung und Wahrheit schreibt er: Wir können
die kleinen Geschöpfe, die vor uns herumwandeln,
nicht anders als mit Vergnügen, ja mit Bewunderung
ansehen. (...) Das Kind mit seinesgleichen und in
Beziehungen, die seinen Kräften angemessen sind,
scheint so verständig, so vernünftig, daß nichts drü-
ber geht, und zugleich so bequem, heiter und ge-
wandt, daß man keine weitere Bildung für daßelbe
wünschen möchte.
Die Unarten der Kinder vergleicht Goethe milde
mit Stengelblättern einer Pflanze, die nach und nach
von selbst abfallen. Der Mensch sagt er, hat ver-
schiedene  Stufen,  die  er  durchlaufen
muß, und jede Stufe führt ihre besonde-
ren Tugenden und Fehler mit sich, die in
der Epoche, wo sie kommen, durchaus
als naturgemäß zu betrachten und gewis-
sermaßen recht sind. Auf der folgenden
Stufe ist er wieder ein anderer, von den
früheren Tugenden und Fehlern ist keine
Spur mehr, aber Arten und Unarten sind
an deren Stelle getreten. Und so geht es
fort bis zu der letzten Verwandlung, von
der wir nicht wissen, wie wir sein wer-
den.
(zu Eckermann)
Goethe rät zur sorgsamen und geduldigen Erzie-
hung: Ein Blatt, das groß werden soll, ist voller Run-
zeln und Knittern, ehe es sich entwickelt, wenn man
nicht Geduld hat und es gleich so glatt haben will
wie ein Weidenblatt, dann ist’s übel.
(Brief an Jacobi
vom 9. September 1788).
Goethes »Pädagogik« gibt der Bildung den Vorrang
vor der Erziehung. Zwang und Verbote möchte er
vermeiden. In den Wahlverwandtschaften formu-
liert er: Sowohl bei der Erziehung der Kinder als
bei der Leitung der Völker (ist) nichts ungeschickter
und barbarischer als Verbote, als verbietende Ge-
setze und Anordnungen.
Goethe will dagegen dem Heranwachsenden selbst
überlassen, was er aus einem Wissensangebot für
sich entnimmt. Seiner Meinung nach darf das Bil-
dungssystem den Charakter nicht verbiegen. An W.
v. Humboldt schreibt er: Das beste Gemüt ist das,
welches alles in sich aufnimmt, sich alles zuzueig-
nen weiß, ohne daß es der eigentlichen Grundbe-
stimmung, demjenigen was man Charakter nennt,
im mindesten Eintrag thue... Ziel muß es sein, daß
der Einzelne sich zum ’Organ’ der Gemeinschaft
bildet.
Das  Fehlen  erzieherischer  Konsequenzen  beim
gleichzeitigen Ziel eines umfassenden Wissenser-
werbes wirkt sich – retrospektiv gesehen – nicht
umfassend positiv aus, weder auf die Entwicklung
des  Fritz von Stein, noch auf seinen Sohn und seine
Enkel. Als Goethe 40 Jahre alt war, gebärt ihm die
16 Jahre jüngere Christiane Vulpius den einzigen
überlebenden  Sohn  Au-
gust. Es steht außer Zwei-
fel, daß er ein liebevoller
und  besorgter  Vater  ist.
August  wird  später  ein
wichtiger Helfer für Goe-
the, der ihn jedoch lange
noch als Kind und als Ab-
hängigen behandelt.
Nach Augusts Tod muß er zusätzlich die Aufgaben
der Vaterstelle mit übernehmen. Die Enkel haben
in Goethes Haus Sonderrechte, sie dürfen sogar in
das »Allerheiligste«, das Arbeitszimmer, kommen
und haben dort einen Spieltisch. Goethe liebt seine
Enkel, ein Ausdruck hierfür ist ein Brief, den er an
Marianne von Willemer schreibt: Meine Enkel sind
wie heiteres Wetter: Wo sie hintreten, ist es hell..
Wir sehen, daß Goethe nahezu sein ganzes Leben
auch mit Kindern verbringt. Trotz der intensiven
Anforderungen, die an ihn gestellt werden, hat er
Zeit für sie.                                       Volker Hesse
73
Goethe ist sechs Mal in seinem Leben lebens-
bedrohlich erkrankt. Diese Lebenskrisen haben
ihn – das ist das Außergewöhnliche – jeweils tief
verwandelt und ihn geistiger und gereifter werden
lassen, oder, wie er es selbst nannte: Zu höherer
Gesundheit wiedergeboren.
Auch in Zeiten tiefer Depression und schwerer
körperlicher  Beeinträchtigung  arbeitet  Goethe
durch Selbstbeherrschung und mit diszipliniertem
Fleiß und ist auch in solchen Phasen kreativ.
Seine seelischen Krisen, von denen es auch im
Alter viele gibt, bewältigt er durch Läuterung,
konsequente  Bewußtmachung  und  Entsagung
und  schließlich,  dank  seinem  schöpferischen
Genie, durch dichterische Gestaltung.
So sagt er von sich selbst, daß er auch als alter
Mensch aus solchen Krankheits-Krisen gesund
und als ein neuer Mensch hervorgegangen ist, ob-
wohl die körperlichen Einschränkungen unverän-
dert vorhanden sind.
Beim alten Goethe stehen die Mäßigung und der
Verzicht, das Opfer und die Entsagung als For-
men der Selbstbewahrung immer im Mittelpunkt.
Bis ins hohe Alter hinein hat Goethe seine seeli-
schen Leiden und vor allem auch seine körperli-
chen Einschränkungen immer als Ansporn zur
Selbstbesinnung genutzt, um sich auf sich selbst
zurückzuziehen und sein Leben und Wesen zu
deuten. So entstehen bei ihm aus Perioden der
Einsamkeit und der Stille stets Phasen der schöp-
ferischen  Neugestaltung  in  Form  eines  neuen
Kunstwerkes  oder  einer  wissenschaftlichen
Abhandlung.
Goethe über Alter und Krankheit:
Motto von Dichtung und Wahrheit: Der
Mensch, der nicht geschunden wird, wird nicht
erzogen.
Im Tasso: …und wenn der Mensch in seiner Qual
verstummt, gab mir ein Gott zu sagen wie ich
leide.«
In Dichtung und Wahrheit: Genesung ist jedoch
immer angenehm und erfreulich, wenn sie auch
langsam und kümmerlich vonstatten geht und da
sich bei mir die Natur geholfen, so schien ich auch
nunmehr ein anderer Mensch geworden zu sein.
Denn ich hatte eine größere Heiterkeit des Geistes
gewonnen, als mir lange nicht bekannt, ich war
froh, mein Inneres frei zu fühlen, wenn mich gleich
ein langwieriges Leiden bedroht.
Goethe als 78-Jähriger an Kanzler von Müller:
Unser Leben kann sicherlich durch die Ärzte um
keinen Tag verlängert werden, wir leben, solange
es Gott bestimmt hat, aber es ist ein großer Un-
terschied  ob  wir  jämmerlich  wie  arme  Hunde
leben oder wohl und frisch und darauf vermag ein
kluger Arzt viel.
Joachim Wohlleben (Berlin)
Goethes Werther im Kontext seiner Zeit
Prof. Ekkehard Krippendorff (Berlin)
Gespräch über Peter Steins Faustinszenierung
PD Dr. med Klaus-Michael Koeppen (Berlin)
Goethes Schaffenskraft
als geriatrischer Patient
74
Goethe als 80-Jähriger: es ist unglaublich, wie-
viel der Geist zur Erholung des Körpers vermag.
Ich leide oft an Beschwerden des Unterleibes, al-
leine der geistige Wille und die Kraft des oberen
Teiles halten mich im Gange. Der Geist muß nur
dem Körper nicht nachgeben.
Resümee:
Welche Bedeutung kann das Leben eines dichte-
rischen Genies, das in reichlichem Ausmaß kör-
perliche und seelische Leiden durchgemacht und
überstanden hat, für unsere geriatrischen Patien-
ten haben?
Ganz  wichtig  scheint mir hervorzuheben,  daß
Goethe auch in hohem Alter weiß und umsetzt,
wie man sich weiterhin immerfort verändern, er-
neuern und verjüngen muß, um nicht stehen zu
bleiben.  Wie  viele  unserer  alten  geriatrischen
multimorbiden Patienten bleiben stehen, versto-
cken, können und wollen nicht in die Zukunft bli-
cken, beklagen nur ihre Leiden und erinnern sich
stets  der guten  alten  Zeiten und  der  jüngeren
Jahre.
Goethe führt uns vor Augen, wie man auch in
Phasen seelischer und körperlicher Leiden durch
Anpassung an die physische Gegebenheit weiter
aktiv geistig und schaffend sich betätigen kann.
I m m e r ist Goethe tätig, bis ins hohe Alter führt
er Gespräche mit Altersgenossen, aber auch mit
der jüngeren Generation; er interessiert sich für
neue Tendenzen, sieht das künftige Zeitalter der
Technik herannahen, ahnt auch schon das Pro-
blem der drohenden Arbeitslosigkeit und interes-
siert sich für die Möglichkeiten des Auswanderns
nach Amerika.
Die lebhafte Anteilnahme auch des alten Goethe
an aktuellen politischen Ereignissen, etwa der
französichen Juli-Revolution von 1830, an aller-
neuesten Erfindungen wie der Eisenbahn oder
Entdeckungen, auch in anderen Teilen der Welt,
weiß er noch in seinem Alterswerk zu verarbei-
ten. Faust II, Dichtung und Wahrheit und Wilhelm
Meisters Wanderjahre – nicht umsonst mit dem
Untertitel Die Entsagenden versehen – zeigen
uns, wie ein starker Wille auch körperliche und
seelische  Schwächen  des  Alters  durchstehen
kann.
Insbesondere ist es bewundernswert, wie Goethe
bis in sein letztes Lebensjahr die Idee des Faust,
der ihn über 60 Jahre beschäftigt hat, durch die
Reife  des Lebens  und Alters  gewandelt,  doch
noch vollenden kann.
Bemerkenswert und bezeichned ist, wie sehr sich
Goethe bemüht, stets auf der Höhe seiner Zeit zu
bleiben. Durch seine konsequente, dem Leben zu-
gewandte Neugierde werden offenbar Kräfte frei-
gesetzt, die ihn seine körperlichen und seelischen
Leiden nicht nur ertragen lassen, sondern bei ihm
sogar noch schöpferische Kräfte freisetzen.
Auch wenn sich Goethe mit zunehmendem Alter
auf sich selbst zurückzieht und ungewollte Ein-
drücke der Außenwelt abwehrt, so können sein
dichterisches Werk und sein Leben uns auch in
heutiger Zeit Hinweise geben, wie man selbst im
hohen Alter trotz vieler Gebrechen ein geistig fri-
scher  und  körperlich  tätiger  Mensch  sein  und
bleiben kann.
Klaus-Michael Koeppen
75
76
Alle GG-Ortsvereinigungen, die als Gastgeber
schon einmal ein OV-Treffen ausgerichtet haben,
und auch all jene Vorstandsmitglieder, die bereits
ein Dutzend dieser Tagungen und mehr absolviert
haben, würden vermutlich nur müde abwinken,
würde ich jetzt hier einen ausführlichen Bericht
erstatten über die auf der Arbeitstagung behan-
delten Themen.
Vermutlich würde auch eine eingehende Schilde-
rung des kulturellen Begleitprogramms und der
abendlichen  Festivitäten  nach  so  langer  Zeit
höchstens  ein  gelangweiltes  Gähnen  erzeugen.
Daher werde ich versuchen, es kurz zu machen
und nur die  Aspekte betonen, die für künftige OV-
Treffen-Ausrichter von Interesse sein könnten.
Zunächst hier einmal in Stichworten die Arbeits-
tagung, deren Ablauf eigentlich jedem von uns
geläufig ist.
Dem  einzigen  davon  existierenden  Foto  kann
man entnehmen, daß die Weimar-Abordnung zur
traditionellen Fraktion gehört, denn der Präsident,
Dr. habil. Jochen Golz, und die bewährte Leiterin
der Geschäftsstelle, Dr. Petra Oberhauser, reprä-
sentieren die Muttergesellschaft nunmehr seit den
späten 1990-er Jahren.
Prof. Dr.Volkmar Hansen (Düsseldorf) wurde in-
zwischen von Prof. Dr. Christoph Wingertszahn
abgelöst; der damalige Leiter des Goethehauses
Frankfurt, Dr. Christoph Perels (auf der Tagung
vertreten von Dr. Petra Maisak), wurde vor über
einem Jahrzehnt von Prof. Dr. Anne Bohnenkamp
abgelöst.
Auch bei den GG-Vorständen hat es im Laufe von
16 Jahren einige personelle Veränderungen gege-
ben, aber noch ist es – wie die diesjährige OV-
Tagung  in München  wieder  gezeigt hat – wie
schon seit Jahrzehnten ein großes Familientreffen
der deutschen Goetheaner.
Freitag 27. 4.
9 Uhr, Senatssaal der Humboldt-Universität,
Beginn der Arbeitstagung,
Begleitprogramm:  Stadtführung  durch  das  historische
Berlin, die Friedrichstadt, Gendarmenmarkt, Nikolaiviertel;
15 Uhr, Dampferfahrt mit Kaffeetrinken,
20 Uhr, Konzert in der Deutschen Staatsoper: Fidelio /
(alternativ) 20 Uhr, Philharmonie, Nikolaus Harnoncourt:
Mozart und Haydn.
Samstag, 28.4.
9 Uhr, Senatssaal der Humboldt-Universität,
Fortsetzung der Arbeitstagung,
Begleitprogramm: Zwei Museumsführungen:
Pergamonmuseum / (alternativ) Gemäldegalerie,
16:30 Uhr, Vortrag im Plenarsaal des Deutschen Bundes-
tags sowie die Besichtigung der Kuppel im Reichstagsge-
bäude,
19:30  Uhr, Opernpalais Unter  den  Linden:  Geselliger
Abend mit Buffet. Goethe-Vertonungen von Mozart, Reich-
hart und Schubert, Markus Ahme, Tenor, und Edwin Diele,
Klavier.
Jahrestagung der Ortsvereinigungen in Berlin
77
Sonntag, 29.4.
10 Uhr, Führung: Das neue Berlin
– Potsdamer Platz und Sony Center
12 Uhr, Treffen am Goethe-Denkmal im Tiergarten
mit Ansprache des Präsidenten,
anschließend im Haus Sommer neben dem Brandenburger
Tor Treffen mit Mitgliedern der Goethe-Gesellschaft Ber-
lin, Lesung: Ulrich Ritter: Goethes unsterbliche Geliebte
Resumé: Die Goethe-Gesellschaft Berlin veran-
staltete vom 26. 4. bis 29. 4. 2001 eine Jahresta-
gung mit insgesamt 144 Teilnehmern, von diesen
waren 129 zahlende Teilnehmer aus 52 deutschen
Ortsvereinigungen  der  Goethe-Gesellschaft  in
Weimar e.V..
Die Tagung verlief erfolgreich, sämtliche Veran-
staltungen fanden mit großer Beteiligung statt;
die Organisation verlief reibungslos, die Kosten
blieben im Rahmen der veranschlagten Summen.
Hervorzuheben ist, daß die in Zusammenarbeit
mit der Stadtbibliothek  konzipierte Ausstellung
Goethe- Berlin- Mai 1778, die erfolgreich bis
zum 6. 6. 2001 lief, nur aufgrund der Tagung
überhaupt zustande kommen konnte.
2001
Eröffnung der Ausstellung
Goethe ~ Berlin ~Mai 1778
Durch die Stadt und mancherley Menschen Gewerb
und Wesen hab ich mich durchgetrieben.
(An Charlotte von Stein, 17. Mai 1778)
Mitte Mai 1778 besucht Johann Wolf-
gang Goethe als Begleiter des Weima-
rer  Herzogs  Carl  August  die
Preußischen Residenzen. In Berlin war
er sechs Tage unterwegs, An- und Ab-
reise eingerechnet. Anlaß sind diplo-
matische Erkundungen im Hinblick auf
den  zwischen  Preußen  und  Österreich
drohenden Bayerischen Erbfolgekrieg.
Da er Tagebuch geführt und sich auch in Briefen
über seine Eindrücke geäußert hat, konnte der Aus-
stellungskurator  Siegfried  Detemple  in  der Alten
Staatsbibliothek recht genau nachvollziehen, wel-
ches Besuchsprogramm absolviert wurde, wen die
Gäste aus Weimar trafen, welche Sehenswürdigkei-
ten sie besuchten und was bei den Empfängen am
Hof geredet wurde, sofern das durch schriftliche Äu-
ßerungen überliefert ist.
Die Ausstellung blickt zunächst einmal zurück auf
die Situation in der preußischen Hauptstadt und gibt
auch Berliner Künstlern und Gelehrten das Wort, mit
denen Goethe in den folgenden Jahrzehnten in Ver-
bindung stand.
78
Gezeigt wird, wie Goethe schon vorher in Berlin be-
kannt geworden war, nämlich durch  Aufführungen
von Götz von Berlichingen (Uraufführung) und Cla-
vigo, 1774, der Operette Erwin und Elmire, 1775,
und Stella (Uraufführung), 1776.
An seinen Tagebuchnotizen entlang führt die Schau
durch das friderizianische Berlin, macht bekannt
mit den Freunden, Gelehrten
und  Künstlern,  die  er
aufsuchte,  u.  a. An-
ton  Graff und Da-
niel  Chodowiecki,
zeigt  die  Gebäude,
die er besichtigte, und
gibt  eine  Momentauf-
nahme der Stadt im Augenblick
der Mobilmachung.Zu sehen sind zeitgenössische
Gemälde, Radierungen, Stiche, Briefe und Doku-
mente aus den Sammlungen der Stiftungen Preußi-
scher Kulturbesitz und Preußische Schlösser und
Gärten Berlin-Brandenburg, dem Deutschen Histo-
rischen Museum und  dem Gleimhaus in Halber-
stadt.
Viele  Dokumente  werden  erst-
malig öffentlich ausgestellt, z.
B. der Briefwechsel, den Fried-
rich der Große Januar bis Au-
gust 1778 von Schlesien aus mit
seinem  Bruder,  dem Prinzen
Heinrich in Berlin, führte, Do-
kumente zu Friedrichs Kriegsvor-
bereitungen  sowie  eine  in  der
Staatsbibliothek gefundene Sammlung kolorierter
Kupfer mit einer vollständigen Übersicht über die
Uniformen der Preußischen Regimenter dieser Zeit.
Goethe besucht den einzigen Men-
schen, den er in Berlin persönlich
kennt: Johann  André,  Sohn
eines  Offenbacher Seidenfabri-
kanten, erlernte zwar zunächst
den  Handel,  wandte  sich  aber
früh der Musik zu. Theaterdirek-
tor Döbbelin holte ihn  1777 nach
Berlin. Bis dahin hatte er bereits 18 Opern
und  Singspiele  komponiert.  Die  Bekanntschaft
geht zurück ins Jahr 1773, als Goethe sich mit dem
Gedanken trug,  ein Singspiel für das Theater zu
schreiben und mit der Niederschrift von Erwin und
Elmire begann.
Auf seiner Rheinreise 1774 liest Goethe Lavater aus
seiner ersten Fassung vor;  wenig später vertieft sich
die Verbindung zu André, als der 25-jährige Goethe
sich in Lili Schönemann verliebt, dasWerkchen in
wenigen Wochen zu Ende  schreibt und André in
Offenbach  dazu  die Arien  vertont. Im  Mai 1775
wird es in Frankfurt von einer Liebhaberbühne mit
gutem Zuspruch des Publikums uraufgeführt.
Nach  seinem  Besuch  bei Anton
Graff,  dem  hoch  angesehenen
Portraitmaler  des  Hofes,  ent-
schließt sich Goethe spontan zu
einem weiteren Besuch bei dem
Historiker Jacob Daniel Wege-
lin, da dieser zufälligerweise im
selben Haus wie Graff wohnt.
Wegelin ist Mitglied der Königlichen Akademie der
Wissenschaften und deren Archivar. Mit ihm unter-
hielt sich Goethe über die Philosophie der Geschichte
oder über dessen neuestes Projekt, seine 1779 veröf-
fentlichte Abhandlung über die psychologische Kunst
des Tacitus. Wegelin galt zwar als etwas umständlich
und weitschweifig, hatte aber ein unglaubliches his-
torisches Wissen, und er galt als einer der erster Ver-
treter  der  empirischen  Geschichtsschreibung.
Fruchtbar für den 28-jährigen Goethe war das Ge-
spräch  sicher, hatte  er  jedoch   bereits  zwei  Jahre
zuvor in einem Brief an Merck angemerkt,  er wolle
ausprobieren, wie einem die Weltrolle zu Gesicht
stünde.
Zunächst aus Anlaß einer
gemeinsamen  Jahresta-
gung der Goethe-Gesell-
schaften  geplant,  fügt
sich die Ausstellung ein
in  die  Veranstaltungs-
reihe Preussen/2001.
Wegen der vielen Arbei-
ten  Daniel  Chodowie-
ckis, die zu sehen sein
werden,  ist  sie  auch
eine  kleine  Reminis-
zenz  an  dessen  Tod
vor zweihundert Jah-
ren, am 6.Februar 1801
Auf besonders gelungene Weise informiert über Goethes Berliner Aufent-
halt der Katalog zur Ausstellung Goethe-Berlin-Mai 1778 in der Staatsbi-
bliothek zu Berlin 2001 (Siegfried Detemple in Zusammenarbeit mit der
Goethe Gesellschaft Berlin e.V. anläßlich der Jahrestagung der Goethe-
Gesellschaften vom 26.-29.4. 2001).
79
2001 erscheint im Insel-Verlag eine
400 Seiten umfassende Biografie
über  eine  Frankfurter  Bürgers-
frau namens Elisabeth; monate-
lang steht der dicke Wälzer auf
Nr. 1 der Sachbuch-Bestseller-
liste. Er trägt den Titel: Goethes
Mutter. Die Autorin: Unser Mit-
glied Dagmar  von  Gersdorff.
Grund genug für uns, umgehend bei ihr
anzufragen  und  das  neue  Jahresprogramm  den
Frauen um Goethe zu widmen.
Die Autorin stützt sich nicht nur auf die bisher er-
schlossenen Quellen, sondern hat erstmalig die um-
fangreichen  Haushaltsaufzeichnungen  unter  die
Lupe genommen, aus denen viel Aufschlußreiches
über das Leben im Haus am Großen Hirschgraben
hervorgeht.
Die nur 18 Jahre ältere Mutter, Elisabeth Catharina
Textor, ist die erste Frau in Goethes Leben und trägt
fraglos entscheidend dazu bei, daß er dem weib-
lichen  Geschlecht  Zeit  seines  Lebens  nicht  nur
  Bewunderung, sondern auch großen Respekt zollt.
Das fröhliche, lebensbejahende Naturell der Mutter
sorgt für ein offenes Haus, in dem zahlreiche Besu-
cher  aus-  und  eingehen.  Goethe  und  seine
Geschwister, von denen nur die ältere Schwester
Cornelia das Erwachsenenalter erreicht, verleben
hier eine glückliche Kindheit. Insbesondere Wolf-
gang, ihr über alles geliebter Hätschelhans, wird
von der Mutter verwöhnt und häufig gegen den, um
20 Jahre älteren gestrengen Vater in Schutz genom-
men.
Das enge Verhältnis zur Mutter bleibt ein Leben
lang bestehen; aus den wenigen Briefen, die sich er-
halten haben – Goethe hat bei seinem umfangrei-
chen  Autodafé  1792  fast  sämtliche  an  ihn
gerichteten Briefe verbrannt – wird ersichtlich, daß
Mutter und Sohn enge Vertraute waren, die einander
so gut kannten, daß nur wenige Worte oder Andeu-
tungen nötig waren, um einander zu verstehen.
Nur wenig bekannt ist jenes Gedicht, das Goethe
mit 18 Jahren an Frau Aja richtet:
An die Mutter
Obgleich kein Gruß, obgleich kein Brief von mir /
So lang dir kommt /, laß keinen Zweifel doch
Ins Herz, als wär die Zärtlichkeit des Sohns,
Die ich dir schuldig bin, aus meiner Brust
Entwichen. (...)
Und dir bei jedem Blicke zeigt, wie dich dein Sohn verehrt.
Er habe Phantasie, Einbildungskraft und Formulie-
rungskunst von der Mutter, der brillanten Erzähle-
rin,  geerbt,  bemerkt  Goethe  in Dichtung  und
Wahrheit, und auch die Besucher im Hirschgraben
sind oft überrascht, den Dichter ganz in ihr wieder-
zufinden.
Der dreijährige Leipziger Studienaufenthalt vermit-
telt dem jungen Goethe vielfältige Welt- und Selbst-
erfahrung.  Insbesondere  die  Begegnung  mit
Käthchen Schönkopf mit ihren Höhen und Tiefen
markiert  eine  neue  Entwicklungsstufe. Josef
Mattausch geht dem anhand lebendiger, aussage-
starker Zeugnisse nach.
Als der 17-jährige Student  im Herbst 1766 in Leip-
zig zu Studienzwecken eintrifft, nimmt er den Mit-
tagstisch im Gasthof des Weinhändlers Christian
Gottlieb Schönkopf, wo er alsbald die Tochter des
Hauses kennenlernt; Anna Katharina Schönkopf,
die dort gelegentlich aushilft.
Die  Beziehung  scheint  allerdings
von Anfang an recht problematisch
gewesen  zu  sein,  nicht  zuletzt
wegen  Goethes  extremer  Eifer-
sucht  auf  vermeintliche  Neben-
buhler.  Vertrauter  in  der
Beziehung  zu  Käthchen  ist  der
zehn  Jahre  ältere  Ernst  Wolfgang
Behrisch,  Fachmann  in  allen  Fragen
des galanten Lebens und der Poesie. Käthchen wird
allerdings  der  ständigen  überschwenglichen  Ge-
fühlsausbrüche und künstlichen Eifersuchtsdramen
bald  überdrüssig.  Als  er  sie  nach
schrecklichen Szenen wirklich verlo-
ren hat, erscheint die Trennung im
Frühjahr  1768  unausweichlich.
Goethe kuriert sich von den durch-
gemachten Erschütternissen durch
das Schäferspiel Die Laune des Ver-
liebten,  in  dem  ein  eifersüchtiger
Liebhaber geheilt wird, als er erkennt,
2002                  
Die Frauen um den jungen Goethe
Autorenlesung:
Dagmar v. Gersdorff (Berlin)
Goethes Mutter und Schwester  
Dr. Josef Mattausch (Leipzig)  
Erleben und Fiktion
Goethes Jugendliebe Anna Katharina Schönkopf
80
Monika Schopf-Beige geht´s um Friedriken; aus
Platzgründen  müssen  wir  hier  leider  zahlreiche
Details  weglassen,  aber  die Willkommen-und-
Abschied-Geschichte ist ja doch allgemein ganz gut
bekannt.
In Dichtung und Wahrheit berichtet
Goethe  später von seiner  ersten
Begegnung  mit  Friederike: In
diesem  Augenblick  trat  sie
wirklich  in  die  Türe;  und  da
ging fürwahr an diesem ländli-
chen Himmel ein allerliebster
Stern  auf. (…) Schlank  und
leicht, als wenn sie nichts an sich
zu tragen hätte, schritt sie, und bei-
nahe schien für die gewaltigen blon-
den Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu
zart.
Friederike wohnt sechs Reitstunden entfernt. Je
weiter  weg,  desto  besser.  Nichts  entzündet
Goethes Phantasie mehr als das schwer Erreich-
bare. Er schreibt ihr leidenschaftliche Gedichte.
Bald ist sie sein Mädchen, dem er Hoffnung macht.
1770/1 entsteht eine Reihe von Gedichten und Lie-
dern, die er manchmal mit bemalten  Bändern an die
Geliebte sendet. Die Sesenheimer Lieder gehören
maßgeblich zum Sturm und Drang und begründen
Goethes Ruf als Lyriker. Unter ihnen sind zum Bei-
spiel das Mailied, Willkommen und  Abschied und
Das Heidenröslein.
Die Liebesbeziehung ist jedoch nicht von langer
Dauer. Schon im Frühsommer 1771 erwägt Goethe,
der seine unruhige Seele mit dem Wetterhähnchen
drüben auf dem Kirchturm vergleicht, die Bezie-
hung zu beenden. Am 7. August 1771 sieht er Frie-
derike vor  seiner  Heimkehr  nach  Frankfurt  zum
letzten Mal: Als ich ihr die Hand noch vom Pferde
reichte, standen ihr die Tränen in den Augen, und
mir war sehr übel zumute.
Aus berufenem Munde, nämlich dem des Leiters
der  Städtischen  Sammlungen  Wetzlar, Hartmut
Schmidt, der uns im Vorjahr bereits durchs Lotte-
haus geführt hat, erfahren wir, was wirklich ge-
schah  in  jenem  Sommer  1772.  Bekanntlich  ist
vieles, was im Werther steht, erst 1½ Jahre später
zu Papier gebracht worden und lediglich Goethes
Phantasie entsprungen.
Goethe  lernt Lotte, die Tochter des
verwitweten Wetzlarer Amtmanns
Buff, auf einem Tanzfest kennen.
Lotte bezaubert ihn sowohl durch
ihre  äußerliche  Er-
scheinung  als  auch
durch  ihre  offene
Art.  Wie  im  Wer-
ther  beschrieben,
tanzt  er  den  ganzen
Abend  mit  ihr,  und  es  imponiert
ihm sehr, wie Lotte die Festgesell-
schaft  während  des  Gewitters  mit
einem Spiel ablenkt.
Nicht nur mit Lottes Geschwistern versteht Goethe
sich bestens; selbst zu Albert, Lottes Verlobtem, hat
er nach dessen Rückkehr ein sehr gutes Verhältnis.
Dennoch belastet Goethe die Aussichtslosigkeit sei-
ner  Beziehung  so  sehr,  daß  er  Wetzlar  vorzeitig
  wieder den Rücken kehrt. Unfähig, Zuneigung und
Eifersucht zu zügeln, verläßt er nach einem brief-
lichen Abschied von beiden spontan die Stadt an der
Lahn. Erst als er 1½ Jahre später von dem Freitod
des gemeinsamen Wetzlarer Bekannten Jerusalem
erfährt, entscheidet er sich, das Lotte-Erlebnis lite-
rarisch zu verarbeiten.
Die Erstauflage  des in
wenigen  Tagen  aufs
Papier  gewühlten
Briefromans  mit
dem Titel: Die Lei-
den  des  jungen
Werthers erscheint
1774 in einer ersten
Auflage von rd. 800
Exemplaren, vorsichts-
halber  erst  einmal
anoynym.  Als  Goethe
gewahr  wird,  daß  er
damit den Nerv der Zeit
getroffen  hat,  bekennt
er sich als Autor.
Dr. Wolfgang Butzlaff (Kiel)
…einer einzigen angehören…
Goethes Verlobungen und Gelöbnisse
Monika Schopf-Beige (Ludwigsburg)
O Mädchen, Mädchen, wie liebe ich Dich…
Friedrike Brion
Dr. Hartmut Schmidt (Wetzlar)
So sei es denn, Lotte, Lotte lebe wohl!
Werthers Lotte – Wahrheit und Dichtung
81
Anna Elisabeth Schönemann geht in die
Literaturgeschichte  als  Goethes  Ver-
lobte Lili ein. Sie ist die zweite Prota-
gonistin  des  Referats  von Monika
Schopf-Beige,  die  uns  faktenreich
auch diese nächste aussichtslose Be-
ziehung  des  jungen  Advoka-
ten/Dichters  schildert.  Die
Tochter  eines  vermögenden
Frankfurter  Bankiers  lernt
Goethe im Frühjahr 1775 bei einem
Hauskonzert der Familie kennen. In
die  musikalische  Sechzehnjährige
verliebt er sich Hals über Kopf, ver-
lobt  sich  mit  ihr  nach  nur  wenigen
Wochen insgeheim, wie Goethe im 17.
Buch von Dichtung und Wahrheit schil-
dert, erwägt er sogar, mit ihr nach Amerika auszu-
wandern.
Beide stehen in einem eigenartigen Liebesverhältnis
zueinander, wie man ohne große Mühe aus Goethes
Gedicht Lilis Park herauslesen kann:
Ist doch keine Menagerie so bunt als meiner Lili ihre!
Sie hat darin die wunderbarsten Tiere
Und kriegt sie 'rein, weiß selbst nicht wie,
Die armen Prinzen allzumal,
In nie gelöschter Liebesqual!
Schon  nach  einem halben Jahr wird  beider Ehe-
versprechen wieder gelöst, denn die Elternhäuser
stehen der Verbindung ablehnend gegenüber und
Goethe selbst empfindet Lili bald als Einengung
seiner Lebensplanung, will er doch der Einladung
des Herzogs Carl-August nach Weimar folgen.
Dennoch  kann  er  Lili  zeitlebens nicht  vergessen
(wie in Dichtung und Wahrheit nachzulesen ist), hat
seinerzeit bei seiner ersten italienischen Reise sogar
ihr Konterfei in einem Medaillon um den Hals mit
über die Alpen genommen. Noch im Alter von 80
Jahren offenbart Goethe seinem Vertrauten Fried-
rich Soret Lili war die erste, die ich tief und wahr-
haft liebte, und vielleicht war sie auch die letzte.
Wie bereits im Goethe-Jahrbuch 103 sucht Otti
Lohss dem Wesen der tiefen Beziehung nach-
zugehen, die Goethe im ersten Weimarer Jahr-
zehnt mit Charlotte von Stein verbindet. Die
Eckdaten können ja wohl doch weitgehend als
bekannt vorausgesetzt werden.
Charlotte Albertine Ernestine Freifrau von Stein,
ist Hofdame der Herzogin Anna Amalia und ihre
enge Vertraute. Goethe lernt sie kurz nach seiner
Ankunft in Weimar im November 1775 kennen.
Die  sieben  Jahre  Ältere  ist  verheiratet  mit  dem
Landedelmann  Josias  von  Stein,  dem  Oberstall-
meister am Hofe. Sie hatte sieben Kinder mit ihm,
von denen noch drei leben, als Goethe sie kennen-
lernt. Die 1770 Briefe, Billette, Zettelgen und die
zahlreichen Gedichte, die Goethe an sie richtet, sind
die Dokumente einer außergewöhnlich innigen Be-
ziehung (Frau von Steins Briefe sind nicht erhalten).
Es wird darin deutlich, daß die Geliebte den Dichter
als Erzieherin fördert. Sie bringt ihm höfische Um-
gangsformen bei, besänftigt seine innere Unruhe
und stärkt seine Selbstdisziplin.
Fest  steht  nur,  daß  diese
Liebesbeziehung sowohl
für Goethe als auch für
Charlotte  von  Stein
von  enormer lebens-
geschichtlicher  Be-
deutung  ist.  Auch
kann  es  als  nahezu
gesichert gelten, daß
Charlotte den Wunsch
von Goethe nach Sinn-
lichkeit,  nach  der  der
Liebende auch immer wie-
der strebt, nicht zulassen kann.
Als Goethe 1786 heimlich zu einer fast zweijähri-
gen Reise nach Italien aufbricht, erleidet die Bezie-
hung einen tiefgreifenden Bruch. In Anbetracht von
Goethes Schweigen über sein Wegbleiben, wenigen,
schleierhaften Briefen von unbekanntem Ort und
ihrer Unkenntnis der für sie geschriebenen Reise-
tagebücher, wird die von ihr empfundene Frustra-
tion verständlich. Sie ist der Meinung, er habe sie
verlassen. Erst recht nicht verzeihen kann sie ihm
nach seiner Rückkehr die Liebesbeziehung zu der
um 25 Jahre jüngeren Christiane Vulpius.
Erst  nach  vielen  Jahren  gestaltet  sich  zwischen
beiden  wieder  ein  gewisses  Freundschaftsver-
hältnis, das bis zum Tode der Frau von Stein (1827)
andauert.
Monika Schopf-Beige (Ludwigsburg)
Herz, mein Herz, was soll das geben?
Lili Schönemann
Otti Lohss (München)
Kanntest jeden Zug in meinem Wesen…
Charlotte von Stein – Goethes Freundin
82
Die Herzogstochter und Nichte
Friedrichs des Großen heira-
tet als Sechzehnjährige den
zwei  Jahre  älteren   Herzog
Ernst   August  Konstantin
von Sachsen-Weimar  und
schenkt ihm zwei Söhne.
Als ihr Mann nach drei Jahren
stirbt, verwaltet Anna Amalia die
Regentschaft für ihren unmündigen
Sohn.  In  die  Geschichtsbücher  geht  sie  ein  als
menschliche und sehr kunstsinnige Regentin, die ihr
Herzogtum mit einigem wirtschaftlichen Geschick
lenkte.
Neben ihren vielen offiziellen Pflichten pflegt Anna
Amalia die Künste; sie nahm Klavierunterricht, be-
gründete das deutsche Schauspiel in Weimar und
kann auch als eigentliche Initiatorin der Weimarer
Museen  bezeichnet  werden.  Sie  sammelte  einen
Kreis wichtiger Musiker und Dichter wie Herder,
Wieland und Goethe um sich.
Friedmar Apel nimmt  Corona  Schröter  und  ihr
besonderes Verhältnis zu Goethe in den Fokus. Die
Sängerin, Schauspielerin und Komponistin wird ab
November 1776 auf  Goethes Betreiben  zur viel-
beschäftigten  und  bewunderten  Sängerin  der
Weimarer Hofkapelle. Sie ist vielseitige professio-
nelle Darstellerin und als solche die Hauptstütze
von Goethes Liebhaberaufführungen, eine fertige
Klavier-  und  Flötenspielerin, gewandte  Gesell-
schafterin sowie  künstlerisch  und  literarisch
ambitioniert. 1779 findet die erste Auf-
führung der Iphigenie mit Corona in
der Titelrolle und Goethe als Orest
statt, auch der Herzog wirkt mit.
Corona  Schröter  wird  zu  ihrer
Zeit auch als Liederkomponistin
gefeiert;  vertont  sie  doch  u.a.
auch  Goethes Erlkönig.
Die Beziehung zwischen Goethe
und  der  Schauspielerin  Corona
Schröter ist nach wie vor geheimnis-
voll. Unzweifelhaft aber scheint, daß sowohl
der Herzog als auch Goethe sich um sie bemühen.
Der Dichter aber entziffert an ihr spiegelbildlich
die  Problematik  des  Künstlers  im  Dienst  der
Macht.
Das ist auch ein Thema der Iphigenie. Auffallend
oft sagt Iphigenie im Eingangsmonolog »hier«.
So konnte das Stück dem Weimarer Publikum die
Selbstbehauptung  des  Künstlers  der  Obrigkeit
gegenüber vor Augen führen.
Prof. Dr. Friedmar Apel (Bielefeld)
und selbst Dein Name ziert, Corona,  Dich...
Iphigenie in Weimar
Eckart Henscheid (Berlin)
Frauen unter Goethe (Lesung)
Dr. Franziska Schöffler (Freiburg i.B.)
Lehrjahre
Frauengestalten im Wilhelm Meister
83
Das Jahr beginnt mit einem Lichtbildervortrag im
Literaturhaus,  in  dem  uns Siegfried  Seifert die
Weimarer Primadonna Karoline Jagemann vorstellt.
Sie ist ein Weimarer Kind. Der Vater, Bibliothekar
der  Herzoginmutter,  sorgt  1790  dafür,  daß  die
Stimme  seiner  13-jährigen  Tochter  Karoline  am
berühmten Mannheimer Nationaltheater unter Iff-
lands strenger Leitung die gründlichste Ausbildung
erfährt. sechs Jahre später kehrt sie nach Weimar
zurück,  nun  eine  Sängerin  und  Schauspielerin,
deren  Sprechen so melodisch und geistreich akzen-
tuiert ist, wie ihr Gesang einem Nachtigallenton
gleicht, voll Süße, Rundung und Kraft.
Seiner Lehre, so Goethe 1824 zu Eckermann, habe
sie nie bedurft. Sie sondere klug die Charaktere und
bilde jede Einförmigkeit meidend, die eigene Indi-
vidualität der dichterischen Figur gemäß um«. Sie
sei »wie auf den Brettern geboren, in allem sicher
und entschieden, gewandt und fertig wie die Ente
auf dem Wasser gewesen.
Sie  ist  unbedingt  ein
Gewinn  für  Weimars
Bühne, doch auch ein
Problem für einen In-
tendanten wie Goethe,
der selbst von der gro-
ßen  Begabung  den
Willen  zur  Einord-
nung in das Ensemble
erwartet.  Karoline
aber  neigt  weder  zur
Bescheidenheit  noch
zur  Selbstunterschät-
zung.
Die Situation verschärft sich, als sie dem jahrelan-
gen leidenschaftlichen Werben Carl-Augusts nach-
gibt und 1802, nachdem sie sicher sein kann, daß
Herzogin Luise großmütig zustimmt, in eine Ver-
bindung einwilligt, die sie als Nebenfrau an Carl
Augusts Seite rückt. Goethe sieht sich plötzlich mit
einer  Primadonna  konfrontiert,  gegen  die  er  nur
mühsam seinen Willen behaupten kann.
1809 legalisiert Carl August zudem den Bund mit
Karoline und deren Nobilitierung zu einer Frau von
Heygendorf. Noch im selben Jahr ernennt der Her-
zog sie zur Operndirektorin. Sie übernimmt, nach-
dem sie gegen Goethe intrigiert und 1817 dessen
Rückzug aus dem Theaterbetrieb bewirkt hat, die
alleinige  Leitung des Hoftheaters. Als  1823, zur
Feier von Goethes Genesung von einer schweren
Herzerkrankung Tasso gegeben wird, krönt sie statt
Vergils Goethes Büste mit Lorbeer und bringt am
Ende der Aufführung, noch im Kostüm ihrer Rolle,
den Kranz dem Dichter.
Eckart  Kleßmann,  ausgewiesener  Kenner  der
Goethezeit, bereitet gerade ein Buch vor mit dem
Titel: Christiane – Goethes Geliebte und Gefährtin
und gewährt uns vorab schon einmal einen Einblick
in seine Recherchen. Zahlreich sind die überkom-
menen Klischees über Goethes langjährige Lebens-
gefährtin und spätere Ehefrau, die zunächst von der
Weimarer  Gesellschaft,  später  von  Generationen
von Literaturhistorikern als Bettschatz und Dumm-
chen tituliert wurde.
Mit  dem  schönen  Elan  der
Sympathie entwirft Kleß-
mann  ein  gerechteres
Bild der jungen Frau,
die  mehr  ist  als  die
sinnliche  Geliebte,
die umsichtige Wirt-
schafterin  und  sor-
gende  Mutter:  für
Goethe  ist  sie die
unvergleichlich e
Partnerin  im  Reich
der guten Täglichkeit,
deren Liebe er mit Liebe
erwidert  und  für  deren
Wärme er mit Wärme dankt,
des dauerhaften Vergnügens, das
sie ihm beschert, niemals überdrüssig.
Kleßmann geht es darum, durch eine Auswahl von
Urteilen  und  Briefen  zum  einen  den  Charakter
Christianes für uns schärfer zu konturieren sowie
zum anderen zu umreißen, wo und wie wir der lang-
jährigen Lebensgefährten Goethe in seinem Werk
wiederbegegnen.
2003                 
Die Frauen um den älteren Goethe
Siegfried Seifert (Weimar)
Goethes schöne Freundin?
Die Weimarer Primadonna Karoline Jagemann
(Dia-Vortrag)
Eckart Kleßmann  (Hamburg)
Mein Liebchen Du…
Christiane Vulpius im Urteil der Zeitgenossen
und in Goethes Briefen und Gedichten
84
Dem  Gedicht Gingko
biloba und  seiner  Ent-
stehunggeschichte.wid-
met  sich Theo  Buck.
Das  Gedicht  ist  Mari-
anne von Willemer ge-
widmet  und  stellt  das
Ginkgoblatt  aufgrund
seiner Form als Sinnbild
der  Freundschaft  dar.
Die Erstfassung des Ge-
dichts ist datiert auf den
15. September 1815, als
Goethe  während  eines
fünfwöchigen  Aufent-
haltes in Frankfurt dort
mehrmals mit Marianne
von Willemer am Main-
ufer  verabredet  ist.  Er
wohnt sogar eine Woche im Roten Männchen, der
Willemerschen Stadtwohnung, die übrige Zeit in
der Gerbermühle.
Überliefert ist, daß Goethe die Blät-
ter des Ginkgo betrachtet und über
deren Form sinniert habe. Eines der
Blätter  sendet  er  schließlich  als
Ausdruck seiner Zuneigung an Ma-
rianne. Der mit Goethe befreundete
Kunstsammler  und  Schriftstel-
ler  Sulpiz  Boisserée  erwähnt  in
einer Tagebucheintragung vom 15.
September  1815: Heiterer Abend.
G. hat der  Willemer ein Blatt des
Ginkgo  biloba  als  Sinnbild  der
Freundschaft  geschikt  aus  der
Stadt. Man weiß nicht ob es eins das sich in 2 theilt,
oder zwey die sich in eins verbinden. So war der In-
halt des Verses.
Im Juni ist Katharina Mommsen, Expertin in Sa-
chen Divan, aus Palo Alto wieder einmal über den
Großen Teich gekommen und widmet sich in ihrem
Vortrag der Dichterin Marianne von Willemer.
Eine eingehende wissenschaftliche Beschäftigung
mit diesem Thema schien sich bisher weitgehend zu
erübrigen. Fast ausnahmslos werden die Gedichte
aus Mariannes Feder Goethe zugerechnet, in dessen
Divan sie sich so nahtlos einfügen; apostrophiert als
Goethes Suleika, erscheint  sogar  die Verfasserin
selbst als Goethes Geschöpf, als Dichterin allein
von Goethes Gnaden, aus deren Mund letztlich das
Genie selber spricht.
Dabei ist die Tatsache, daß Marianne einige Ge-
dichte zu Goethes großem Spätwerk beigetragen hat
seit 1869 durchaus bekannt, zumindest der Goethe-
Forschung. Ihr großes Geheimnis wurde allerdings
erst neun Jahre nach ihrem Tod ver-
öffentlicht. In einem Gespräch mit
dem Schriftsteller und Kunsthistori-
ker Herman Grimm, dem Sohn des
Märchensammlers Wilhelm Grimm,
bekennt sie  sich dazu, als Suleika
dem Dichter auf seine Verse mit ei-
genen  Gedichten  geantwortet  zu
haben.
Katharina Mommsen: In der Litera-
tur über Marianne von Willemer ist
es üblich, ihre Gedichte, soweit es
sich nicht um die des Buchs  Suleika handelt, als
schwach zu kennzeichnen und als bloße Gebrauchs-
lyrik  abzuwerten.  Wie  es  scheint,  hat  sie  selbst
durch die für sie charakteristische große Beschei-
denheit zur Unterbewertung ihres dichterischen Ta-
lents  beigetragen.  Bezeichnend  für  ihre  Demut,
beginnt auch ihr erstes an Goethe gerichtetes Ge-
dicht mit dem Vers:
Zu den Kleinen zähl ich mich,
Liebe Kleine nennst Du mich.
Willst Du immer so mich heißen,
Werd ich stets mich glücklich preisen,
Bleibe gern mein Leben lang
Lang wie breit und breit wie lang.
Als den Größten kennt man Dich,
Als den Besten ehrt man Dich,
Sieht man Dich, muß man Dich lieben,
Wärst Du nur bei uns geblieben,
Ohne Dich scheint uns die Zeit
Breit wie lang und lang wie breit.
Dadurch  gibt  sie  sich  selbst  auf  den  ersten  Blick
einen fast schulmädchenhaften Anstrich. Doch wenn
man die Verse genauer betrachtet, so entdeckt man,
daß sie bei aller äußeren Einfachheit von unüber-
windbarem Raffinement sind.Das konnte allerdings
nur Goethe gewahr werden, während sich die übrigen
Leser durch den naiven Ton täuschen ließen.
Prof. Theo Buck (Aachen)
…sind es zwei, die sich erlesen...
Mariannne von Willemer und Goethe
im Spiegel des Gedichtes Gingko biloba
Prof. Dr. Katharina Mommsen (Palo Alto)
Zu den Kleinen zähl ich mich…
Die Dichterin Marianne von Willemer
85
Im  März  setzt  uns Hans-Hellmut
Allers ins Bild über Goethes Verhält-
nis zu Bettine Brentano, der exzen-
trischen Tochter seiner Jugendliebe
Maximiliane, die stirbt, als Bettine
acht Jahre alt ist. Der Vortrag setzt
ein bei der Großmutter Sophie La
Roche, schildert die Freundschaft
der  jungen   Bettine  mit  Goethes
Mutter,  deren  Erzählungen  aus  der
Kindheit des Dichters letztendlich Goe-
the zur Niederschrift seiner Autobiografie anregen.
Als  Bettine  in  Begleitung  von  Schwester  und
Schwager Savigny Goethe das erste Mal in Weimar
gegenübertritt, ist sie 22 Jahre jung; er ist 57 Jahre
alt und seit sechs Monaten mit Christiane verhei-
ratet.
Was folgt, ist allgemein bekannt: Bettines zahlreihe
Briefe an ihn; seine meist spärlichen und recht sprö-
den Antworten; mehrere Begegnungen; ihre Verlo-
bung mit Achim von Arnim; ihr beharrliches Vor-
schlagen eines Treffens zwischen Goethe und Beet-
hoven, die sich ohne ihre Vermittlung vielleicht nie
persönlich begegnet wären; schließlich der vielfach
kolportierte  Streit  zwischen  ihr  und  Christiane
– Bettine äußert sich hochmütig und abfällig über
die Werke vom Kunschtmeyer; Christiane reißt  ihr
daraufhin die Brille von der Nase, worauf  Bettine
sie bekanntlich eine wahnsinnige Blutwurst nennt.
Goethe erteilt ihr Hausverbot; es wird ein endgülti-
ger Bruch sein. Dem Referenten gelingt es, in der
restlichen halben Stunde Bettines Familienleben zu
schildern, ihr späteres soziales Engagement in Ber-
lin und einzugehen auf den von ihr nach Goethes
Tod veröffentlichten überwiegend fingierten Brief-
wechsel mit einem Kinde. Als Epilog sodann die
kurze Schilderung ihres Entwurfs für ein Goethe-
Denkmal: Dieses zeigt ihn als thronenden Olympier
gehüllt in eine griechische Toga mit nacktem Ober-
körper, in der Hand eine Lyra.
Viel  ist  schon über  Bettine  geschrieben  worden,
deshalb  faßt  der  Vorstand  den  Entschluß,  Hans-
Hellmut Allers' Vortrag über Goethes Verhältnis zu
Bettine  als  Jahresgabe  zu  publizieren,  der  eine
Reihe weiterer aus seiner Feder folgen werden.
Im Oktober spricht der Historiker Detlef Jena, Ex-
perte für die napoleonische Ära, und bringt uns die
Zarentochter Maria Pawlowna näher, indem er sie
im historischen, geistigen, politischen und räumli-
chen Kontext zeigt und daher auch ihr Verhältnis zu
Goethe sehr lebensnah mit Kolorit versieht.
Wir lernen  viel  an  diesem Abend:  Die russische
Großfürstin Maria Pawlowna, Enkelin Katharina
der Großen, Tochter des unglückseligen, 1801 von
einer Adelsclique erdrosselten Zaren Paul, Schwes-
ter der Zaren Alexander und Nikolaus und spätere
Schwiegermutter des deutschen Kaiser Wilhelm I.,
heiratet 1804 den Erbherzog von Sachsen-Weimar-
Eisenach, Carl Friedrich. Vom weltstädtischen Ve-
nedig des Nordens – St. Petersburg – kommt die
18-jährige in das kleine, provinzielle, aber geistig
und literarisch hochgerühmte Weimar.
Maria Pawlowna, die neben Rus-
sisch und Französisch Deutsch,
Englisch  und  Italienisch
spricht, identifiziert sich mit
der Weimarer Klassik, verehrt
und unterstützt insbesondere
Goethe und Liszt und ruft eine
einmalige  Symbiose  von
Musik, bildender Kunst, Archi-
tektur und Dichtung ins Leben.
Zunehmend  entwickelt  sie  sich  zur  sozial  und
karitativ engagierten, lebenspraktisch orientierten
Landesmutter  und  setzt  sich  landesweit  für  eine
elementare Bildung und Ausbildung insbesondere
für Frauen und Kinder ein. Goethe zu Eckermann:
Ich kenne die Großfürstin seit dem Tage ihrer An-
kunft und habe in Menge Gelegenheit gehabt, ihren
Geist und Charakter zu bewundern. Sie sei eine der
besten  und  bedeutendsten  Frauen  ihrer  Zeit  und
würde es auch sein, wenn sie keine Fürsten wäre.
Und er fährt fort: Für dieses Land ist sie von jeher
wie ein guter Engel gewesen und wird es mehr und
mehr, je länger sie mit ihm verbunden ist.
Hans-Hellmut Allers (Berlin)
Du wunderliches Kind
Bettine von Arnim und ihre Beziehung zu Goethe
Prof. Detlev Jena (Eisenberg/Jena)
Die sehnlichst Erwartete
Goethes Verhältnis zur Großfürstin
Maria Pawlowna
Dr. Heike Spies (Düsseldorf)
Mariane, Philine, Aurelie….
Die Frauengestalten in Goethes Roman
Wilhelm Meisters Lehrjahre
86
Im  November  widmet  sich
Klaus-  Michael  Koeppen
Goethes letzter  Liebe,  Ulrike
von   Levetzow,  und  erläutert
dem Publikum, warum  Goethe
1823  am  Herzen  erkranken
mußte, und daß dies ein gera-
dezu  klassisches  Beispiel  von
psychosomatischen Leiden dar-
stelle.
Den  Reigen  beschließt  im  Dezember Monika
Schopf-Beige mit einem faktenreichen Vortrag über
Goethes Schwiegertochter. Diese, geborene Ottilie
von Pogwisch, lebt allein bei der Mutter und Groß-
mutter,  einer  geborenen  Henckel  von  Donners-
marck. Von Zeitgenossen wird sie beschrieben als
klein  und  zierlich,  sie  hat  ausdrucksvolle  blaue
Augen, schönes Haar und kann gewandt plaudern;
sie singt, zeichnet, ist gefühlvoll und früh gewitzt,
gelehrig, begeistert sich für Byron, hat Freude am
Theater und dichtet auch ein wenig.
Goethe setzt große Hoffnungen in diese junge Frau,
um die  sein Sohn August wirbt. Schließlich ent-
schließt sie sich im Juni 1817, also ein Jahr nach
Christianes Tod, mit knapp 21 Jahren nach einigem
Widerstreben die Frau August von Goethes zu wer-
den,  doch  vor  allem  die  Schwiegertochter  des
Weimarer Dichterfürsten.
In der Mansardenwohnung am Weimarer Frauen-
plan ist sie wohl mehr die mit dem berühmten Dich-
ter geistvoll plaudernde Schwiegertochter als die
sich  dem  Ehemann  August  liebevoll  widmende
Gattin,  dem  sie  immerhin  drei  Kinder  gebärt:
  Walther Wolfgang (1818), Wolfgang Maximilian
(1820) und das 1827 geborene Nesthäkchen Alma.
Während Ottilie sich neben dem Schwiegervater zu
behaupten weiß, ist August eher eine fatale Rolle
zugeteilt: Der Vater hat ihn herangezogen, damit er
Goethes Geschäfte verwaltet; für ihn die Honorar-
verhandlungen mit den Verlegern führt und über-
haupt  alles  übernimmt,  was  Goethe  von  seinen
wichtigen Hauptgeschäften, seinen Korresponden-
zen und seinem dichterischen Tun abhält.
Dies  erfüllt  er  zwar  alles  zur  Zufriedenheit  des
Vaters, doch Ottilie entgeht dieser etwas entwürdi-
gende Status des Ehemanns quasi als Haushofmei-
ser  am  Frauenplan  keinesfalls  und  das  läßt  sie
August auch spüren. Die Ehe ist alles andere als
harmonisch.
15 Jahre lang wird sie nun die
nächste  Mitbewohnerin  des
Dichters.  Rasch  entwickelt
sich die geistreiche Schwie-
gertochter zum Anziehungs-
punkt  der  internationalen
Gästeschar des alten Goethe.
1829  gründet  sie  die  Zeit-
schrift Chaos,  in  der  neben
Goethe und den Weimarer Freun-
den auch zahlreiche berühmte Zeitgenossen vertre-
ten sind.
Nach zwölf Ehejahren projiziert Ottilie ihre uner-
füllte Liebessehnsucht auf den neunzehnjährigen
Iren Charles James Sterling, der Goethe im Auftrage
Lord Byrons besucht.
Sterling bleibt ein Jahr lang in Weimar; zur selben
Zeit, da der 74-jährige Goethe seine Marienbader
Affäre mit Ulrike von Levetzow hat, bahnt sich zwi-
schen Ottilie und Sterling eine von Ottilie leiden-
schaftlich betriebene Beziehung an.
Dennoch erfüllt sie weiterhin ihre Pflichten als Mut-
ter  und  Schwiegertochter.  Augusts  Alkohol-
probleme und Ottilies Liebschaft belasten die Ehe
allerdings bald so schwer, daß August sich zu einer
Reise nach Italien entschließt, wo er 1830 in Folge
eines Nierenversagens stirbt.
Nach seinem Tod lebt Ottilie weiterhin bei ihrem
Schwiegervater; obwohl sie sich gelegentlich von
Goethe überfordert fühlt, gehört er, den sie liebevoll
Vater nennt,  zu  den wenigen  stabilen  Größen  in
ihrem Leben.
Als Goethe 1832 stirbt, verfügt er in seinem Testa-
ment, daß an Ottilie eine Rente auf Lebenszeit nur
unter  der  Prämisse ausgezahlt wird,  daß sie von
einer erneuten Heirat absieht.
Dr. Klaus-Michael Koeppen (Berlin)
Keine Liebschaft war es nicht
Ulrike von Levetzow –
Traum oder Wirklichkeit?
Monika Schopf-Beige (Ludwigsburg)
Was Du mir als Kind gewesen,
was Du mir als Mädchen warst
Ottilie von Goethe
87
Zum Auftakt führt uns Werner Busch Goethes Ver-
hältnis zur bildenden Kunst vor Augen. Seine ersten
bewußten Kunsteindrücke: Die Gemälde der zeit-
genössischen Frankfurter Malerschule deren Land-
schaften  der  Vater  sammelt.  Noch  mehr
beeindrucken ihn die Renaissance-Kupferstiche im
Treppenhaus, die über drei Jahrzehnte seine Vor-
stellung von Rom prägen werden.
Der Leipziger Student nimmt Un-
terricht  beim   Kupferstecher
Adam Friedrich Oeser, doch mit
der arabesken Formensprache
des Rokoko vermag er wenig
anzufangen. Es folgt die Straß-
burger Sturm- und-Drang-Zeit,
in  der  der  Zweiundzwanzig-
jährige  den Aufsatz Von  deut-
scher Baukunst verfaßt, in dem er
über  die  gotische  Bauweise  des
Münsters und seiner Details reflektiert.
Den entscheidenden Einschnitt markiert die Italien-
reise.  Die  dort  gewonnenen  Eindrücke  werden
Goethes  Kunstideal  für  die  nächsten  Jahrzehnte
prägen. An den aus der Geschichte  der Antike und
der  Renaissance  gewonnenen  Vorstellungen  des
Menschenbildes, der Architektur- und Naturdarstel-
lung richtet Goethe nun seine kunsterzieherischen
Bemühungen in den nächsten Jahren aus. Sie prä-
gen in der Zeit um 1800 auch seine aktive Einfluß-
nahme gegen die Romantiker;
Erst im letzten Drittel seines Lebens – nach der
durch Sulpiz Boisserée herbeigeführten Wiederbe-
gegnung mit Motiven der altdeutschen Malerei –
wird  Goethe  versöhnlicher  anderen  Kunstauf-
fassungen gegenüber gestimmt. Sein hohes künst-
lerisches  Schönheitsideal  –  die  harmonische
Verbindung des Menschen mit der Natur – bildet
das Leitthema seiner Sammlung von über 17.000
Graphikblättern.
Im Februar gibt uns Hans-Hellmut Allers einen
detaillierten Einblick in das Bühnengeschehen hin-
ter den  Kulissen  des Weimarer Theaters,  dessen
Leitung Goethe über 25 Jahre innehat. Von beson-
derem Interesse ist  für viele Zuhörer auch die enge
Verbindung  zu den Berliner Bühnen, die der Dra-
matiker, Intendant und Spieleiter Goethe Zeit seines
Lebens sucht.
Goethe steht mit Iffland, Devrient und vielen ande-
ren  in  engem  Briefkontakt  und  läßt  sich  später
regelmäßig von seinem vertrauten Freund Zelter
berichten, wie das Publikum auf welche Inszenie-
rungen reagiert habe.   
2004                
Goethe und die Künste
Prof. Dr. Werner Busch (Berlin)
Goethe und die Künstler
Hans-Hellmut Allers (Berlin)
Erlaubt ist, was gefällt
Der Theaterleiter Goethe
Prof. Dr. Katharina Mommsen (Palo Alto)
vielleicht die kultivierteste Frau in Europa
Die Malerin Angelica Kauffmann
Michael Engelhard (Bonn)
Nichts Höheres, nichts Vollkommeneres…
Goethe und Palladio
Gottfried Eberle (Berlin)
Symbolik fürs Ohr
Goethe und die Musik
Prof. Dr. Ernst Osterkamp (Berlin)
Goethe als Leser
Johann Joachim Winckelmanns
88
89
Im italienischen Tagebuch (für Charlotte von Stein)
heißt es unter dem Datum 19. Oktober 1786: Zwey
Menschen, denen ich das Beiwort groß, ohnbedingt
gebe, habe ich näher kennen lernen: Palladio und
Raphael. Es war an ihnen nicht ein Haarbreit Will-
kürliches,  nur  das  sie  die  Grenzen
und  Gesetze  ihrer  Kunst  im
höchsten Grade kannten und
mit  Leichtigkeit  sich  darin
bewegten,  sie  ausübten,
macht sie groß!
Michael Engelhard bringt
uns  rhetorisch  beeindru-
ckend und kenntnisreich den
führenden  Baumeister  der
norditalienischen  Renaissance
näher. Dessen Schriften mit Grundris-
sen und Stichen der antiken Tempelbauten erwirbt
Goethe in Padua  und macht sich auf den Weg nach
Rom, dessen klassische Bauten er nun durch die
Augen Palladios zu sehen beginnt: Jetzt studier ich
das  Buch  und  es  fallen  wie  Schuppen  von  den
Augen, der Nebel geht auseinander und ich erkenne
die Gegenstände.
Im  Mai  ist  zur  Abwechslung  die  Musik  an  der
Reihe. 50 Mitglieder lauschen Gottfried Eberles
Ausführungen,  betitelt Symbolik  fürs  Ohr  in  der
Dahlemer Geschäftsstelle. Wir erfahren viel Neues
und  Wissenswertes  über  Goethes  Verhältnis  zur
Musik,  im  Besonderen  zu  zeitgenössischen
Musikern wie Mozart, Beethoven und Schubert, zu
Reichhardt und Zelter, der ihn in Weimar mit dem
jungen  Felix  Mendelssohn-Bartholdy  bekannt
macht.
Eberle, jahrzehntelang Musikredakteur beim RIAS,
reichert seinen faktenreichen Vortrag immer wieder
mit Musikbeispielen am Klavier an, einprägsam er-
gänzt durch die junge Nachwuchssopranistin Ute
Eckert, die unter einem Zelter-Gemälde Vertonun-
gen Goethischer Gedichte vorträgt, neben den Ever-
greens Veilchen, Erlkönig, Rattenfänger und Wer
nie sein Brot mit Tränen aß eben auch solche, die
man nicht alle Tage zu hören bekommt.
Zur  Einstimmung  auf  die
Schweizer Reisen reist in der
ersten  Augusthälfte Jochen
Klauss aus  Weimar  an,  um
uns über das Verhältnis Goe-
thes  zum  Künstlerfreund
Heinrich Meyer zu unterrich-
ten.  Diesen  hatte  Goethe
1786  in  Rom  kennen  und
bald als unentbehrlichen Rat-
geber schätzen gelernt. 1791 zog der Kunschtmeyer
ins Haus am Frauenplan mit ein, dessen  Ausgestal-
tung  Goethe dem Freund während seiner durch die
Teilnahme an den Feldzügen von Valmy und Mainz
bedingten Abwesenheit  überläßt. 1795 überträgt
ihm Goethe die Leitung der Freien Zeichenschule.
Den  Zeitgenossen  ist  ein  wenig  unverständlich,
warum Goethe sich ausgerechnet auf das Urteil die-
ses als Maler eher mittelmäßig talentierten Schwei-
zer  Kunsthistorikers offenbar  blindlings  verläßt.
Relativ wenig schriftliche Zeugnisse von Dritten
sind überliefert, aus denen sich ein Charakterbild
Meyers ergibt. Goethe schätzt diesen kunstsinnigen
Hausgenossen so sehr, daß er einmal äußert: Wenn
er stirbt, so verlier ich einen Schatz, den wiederzu-
finden ich für das ganze Leben verzweifle. Meyer
hielt sich daran und überlebte Goethe um wenige
Wochen.
Im September beschert uns Hans-Wolfgang Kend-
zia neue Erkenntnisse über Goethes Portraitisten.
Zu Goethes Lebzeiten entstehen über 80 Portraits,
Schattenrisse, Bleistift-, Sepia-, Kreide- und Tusch-
zeichnungen, Radierungen, Kupferstiche, Minia-
turen sowie Reliefs, Skulpturen und mehr als ein
Dutzend Ölgemälde.
Der Vortragende konzen-
triert  sich  notabene  auf
jene  Portraits  des  Dich-
ters,  die  Goethes  Natur
und seinem Wesen wohl
am nächsten kommen: die
Bleistiftzeichnung  des
26-Jährigen  etwa  von
Georg  Melchior  Kraus;
Martin  Gottlob  Klauers
Büste von 1790, ferner die Altersbildnisse Heinrich
Kolbes  und  Joseph  Karl  Stielers  und  die  Büste
Christian Daniel Rauchs. Interessantes ist zu erfah-
ren über Goethes Verhältnis zu seinen Portraitisten
und ihren »Hervorbringungen«, von denen er nur
den geringeren Teil gelten ließ.
Mit der ihm eigenen kunsthistorischen Kompetenz
und  Detailkenntnis  referiert Helmut  Börsch-
Suphan über das Verhältnis Goethes zu dem Berli-
ner Architekten und Maler Karl Friedrich Schinkel,
den er persönlich erst 1816 kennenlernt.Vier Jahre
später trifft man sich in Jena, wo Schinkel ihm die
Pläne für sein neues Schauspielhaus in Berlin zeigt,
die  bei  Goethe auf  großes  Interesse stoßen,  ent-
spricht doch die Art, wie der um 32 Jahre Jüngere
die griechische Baukunst den Bedürfnissen eines
modernen Theaters anzupassen versteht, ganz sei-
nem eigenen Kunstideal.
In seinen Annalen verzeichnet er:
...eine lebhafte, ja leidenschaftli-
che  Kunstunterhaltung  und  ich
durfte  diese  Tage  unter  die
schönsten  des Jahres rechnen.
Dr. Jochen Klauss (Weimar)
Wenn er stirbt, so verlier ich einen Schatz...
Johann Heinrich Meyer,
Goethes Künstlerfreund
Hans-Wolfgang Kendzia (Berlin)
Goethes Portraitisten
und sein Verhältnis zu ihnen
Dr. Helmut Börsch-Suphan (Berlin)
Mögen wechselseitige Zeugnisse dieses
glückliche Verhältnis immerfort beleben…
Goethe und Schinkel
90
Neue  Einsichten  bieten  auch  die  Ausführungen
Norbert  Millers  über  den  Zeichner  Goethe,  in
denen er sich auf die Begegnung des Dichters mit
Jakob  Philipp  Hackert  konzentriert,  dem  wohl
berühmtesten  Landschaftsmaler  seiner  Zeit.
Goethe, der zuvor mehr oder minder als Autodidakt
...doch nicht ganz ohne Talent Thüringer Berge und
Burgen aufs Papier gestrichelt hat, geht nun hier
noch einmal in die Schule und studiert Kompositi-
onslehre- und Ausführung. Hackert verachtet den
bloßen  Kunst-Enthusiasmus  der  Dilettanten;  die
flüchtig schraffierte Impression ist ihm ebenso är-
gerlich wie die durch heftige zum Ereignis drama-
tisierte Naturansicht. Sein Credo Die Natur trägt
die Schönheit in sich macht Goethe sich zu eigen,
muß sich freilich alsbald eingestehen, daß der eige-
nen gestalterischen Begabung hier Grenzen gesetzt
sind.
Im Dezember schließt
sich  der  thematische
Reigen mit Manfred
Koltes Vortrag  über
Das  Verhältnis  der
Gebrüder  Boisserée
zu Goethe. Bevor wir
jene  Baurisse  des
noch unfertigen Köl-
ner  Doms  zu  sehen
bekamen,  mit  denen
der  Kunstsammler
Sulpiz  Boisserée  1810  Goethe  an  den  Rhein  zu
locken  versuchte, gab  es  erst einmal Außen-und
Innenansichten  des  Weimarer  Goethe-Schiller-
Archivs zu sehen.
Dort nämlich befinden sich die Briefe Sulpiz Bois-
serées an Goethe, die – wie seit kurzem der gesamte
übrige Goethe-Bestand – von Manfred Koltes be-
treut werden. Erstaunt nehmen wir zur Kenntnis,
daß dem jungen Rheinländer häufig so das Herz
übersprudelte, daß er ganz vergißt, über seine Zei-
len eine Anrede zu setzen. 1814 endlich entschließt
sich Goethe die Boisserée’sche Sammlung in Hei-
delberg anzuschauen, deren Schätze altdeutscher
und niederländischer Meister einen tiefen Eindruck
auf ihn machen.
Prof. Dr. Norbert Miller
Der Dichter, ein Landschaftsmaler
(Dia-Vortrag)
Dr. Manfred Koltes (Weimar)
Das Verhältnis der Gebrüder Boisserée
im Spiegel ihrer Korrespondenz
91
1791 eröffnet das Weimarer Hoftheater. Goethe ist ein
strenger Theaterchef; er will den ganzen komödian-
tischen Stand und damit das deutsche Theater zu klas-
sischer  Höhe  treiben.  Erstmals  hat  Weimar  ein
eigenes Ensemble, erstmals einen eigenen Direktor.
Goethe, gerade von der zweiten Italienreise zurück,
ist voll Elan für einen neuen Anfang. Bisher gab es in
Weimar mit dem benachbarten Sommerbad Lauch-
städt nur das vom Hofadel und dem Herrn von Goethe
selbst gespielte Liebhabertheater oder fahrende Thea-
tertruppen ließen sich kurzfristig nieder. Deren Zeit
geht nun zu Ende. Überall in Deutschland entstehen
feste Hof- und Nationaltheater; Weimar will im 1776
erbauten Komödienhaus mithalten.
Alle sind angesteckt vom Goethes Ernst und Elan. Als
der erste Vorhang sich hebt, will man die Sache of-
fenbar bescheiden  angehen. Goethes Prolog:
Der Anfang ist in allen Sachen schwer;
Bei vielen Werken fällt er nicht ins Auge.
Der Landmann deckt den Samen mit der Egge,
Und nur ein guter Sommer reift die Frucht;
Der Meister eines Baues gräbt den Grund
Nur desto tiefer, als er hoch und höher
Die Mauern führen will; der Maler gründet
Sein ausgespanntes Tuch mit vieler Sorgfalt,
Eh' er sein Bild gedankenvoll entwirft,
Und langsam entsteht, was jeder wollte.
Nun, dächten wir, die wir versammelt sind,
Euch manches Werk der Schauspielkunst zu zeigen,
Nur an uns selbst; so träten wir vielleicht
Getrost hervor und jeder könnte hoffen
Sein weniges Talent euch zu empfehlen.
Allein bedenken wir, daß Harmonie
Des ganzen Spiels allein verdienen kann
Von euch gelobt zu werden, daß ein Jeder
Mit jedem stimmen, alle mit einander
Ein schönes Ganzes vor euch stellen sollen:
So reget sich die Furcht in unsrer Brust.
Von allen Enden Deutschlands kommen wir
Erst jetzt zusammen; sind einander fremd,
Und fangen erst nach jenem schönen Ziel
Vereint zu wandeln an, und jeder wünscht
Mit seinem Nebenmann, es zu erreichen;
Denn hier gilt nicht, daß einer atemlos
Dem andern heftig vorzueilen strebt,
Um einen Kranz für sich hinweg zu haschen.
Wir treten vor euch auf, und jeder bringt
Bescheiden seine Blumen, daß nur bald
Ein schöner Kranz der Kunst vollendet werde,
Den wir zu eurer Freude knüpfen möchten.
Und so empfehlen wir mit bestem Willen
Uns eurer Billigkeit und eurer Strenge.
92
Drei Jahrzehnte später verrät er Eckermann, er sei
mit Vernügen an die Arbeit gegangen. Nicht ohne
wirtschaftliche Rücksichtnahme, ist dafür doch
nur wenig Geld vorhanden. Auch muß er dem
Geschmack des Publikums Rechnung tragen. Al-
lein 87 Titel von  Kotzebue und 38 von Iffland
lässt Goethe während seiner Intendanz spielen,
die  25  Jahre  später  wegen  der  Intrige um  den
legendären dressierten Hund auf der Bühne zu
Ende gehen soll. Das  Publikum und die Schau-
spieler müssen zu Größerem erzogen werden, zu
Shakespeare, Calderon, Molière und nicht zuletzt
zu Goethe und Schiller.
Genauso wichtig wie das Sprechtheater ist ihm
das  Musiktheater,  das  auch    Herzenssache  der
Herzoginmutter ist; eine besondere Freude für den
Theaterchef, wenn er vor allem Mozart spielen
lassen kann. 280 Mal kommen Mozarts Opern in
Goethes Intendantenzeit vor. Fasziniert ist er vor
allem von der Zauberflöte, die in Weimar mit dem
von  ihm  entworfenen  Bühnenbild  so  auf  die
Bühne kommt, daß an den Abenden die Türen
offen stehen müssen, da das Haus das Publikum
nicht fassen kann.
93
Katharina Mommsen präsentiert uns die vielleicht
kultivierteste Frau iher Zeit in Europa: die Malerin
Angelica  Kauffmann,  eine  der  wenigen  begabten
Künstlerinnen  des  18.  Jahrhunderts,  war  eine
Ausnahmeerscheinung.  Goethe  war  ihr  in  Rom
begegnet, hatte ihr Modell gesessen für ein Portrait,
das einen etwas effeminierten Dichter zeigt, der dazu
meint: ...ein hübscher Bursche, aber keine Spur von
mir.
In ihr lernt er zum ersten Mal eine Malerin von in-
ternationalem Ansehen kennen, zählt sie doch nicht
nur zu den gesuchten Portraitisten der Gesellschaft,
sondern gilt als anerkannte Historienmalerin. Sein
Urteil: Sie hat unglaubliches und als Weib wirklich
ungeheures Talent! quittiert das überwiegend weib-
liche Publikum im Auditorium mit vernehmlichem
Räuspern.
Er liest ihr aus Iphigenie und aus Egmont vor, die
sie illustriert. Sie faßt Vertrauen zu ihm und gibt zu
erkennen, daß sie gern aus ihrem Arbeitsalltag aus-
brechen und ein anderes Leben führen würde.
Bildnisaufträge machen zeitlebens den lukrativsten
Hauptbestandteil ihres künstlerischen Œuvres aus.
Neben  Herrscherporträts  für  die  neapolitanische
Königsfamilie und dem Bildnis für Kronprinz Lud-
wig von Bayern porträtierte sie Künstlerkollegen
wie  Reynolds  und  Jakob  Philipp  Hackert  sowie
zahlreiche Romreisende, unter ihnen Goethe und
Herder. Doch auch auf dem Gebiet der Historien-
malerei, welches Frauen aufgrund des Aktstudiums
nahezu verschlossen bleibt, genieß Angelica Kauff-
mann hohes Ansehen. Wichtige Aufträge führte sie
u.a. für Kaiser Joseph II. und für das russische Herr-
scherhaus aus.
Viele ihrer Werke, in denen sich trotz ihres rokoko-
haften, leichten Farbauftrags klassizistische Tenden-
zen  spiegeln,  werden  bereits  zu  Lebzeiten  in
Stichfolgen verbreitet und  finden dekorative An-
wendung auf kunstgewerblichen Gegenständen. Die
zeitgenössische  Begeisterung  für  Kauffmanns
Werke finden ihren Ausdruck im enthusiastischen
Ausruf: The whole world is angelicamad!
Die  für  eine  bürgerliche  Frau  ungewöhnliche
Karriere  zu  einer  angesehenen,  hochdotierten
Künstlerin und zum Mitglied der Akademien von
London, Rom,  Florenz,  Bologna und Venedig ist
nicht nur auf Kauffmanns früh entwickeltes künst-
lerisches Talent zurückzuführen, sondern auch auf
ihre gesellschaftliche Akzeptanz und ihre viel ge-
rühmte zarte Seele, dem Inbegriff weiblicher Emp-
findsamkeit.
94
Ernst Osterkamp legt dar, wie früh bereits in
der Leipziger Studentenzeit Joachim Winckel-
manns  Ideal  der  autonomen,  körperlich  wie
geistig schönen Persönlichkeit – vermittelt durch
den glühenden Winckelmann-Verehrer Oeser –
auf den 17-jährigen Goethe einwirkt. In Rom er-
wirbt er das Hauptwerk Winckelmanns in italie-
nischer  Sprache  und  steht  –  wie  auch  sein
gesamter römischer Freundeskreis – von nun an
unter dem Eindruck von dessen Gedanken und
Idealen. Gewissenhaft stattet er auf Spuren sei-
nes Mentors in Sachen Antike den Zeugnissen
der Vergangenheit seinen Besuch
ab, wobei er insbesondere seiner
Begeisterung über den Apoll von Belve-
dere in Briefen an die Freunde hymnisch
Ausdruck  verleiht: Gewaltiger  Eindruck
eines göttlichen Marmorbildes.
Ähnlich wie sein Vorbild Winkelmann be-
ginnt auch Goethe bereits während seines
Italienaufenthalts den eigenen Bildungs-
weg als etwas Besonderes zu sehen, als ein
bewußt formbares Kunstwerk, das
auf das Leben zu übertragen sei. Goethes Refle-
xionen über die Totalität des Kunstwerks, in dem
sich die menschliche Schönheit verewigt, stellen
den Künstler zwar als zweiten Schöpfer dar, sein
Werk wird jedoch als autonome Schöpfung be-
trachtet und nicht mehr zu den Hervorbringun-
gen in der Natur gezählt.
Nach seiner Rückkehr aus Italien beginnt sich
Goethe  intensiv  mit  Winckelmanns  Kunstan-
schauungen  im  Einzelnen  zu  beschäftigen;  er
verfaßt eine Reihe von Aufsätzen, in denen er
noch einmal alles resümiert, was er mit Moritz in Italien,
mit Meyer und auch mit Schiller über Antikes, Heidni-
sches und ihre jeweiligen Auffassungen zeitloser Schön-
heit durchgesprochen und durchgearbeitet hat.
Auf diese Weise entsteht eine einzigartige Aufsatzsamm-
lung, die neben Winkelmanns Briefen den Entwurf einer
Kunstgeschichte des 18. Jahrhundert umfaßt. Glanzstück
des Werkes ist jedoch Goethes Charakteristik Winkel-
manns, die in weit ausgreifenden Betrachtungen eine
Übersicht über die Erscheinung dieses Mannes als
eines großartigen Repräsentanten des Zeitalters bie-
tet.
Der Referent legt dem Auditorium wärms-
tens  die  Lektüre  von Goethes  Winckel-
mann und sein Jahrhundert ans Herz; man
sollte sich das Werk allerdings besser aus-
leihen, gehört es doch zu jenen Ausnah-
mepublikationen,  die  vom  derzeitigen
Preisverfall bei Büchern nicht betroffen
sind; der Reprint mit Illustrationen kostet
nach wie vor im Buchhandel stolze € 98.
95
Seine Zeichnungen wirken bescheiden. Zart fließen
die wasserdünnen Farben in Aquarelltechnik inei-
nander, färben den Himmel blassblau, den Horizont
blassrosa, das Laub der Bäume blassgrün.
Wenn man Goethes Zeichnungen, auch die bekann-
teren von seiner Italienreise, betrachtet, könnte man
meinen, der Dichter nehme sich beim Zeichnen sehr
zurück.  Es  scheint das  Kraftvolle zu  fehlen, das
seine  Dichtung  so  auszeichnet.  Dieser  Eindruck
deckt  sich  durchaus  mit  der  Selbsteinschätzung
Goethes: Täglich wird mir's deutlicher, dass ich ei-
gentlich zur Dichtkunst geboren bin und dass ich
die nächsten zehen Jahre, die ich höchstens noch
arbeiten darf, dieses Talent exkolieren  und noch
etwas Gutes machen sollte, da mir das Feuer der
Jugend  manches  ohne  großes  Studium  gelingen
ließ. Von meinem längeren Aufenthalt in Rom werde
ich den Vorteil haben, dass ich auf das Ausüben der
bildenden Kunst Verzicht tue.
Selbst später, als er ein alter Mann und seines Ruh-
mes sicher war, schreibt er über sein Zeichentalent:
Was ich aber sagen wollte, ist dieses, dass ich in
Italien in meinem vierzigsten Jahre klug genug war,
um mich selber insoweit zu kennen, dass ich kein
Talent zur bildenden Kunst habe.
Doch was auf uns – und ihn selbst – manchmal so
unentschieden gewirkt haben mag, entspricht in vie-
lerlei Hinsicht der Technik und dem Verständnis der
Epoche. Freilich, Goethe schreibt selbst: Ich hatte
eine gewisse Furcht, die Gegenstände auf mich ein-
dringend zu machen, vielmehr war das Schwächere,
das Mäßige nach  meinem  Sinn.  Machte ich eine
Landschaft und kam ich aus den schwachen Fernen
durch  die  Mittelgründe  heran,  so  fürchtete  ich
immer,  dem  Vordergrund  die  gehörige  Kraft  zu
geben, und so tat denn mein Bild nie die gehörige
Wirkung.
Doch betrachtet man Zeichnungen seines großen
Vorbilds und Lehrers  in  Italien  Philipp  Hackert,
wird die Verwandtschaft augenfällig. Hackert malt
keine Stimmungen, sondern Details. Er strebt da-
nach, in den Konturen eines Baumes, in der Struk-
tur der Rinde und der Form der Blätter noch die
Buche erkennbar zu machen. In dieser Detailver-
sessenheit kann der zeichnende Goethe sich wieder-
96
finden.  So  bringt  er  nicht  nur  Land-
schaften und Tempel aufs Papier, son-
dern  auch  anatomische  Studien  und
naturwissenschaftliche Skizzen – auch
als bildschaffender Künstler fühlt sich
Goethe den Anhängern Johann Joachim
Winckelmanns verbunden, den Klassi-
zisten.
2700 Zeichnungen Goethes sind erhal-
ten. Der zehnbändige Corpus der Goe-
the-Zeichnungen macht  deutlich,  daß
der Dichter durchaus einen überdurch-
schnittlich ausgeprägten Sinn für For-
men und Farben hatte. Sein Vater wäre
stolz auf ihn gewesen. Über ihn schrieb
Goethe  in Dichtung  und  Wahrheit:
Zeichnen müsse jedermann lernen, be-
hauptete mein Vater. Auch hielt er mich
ernstlicher dazu an als zur Musik.
97
Auftakt des Vortragszyklus Das Goethe-Schiller-
Jahrzehnt bildet der Einführungsvortrag von Hans-
Hellmut Allers, der den 120 Zuhörern anschaulich
vor Augen führt, welch große Hindernisse zu über-
winden waren, bis die beiden so unterschiedlichen
Charaktere Goethe und Schiller zueinander finden
konnten, um  schließlich  über  ein Jahrzehnt  lang
gemeinsam jene dioskurische Dichterwerkstatt zu
betreiben, die in der Literaturgeschichte wohl ein-
zigartig ist.
Wer aus den letzten fünf Jahrzehnten des 20. Jahr-
hunderts  literarische  Hervorbringungen  für  das
Theater in deutscher Sprache zu nennen wüßte, die
es mit  den damals entstandenen Klassikern aufnah-
men könnten, der trete hervor.
Ein  Experiment  stellt das  im  Februar von
Monika Schopf-Beige veranstaltete Mär-
chen-Seminar samt Rollenspiel dar. 30 Mit-
glieder lassen sich davon überzeugen, daß
Goethes 1794 entstandenes Märchen eine
Botschaft an den Freund Schiller enthalte
– eine Entdeckung, die Katharina Momm-
sen bereits vor einigen Jahren pu-
bliziert hatte.
Der  März-Vortrag  von Rainer
Schmitz Weimarer Xenien, Berliner
Prügeleyen beschert den Zuhörern
interessante Einsichten hinsichtlich
der  literarischen  Streitkultur  um
1800. Zwischen 1795-96 verfassen
die beiden Dichter nahezu tausend
Xenien, ironische Spitzen auf bor-
nierte Kritiker und andere medio-
kre, publizistisch tätige Zeit-
genossen wie etwa der Ber-
liner Buchhändler Friedrich
Nicolai, der seinerseits sa-
tirische  Angriffe  gegen
Goethe, Schiller und Her-
der geritten hatte und als
organisatorischer Mittel-
punkt  der Berliner Auf-
klärung galt.
2005             
Das Goethe-Schiller- Jahrzehnt
Hans-Hellmut Allers (Berlin)
Glückliches Ereignis…
Goethe und Schiller –
Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft
Monika Schopf-Beige (Ludwigsburg)
Das Märchen –
Eine Botschaft Goethes an Schiller
Zweitägiges Seminar
Rainer Schmitz (München)
Weimarer Xenien, Berliner Prügeleyen...
Anmerkungen zur literarischen
Streitkultur um 1800
Prof. Dr. Rolf-Peter Janz (Berlin)
Die Braut von Messina und Iphigenie
Schillers und Goethes Annäherung
an das antike Theater
98
Im April unterrichtet uns der FU-Dozent Rolf-Peter
Janz über die unterschiedliche Herangehensweise
der beiden Dichter an das antike Theater . Dem Au-
ditorium ist manches neu, was Schillers dramati-
sche  Kunstauffassung  anbetrifft,  etwa  seine
Rechtfertigung, in der Braut von Messina wieder
den antiken Chor einzuführen: Ein poetisches Werk
muß sich selbst rechtfertigen, und wo die That nicht
spricht, da wird das Wort nicht viel helfen. Man
könnte es also gar wohl dem Chor überlassen, sein
eigener Sprecher zu sein.
Der Mai beschert uns ein weiteres Mal das Glück,
Katharina Mommsen als Referentin zu hören, die
uns überzeugend darlegt, daß der Tell eigentlich ein
Gemeinschaftswerk  beider  Dichter  gewesen  sei.
Seine Teilhabe am Entstehungsprozeß geht weit da-
rüber hinaus, daß er lediglich Schillers Aufmerk-
samkeit auf den Stoff lenkte. Ursprünglich gedachte
Goethe, den Stoff selbst zu bearbeiten; nun schildert
er dem Freund lebendig die Tell-Gedenkstätten in
den Ur-Kantonen. Aus Katharinas Mommsens Vor-
trag mehr auf der folgenden Doppelseite.
Im September erläutert Volker Hesse aus der Sicht
des erfahrenen Arztes die verschiedenen schweren
Krankheiten, die den Dichter seit der Jugend pla-
gen. Das Resumée: Nur Schillers starker Wille, der
in seinem Credo zum Ausdruck kommt: Es ist der
Geist, der sich den Körper baut, kann die erstaun-
liche Tatsache erklären, daß ein Mensch mit einer
derart labilen Gesundheit, die ihn häufig zur Arbeit
unfähig machte, überhaupt in der Lage ist, in einer
Lebensspanne von nicht einmal zwei Jahrzehnten
ein derartiges Werk zu schaffen.
Im Oktober erwartet uns ein Vortrag von
Hans-Jürgen Schings, betitelt: Die Wei-
marer Klassiker und das Böse am Bei-
spiel von »Wallenstein« und »Faust I
Thematischer  Roter  Faden:  der  Pakt
zwischen Gut und Böse, gewissermaßen
als Dreh- und Angelpunkt beider Stücke.
Der  Disput  zwischen  den  guten  und
schlechten Kräften bleibt im Wallenstein
abstrakt und intellektuell. Faust dagegen
muß  sich  mit  einem  veritablen  Teufel
herumschlagen.
Im November läßt uns Hans-Wolfgang-Kendzia
noch einmal teilhaben an der geistigen Atmosphäre,
die in diesem nach erheblichen Anlaufschwierigkei-
ten  zustande  gekommenen Arbeits-  und  Freund-
schaftsbund herrschte. Das Goethische Bekenntnis:
Ich bin Ihnen nah, mit allem, was in mir denkt und
lebt vermag uns dieser eindrucksvolle Abend bild-
haft vor Aug und Ohr zu führen, hat der Referent
doch noch eine Überraschung parat: Vom Band er-
klingt der Anfang des Briefwechsels, gelesen von
Will Quadflieg und Gerd Westphal.
Im Dezember haben sich Ulrich Ritter und Erwin
Schastok mit ihrem Live-Programm: Atemlos in
unserer Mitte zum Ziel gesetzt, einen inhaltlichen
Akzent  auf  jenen  Zeitraum  zu  setzen,  da  beide
Dichter einander noch persönlich fremd waren und
im jeweils anderen zunächst allein den Konkurren-
ten sehen.
Wir werden Zeuge, wie der von einer anfänglichen
Hassliebe erfüllte Schiller gegen den älteren erfolg-
reichen Goethe zunächst polemisiert, um später –
nach  Einsetzen  der  Korrespondenz  –  doch  sehr
wohl zu registrieren, daß nicht nur er als Jüngerer
von Goethe lerne, sondern daß auch dieser nun sehr
wohl von seinen, Schillers Ratschlägen profitiere.
Prof. Dr. Volker Hesse (Berlin)
Ohne Gesundheit kann man nicht gut sein
Schiller, Goethe und die Medizin
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings (Berlin)
Die Weimarer Klassik und das Böse
Beispiele Faust und Wallenstein
Hans-Wolfgang Kendzia (Berlin)
Ich bin Ihnen nah mit allem,
was in mir lebt und denkt…
Anmerkungen zum Briefwechsel
zwischen Goethe und Schiller
Ulrich Ritter und Christian Steyer lesen:
Atemlos in uns’rer Mitte
Goethe und Schiller – eine Begegnung
99
In neuerer Zeit hört und liest man immer wieder die
Behauptung,  Schiller  habe  den  Stoff  zu  seinem
Wilhelm Tell nur aus Büchern geschöpft. Bei nähe-
rer Beschäftigung mit der Entstehungsgeschichte
von Schillers Tell stellt sich heraus, daß Goethes
Anteil weit größer ist, als bisher von der Forschung
bemerkt wurde. Goethes Teilhabe an der Konzep-
tion und dem Entstehungsprozess des Tell, gehört
zu den  ergreifendsten  Beweisen  seiner  Liebe zu
Schiller;  er  fördert  den  schwerkranken  jüngeren
Freund,  dem nur noch  eine  kurze Lebensspanne
vergönnt ist, insgeheim, um ihm mit dem Tell zum
größten Erfolg seines Lebens zu verhelfen.
Bekannt ist die Tatsache,  daß Goethe im  Herbst
1797 an Schiller schreibt, er habe sich die großen
Naturszenen, die den Vierwaldstättersee umgeben,
wieder recht genau vergegenwärtigt und plane, den
Tell-Stoff zu behandeln. Schiller weiß, daß Goethe
sich  zum  dritten  Mal  auf  Tells  Spuren  befindet,
denn  er  kennt  dessen  frühere  Briefe  aus  der
Schweiz von 1775 und 1779. Goethe hat sie ihm,
dem immer um Stoff verlegenen Herausgeber der
Horen, im Februar 1796 zur Verfügung gestellt, und
Schiller macht tatsächlich  durch  die Veröffentli-
chung der Briefe auf einer Reise nach dem Gotthard
von 1779 in den Horen von 1796 davon Gebrauch.
Goethe bezeichnet schon seine früheste Pilgerschaft
zu den Tell-Stätten, die er 1775 unternommen hat,
als  eine  längst  ersehnte  Wanderung.  Goethe  ist
bereits damals an der Tell-Figur intereressiert.
Aufgrund des Tagebuchs von 1775 berichtet Dich-
tung und Wahrheit noch vom Besuch der Tell-Ka-
pelle in der Hohlen Gasse: Nicht ohne manche neue
wie  erneuerte  Empfindungen  und  Gedanken  ge-
langten wir durch die bedeutenden Höhen des Vier-
waldstätter Sees nach Küßnacht, wo wir landend
und unsere Wanderung fortsetzend, die am, Weg ste-
hende Tellen-Capelle zu begrüßen und jenen, der
ganzen Welt als heroisch, patriotisch-rühmlichen
Meuchelmord zu gedenken hatten.
Goethes  primäres  Interesse  an  der  Gestalt  des
Wilhelm Tell liegt allerdings nicht bei dessen poli-
tischer Befreiungstat. Schon damals ist er politisch
zu  illusionslos, um sich für Tell als geheimen Ver-
schwörer  und  Freiheitskämpfer  zu  engagieren;
nein, was ihn schon im Juni 1775 in Altdorf  bewegt,
darauf deutet ein Brief vom 19. Juni 1775 hin, den
er nach einer längeren Pause an Lotte und Albert
Kestner  schreibt.  Diesem  ist  zu  entnehmen:
Goethes Interesse gilt Tell, dem Familienvater und
dem  Phänomen,  daß  seelische  Grausamkeit  und
willkürlich ausgeübte  Gewalt  in  den der Gewalt
Unterworfenen  Gegengewalt  weckt  und  sie  zu
Handlungen bewegt, die sie normalerweise nie be-
gehen würden.
Genaueres  über  Goethes  Interesse  an  der  Tell-
Gestalt wissen wir erst seit 1797, als er mit Schiller
über seine Tell-Konzeption spricht. Dabei zeichnet
sich als Hauptzug von Goethes Wilhelm Tell ab, daß
er seinem ganzen Wesen nach kein Revolutionär
und Verschwörer ist, sondern nur für seine Familie
leben will.
In  den Tag-  und  Jahresheften bestätigt  Goethe:
Schiller war mein Plan wohlbekannt und ich war
zufrieden, daß er den Hauptbegriff eines selbstän-
Prof. Dr. Katharina Mommsen (Palo Alto)
Unser Tell...
Goethes Anteil an Schillers Wilhelm Tell
100
digen, von den übrigen Verschworenen unabhängi-
gen Tell benutzte.
Goethes Faszination durch die Lokalitäten der Tell-
Legende ist so stark, daß es ihn vier Jahre nach der
ersten Schweizer Reise wieder dorthin zieht. Auf
der 1779 mit Carl August zusammen unternomme-
nen zweiten Schweizer Reise sucht der inzwischen
30-jährige Goethe die Tell-Gedenkstätten in umge-
kehrter  Richtung  und  Reihenfolge  auf,  worüber
Carl Augusts Reisetagebuch manche Einzelheiten
verrät.
1797, nach weiteren 18 Jahren durchwandert und
durchschifft der inzwischen 48-jährige Goethe zum
dritten und letzten Mal die Tell-Landschaft, diesmal
in Gesellschaft des gebürtigen Schweizers Heinrich
Meyer, des Malers und Kunsthistorikers, der ihm
als Begleiter besonders willkommen ist, weil er mit
seinem richtigen und scharfen Blick schon lange die
Verhältnisse kannte und in einem treuen Gedächtnis
bewahrte, wie Goethe im Brief aus Stäfa vom 14.
Oktober 1797 gegenüber Schiller rühmt.
Dort ist ausführlich von unmittelbarem Anschauen
von interessanten Gegenständen, von Einblicken in
die Naturhistorischen, geographischen, ökonomi-
schen und politischen Verhältnisse, wie auch der
Lektüre einer alten Chronik die Rede und von sonst
manchem Aufsatz der arbeitsamen Schweizer.
An das frohlockende Bekenntnis seiner Absicht, die
Fabel vom Tell (…) episch zu behandeln, schließt
Goethe die Bemerkung an, daß er die Charaktere,
Sitten und Gebräuche der Menschen in diesen Ge-
genden, so gut als in der kurzen Zeit möglich beob-
achtet habe, nun, komme es auf gut Glück an, ob
aus diesem Unternehmen etwas werden kann.
Es war auf  dem Vierwaldstättersee und  auf dem
Weg nach Altdorf in der freien Natur, wo Goethe
seiner eigenen Aussage nach den Plan eines Tell-
Epos konzipiert.
Dem wiederholten Anschauen der Örtlichkeiten und
Studium von Land und Leuten und der Schweize-
rischen Geschichte liegt Goethes Absicht zugrunde,
der poetischen Darstellung des Stoffes möglichst
viele realistische Züge und dadurch Überzeugungs-
kraft zu verleihen. Solche realistischen Züge der
helvetischen Existenz betrachtet er als wichtigste
Voraussetzung,  um  dem  Tell-»Märchen«  wahres
Leben einzugeben.
Betrachtet man nun  Goethes Landschaftsnotizen
seiner drei Schweizer Reisen genauer, so findet man
viele Entsprechungen in Schillers Tell-Drama, so
daß es völlig überzeugend  ist, wenn man in den
Eckermann-Gesprächen liest: In Schillern lag die-
ses Naturbetrachten nicht. Was in seinem Tell von
Schweizer Lokalität ist, habe ich ihm alles erzählt,
aber er war ein so bewundernswürdiger Geist, daß
er selbst nach solchen Erzählungen etwas machen
konnte, das Realität hatte.
Von vornherein begrüßt Schiller Goethes Tell-Pro-
jekt mit Begeisterung und spendet ihm auch weiter-
hin großen Beifall. Natürlich wird sofort nach der
Rückkunft aus der Schweiz darüber gesprochen, als
Goethe bei Schiller in Jena Station macht. Dieser
ist damals vollauf durch die Arbeit am Wallenstein,
101
an Maria Stuart, der Jungfrau von Orleans und der
Braut von Messina beansprucht.
Die Gespräche mit Goethe über den Tell-Stoff zie-
hen sich hin, mit Unterbrechungen, von 1798 bis
zur Aufführung von Schillers Tell im März 1804 .
Gegenüber Eckermann charakterisiert Goethe 1827
seinen gedachten Helden: Den Tell dachte ich mir
als einen urkräftigen,  in sich  selbst  zufriedenen,
kindlich  unbewußten  Heldenmenschen,  der (...)
überall gekannt und geliebt ist, überall hülfreich,
übrigens ruhig sein Gewerbe treibend, für Weib und
Kinder  sorgend,  und  sich  nicht  kümmernd,  wer
Herr oder Knecht sei.
Hier zeigt sich deutlich: Goethes Tell ist nicht der
übliche Freiheitsheld, Revolutionär und typische
Rebell  gegen  politische  Mißstände,  sondern  ein
Mensch, der sich über Herrschaft oder Knechtschaft
überhaupt  keine  Gedanken  macht.  Darin  unter-
scheidet sich Goethes Tell-Konzeption ganz ent-
schieden von den  zahlreichen Darstellungen  der
Schweizer Überlieferungen, die sämtlich Tell als
Verschwörer und Anführer auf dem Rütli darstel-
len.
Schiller  schließt  sich  zwar  darin  der  Schweizer
Tradition an, daß er den Helden als Alpenjäger auf
die Bühne stellt, aber im Gegensatz zur Tradition
sondert Schiller seinen Tell von den Verschwörern
ab. Dies ist ein ganz wesentlicher Zug, den Schiller
von Goethes Tell übernimmt.
Als Einzelgänger wie bei Goethe, der eben nicht aus
dem gleichen Holz wie die politischen Täter ge-
schnitzt war, läßt sich die Tell-Figur differenzierter,
gebrochener, interessanter gestalten. Goethe ist der
Zusammenhang zwischen seiner und Schillers Tell-
Konzeption völlig klar.
In seinen Annalen von 1804 drückt Goethe seine
Zufriedenheit darüber aus, daß der mit seinem Tell-
Plan vertraute Freund den Hauptbegriff eines selb-
ständigen,  von  den  übrigen  Verschworenen
unabhängigen Tell benutzte. Wenn man an einen
derartig selbstbestimmten Tell denkt, der keines-
wegs aus Büchern stammte, so ist die Behauptung,
Schiller habe den Stoff nur aus der Literatur ge-
schöpft, geradezu absurd.
Tatsächlich rücken Schillers Gestalten der wackeren
Zeitgenossen des Tell also ganz in die Nähe der Ge-
stalten, die Goethe vorgeschwebt haben und von
denen er Eckermann 1827 berichtet: Das Höhere
und Bessere der menschlichen Natur (...) Die Liebe
zum heimatlichen Boden, das Gefühl der Freiheit
und Sicherheit unter dem Schutze vaterländischer
Gesetze, das Gefühl ferner der Schmach, sich von
einem fremden Wüstling unterjocht und gelegent-
lich mißhandelt zu sehen, und endlich die zum Ent-
schluss reifende Willenskraft, ein so verhasstes Joch
abzuwerfen, alles dieses Höhere und Gute hatte ich
den  bekannten  edleren  Männern  Walther  Fürst,
Stauffacher, Winkelried und anderen zugeteilt und
dieses waren meine eigentlichen Helden, meine mit
Bewußtsein handelnden höheren Kräfte.
Im Gespräch mit Eckermann erinnert sich Goethe,
wie er von diesem schönen Gegenstande (…) ganz
voll war und dazu schon gelegentlich seine Hexa-
meter summte und Schiller sich damals durch seine
Schilderungen nicht nur die Landschaften, sondern
auch die handelnden Personen einprägen.
102
Aber, so fährt Goethe fort, da ich andere Dinge zu
tun  hatte  und  die  Ausführung  meines  Vorsatzes
immer weiter verschob, so trat ich meinen Gegen-
stand an Schiller völlig ab, der denn daraus sein
bewundernswürdiges Gedicht schrieb.
Zur Überlassung des Stoffes an den Freund berich-
ten die Tag- und Jahreshefte zum Jahr 1804: Über
dieses innere Bilden und äußere Unterlassen waren
wir  in  das  neue  Jahrhundert
eingetreten.  Ich  hatte  mit
Schiller  diese  Angelegenheit
oft  besprochen  und  ihn  mit
meiner lebhaften Schilderung
jener Felswände und gedräng-
ten Zustände oft genug unter-
halten, dergestalt daß sich bei
ihm dieses Thema nach seiner
Weise zurechtstellen und for-
men mußte. Auch er machte mich mit seinen Ansich-
ten bekannt, und ich entbehrte nichts an einem Stoff,
der bei mir den Reiz der Neuheit und des unmittel-
baren Anschauens verloren hatte und überließ ihm
daher denselben gerne und förmlich, wie ich schon
früher mit den Kranichen des Ibykus und manchem
andern Thema getan hatte; da sich denn aus jener
obigen Darstellung, verglichen mit dem Schilleri-
schen Drama, deutlich ergibt, daß ihm alles voll-
kommen angehört, und daß er mir nichts als die
Anregung und eine lebendigere Anschauung schul-
dig sein mag, als ihm die einfache Legende hätte
gewähren können.
Wann genau Goethe seinen epischen Tell dem dra-
matischen Tell Schiller zuliebe beiseite legt und den
Stoff seinem Freund abtritt, ist nicht überliefert.
Fassen wir abschließend noch ein mal zusammen,
worin Goethes Anteil an diesem Werk besteht:
1. in der Anregung, sich überhaupt mit dem Stoff
zu befassen,
2. in der suggestiven Schilderung der Schweizer
Lokalitäten,
3. in der Konzeption des Helden als eines Einzel-
gängers; die vaterländischen Verschwörungsmotive
überträgt Schiller – Goethes Konzeption entspre-
chend – auf die anderen Gestalten sowie auch auf
einzelne Frauen des Dramas.
Zu den Frauen im Tell sei noch ergänzend gesagt,
daß  auch  sie  von  Goethe  wesentlich  mitgeprägt
worden sind.
Wilhelm Tell ist Schillers letztes vollendetes Werk.
Als  er  wenige  Monate  nach  dessen  Vollendung
stirbt, plante Goethe eine Totenfeier, doch war er
selber so leidend, daß ihn die Vorstellung einer sol-
chen Feier zu sehr angriff und so sind nur wenige
Versfragmente von dem, was er als Freund sagen
wollte, übriggeblieben.
Goethes Reflexion: Das Gute was man Liebenden
erzeigt / Belohnet sich in dieser ernsten Stunde ruft
unwillkürlich seine Mitwirkung am Gelingen des
Wilhelm  Tell ins  Gedächtnis. Auch  die  trostlose
Frage: Soll ich ihm nicht mehr das leisten? läßt an
Goethes Teilhabe an diesem großen Werk denken.
In diesen Versfragmenten kommt das überwälti-
gende  Gefühl  der  Einsamkeit  nach  dem  Verlust
Schillers zum Ausdruck, das Bewußtsein, keinen
Partner  mehr  zu  haben,  den  er  so  beschenken
konnte wie den geliebten Freund.
103
Die  meisten  Balladenschöpfungen,  wie  wir  sie
heute kennen, verdanken ihre Entstehung in diesem
fruchtbaren Jahrzehnt ausschließlich jener einzig-
artig engen Zusammenarbeit zwischen zwei Dich-
tern, ihrer ständigen gegenseitigen Anregung, aber
auch konstruktiver Kritik, die dem Genius und der
Eigenart des Anderen jedoch stets freie Hand lässt.
Dies  ist freilich nur dadurch möglich, daß  beide
über derart viel kreatives Potential verfügen, daß sie
sich Ideen und Eingebungen eben mal auf einem
Zettelgen hinüber- und herüberschicken können.
Heute, im Zeitalter des Ideenklaus, da es ohnehin
allerorten an  originellen und  geistvollen literari-
schen  Schöpfungen  mangelt,  erscheint  dieser
Reichtum  der  dichterischen  Produktion  in  nur
einem Jahrzehnt an nur einem Ort schier unglaub-
lich.
Unvergesslich wird allen Anwesenden sicher die
Juni-Veranstaltung in der Landesvertretung Baden-
Württembergs bleiben.  Angelika Reimann, Litera-
turwissenschaftlerin aus Jena, hatte als Untertitel zu
ihren Ausführungen  über  Goethes  und  Schillers
Balladenschaffen das launige Zitat gewählt: Leben
Sie recht wohl und lassen Sie Ihren Taucher je eher,
desto besser ersaufen.
Neben der lebhaften Darstellung des Funktionierens
der gemeinsamen  Jenenser Dichterwerkstatt, mal in
Schillers Garten, mal im Gasthof zur Tanne, erfreut
uns die Referentin auch noch durch professionelles
Deklamieren einiger Balladen Schillers.
In seiner Schrift Über naive und sentimentalische
Dichtung hatte Schiller vom modernen Dichter ge-
fordert, über den Zustand der Naivität hinauszuge-
hen,  da  die  Darstellung  des  Ideals  den  Dichter
mache.  Im  Unterschied  zur  Volksballade  solle
die Kunstballade bewußt sittliche Lehren vermit-
teln. Gestalten und Geschehnisse sind einer tragen-
den Idee zu unterwerfen, die Gestaltung soll mit
straffer  Handlungsführung  und  sprachlichem
Schwung  auf  unmittelbare  Wirkung  beim  Hörer
bzw. Leser zielen. Den Balladen weist er die Auf-
gabe zu, den Leser zu Anteilnahme und Wertungen
aufzufordern, ihm seine Möglichkeiten des mensch-
lichen Handelns zu zeigen und die Balladenwelt mit
seiner bisherigen Lebenserfahrung zu vergleichen.
Laut Goethe solle der Leser die Literatur urteilend
genießen. Außerdem sollen die Texte die Vielfalt
sprachlicher Schönheiten der deutschen Sprache de-
monstrieren.
Die  beiden  verabreden,
eine größere Zahl an Bal-
laden  zu  verfassen,  um
ihre  theoretischen  Ab-
sichten literarisch zu ver-
wirklichen.  Die  Verse
entstehen  in  einer  Art
künstlerischem  Wett-
streit,  werden  jedoch
häufig  vor  ihrem  Er-
scheinen brieflich disku-
tiert.
Das Jahr 1797 gilt als
die Geburtsstunde der
klassischen Kunstbal-
lade.  Niemals vorher
und  niemals  danach
schreiben Goethe und
Schiller so viele Bal-
laden wie im Frühjahr
und  im Sommer  die-
ses  Jahres.  In  kurzer
Folge  entstehen Der
Taucher, Der  Hand-
schuh, Ritter Toggen-
burg, Die  Kraniche  des  Ibykus ebenso  wie Der
Schatzgräber, Der Gott und die Bajadere oder Der
Zauberlehrling, die über  Generationen zum unver-
zichtbaren Bestand unserer Nationalliteratur gehö-
ren.
Die Balladen dieses Sommers
erscheinen  im Musenalma-
nach auf das Jahr 1798. Schil-
ler im Vorwort: Wir haben uns
vereinigt, in den diesjährigen
Almanach  mehrere  Balladen
zu geben  und  uns bei  dieser
Arbeit über Stoff und Behandlung dieser Dichtungs-
art selbst aufzuklären.
Nach dem aufsehenerregenden Xenien-Almanach
im Vorjahr überraschen die beiden zusammen ar-
beitenden  Dichter  die  literarische  Öffentlichkeit
auch hierin. Die Einheit von Goethe und Schiller
offenbart sich in ihrer wechselseitigen Annäherung
ihrer künstlerischen Auffassung und in der Behand-
lung der Gattung.
Dr. Angelika Reimann (Jena)
Leben Sie recht wohl und lassen Sie
Ihren ‘Taucher’ je eher, je besser ersaufen…
Die Zusammenarbeit Goethe und Schillers
am Beispiel des Balladenschaffens
104
Goethes  ältere  Balladen
wie Der Fischer, Der Erl-
könig und Der König von
Thule,  aber  auch  seine
späteren Balladen-Schöp-
fungen sind empfindungs-
reiche  Stimmungsgedichte,  Spiegelungen
geheimnisvoller  Naturer-
scheinungen, Darstellung ma-
gischer Eindrücke, welche die
Elemente mit ihrer verlocken-
den, sinnbetörenden und zer-
störenden  Macht  auf  unser
Gefühl und auf unsere Phan-
tasie ausüben.
Auch seine neueren Balladen von 1797 leugnen den
Ursprung aus der nordischen Volksdichtung nicht.
Auch  hier  walten  dämonische  Kräfte,  Tod  und
Grauen wie in Die Braut von Korinth oder in Der
Gott  und  die  Bajadere.  Im Zauberlehrling und
im Schatzgräber walten harmlosere Geister. Wäh-
rend Goethe also die Stimmung seiner alten Balla-
den beibehält, trifft er den Ton nun kunstvoller und
bewußter. Neu hingegen ist bei Goethe, daß seine
Ereignisse nun einer bestimmten Idee folgen. Hierin
macht sich der Einfluß von Schiller bemerkbar, der
seine Balladenstoffe ebenso zu behandeln pflegte.
Goethe bekennt in einem Brief an Meyer am 21.
Juli 1797, es komme darauf an, die Balladenform
mit würdigeren und mannigfaltigen Stoffen und mit
einem tieferen Gehalt zu erfüllen.
Schiller hingegen tritt immer mehr aus der Sagen-
welt in das geschichtlich bewußte Leben über. Seine
Balladen bilden eine besondere Kunstform, in der
das episch-dramatische Element das lyrische über-
wiegt. Dabei ist er immer bestrebt, die rein erfaßte
Idee sinnlich und gegenständlich erscheinen zu las-
sen. Den idealen Gehalt füllt er plastisch, zeichnet
ihn mit Klarheit und bringt ihn durch seine charak-
teristische  Färbung  zu  lebendiger  Anschauung.
Goethe bleibt hierin sein Vorbild.
Goethe ist wohl der erste, der den wahren Wert von
Schillers Balladen aufrichtig anerkennt, bewundert
und verteidigt – sogar gegen Schiller selbst. Schiller
erscheint in seinen Balladen als Volksdichter, der
den  Geschmack  der  Gebildeten  und  das  Auf-
fassungsvermögen  der  großen  Menge  durch  die
Größe seiner Kunst aufzuheben versteht.
Schiller selbst bekennt zu Beginn des gemeinsamen
Balladen-Wettstreits am 18. Juni 1797, Goethe ge-
wöhne ihm immer mehr die Tendenz ab, vom All-
gemeinen zum Besonderen zu gehen. Er führe ihn
auf  den  umgekehrten  Weg
vom  Engen  ins  Weite,  vom
einzelnen  Fall  zum  großen
Gesetz, vom Bild und der An-
schauung zum Gedanken. Mit
wenigen Ausnahmen bringen
Schillers Balladen eine sittli-
che Idee zum Ausdruck.
Doch nirgends ergreift er das Wort zu lehrsamer
Mahnung  oder  fügt  formelhaft  eine  moralische
Nutzanwendung  hinzu.  Aus  seiner  Darstellung
leuchtet der Grundgedanke hell und rein als orga-
nischer Bestandteil hervor. Die Balladen ergreifen
durch ihre Schönheit und Wahrheit als echte Kunst-
werke. Sie erschüttern das Gemüt durch das Schick-
sal,  das  sie  offenbaren,  und  regen  den  Geist  zu
ahnungsvollem Sinnen an.
105
2006
200 Jahre Goethes Faust
Hans-Helmut Allers (Berlin)
Vom Volksbuch bis zu Thomas Mann
Dr. Faustus in Historie und Literatur
Prof. Frank Möbus (Göttingen)
Der Teufel, den ich beschwöre,
gebärdet sich sehr wunderlich…
Zur Entstehungsgeschichte von Goethes Faust
Im Januar gibt uns Hans-Hellmut Allers einen an-
schaulichen  Überblick  über  die  Entwicklung  der
Faustfigur Vom  Volksbuch  bis  zu  Thomas  Mann.
Obwohl wir bereits im Vorjahr bei unserem Besuch
des Faust-Museums in Knittlingen mit dem histori-
schen Dr. Faustus und den zahlreichen ihn umgeben-
den Sagen und Gerüchten bekannt gemacht worden
waren, erfahren wir doch noch viel Neues, nicht nur
über die Faust-Historie, sondern auch über die diver-
sen Faust-Adaptionen von Christopher Marlowe bis
Thomas Mann.
Zur Entstehungsgeschichte von Goethes Faust teilt
uns  im  Februar  der  Göttinger  Professor Frank
Möbus erstaunliche  Details mit. Vielen  Zuhörern
wird nun erst klar, daß die Faust-Figur in Deutsch-
land bis ins späte 18. Jahrhundert hinein eigentlich
mehr oder minder als Marionette mit holzsschnittar-
tigen Charakterzügen agiert, bei Jahrmärkten  und
Messen auf Puppenbühnen, der Dr. Faustus  als ein
berüchtigter Magier und Schwarzkünstler, der mit
dem Teufel wettet und ihm schließlich seine Seele
verschreibt.
Erst  Goethe erkennt das dramatische Potential dieses
Charakters, der auf der metaphsysischen Suche ist
und wissen will, was die Welt im Innersten zusam-
menhält. Er läßt seinen Protagonisten bekanntlich in
Begleitung  Mephistos die Reise in die Kleine und
die Große Welt antreten, reichert  die wunderliche
Posse noch  durch  eine  Liebesgeschichte  an  und
schafft damit aus der Puppenspielfabel einen Stoff
der Weltliteratur und aus Faust einen zeitlos moder-
nen  Charakter,  den  seitdem  jede  Generation  von
neuem für sich entdeckt und interpretiert.
106
Dr. Alwin Binder (Münster)
Nur Neuigkeiten ziehn uns an…
Visionen moderner Welt in Goethes Faust
vor und nach 1800
Dr. Michael Jaeger (Berlin)
Der Geist, der stets verneint…
Mephistos Modernität
Im März legt Alwin Binder mit seinem
Vortrag, Visionen  moderner  Welt  in
Goethes  Faust,  dar,  daß  das Faust-
Drama  im  Grunde  genommen  von
Goethe  bereits als Parabel auf die mo-
derne Welt zu verstehen sei. Faust sei
alles andere als ein positiver Charakter;
vielmehr  zerstöre  er  alles  um  sich
herum, lasse alle ethischen Bedenken
beiseite;  kurzum,  ein  Spiegelbild  des
modernen Menschen  
Etwas schlucken müssen hier all jene,
die noch Inszenierungen vor ihrem gei-
stigen Auge haben wie  etwa jene be-
kannte  des  Hamburger  Schauspiel-
hauses von 1961 mit Gustav Gründgens
und  Will  Quadflieg,  der  als  idealisti-
scher  Faust  agiert,  glaubhaft  als  ein
guter  Mensch  in  seinem  dunklen
Drange, der sich des rechten Wegs doch
stets bewußt ist.
Unter dem Titel: Der Geist, der stets ver-
neint widmet sich der April-Vortrag Me-
phistos Modernität. Michael Jaeger geht
es darum, aufzuzeigen, daß das mephis-
tophelische Prinzip der Beschleunigung
und  Rastlosigkeit  bereits  von  Goethe
quasi vorausgeahnt worden sei: Konsum-
orientiertheit, schnelle Bedürfnisbefrie-
digung  und  die  Seelenlosigkeit  der
Maschinengesellschaft seien als Meta-
phern  einer  industriellen  anti-kontem-
plativen Arbeitsgesellschaft zu verstehen,
deren opferreichen Anfang Goethe ins-
besondere im Faust II kritisch darstelle
und deren Scheitern  wir Heutigen gerade
erlebten.
Die hochkomplexen Ausführungen und
Thesen Jaegers sind nachzulesen in sei-
ner materialreichen Habilitationsschrift,
die  unlängst  unter  dem  Titel Fausts
Kolonie erschienen ist.
107
Mitte Mai setzt sich der Faust-Zyklus fort mit
Manfred Osten. Hier der Grundtenor seines re-
ferierten  Credos:  Daß  unsere  Zivilisation  aus
Mangel an Ruhe in eine neue Barbarei ausläuft,
bemerkt Goethe bereits 1778 in Berlin, mit dem
Ergebnis, daß er sein Leben lang ein konsequen-
ter Berlinverweigerer geblieben ist.   
Fast ein halbes Jahrhundert später schreibt er im
November 1825 an den preußischen Juristen Ni-
colovius: Für das größte Unheil unsrer Zeit, die
nichts reif werden läßt, muß ich halten, daß man
im nächsten Augenblick den vorhergehenden ver-
speist, den Tag im Tage vertut, und so immer aus
der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas
vor sich zu bringen. Haben wir doch schon Blät-
ter für sämtliche Tageszeiten. Dadurch wird alles,
was ein jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat,
ins  Öffentliche geschleppt. Niemand darf  sich
freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der übri-
gen; und  so springt's  von  Haus  zu Haus,  von
Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von
Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch.
Goethe geniale Wortschöpfung veloziferisch be-
zeichnet die Verschränkung von Velocitas (die
Eile) mit Luzifer. Faust erscheint als der moderne
Blitzkrieger der Erfüllung jener Wünsche einer
Anspruchsgesellschaft, die alles will, und zwar
sofort. Und was Luzifer alias Mephisto der Un-
geduld Fausts andient, sind denn auch schon jene
Instrumente des Veloziferischen, die am Ende des
20. Jahrhunderts zwar andere Namen tragen, aber
dieselben Dinge meinen: die schnelle Liebe, der
schnelle  Mantel,  das  schnelle  Geld  und  zum
Schluß: der schnelle Mord an Philemon und Bau-
cis. Fausts globales Dorf, von Mephistos Gnaden,
gebietet bereits perfekt über virtuelle Welten, wie
wir sie heute mit Videoclips und beim Zappen
zwischen TV-Kanälen kreieren. Sein virtuelles
Arsenal reicht von Walpurgisnächten aller Art bis
zur heraufzitierten schönen Helena.
Es sind immer rascher wechselnde Filmschnitt-
sequenzen einer Beschleunigungskultur mit Lu-
zifer  als  omnipotentem  Artifex  einer
Unterhaltungsgesellschaft,  die  sich  bereits  im
Zeichen grandioser Oberflächlichkeit und eines
perfekten Zeitmanagements zu Tode amüsiert.
Im Juni brechen über 60 Berliner Goethefreunde
auf, um sich in der Ruine des ehemaligen St.-
Pauli-Klosters in Brandenburg an der Havel die
Faust I-Premiere des dortigen Event-Theaters an-
zuschauen; eine frische Inszenierung mit nur zehn
Akteuren, von denen – mit Ausnahme der beiden
Protagonisten – alle mehrere Rollen übernehmen,
unterstützt vom Brandenburger Kammerchor, der
beim Osterspaziergang und Walpurgisnacht dem
Bühnengeschehen Vehemenz und Turbulenz ver-
leiht.
Faust  I in  einem  gotischen  Kirchenschiff  mit
Backsteinwänden, das ist eine Erfahrung der be-
sonderen Art. Ein junges Ensemble – darunter ein
wahrhaft entzückendes ungestümes Gretchen –
beschert uns drei unterhaltsame Stunden; eigen-
willige  und  sonderbare  Regieeinfälle,  wie  sie
heute eigentlich an sämtlichen deutschen Thea-
tern die Klassiker zu aktualisieren suchen, halten
sich in Grenzen. Eine Hexen-Gulaschsuppe und
ein  Premieren-Prosecco tun das ihrige, um die
Berliner nach einem gelungenen Abend in ver-
gnügter Stimmung wieder heimfahren zu lassen.
Dr. Manfred Osten (Bonn)
Fluch vor allem der Geduld…
Zur Aktualität der Faust-Tragödie
Prof. Dr. Volker Hesse (Berlin)
Habe nun ach, Philosophie, Juristerey
und Medizin studiert...
Dr. Faustus u. Dr. med Johann Wolfgang Goethe
Premierenbesuch Faust I
in Brandenburg a.d. Havel
Verweile doch, Du bist so schön!
Inszenierung des Event Theaters Brandenburg
in der Ruine des  St.-Pauli-Klosters
108
Der Figur des Gretchens  widmet sich Angelika
Reimann in ihrem Vortrag Goethes Gretchentra-
gödie und der Kindsmord im 18. Jahrhundert. Sie
legt dar, welche Gründe den jungen Goethe veran-
laßt haben dürften, das Thema des Kindsmordes
mit der Liebesbeziehung von Faust und Margarete
zu  verknüpfen,  ein  Thema,  das  ihn  auch  später
noch in seiner Eigenschaft als Mitglied des Gehei-
men Consiliums beschäftigt. Viel Wirbel hatte ei-
nige  Jahre  zuvor  Sigrid  Damm  mit  ihrer
Christiane-Biografie verursacht, in der sie fälsch-
licherweise behauptet hatte, Goethe habe hier als
Minister das entscheidende Votum zur Hinrichtung
einer Kindsmörderin abgegeben und dadurch deren
Todesstrafe veranlaßt. Angelika Reimann stellt dies
notwendigerweise richtig. Ihr Fazit: Gesellschaft-
liche und individuelle Handlungen jeder Epoche
können immer nur vor dem Hintergrund der dama-
ligen gesellschaftlichen Zustände erklärt und ge-
deutet werden.
Im September erläutert uns Theo Buck die Entste-
hungsgeschichte des Faust unter einem ganz neuen
Aspekt; wir erfahren, welche Bezüge diese oder
jene Szenen zu Goethes Lebenswirklichkeit auf-
weisen. Ein tief Theater scheint sich aufzustellen,
geheimnisvoll ein Schein uns zu erhellen, und ich
besteige das Proszenium. Dieses Zitat  hat der Re-
ferent gewählt, um uns die Dramaturgie der gesam-
ten Faust-Dichtung noch einmal zu verdeutlichen
und durch ausgewählte Beispiele darauf hinzuwei-
sen, daß es sich insbesondere bei vielen Szenen des
2. Teils um Allegorien und Traumbilder handelt,
die im Leser und Zuschauer Assoziationen wecken
sollen. Dieser von Goethe beabsichtigte Kunstgriff
der Andeutung des Unausgesprochenen, der inter-
pretierbaren Metapher, bewirkt jenes Geheimnis
des wunderlichen Hexenwerkes, wie Goethe die
Dichtung zuletzt selbst nannte, das den Faust zum
zeitlosen Gesamtkunstwerk werden läßt.
Fausts  Tod  –  ein  tragisches  Ende? mit  dieser
durchaus ernst gemeinten Frage beschließt Alfred
Behrmann im November den diesjährigen The-
men-Zyklus: Bei allem tragischen Geschick, das
Gretchen und ihrer Familie widerfahre, handele es
sich – so der Referent – beim Faust mitnichten um
eine Tragödie im griechischen Sinne, in welcher
der Held gefälligst mit den Schicksalsmächten zu
hadern  habe  und  auch  selbst  mindestens  einige
  heroische Taten  zu vollbringen oder wenigstens
derartige Gedanken und Absichten zu äußern habe.
Ganz im Gegenteil: Der Faust weise über weite
Strecken burleske, groteske, gar komödiantische
Szenen auf, die der sarkastisch angelegten Rolle
des Mephisto geschuldet seien, einem Unterteufel,
vom Herrn lediglich ausgestattet mit beschränkter
satanischer Handlungsvollmacht.
Ein vierfach schuldhaft gewordener Protagonist,
ein mehrfacher Mörder gar, dessen Seele am Ende
des Stücks Engel, schwebend in der höhern Atmo-
sphäre,  dem  leer  ausgegangenen,  sich  betrogen
fühlenden Mephisto entführen; eine Aktion, vom
Chor seliger Knaben kommentiert mit Gesängen
wie: Gerettet ist das edle Glied der Geisterwelt
vom Bösen: Wer immer strebend sich bemüht, den
können wir erlösen. Das – so der Referent –sei eine
geniale Dichtung mit Happy-End, ein Drama, eine
Tragödie nie und nimmer.
Dr. Angelika Reimann (Jena)
Schon zuckt nach jedem Nacken die Schärfe,
die nach meinem zuckt…
Goethes Gretchentragödie und der Kindsmord
im 18. Jahrhundert
Prof. Dr. Theo Buck (Aachen)
Ein tief Theater scheint sich aufzustellen,
geheimnisvoll den Schein uns zu erhellen
und ich besteige das Prozsenium...
Fausts Tod, ein tragisches Ende?
Prof. Dr. Alfred Behrmann (Berlin)
Löset die Flocken los, die ihn umgeben!
Schon ist er schön und groß voll heiligen Leben
Die Dramaturgie der Faustdichtung
109
Der Herzog mit dem ich nun
schon an die neun Monate in
der  wahrsten und  innigsten
Verbindung  stehe,  hat  mich
endlich  auch  an  seine  Ge-
schäffte gebunden, aus uns-
rer  Liebschaft  ist  eine  Ehe
entstanden, die Gott seegne.
So  beschreibt  Goethe  1776
seine Beziehung zu Carl Au-
gust.  Diese  dreiundfünfzig  Jahre  lange  Männer-
freundschaft  zwischen  den  beiden  Charakteren
prägte Weimar sehr. Eine solch lange Freundschaft
zwischen zwei Männern ist für uns fast unvorstell-
bar. Da stellt sich natürlich die Frage, inwieweit
diese Freundschaft ernst zu nehmen war, wie inten-
siv sie war und wie es überhaupt dazu kam.
Am 7. November 1775, morgens
um 5 Uhr, trifft Goethe in Wei-
mar  ein.  August  von  Kalb
bringt  ihn  im  Hause  seines
Vaters, Karl Alexander von
Kalb, unter – gleich gegen-
über  der  Herderkirche  –  es
steht noch heute. Dies bleibt
für  ein  halbes  Jahr  Goethes
erste Wohnung in Weimar.
Viele Menschen in Weimar sind gespannt auf den
jungen Dichter des Sturm und Drang, der die lite-
rarisch interessierte Jugend so beeindruckt hat.
Zu diesen gehören die Herzogin-Mutter Anna Ama-
lia, damals 36 Jahre alt, der Schriftsteller Christoph
Martin Wieland, Herausgeber des Teutschen Mer-
kur, der bald zur wichtigsten deutschen Literatur-
zeitschrift wurde, der
Lyriker und Überset-
zer Carl Ludwig von
Knebel  sowie  zahl-
reiche  Hofdamen,
darunter  Charlotte
von Stein und Louise
von  Göchhausen,
Friedrich Justin Ber-
tuch,  der  reiche
Kaufmann  und  Ver-
walter  der  Staats-
kasse, ferner Johann
Carl August Musäus,
der Literat, Pädagoge
und Philologe, Leiter
des Gymnasiums in Weimar, und zahlreiche andere.
Goethe wird noch am selben Tage
vom  Herzog  und  Anna  Amalia
zum  Mittagessen  eingeladen.
Wieland ist anwesend und gibt
seiner Verehrung für den jun-
gen Dichterkollegen in mehre-
ren  Briefen  temperamentvoll
Ausdruck. So schreibt er Fried-
rich Jacobi drei Tage später: Was
ganz  der  Mensch  beim  ersten  An-
blick nach meinem Herzen war... Seit dem heutigen
Morgen ist meine Seele so voll von Goethen wie ein
Tautropf von der Morgensonne...
An Lavater heißt es am gleichen Tage: Ich habe die-
sen herrlichen Menschen binnen dieser drei Tage
so  herzlich  lieb  gewonnen  und bedaure nur,  ihn
noch  nicht  allein  gesehen  und  gesprochen  zu
haben...
2007
Zwischen Musenhof und Ministeramt
Hans-Hellmut Allers (Berlin)
Meine Schrifstellerey subordiniert sich dem Leben
Goethe 1775- 1786 – Von Frankfurt nach Weimar
Einführungsvortrag
Dr. Jochen Golz (Weimar)
Erhabenes verehrend, Schönes geniessend…
Ein Portrait der Herzogin Anna-Amalia
Dr. Thomas Franzke (Gera)
Hab Dank für Dein entzückend Spiel…
Goehte und das Weimarer Liebhabertheater
Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma (Hamburg)
Wer ist berechtigt, die Menschheit
aufzuklären? Wer es kann!
Osmantinische Aufklärung –
Wieland in Oßmannsstedt
Dr. Manfred Osten (Bonn)
Ein Kind des Friedens?
Goethe als Leiter der Kriegskommission
Dr. Angelika Reimann (Jena)
Daß des Menschen Leben nur insofern etwas wert ist,
als es Folge hat…
Goethes amtliche Tätigkeit vor und nach
der italienischen Reise
Prof. Dr. Theo Buck (Aachen)
Sowie ein Dichter politisch wirken will,
ist er als Poet verloren
Goethe – ein politischer Schriftsteller?
110
Für die weitere Entwicklung in Weimar ist entschei-
dend, daß zwischen dem jungen Herzog und dem
acht Jahre älteren Goethe bald ein freundschaftli-
ches Verhältnis entsteht. Carl August ist ein sehr
selbstbewußter, eigensinniger junger Mann, der sich
seiner neuen Würde und  der damit verbundenen
neuen Freiheiten gern erfreut.
Zu Beginn seiner Regierungszeit genießt er es, seiner
Lust an ausschweifenden Vergnügungen freien Lauf
zu lassen, seine Sturm- und Drang-Zeit auszuleben.
Deshalb sieht es Anna Amalia sehr gern, daß der äl-
tere und mittlerweile doch sehr viel reifere Goethe
mäßigend auf ihn einzuwirken versucht, nicht als of-
fiziell beauftragter Erzieher, sondern
als Vertrauter und Freund.
Dennoch  erregt  das genialische
Treiben der jungen Leute beträcht-
liches  Aufsehen  im  Land,  zumal
höfische Ordnung und Etikette aus-
gedient zu haben scheinen. Da wird
übermütig geritten, Schlittschuh ge-
laufen, im kalten Fluss gebadet, mit
den  Dorfmädchen  –  besonders  in
Stützerbach und Ilmenau – gefeiert
und wohl nicht nur das.
Die  Kunde  von  solchem  Tun  er-
reicht auch Klopstock in Hamburg,
der  Goethe  im  Mai  1776  einen
Mahnbrief  schreibt.  Goethe  ant-
wortet tags darauf kurz, aber ent-
schieden: Verschonen  Sie  uns
künftig mit solchen Briefen, lieber
Klopstock...
Nun, auch diese Zeit überlebt sich. Wie man auch
immer  damals  und  heute  darüber  urteilen  mag:
Geistlos sind diese Späße und Spiele nie – und da-
neben beschäftigt man sich wie selbstverständlich
ganz ernsthaft mit philosophischen Gesprächen und
musischem Tun. Goethe berichtet, wie er oft näch-
telang mit Carl August über ernsthafte Themen dis-
kutiert habe.
Werfen wir einen Blick auf die Menschen, die da-
mals zum Hofleben gehörten und das Geschehen im
sogenannten Musenhof mitbestimmten. Neben den
oben Genannten gehören dazu natürlich auch die
Herzogin Luise sowie der Jurist Friedrich von Ein-
siedel, seit 1775 Hofrat in Weimar
und Kammerherr bei Anna Ama-
lia.
Ein Ereignis besonderer Art ist die
Ankunft Johann Gottfried Herders
in Weimar. Gegen beträchtlichen
Widerstand hat Goethe mit Hilfe
des  Herzogs  durchgesetzt,  daß
Herder – damals Hofprediger in
Bückeburg  –  die  vakante  Stelle
des Superintendenten in Weimar
erhält.  Damit  hat  Goethe  den
Mann in seine Nähe geholt, dem
er seit den Straßburger Tagen so
viel  zu  verdanken  hat.  Herder
bleibt wie Goethe Zeit seines Le-
bens in Weimar.
Im April  1776 erwirbt  Carl Au-
gust  das  Gartenhaus  an  der  Ilm
und schenkt es Goethe. Mehrere
Jahre  bleibt  es  zunächst  sein
Hauptwohnsitz, bis er im Juni 1782 in das Haus am
Frauenplan umzieht.
Im Juni 1776 will der Herzog seinen Freund  Goethe
in das Geheime Consilium, das oberste Gremium
der  Staatsregierung,  aufnehmen.  Carl  August
möchte  damit  Goethe  politische  Verantwortung
übertragen, weil er seinen Rat schätzt  und wohl
auch, um ihn an Weimar zu binden. Er setzt dies
gegen  starken  Widerstand  durch,  insbesondere
gegen  den  Freiherrn  von  Fritsch,  der  erst  durch
Anna Amalias Eingreifen vom Rücktritt zurückge-
halten werden kann. Mit Goethes Vereidigung und
seiner Ernennung zum »Geheimen Legationsrat«
beginnt seine staatsmännische und administrative
Tätigkeit, die er sehr ernst nimmt und die bis an sein
Lebensende dauern wird.
Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff (Berlin)
Das Publikum nicht wie Pöbel behandeln…
Politische Dimensionen der
Weimarer Theaterarbeit
Prof. Dr. Katharina Mommsen (Palo Alto)
Dem alten Fritz bin ich recht nah geworden…
Goethes berufliche Auseinandersetzung
mit Friedrich  II.
111
Die  fast  elf  Jahre  des
ersten  Weimarer  Jahr-
zehnts vom November
1775  bis  zum  3.  Sep-
tember 1786 – seinem
Aufbruch nach Italien –
sind ein Abschnitt von
besonderer  Bedeutung
für Goethe. Seine kom-
munale und staatspoli-
tische  Tätigkeit  wird
nun  immer  mehr  zum
Mittelpunkt seines Le-
bens, wohl nicht ganz ungewollt, denn letztendlich
ist dies auch der Grund, in Weimar zu bleiben. Er
will an der Gestaltung des Gemeinwesens mitwir-
ken.
Bleiben wir vorerst noch beim »Musenhof«: Anna
Amalia bewohnt seit dem Schlossbrand von 1774
das Wittumspalais, das vorher dem Freiherrn
von  Fritsch  gehört  hatte  und  nach  einem
Umbau  für  Jahre  ihr  Hauptwohnsitz  wird.
Später kommen Tiefurt und Schloss Belve-
dere dazu.
Hier finden nun allwöchentlich die berühm-
ten  Tafelrunden  statt,  die  Georg  Melchior
Kraus in seinem bekannten Gemälde festge-
halten  hat.  Anna Amalia,  Goethe,  Herder,
Graf Einsiedel, Fräulein von Göchhausen u.a.
sind  darauf zu sehen. Diese Zusammenkünfte
werden zum Symbol für alle musischen Un-
ternehmungen  am  Hofe  zu  Weimar.  Man
trifft sich zu Gesprächen über Kunst, Musik,
Literatur, Malerei und Theater; auch gesell-
schaftspolitische  Themen  werden  angesprochen,
und nicht selten prallen auch die Meinungen auf-
einander.
Den Mittelpunkt des »Musenhofes« bildet das so-
genannte Liebhabertheater, in dem ausschließlich
Laien  die  Akteure  sind.  Seit  Goethes  Ankunft
kommt es nun so richtig in Schwung. Hat man Lust
zu spielen, dann trifft man sich. Goethe kümmert
sich sofort nach seiner Ankunft um die Inszenierun-
gen, führt zwei unterschiedliche Gruppen zusam-
men  und  ist  bald zuständig  für die  Planung, die
Proben, die Dekorationen, die Stücke, die geschrie-
ben werden müssen, und bald ist er selbst auch als
Schauspieler aktiv.
Da das einstige Schloßtheater mit dem Brand von
1774 zerstört war, spielt man zuerst im sogenannten
Redoutenbau, später im Saal des Wittumspalais, in
Schloß Ettersburg auf dem Ettersberg oder in Tie-
furt, in Belvedere oder an der Ilm im Park zu Wei-
mar, auch in den Dornburger Schlössern.
Die  aufgeführten  Stücke  sind  bunt  gemischt:
Possen,  Schwänke,  Singspiele,  aber  auch  an-
spruchsvolle Theaterstücke. Von Goethe standen
auf  dem  Spielplan  u.a.: Erwin  und  Elmire,  Die
Geschwister, Die Mitschuldigen, Lila, Das Jahr-
markstfest  von  Plundersweilern,  Triumph  der
Empfindsamkeit,  Iphigenie,  Die  Laune  des
Verliebten, Proserpina, Jery und Bätely, Die
Vögel, Die weiblichen Tugenden, Die Fische-
rin. – Diese Liste ist keineswegs vollständig.
Zwischen 1775 und 1782 werden etwa 60 In-
szenierungen des Liebhabertheaters realisiert;
also neun neue Stücke pro Jahr auf den ver-
schiedenen Bühnen und in freier Natur.
Goethe  gelingt  es,  im  November  1776 die
Sängerin und Schauspielerin Corona Schröter
nach Weimar zu holen, die er schon während
seiner Leipziger Zeit kennen und schätzen ge-
lernt hat.   Sie wird sehr bald die einzige pro-
fessionelle Stütze des Liebhabertheaters sein.
112
Die schöne Schauspie-
lerin, die auch mehrere
Sprachen  beherrscht,
malt und mehrere Mu-
sikinstrumente  spielt,
beschäftigt die Phanta-
sien des Herzogs und
Goethes  ganz  erheb-
lich.  Schließlich  läßt
der Herzog gegenüber
dem Wittumspalais ein
neuesTheater erbauen.
Besonders die Zeichenkunst zählt zu den tragenden
Säulen des »Musenhofes«. Die Begeisterung für die
Darstellung  der Natur  mit  dem Zeichenstift  teilt
Anna Amalia mit Goethe. Dieser zieht häufig mit
der  Zeichenmappe
durch  die  Weimarer
Umgebung und hält die
Natur mit dem Stift fest.
Zuweilen  schwankt
Goethe zwischen seinen
literarischen Ambitionen
und denen zur bildenden
Kunst,  glaubt  er  doch
durch Übung und Unter-
richt bei erfahrenen Meistern der Zeichenkunst die
gleichen Erfolge haben zu können wie in der Lite-
ratur.
Seine  kommunal-  und  staatspolitische  Tätigkeit
nimmt Goethe von Anbeginn sehr ernst. Er will den
Einfluß auf den Herzog behalten und ihm ist nicht
nur daran gelegen, die praktische Politik zu beein-
flussen., sondern er will auch Ergebnisse erreichen,
wie etwa die erneute Inbetriebnahme des Ilmenauer
Bergwerks.
Zwar  werden  im  mindestens
einmal wöchentlich  tagenden
Consilium – mit den drei Mit-
gliedern und dem Herzog –alle
kommunalen Angelegenheiten
gemeinsam besprochen, den-
noch  gibt  es  konkrete  Auf-
gabenverteilungen.  Goethes
Beamtentätigkeit erstreckt sich ab dem Jahre 1777
auf die Erneuerung des Bergbaus und ab 1779 auf
den Vorsitz  zweier ständiger  Kommissionen, der
Wegebaukommission und der Kriegskommission,
mit der Zuständigkeit für die Aushebung der Rekru-
ten für die Weimarer Armee.
Sein Hauptanliegen ist es, durch Einschränkung der
öffentlichen Ausgaben bei gleichzeitiger Förderung
der Wirtschaft den völlig verschuldeten Staatshaus-
halt zu sanieren. Dies gelingt zumindest teilweise,
z. B. führt die Halbierung der »Streitkräfte«  zu Ein-
sparungen. Schwierigkeiten und die Erfolglosigkeit
seiner Bemühungen im Staatsdienst bei gleichzei-
tiger Arbeitsüberlastung lassen ihn zuweilen resig-
nieren. Goethe notiert 1779 im Tagebuch: Es weis
kein Mensch was ich thue und mit wieviel Feinden
ich kämpfe um das wenige hervorzubringen.
Durch Reisen mit dem Herzog macht sich Goethe
mit Land und Leuten vertraut. Seine Tätigkeiten
führen ihn unter anderem nach Apolda, dessen Not
er beschreibt, wie auch in andere Gebiete des Her-
zogtums. Zumeist im Rahmen dienstlicher Pflichten
unternimmt  Goethe  in  seinem  ersten  Weimarer
Jahrzehnt mehrere Reisen auch über die Landes-
grenzen hinaus,  darunter  im  Frühjahr  1778  eine
Reise nach Dessau und Berlin, von September 1779
bis Januar 1780 in die Schweiz sowie mehrmals in
den Harz.
1782 wird er vom Herzog zum Kammerpräsidenten
(Finanzminister)  ernannt,  in  der  Hoffnung,  den
Staatshaushalt weiter zu konsolidieren. Er fördert
die Landwirtschaft, ist in der Kriegskommission,
der Wege- und Wasserbaudirektion sowie der Berg-
werkskommission tätig. Ab 1784 leitet er die Steu-
errevision  im  Kreis  Ilmenau,  außerdem  ist  er
Berater des Herzogs in Fragen der Außenpolitik
Hier noch kurz seine Entwicklung: im Juni 1776
wird er Legationsrat, im September 1779 Geheimer
Rat, im April 1782 wird er nobilitiert. Im gleichen
Jahr  beschreibt  Goethe  im  Gedicht   Ilmenau das
Leben des Herzogs Carl August – vom zügellosen
Jugendtreiben zum jetzigen Wirken im Interesse des
Landes.
113
Wie dank' ich, Musen, euch!
Daß ihr mich heut auf einen Pfad gestellet,
Wo auf ein einzig Wort die ganze Gegend gleich
Zum schönsten Tage sich erhellet;
Die Wolke flieht, der Nebel fällt,
Die Schatten sind hinweg. Ihr Götter,
Preis und Wonne!
Es leuchtet mir die wahre Sonne,
Es lebt mir eine. schönre Welt;
Das ängstliche Gesicht ist in die Luft zerronnen,
Ein neues Leben ists, es ist schon lang begonnen.
So mög, o Fürst, der Winkel deines Landes
Ein Vorbild deiner Tage sein!
Du kennest lang die Pflichten deines Standes
Und schränkest nach und nach die freie Seele ein.
Der kann sich manchen Wunsch gewähren,
Der kalt sich selbst und seinem Willen lebt;
Allein wer andre wohl zu leiten strebt,
Muß fähig sein, viel zu entbehren.
So wandle du – der Lohn ist nicht gering –
Nicht schwankend hin, wie jener Sämann ging,
Daß bald ein Korn, des Zufalls leichtes Spiel,
Hier auf den Weg, dort zwischen Dornen fiel;
Nein! streue klug wie reich, mit männlich steter Hand,
Den Segen aus auf ein geackert Land;
Dann laß es ruhn: die Ernte wird erscheinen
Und dich beglücken und die Deinen.
Ilmenau am 3. September 1783
Goethes Freundschaft mit dem Herzog ermöglicht
das Einfließen aufklärerischen und liberalen Gedan-
kengutes auf einen regierenden Souverän.
Des Herzogs  große  Passionen, die Goethe  beide
nicht teilt, sind die Jagd und das Militärwesen. Er
ist bestrebt, dem Vorbild seines Großonkels Fried-
rich II. nachzueifern und an seiner Seite militärische
Lorbeeren  zu  ernten.  Daß  er  auf  diesem  Gebiet
gemäßigt wird, ist mit Sicherheit auf Goethes Ein-
fluß zurückzuführen.
Das anfängliche Sturm- und Drangtreiben, später
die Jagdleidenschaft des Herzogs, das Theaterspie-
len, die literarischen Unternehmungen der Hofge-
sellschaft, die Übungen im Zeichnen stellen Goethe
nach einigen Jahren nicht mehr zufrieden, zumal
seine schriftstellerischen und poetischen Aktivitäten
durch seine unzähligen Verpflichtungen immer wei-
ter eingeschränkt sind.
Im  September  1783  bricht  Goethe  auf  zu  einer
Reise in den Harz. Die erste Nacht unterwegs ver-
bringt  er  auf  einer  kleinen  Jagdhütte  auf  dem
Kickelhahn  bei  Ilmenau:  Dort  entstehen  die  be-
rühmten Verse:
Über allen Gipfeln ist Ruh
in allen Wipfeln spürest Du
kaum einen Hauch
Die Vöglein schweigen im Walde
warte nur: balde – ruhest Du auch.
Fast ein halbes Jahrhundert später wird Goethe am
Vorabend seines letzten Geburtstages noch einmal
die Hütte aufsuchen und die von ihm in die Bretter-
wand geritzten Verse lesen.
Wenig später wird er zu Eckermann bemerken: In
den ersten zehn Jahren meines Weimarer Lebens
habe ich so gut wie nichts gemacht; eigentlich war
es die Verzweiflung, die mich nach Italien trieb...
In Goethes Briefen der nächsten Monate schwingt
zuweilen nun ein mißvergnügter Unterton mit; als
Dichter hat er in diesen Jahren kaum noch etwas zu-
stande gebracht. Der Faust, die Iphigenie, der Tasso
und der Egmont liegen als Fragmente in der Schub-
lade. Die Amtstätigkeit im Dienste des Herzogs be-
lastet ihn zunehmend.
Ich darf mich nicht säumen, ich bin schon weit in
den Jahren und vielleicht bricht mich das Schicksal
in  der  Mitte  und  der  Babylonische  Turm  bleibt
stumpf, unvollendet, schreibt er an einen Freund.
114
Meine Schriftstellerei subordiniert sich dem Leben,
schreibt er am 14. Mai 1784 an Kestner, doch er-
laube ich mir, setzt er mit einiger Ironie hinzu, nach
dem Beispiel des großen Königs, der täglich einige
Stunden auf die Flöte wandte, auch manchmal eine
Übung in dem Talente, daß mir eigentlich eigen ist.
Ab  Mitte  der  1780er  Jahre,
auf dem Gipfel seiner Amts-
karriere,  gerät  Goethe  in
eine  Krise.  Seine  amtli-
chen Tätigkeiten bleiben
ohne  Erfolgserlebnisse,
die  Belastungen  seiner
Ämter und die Zwänge des
Hoflebens werden ihm lästig,
die Beziehung zu Charlotte von
Stein gestaltet sich zunehmend unbefriedigend.
Als ihm der Verleger Göschen 1786 das Angebot
einer Gesamtausgabe macht, wird ihm schockartig
klar, daß von ihm in den letzten zehn Jahren nichts
Neues erschienen ist. Im Blick auf seine dichteri-
schen Fragmente Faust, Egmont, Wilhelm Meister,
und Tasso verstärkten sich die Selbstzweifel an sei-
ner Doppelexistenz als Künstler und Amtsmensch.
Nach der ernüchternden Erfahrung seiner dichteri-
schen  Stagnation  im  ersten  Weimarer  Jahrzehnt
entzieht er sich schließlich dem Hof durch eine für
seine Umgebung unerwartete Bildungsreise nach
Italien.
Den Herzog hat er vor dem letzten persönlichen Zu-
sammensein  in  Karlsbad  schriftlich  um  unbe-
fristeten Urlaub gebeten. Am 24. Juli schreibt er
ihm: Die Hoffnung den heutigen Tag noch mit Ihnen
zuzubringen hat mich nicht allein getäuscht, son-
dern auch um ein Lebe wohl gebracht. (…)
Ich dancke Ihnen daß Sie mich noch mit einem
freundlichen Worte beurlauben wollen. Ich gehe al-
lerley Mängel zu verbessern und allerley] Lücken
auszufüllen, stehe mir der gesunde Geist der Welt
bey! Behalten Sie mich lieb, empfehlen Sie mich
Ihrer Frau Gemahlinn, die ich mit herzlichen Freu-
den wohl verlassen habe, und leben selbst gesund
und froh.
Am 3. September 1786 bricht er ohne Abschied von
einer Kur in Karlsbad auf. Nur sein Sekretär und
vertrauter Diener Philipp Seidel ist eingeweiht.
Für die Zurückbleibenden mußte es wie eine Flucht
erscheinen. Goethe schreibt: Früh drei Uhr stahl
ich mich aus Karlsbad weg, man hätte mich sonst
nicht  fortgelassen..., denn die Gesellschaft hatte
noch am 28. August auf sehr freundliche Weise mei-
nen Geburtstag gefeiert...
Aber er wird nach zwei Jahren wiederkommen und
bis an sein Lebensende in Weimar bleiben. Doch
auch nach seiner Rückkehr wird Goethe bis nahezu
an sein Lebensende die doppelte Herausforderung
annehmen: einerseits als Staatsminister zu wirken,
und gleichzeitig das wohl umfassendste dichteri-
sche Werk deutscher Sprache zu schaffen.
Hans-Hellmut Allers
115
2008
Goethes lebenslange Suche
Hans-Hellmut Allers  (Berlin)
...daß ich erkenne, was die Welt
im Innersten zusammenhält.
Einführungsvortrag zum Jahresthema
Goethes lebenslange Suche
Prof. Dr. Ludolf von Mackensen (Kassel)
...die Chymie ist noch immer
meine heimlich Geliebte...
Goethe und die Alchemie
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings (Berlin)
Kommst Du nur immer anzuklagen –
Ist auf der Erde ewig Dir nichts recht?
Faust- die alte und die neue Schöpfung
Goethes 259. Geburtstag
in Schuberts Garten
Jürgen Thormann liest Johann W. Goethe
Meine Religion, mein Glaube
Daß ich erkenne, was die Welt
im Innersten zusammenhält...
Als Goethe seinen Doktor Faust im
Studierzimmer  gleich  zu  Beginn
diesen Wunsch  aussprechen  lässt,
geht es keineswegs um die Erfor-
schung der Erdrinde, die ihn auch
sehr  beschäftigt  hat;  vielmehr  ist
mit dem Innersten hier die Esoterik
gemeint, die Suche nach der inne-
ren,  spirituellen  Erkenntniswahr-
heit,  auf  der  sich  Goethe  sein
gesamtes Leben lang befindet.
Sein  Protagonist  ist  ja  auch  nicht
von  ungefähr  kein  Naturwissen-
schaftler, sondern ein Pendler zwi-
schen  den  Fakultäten;  hat  mit
heißem  Bemühn  studiert  Philoso-
phie und sogar Theologie, auch ein
wenig Jura und Medizin, hat offen-
bar  sogar  als Arzt  praktiziert  wie
sein historisches Vorbild, der Alche-
mist, Astrologe, Magier und Wun-
derheiler Doktor Johann Faust. Und
nun erleben wir gerade, wie er sich
erklärtermaßen der Magie ergeben
hat  und kabbalistische Zeichen in
einem Folianten von Nostradamus
eigener Hand studiert, um den Erd-
geist anzurufen.
Nun  gut,  dichterische  Phantasie
könnte man meinen, doch weit ge-
fehlt.  Als  der  21-jährige  Goethe
1770  in  Straßburg  diese  Verse  zu
Papier bringt, hat er gerade mehrere
Monate hinter sich, die er im elter-
lichen Hause, genesend  von einer
lebensbedrohlichen Krankheit, mit
dem  Studium  der  Alchemie  und
Kabbalistik sowie der Kirchen- und
Ketzergeschichte verbracht hat.
Die  intensive  Beschäftigung  mit
dem Vorhandensein einer unsicht-
baren  geistigen  Welt  und  deren
mannigfache Einwirkung auf unser
tägliches Leben  ist  keine Marotte
des jungen Studiosus. In allen Le-
bensabschnitten  wird  sich  Goethe
mit übersinnlichen und mysthischen
Phänomenen beschäftigen, mit den
Themen Prophezeiungen und Wie-
dergeburt;  er  liest  Jacob  Böhme,
Swedenburg und Spinoza und be-
kennt sich als zutiefst gottgläubig;
nur mit der Kirche hat er´s nicht so,
manifestiert sich für ihn doch der
allgegenwärtige  Schöpfer  in  der
Natur und ihren sämtlichen Hervor-
bringungen.
Sein ausgeprägter Hang zu spiritu-
ellen Wahrheiten, zu einer  jenseiti-
gen  Geisterwelt,  zu  Aberglauben
und Astrologie durchzieht sein ge-
samtes dichterisches Werk.
Seine Autobiografie Dichtung und
Wahrheit leitet er ein mit einem Be-
kennntnis zur Astrologie, ausklin-
gend  mit  einer  Darstellung  des
Dämonischen.  Zufall? Nach Goe-
thes Überzeugung gibt es keine Zu-
fälle, sondern nur Fügungen.    B.S.
116
Prof. Dr. Volker Hesse (Berlin)
...doch im Innern scheint ein Geist
gewaltig zu ringen...
Goethes Ergründung der
Naturwissenschaften
Dr. Otto Krätz (Starnberg)
Wenn weise Männer nicht irrten,
müßten die Narren verzweifeln…
Chemische und physikalische Experimente
bei Goethe
Beate Schubert (Berlin)
Ein Wandelndes, das mit und um uns wandelt...
Esoterik in Goethes Leben und Werk
Prof. Dr. Theo Buck (Aachen)
Stirb und Werde!
Goethes Entelechie
Auszug  aus  dem  Einführungs-
vortrag von Hans-Hellmut Allers:
Goethes Grundauffassung, seine per-
sönlichen Vorstellungen bezüglich der
bedeutendsten  und  wichtigsten  Le-
bensthemen  des  Menschen,  sein  le-
benslanges  Suchen  nach  Antworten
auf die großen Fragen, die sich Men-
schen stellen, sind nicht allein durch
Darstellen und Interpretieren biogra-
phischer Daten und Abläufe aufzuspü-
ren.  Obwohl  Goethe  an  der
Philosophie seiner Zeit trotz intensiver
Auseinandersetzung  wenig  Freude
hat, ist er doch ein wirklicher Philo-
soph, ein Freund der Weisheit im an-
tiken Sinn.
Die Philosophie der Antike verbindet
das Erkennen naturwissenschaftlicher,
mathematischer  oder  geisteswissen-
schaftlicher  Zusammenhänge  mit
allem, was menschliche Neugier und
menschliches Denken auf allen Gebie-
ten hervorbrachte. Goethe ist jedoch
kein Freund philosophischer Systeme,
sie erscheinen ihm künstlich oder kon-
struiert. Ihn treibt die Liebe zur Natur,
zu  einer  immer  eingehenderen  Be-
schäftigung mit naturwissenschaftli-
chen Fragen. In den Zahmen Xenien
heißt es: mein Kind, ich habe es klug
gemacht, ich habe nie über das Den-
ken gedacht.
Für Goethe ist die Erfahrung der Weg
zur Erkenntnis, nicht das Nachdenken
über  das  Denken.  Zu  den
Naturwissenschaften kommt Goethe
als Autodidakt.  Er  betreibt  Wissen-
schaft so, wie er Wissenschaft von An-
beginn  auffasst:  Erfahren  durch
Betrachten und Begreifen. Für Goethe
zählt, was sich aus sinnlich Erfahrba-
rem  ableiten  lässt.  Natürlich  spielt
auch  das  Experiment  bei  ihm  eine
Rolle, aber eben nicht ausschließlich.
Als  Bergbauminister  kriecht  er  in
Stollen und Bergwerke, um Gesteine
und Mineralien zu betrachten und zu
begreifen.  Er  untersucht  die Phäno-
mene des Magnetismus und der Elek-
trizität.  Er  notiert  Barometerstände
und versucht, ein Netz zur Wetterbe-
obachtung und Wettervorhersage im
Herzogtum aufzubauen und er betreibt
anatomische Studien.
Goethes  Haltung  gegenüber  der
Newtonschen  Theorie  der  Lichtbre-
chung kann man getrost als feindselig
beschreiben. Er verteufelt alles, was
mit Zerlegen und  Zerstückeln zu tun
hat.  Für  die  Farben  findet  er  die
schöne poetische Formulierung: Far-
ben sind Taten und Leiden des Lichts.
117
Nun sag! Wie hast du's mit der Religion? fragt Gret-
chen ihren Heinrich, den Doktor Faust, und dieser,
der in seiner Studierstube in der Osternacht einige
Szenen zuvor bekannt hat: Die Botschaft hör ich
wohl, allein mir fehlt der Glaube, weicht aus und
bequemt sich schließlich zu der Antwort: Gefühl ist
alles.  Name  ist  Schall  und
Rauch, Umnebelnd Himmelsglut.
Wie aber hielt es Goethe selbst
mit Religion  und Christentum?
Die  Meinungen  sind  gespalten
und widersprechen einander.
Goethe war weder ein Religions-
verächter  noch  ein  religiöser
Mensch im konfessionellen Sinn.
In einem Brief an Sulpiz Boisse-
rée vom 22. März 1831 schreibt
er, er habe keine Konfession ge-
funden,  zu  der  ich  mich  völlig  hätte  bekennen
mögen. Stattdessen übte er schon früh Kritik an den
positiven Formen geoffenbarter Religion und der
Kirche und hielt sich schon in der Jugend an die
Vorstellung einer natürlichen Religion, nach der ein
höheres ordnendes Wesen nur in der Natur verbor-
gen spürbar sei.
Sein Leben lang suchte Goethe nach der wahren
Religion und fand sie zunächst und am ehesten in
der Natur. Alle Schöpfung ist Werk der Natur. Von
Jupiters  Throne  /  Zuckt  der  allmächtige  Strahl,
nährt und erschüttert die Welt.
(Vier Jahreszeiten)
Religion erschöpfte sich für Goethe nicht in mytho-
logischen Bildern und in austauschbaren Mytholo-
gemen, sondern galt ihm als eine besondere Sicht
auf die Welt, den Menschen und die Natur.
Schon früh hat sich der Dichter dazu bekannt: Gott
in der Natur, die Natur in Gott zu sehen. Bei der
Betrachtung von Schillers Schädel widmete er sei-
nem früh verstorbenen Freund einen Nachruf, an
dessen Schluss es heißt: Was kann der Mensch im
Leben mehr gewinnen, / Als daß
sich Gott-Natur ihm offenbare? /
Wie sie das Feste lässt zu Geist
gerinnen, / Wie sie das Geister-
zeugte fest bewahre.
Der Natur, der Goethe eine gera-
dezu religiöse Verehrung entge-
genbrachte, weil er sie mit Gott
gleichsetzte, ordnete er Willen,
Vernunft,  Weisheit,  Güte  und
Liebe zu. Er war überzeugt von
dem  Wirken  einer  höchsten
Macht in ihr und von dem schöpferischen Prinzip
der Polarität als einer dynamischen Kraft alles Wer-
dens, dem Naturgesetz von Anziehung und Absto-
ßung bei fortwährender Steigerung des Einfachen
auf die jeweils vollendete Form. Goethe war voll
Ehrfurcht vor dem Lebendigen in all seinen wahr-
nehmbaren Aspekten wie auch vor dem letztlich un-
erforschlichen Wirken des Göttlichen, in dem Welt
und Leben aufgehoben sind.
Religion ist für Faust wie für Goethe eine Sache des
Gefühls. Auch Faust blieb, nachdem er die Uner-
füllbarkeit seines Wunsches, daß ich erkenne, was
die Welt im Innersten zusammenhält, erkannt hat,
am Ende nur die Ehrfurcht vor dem unerforschli-
chen und unbegreiflichen Wesen der Welt, die Ehr-
furcht  vor  dem  unfassbaren  Gott,  für  den  Faust
keinen Namen hat und den in Begriffe zu fassen, er
ablehnt.
Da  die  Religion  für  Goethe  in  erster  Linie  eine
Sache des Gefühls ist, bleibt sein Glaube auch wei-
terhin überwiegend ein  gefühlsmäßiges Erfassen
und Erfaßtsein der Seele, weshalb er jede rationale
Bestimmung und Deutung der religiösen Gegen-
stände und Erlebnisse ablehnt.
Im Laufe seines Lebens entwickelte Goethe panso-
phistische, mystische und auch pantheistische Vor-
stellungen – wonach Gott identisch sei mit allem,
was  ist.  Das  freilich  sind  Vorstellungen,  die  im
scharfen Gegensatz stehen zum christlichen und jü-
dischen Glauben. Goethe sieht sich daher wieder-
holt  dem  Vorwurf  des  Atheismus  ausgesetzt,
obwohl er doch nur die Gegensätze zu vereinen ver-
suchte.
Für Goethe hat die Natur in die Existenz eines jeden
lebendigen  Wesens so  viel  Heilungskraft  gelegt,
daß es sich, wenn es an dem einen oder dem ande-
ren Ende zerrissen wird, selbst wieder zusammen-
flicken  kann;  und  was  sind  die  tausendfältigen
Religionen  anders als tausendfache  Äußerungen
dieser Heilungskraft, die ihnen innewohnt?
Die Frage, die Goethe gegenüber allem Religiösen
bewegt, ist das Problem, ob der Mensch in seiner
Identität  durch  religiöse Ansprüche  vergewaltigt
werde oder ob er dabei er selbst bleiben dürfe. Ge-
Ursula Homann (Arnsberg)
Wie hältst Du´s mit der Religion?
Goethes Glaube und Gottesvorstellung
118
rade im Hinblick auf sein Ringen mit dem Chris-
tentum kreiste sein Denken immer wieder um die
Frage, ob und inwieweit das Christentum der Tra-
dition vom einzelnen Menschen angeeignet werden
könne, ohne die eigene Natur zu bedrohen.
Obwohl das Christentum
für  Goethe  eine  in  der
Regel mit Respekt regis-
trierte  Religion  ist  und
die  Luther-Bibel  sein
Denken,  seine  Bilder-
und  Gleichniswelt,  ja
sogar seine Sprache zeit-
lebens  tiefer geprägt und
ihn mehr gebildet hat als
irgendein anderes Werk,
so  war das Christentum
für ihn später doch nur eine von mehreren Möglich-
keiten,  der  eigenen  Existenz  ein  Fundament  zu
geben.
Goethes Denken besaß in  ihrer Vielschichtigkeit
und  in  ihrem  Geistesreichtum  eine  ozeanische
Weite, die sicher größer war als die vieler anderer
Geistesgrößen. Er hat nicht nur eine einzige Reli-
gion vor Augen gehabt, sondern die Vielfalt aller
Religionen,  die  auf  Gott  und  zugleich  auf  die
Menschheit – auf das Divinum und das Humanum
–  ausgerichtet  sind.  Sein  Humanismus  wurzelt
ebenso in der griechisch-römischen Klassik wie im
Judentum  und  im  Christentum.  Ja,  selbst  fern-
östliche Motive sind dem Verfasser des West-östli-
chen  Divans nicht  fremd.  Da  gibt  es  weder
Einlinigkeit noch sind eindeutig Brüche und Abbrü-
che auszumachen.
Am 6. Januar 1813 schreibt Goethe in einem Be-
kenntnis zur Fülle des Seins und zur Vieldimensio-
nalität des religiösen Ich: Ich für mich kann bei den
mannigfachen Richtungen meines Wesens nicht an
einer  Denkweise  genug  haben;  als  Dichter  und
Künstler bin ich Polytheist, Pantheist hingegen als
Naturforscher und eins so entschieden als das an-
dere. Bedarf ich eines Gottes für meine Persönlich-
keit als sittlicher Mensch, so ist dafür auch schon
gesorgt. Die himmlischen und irdischen Dinge sind
ein so weites Reich, daß die Organe aller Wesen zu-
sammen es nur erfassen mögen.
Goethe strebte danach, die religiöse Enge, in der er
aufgewachsen war und die ihn immer umgab, durch
eine umfassende lebensverbundene und Hoffnung
kündende  Weite  zu  sprengen.  Das  Gefühl  von
Größe und Freiheit war ihm wichtig. Daraus ergibt
sich auch, daß er sich ungern festlegte, noch weni-
ger, daß er sich festlegen ließ. Ob man ihn Pan-
theist, Atheist oder Christ nennen wollte, galt ihm
gleich viel, weil niemand recht wisse, was das alles
eigentlich heißen sollte.
Die lebenslange Beschäftigung mit der christlichen
Religion, den Religionen der Welt und mit kontro-
versen  theologischen  Interpretationen  zeigt  sich
nicht nur in seinem Werk, sie bestimmt auch Goe-
thes  Leben insgesamt.  Seine  Sprachmächtigkeit,
seine Kunst und Ästhetik sind ohne die Auseinan-
dersetzung mit dem Thema Religion nicht zu ver-
stehen. Das erklärt auch, bei all seiner Ablehnung
des orthodoxen Protestantismus, Goethes ausdrück-
liche Bewunderung der sprachgeschichtlichen Leis-
tung Luthers.
Für Goethe, der mit den Entwicklungen der protes-
tantischen Theologie schon früh wohl vertraut war,
hatte der protestantische Gottesdienst jedoch »zu
wenig Fülle und Consequenz, als daß er die Ge-
meinde zusammen halten könnte« und: zu wenig
Sacrament.
Im  Tagebuch  vom  7.  September  1807  notierte
Goethe: Der Protestantismus hält sich an die mora-
lische Ausbildung des Individuums, also ist Tugend
sein erstes und letztes, das auch in das irdische bür-
gerliche Leben eingreift. Gott tritt in den Hinter-
grund  zurück,  der  Himmel  ist  leer  und  von
Unsterblichkeit ist bloß problematisch die Rede.
Dennoch hat er die geistesgeschichtliche Bedeutung
des Protestantismus erkannt und ihn überkonfessio-
nell gewürdigt: als Anre-
gung,  als  Widerstand
gegen  Autoritäten,  als
Befreiungsversuch  und
als Aufklärung. Vor allem
als Befreiung der Geister
hat er ihn und Luther sehr
geschätzt.  Religiöses
Denken  im  weitesten
Sinne  grundiert  mithin
Goethes Leben und Werk
und bestimmt seine Welt-
anschauung und Sprache.
Doch verfolgen wir erst einmal die Stufenfolge sei-
ner religiösen Erfahrung, von der frühen Protestan-
tismuskritik über pantheistische Glaubensinhalte
bis  hin  zum  späteren  Humanitätsideal  und  zur
Altersmystik.
119
Goethes Kindheit und Jugend waren streng luthe-
risch geprägt. Im Haus des Kaiserlichen Rates Jo-
hann  Caspar  Goethe  waren  der  Kirchgang,  der
Gebrauch des Gesangbuches und der Bibel selbst-
verständlich. Hinzu kamen die naive Frömmigkeit
der  Mutter  und  der  regelmäßige  Religionsunter-
richt, den Goethe durch private Hebräischstunden
vertiefte. Außerdem regten ihn die biblischen Ge-
schichten, die er hörte und las, schon früh zu eige-
nen dichterischen Versuchen an.
Goethes  Kindheit  und  Jugendzeit  fielen  in  eine
Epoche des Umbruchs, in der religiöse Vorbilder,
Legenden und Heiligenviten ihre schützende Wirk-
kraft zu verlieren begannen und dem Individuum
mehr und mehr die Aufgabe des Mündigwerdens
übertragen wurde. Dennoch behielt die Religion,
obwohl man sie jetzt historisierend oder psycholo-
gisch  zu  deuten  begann,  auch  an  der  Epochen-
schwelle und bei aller Kritik am Dogmatismus ihre
fundamentale Bedeutung noch lange Zeit bei.
Erste Erschütterung seines an den Katechismus ge-
bundenen  naiven  Kinderglaubens  erfuhr  Goethe
durch das Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755.
Stellte dieses doch die damals allgemeine Überzeu-
gung in Frage, daß der Mensch sein Schicksal ganz
in der Hand habe. Der Glaube an die unerforschli-
che Güte Gottes wurde ebenso erschüttert wie die
optimistische Ansicht von dieser Welt als der besten
aller möglichen.
Wo waren noch Gerechtigkeit und Menschenliebe
Gottes,  wenn  er  es  zuließ,  daß  unterschiedslos
Schuldige und Unschuldige, Säuglinge und Greise,
Männer und Frauen, ohne gewarnt worden zu sein
und ohne sich wehren
zu können, im Nu da-
hingerafft  werden?
Damit  begann  auch
bei Goethe ein erstes
Nachdenken über den
Sinn des Lebens.
Goethe übte schon früh Kritik an der protestanti-
schen Orthodoxie und an der für ihn enttäuschenden
Form des Luthertums, insbesondere an dem vom
Protestantismus  geforderten  Sündenbewusstsein.
Der kirchliche Protestantismus, wie er ihn in seiner
Jugend kennengelernt hatte, war ihm nur eine Art
trockener Moral.
Goethe schildert weiter, wie er – gegen den protes-
tantischen Konservatismus vor allem des Vaters –
mit  eigenen  Erfahrungen  seine  Weltanschauung
formte.
Goethes spätere Weltfrömmigkeit kündet sich über-
dies in dem Naturopfer des Knaben an, von dem
Goethe in seinen Erinnerungen ausführlich berich-
tet,  wobei  er  allerdings
erfahren musste, wie ge-
fährlich  es  überhaupt
sei, sich Gott auf derglei-
chen  Wegen  nähern  zu
wollen. Denn  die  Räu-
cherkerzen  hatten  bei
einer dieser Opferhand-
lungen in einem Zimmer
des  Elternhauses  be-
trächtlichen Schaden an-
gerichtet.
Goethe  nahm  in  jungen  Jahren  beim  Rektor
Albrecht Hebräischstunden, die ihn wiederum an-
regten, sich mit dem Alten Testament intensiver zu
beschäftigen.  Das  Resultat  war,  wie  Goethe
schreibt, daß von den biblischen Völkern und Ge-
schichten eine lebhaftere Vorstellung in seiner Ein-
bildungskraft hervorging. Aber  nicht  nur  das,  er
begann auch, manche der alten Geschichten nach-
zudichten. Viele seiner leider nicht erhaltenen Ju-
gendwerke  haben  biblische  Themen:  Belsazar,
Isabel, Ruth, Selima.
Goethe  verfaßte  geistliche  Oden  und  ahmte  das
Jüngste Gericht von Elias Schlegel nach. Auch eine
Ode Zur Feier der Höllenfahrt Christi erhielt von
meinen Eltern und Freunden viel Beifall, und sie
hatte das Glück, mir selbst noch einige Jahre zu ge-
fallen. Das lange sechszehnstrophige Gedicht von
1765, das gegen Goethes Willen in der Frankfurter
Wochenschrift Die Sichtbaren gedruckt wurde, ver-
harrt in Thematik und künstlerischer Ausgestaltung
noch ganz im Bann der Tradition.
Im Oktober 1765 ging Goethe zum Studium nach
Leipzig. Dort ergriff ihn Skepsis in einer Stadt, die
sich gegenüber dem engen und provinziellen Frank-
furt als Zentrum der deutschen Aufklärung und des
Rokoko durch weltläufige Eleganz auszeichnete.
Mit Freunden führte er Gespräche über Fragen der
Ästhetik, der Gesellschaft, der Psychologie und der
Religion. Besonders die pietistischen Thesen, die
der angehende Theologe Ernst Theodor Langer in
manchen nächtlichen Zusammenkünften vortrug,
bei denen eifrig über Bibel und Christentum disku-
tiert wurde, wirkten über viele Jahre noch in Goethe
nach.
120
Eines Nachts bricht Goethe mit einem Blutsturz zu-
sammen. Langer, der mit Goethe auf dem gleichen
Flur wohnt, nimmt sich seiner an. Er kehrt 1768
nach Frankfurt zurück als ein an Körper und Seele
Leidender.
Goethe war gleichsam als ein Schiff-
brüchiger in  das  Elternhaus  zu-
rückgekommen  und  befand  sich
weiterhin auf der Suche nach um-
fassenden  Antworten  auf  die
Frage nach dem Sinn des Daseins
und  intensivierte  seinen  Kontakt
mit der Pietistin Susanna Katharina
von Klettenberg, die in ihm ein nach
einem  unbekannten  Heile  strebendes  Wesen ent-
deckte.
Bei Frau von Klettenberg las
er  auch mystische,  che-
misch-alchimistische  Bü-
cher der  Neuplatonischen
Schule, um die Geheimnisse
der  Natur  im  Zusammen-
hang kennen zu lernen. Von
großem  Einfluß  war  Gott-
fried  Arnolds Kirchen-und
Ketzer-Geschichte,  deren
geschichtsspekulative Leh-
ren Goethes weitere Religi-
onsentwicklung  nachhaltig  bestimmten  und
vielfach  in  seinem  Werk  aufzuspüren  sind,  vom
Werther bis zur Farbenlehre.
Die pietistische Phase fand in Goethes  späterem
Leben allerdings keine Fortsetzung, im Gegenteil.
Goethe fühlte sich auf die Dauer zunehmend abge-
stoßen  von  Heuchelei,  Schwärmertum  und  der
Weltabkehr der Stillen im Lande, wie sie halb im
Scherz, halb im Ernst genannt wurden, jener from-
men Seelen, welche ohne sich zu irgend einer Ge-
sellschaft  zu  bekennen,  eine  unsichtbare  Kirche
bildeten.
Bewußt bildete Goethe sich nun mehr und mehr
seine eigene Religion, welcher der neue Platonis-
mus zu Grunde lag. Das Hermetische, Mystische,
Kabbalistische gab auch seinen Beitrag her, und so
erbaute ich mir eine Welt, die seltsam genug aus-
sah.
(Dichtung und Wahrheit, 8. Buch, S. 350).
Mehr und mehr fühlte er sich vom Neuplatonismus
Plotins angezogen, der lehrte, daß sich die Seele des
Menschen durch Ekstase und mystische Vision mit
dem Ursprung, mit dem Allwesen wiedervereinigen
könne.
Nach Überwindung seiner Krankheit ging Goethe
nach Straßburg, wo er sein Jurastudium beendete.
Dort  lernte  er  den  pietistischen
Schriftsteller  und  Arzt  Johann
Heinrich  Jung-Stilling  kennen,
den Autor Jakob Michael Rein-
hold Lenz, den Theologen Franz
Christian Lersé und Zinzendorfs
Nachfolger in Marienborn, Au-
gust Gottlieb Spangenberg. Be-
sonders  folgenreich  war  die
Begegnung  mit  Johann  Gottfried
Herder, den er später als Generalsuperintendenten
nach Weimar holen sollte und von dem er eine Fülle
religiöser und theologischer Anregungen empfing.
Herder  hielt  Goethe  zur  Beschäftigung  mit  dem
Koran an und vermittelte ihm eine historisch-kriti-
sche Betrachtung der Bibel, wobei diese nicht im
Sinne  göttlicher  Offenbarung,  wie  sie  Lavater
pflegte, verstanden wurde, sondern als historisch-
religiöses Traditionswerk, das nicht in Glaubens-
dingen,  wohl  aber  in  historischen  Aspekten  der
Kritik offen steht.
Vor allem wirkte die Begegnung mit Johann Caspar
Lavater, der zwar kein Pie-
tist, aber ein bizarrer Christ
war,  auf  den  immer  kriti-
scher werdenden Straßbur-
ger  Studenten  Goethe  als
Provokation.  Mit  ihm  be-
ginnt  er  einen  zehn  Jahre
währenden  Briefwechsel,
der sich in erster Linie um
religiöse Fragen dreht.
Goethe fühlt sich von Lavaters ausschließlichen In-
toleranz abgestoßen und verkraftet nicht, daß die-
ser,  obwohl menschlich  das  toleranteste,
schonendste Wesen, sich als Lehrer einer ausschlie-
ßenden  Religion darstellt.  Demgegenüber  macht
Goethe seine Ansprüche auf Vielfalt und Toleranz
deutlich.
Mein Pflaster schlägt bei dir nicht an, deins nicht
bei mir. In unsers Vater Apotheke, schreibt Goethe
in einem Brief vom 4. Oktober 1782 an Lavater,
sind  viele  Rezepte.  Und: Was  sind  die  tau-
sendfältigen  Religionen anders als tausendfache
Äußerungen dieser Heilungskraft, die ihnen inne-
wohnt?
121
Am 8. Januar 1777 richtet Goethe an Lavater fol-
gende Zeilen: Dein Durst nach Christus hat mich
gejammert. Du bist übler dran als wir Heiden, uns
erscheinen doch in der Noth unsre Götter.
Schließlich äußert Goethe gegenüber Lavater den
Satz, er, Goethe, sei zwar kein Widerchrist, kein Un-
christ, aber  doch  ein dezidierter Nichtchrist. Der
Protest des jungen, nach geistiger Unabhängigkeit
strebenden Genius gegen alle orthodoxe und pietis-
tische Einengung wird gerade durch die missionari-
schen  Tendenzen  Lavaters,  aber  auch  Jacobis
ausgelöst.
Du nennst das Evangelium die göttlichste Wahr-
heit? Mich würde eine vernehmliche Stimme aus
dem  Himmel  nicht  überzeugen,  daß  das  Wasser
brennt  und  das  Feuer  löscht  und  ein  Weib  ohne
Mann  gebärt  und  ein  Toter  aufersteht;  vielmehr
halte ich dies für Lästerungen gegen den großen
Gott und seine Offenbarung in der Natur. In diesem
Glauben ist es mir ebenso heftig ernst wie Dir in
dem Deinem.
(Goethe an Lavater am 9. 8. 1782)
.
Doch bekennt Goethe in Dichtung und Wahrheit:
Dieses Hin- und Widerschreiben, so heftig es auch
war, störte das gute Verhältnis nicht. Lavater hatte
eine unglaubliche Geduld, Beharrlichkeit, Ausdauer.
Die kraftgenialische Selbstbezüglichkeit des begin-
nenden Sturm und Drang ließ Goethe – nicht zuletzt
durch Herder – noch weiter von der Orthodoxie und
den pietistischen Ideen abrücken. Einen neuen Zu-
gang zur Religion fand er ab 1773 aber auch durch
den Pantheismus Baruch Spinozas, der Gott in der
gesamten Natur manifestiert sah.
In Dichtung und Wahrheit rühmt
Goethe  Spinoza  mit  den Wor-
ten: Die  alles  ausgleichende
Ruhe  Spinozas  kontrastierte
mit meinem alles aufregenden
Streben.. und ..machte mich zu
seinem  leidenschaftlichen
Schüler, zu seinem entschiedens-
ten Verehrer.
Unter  dem  Einfluß  Spinozas  kehrt  er  wieder  zu
einer  seinem  Naturgefühl  entsprechenden,  dem
Pantheismus verwandten Naturfrömmigkeit zurück,
die  sich  am  einfachsten  und  umfassendsten  als
Diesseits- oder Weltfrömmigkeit umschreiben lässt.
Das bedeutet: Verehrung des ungreifbaren Höheren
als Ordnungsmacht in der Schönheit der Welt, Ein-
ordnung in die Gesetze des Daseins oder Schicksals
und eine tätig-nützliche mitmenschliche Lebensge-
staltung im schöpferischen wie sittlichen Sinn bei
weitgehendem Dahingestelltseinlassen der letzten
Fragen und Umgehung religiöser Spekulationen um
Jenseits, Unsterblichkeit und Seelenheil.
Die Befreiung von den Zwängen seiner Kindheit
und die Abkehr auch von neueren theologischen
Systemen findet ihren starken Ausdruck in den frü-
hen Dramen, Götz und Stella. In Götz von Berli-
chingen vertritt der Dichter eine religionskritische
Haltung, eine Art Befreiungstheologie. Himmlische
Luft! Freiheit! Freiheit! läßt er Götz vor seinem Tod
ausrufen, ganz im Sinne seines Ausspruchs: Was
vom Christentum gilt, gilt von den Stoikern, freien
Menschen  ziemt  es  nicht, Christ  oder Stoiker zu
sein.
Den  Weg  seiner  frühen  religiösen  Entwicklung
bringt Goethe in Dichtung und Wahrheit in eine his-
torisch-systematische Abfolge. Aber lassen wir ihn
selbst zu Worte kommen: Man hat im Verlaufe die-
ses biographischen Vortrags umständlich gesehn,
wie  das  Kind,  der  Knabe,  der  Jüngling
sich  auf  verschiedenen  Wegen dem
Übersinnlichen zu nähern gesucht,
erst mit Neigung nach einer na-
türlichen  Religion  hingeblickt,
dann mit Liebe sich an eine po-
sitive  fest  geschlossen,  ferner
durch Zusammenziehung in sich
selbst  seine  eigenen  Kräfte  ver-
sucht und sich endlich dem allge-
meinen Glauben freudig hingegeben.
Als er in den Zwischenräumen dieser Regionen hin
und wieder wanderte, suchte, sich umsah, begeg-
nete ihm manches, was zu keiner von allen gehören
mochte, und er glaubte mehr und mehr einzusehen,
daß es besser sei, den Gedanken von dem Ungeheu-
ren, Unfasslichen abzuwenden. Er glaubte in der
Natur, der belebten und unbelebten, der beseelten
und unbeseelten, etwas zu entdecken, das sich nur
in Widersprüchen manifestierte und deshalb unter
keinen Begriff, noch viel weniger unter ein Wort ge-
fasst werden könnte.
Mit seiner Übersiedlung nach Weimar hatte Goe-
thes unbeschwerter, von dichterischer Produktion
bestimmter Frankfurter Lebensabschnitt geendet.
Die in Weimar mit dem Theaterspiel verbundene
höfische Welt bedeutete die Abkehr von der religiö-
sen Gefühlswelt seiner Jugend und die Hinwendung
zu einem unruhigen Leben gesellschaftlicher Ver-
122
pflichtungen. In dieser, der mittleren Periode seines
Lebens, erreichte Goethe die größte Entfernung von
der christlichen Religion.
Trotz seiner amtlichen Pflichten steht er in den ers-
ten Weimarer Jahren noch unter der Erfahrung der
befreienden  Natur.  Allmählich  aber  findet  eine
historische Rückbindung durch die Antike statt. Ihre
Diesseitigkeit, ihre Einbeziehung des Göttlichen in
Natur und Lebenswelt korrespondierte mit Goethes
eigenen Überzeugungen.
Antikes begann er nun, sich als zeitlos Vorbildliches
anzueignen und von den Griechen zu träumen, als
dem Volk, dem eine Vollkommenheit, die wir wün-
schen und nie erreichen, natürlich war. Die antike
Götterwelt wird nun Motiv zahlreicher Gedichte.
Goethes Wendung zur Antike ist persönlicher Aus-
druck des welthistorischen Konflikts zwischen dem
Polytheismus und dem Monotheismus, zwischen
Heidentum und Christentum. In der Antike sah er
eine humane und zugleich religiöse Form des Hei-
dentums, zu der er sich selbst mehrfach bekannte.
In Italien wird seine Religionsauffassung sowohl
durch die Begegnung mit dem Katholizismus als
auch durch weitere Einsichten in die antike Mytho-
logie vertieft. Denn sein Besuch in Italien schenkte
ihm sowohl die überwältigende Präsenz der Antike
als auch die Begegnung mit dem Alltags-Genius ita-
lienischen  Volkslebens.  Auf  seiner  Italienreise
fühlte er sich mitunter zu sehr von Katholiken um-
geben und meinte, daß ein unförmiges, ja barockes
Heidentum auf  ihm  laste.  Dann  wieder  pries  er
Geschmack und Würde päpstlicher Zeremonien in
Sankt Peter und verfolgte mit Ergriffenheit die Ge-
sänge der Karfreitagsliturgie. Hinterher meinte er:
Ich hätte in dieser Stunde ein Kind oder Gläubiger
sein mögen.
Doch neigte er dem katholischen Glauben keines-
wegs voll und ganz zu, vielmehr gebrauchte er ihn
als Mittel, um den ihm fremden Menschen nahe zu
kommen, also  zur Erweiterung  seines Welt- und
Menschenbildes.
Goethe war wohl überzeugt, daß Gott sich auch und
vor allem in der Kunst verberge und offenbare, aber
ausgesprochene  christliche  Kunst  als  Ausdruck
christlichen Glaubens war ihm unerträglich, und wo
ihm der Katholizismus in barocker Überladung und
kindlichem Aberglauben begegnete, verachtete er
ihn als menschliche Geschmacklosigkeit von sei-
nem rein ästhetischen Standpunkt aus.
Nach Lutherart ärgerte er sich über das Babel Rom,
das, wie er 42 Jahre nach seinem Italienaufenthalt
schrieb, mit Christus nichts zu tun habe, den man,
käme er zurück, auch zum zweiten Male kreuzigen
würde.
Nur die Renaissance fand mit Raffael und den Bau-
ten Palladios noch Gnade vor seinen strengen Bli-
cken  und  seinem  Empfinden,  während  die
Peterskirche und Michelangelo ihm nur widerwil-
lige Bewunderung abzwangen. In Italien steigerte
sich seine Ablehnung von Außerweltlichkeit, Eng-
herzigkeit  und Sinnenfeindlichkeit des  Christen-
tums bis hin zum Vorwurf von Täuschung, Irrtum
und lebensfeindlichem Aberglauben. Auf der ande-
ren Seite haben Goethes Einfühlung in Sakrament
und Symbol, sein tief verwurzelter Respekt vor dem
Unerforschlichen und den Schranken der mensch-
lichen Vernunft gerade katholische Philosophen und
Theologen sehr beeindruckt.
Die Freundschaft mit Schiller, dem Goethe am 9.
September 1788 zum ersten Mal im Hause von Frau
von Lengefeld in Rudolstadt begegnet war, hat ihn
in  weltanschaulichen  und  religiösen  Fragen  für
Ideen geöffnet. Unter seinem Einfluß wird Goethes
Religion philosophisch und weltanschaulich. Der
Begriff Freiheit, der dem Naturglauben entgegen-
steht, wird  nun Gegenstand  seines  Nachdenkens
und seiner Dichtung.
123
Goethe war kein Kirchenchrist oder Konfessiona-
list. Von allzu frömmelnden Zeitgenossen abgesto-
ßen, hat er sich dennoch nicht der zu seiner Zeit
schon weit verbreiteten agnostischen oder atheisti-
schen Version neuzeitlicher Aufklärung zugewandt.
Für Goethe war die Bibel das verbindende Urdoku-
ment der Menschheit. Im Hinblick auf ihre Entste-
hungs-,  Wirkungs-  und  Auslegungsgeschichte
erklärte er: Die Bibel, das sind 3000 Jahre Mensch-
heitsgeschichte.
Zeitlebens hat er sich mit der Bibel auseinander ge-
setzt, nur gelegentlich hat er religiöse Fragen expli-
zit formuliert, meist bilden sie den Subtext seiner
Werke und Schriften. Goethe hat das Nachdenken
über Religion in einzigartiger Weise in sein Werk
und in seine Sprache integriert. Farbenlehre, Dich-
tung und Wahrheit, West-östlicher Divan sind die
großen Werke zwischen 1810 und 1820. Sie alle
spiegeln Goethes religiöse Einstellung und zeigen
die Ausweitung seiner religiösen Überzeugungen
ins Allgemeine, in philosophischer, biographischer
und kulturgeschichtlicher Hinsicht.
Auch für seine Farbenlehre greift Goethe auf das
Modell von Polarität und Steigerung zurück, das er
als Grundstruktur des Lebens und Denkens begreift.
Gerade die Farbenlehre hat ausgeprägte theologi-
sche Elemente und stellt eine kryptotheologische
Dogmatik dar (Albrecht Schöne). Die Verbindung
von Gott und Licht ist ein altes Motiv, das Goethe
aufgreift und in den verschiedenen Kontexten ein-
setzt. Das Licht ist eine der ursprünglichen, von
Gott erschaffenen Kräfte und Tugenden, welches
ein Gleichnis in der Materie darzustellen sich be-
strebt. Auch  im West-östlichen  Divan wird  die
Verbindung  von  Gott  und  Licht  mehrfach  an-
gesprochen.
»Metamorphose«, ein weiterer Zentralbegriff der
naturwissenschaftlichen,  voran  der  morphologi-
schen  Schriften  Goethes,  enthält  ebenfalls  eine
religiöse Dimension: die Verwandlung, die Trans-
formation von einem Zustand in einen anderen, von
einer tieferen zu einer höheren Stufe.
Ferner  ist  der
Faust, an dem der
Dichter wohl sech-
zig  Jahre  seines
Lebens  gearbeitet
hat,  übervoll  von
Zitaten  und  An-
spielungen aus der
Bibel. Schon der Prolog beginnt alttestamentlich.
Die Wette um Fausts Seele beruht auf Anregungen
aus  dem Buch  Hiob,  ebenso  der  Lobgesang  der
Engel. Der Autor sieht eine gewisse Ähnlichkeit
zwischen Faust und Moses, beide durften das ge-
lobte Land nicht betreten.
Im Werther ist gleichfalls eine Fülle alttestament-
licher Bilder und Reminiszenzen verwoben, ebenso
im Götz von Berlichingen, in Clavigo, Stella, im
Prometheus-Fragment, Egmont, selbst in der Iphi-
genieDie Götter rächen der Väter Missetat nicht
an dem Sohn, ein jeglicher, gut oder böse, nimmt
sich seinen Lohn mit seiner Tat hinweg. – , in Die
Wahlverwandtschaften, Hermann  und  Dorothea
und in vielen der Goethe’schen Gedichte.
Die Wanderjahre von 1821 räumen der christlichen
Religion eine besondere Stellung unter den Religio-
nen ein. Die wahre Religion besteht in der Ehrfurcht
vor sich selbst. Das ist die höchste Stufe, zu der ein
Mensch geführt werden kann. Vor allem Goethes
Alterswerk Wilhelm  Meisters  Wanderjahre zeigt
deutlich, daß Goethe bis in sein Alter hinein dem
Alten Testament die immer gleiche Liebe und Ehr-
furcht erwiesen hat.
Biblische Bilder und Sprachverwendungen durch-
ziehen aber nicht nur sein gesamtes Werk, sondern
auch seine Briefe, besonders die an Zelter und Ja-
cobi, sowie seine Gespräche. Goethe ging sogar so
weit zu sagen, beim Glauben (...) komme alles da-
rauf an, daß man glaube; was man glaube, sei völ-
lig gleichgültig. Der Glaube sei ein großes Gefühl
von Sicherheit und Zukunft, und diese Sicherheit
entspringe aus dem Zutrauen auf ein übergroßes,
übermächtiges und unerforschliches Wesen.
Der Glaube ist nicht der Anfang, sondern das Ende
allen Wissens, befand Goethe, doch war er alles an-
dere als ein  Rationalist,  in  dessen Denkgebäude
Gott allenfalls als gedanklicher Schlußstein, als In-
haber der allerhöchsten Vernunft einen Platz gehabt
124
hätte. Gott war für ihn dagegen lebendige Urkraft,
vor dessen unerforschlicher Majestät er eine rin-
gende,  auch  nach  Worten  ringende  ehrfürchtige
Sehnsucht fühlte.
Das  Wort Gott findet  sich  bei
Goethe  verhältnismäßig  selten.
Lieber gebrauchte er Umschrei-
bungen wie das Unendliche, das
Ungeheure, das ewig Wirkende,
der Weltgeist«, die Weltseele, das
unbekannte  höhere  Wesen,  die
waltenden  Mächte,  das  Ewig-
Eine in schier grenzenloser Man-
nigfaltigkeit.
Goethe wußte auch, daß Menschen sich Gott nach
ihren  eigenen  Vorstellungen  formen  und  meinte
daher: Wie einer ist, so ist sein Gott / Darum ward
Gott so oft zum Spott und gegenüber Schiller be-
tonte Goethe am 31. 7. 1799, daß sich jeder seine
eigene Art von Gott macht und daß man niemand
den seinigen weder nehmen kann noch soll. (...) Ich
glaube einen Gott, ist ein schönes löbliches Wort,
aber Gott anerkennen, wie und wo er sich offenbart,
das ist eigentlich die Seligkeit auf Erden, hat Goethe
1829 aphoristisch resümiert. Das Göttliche zu ent-
hüllen, wo es sich auch verberge, war sein Anlie-
gen. Zugleich war er bemüht, das, was er wirklich
glaubte, zu verhüllen oder in ein poetisches Bild zu
fassen.
Der Hauptimpuls geht auch diesmal von dem eben-
falls vom Neuplatonismus inspirierten Philosophen
Spinoza aus. Gott dürfe, so Goethe, nicht ins Jen-
seits und Abseits verbannt werden, er gehöre ins
Diesseits. Zudem ist Gott für Goethe kein Klein-
geist,  sondern  der  Weltgeist,  der  alle  Grenzen
sprengt, er ist das Ein und Alles des Menschen, eine
Kraft, die ihn vorantreibt. Goethe sieht, wie schon
mehrfach angedeutet, mithin Gott nur in der Welt.
Ein höchstes Wesen anzunehmen,
vom Göttlichen, auch von Gott zu
sprechen und auf eine sinnvolle
Ordnung des Ganzen, des Sicht-
baren und Unsichtbaren zu ver-
trauen,  war  Goethe  lieb  und
geläufig. Dazu bedurfte er nicht
des  christlichen Auferstehungs-
glaubens  und  der  kirchlichen
Riten, die ihn zeitweilig faszinierten und dann wie-
der abstießen. Für ihn blieb entscheidend, was aus
der Kraft eines Glaubens, die er respektieren, ja be-
wundern konnte, an Lebensförderlichem resultierte.
Nicht Tod und Auferstehung Jesu waren daher für
ihn lebensentscheidende Fakten, sondern nach auf-
klärerischer Tradition Jesu Leben als Vorbild eines
einmaligen  Menschen,  vor  dem  Ehrfurcht  ange-
bracht sei.
Diese verstand Goethe in dreifacher Weise: Ehr-
furcht gegenüber dem, was über uns, neben uns und
unter uns ist. So repräsentiert diese auch die drei
wirklich  »echten« Religionen: die ethnische, die
philosophische und die christliche  Religion. Die
erste ist die des Alten Testaments, die zweite die der
klassischen  Weisheit,  zu  der  nicht  nur  die  grie-
chische Philosophie, sondern auffälligerweise bei
Goethe auch Christus gehörte. Die höchste Stufe
aber sei die dritte, die christliche Religion, ein Letz-
tes,  wozu  die  Menschheit  gelangen  konnte  und
musste. Es ist  die  Nächstenliebe und die Agape,
auch das Mitleid, das Hybris und Größenwahn des
Menschen ausschließt, die aber auch Niedrigkeit
und Armut, Spott  und Verachtung,  Schmach  und
Elend, Leiden und Tod als göttlich anzuerkennen
vermag. Selbst Sünde und Verbrechen vermögen
Fördernisse des Heiligen zu werden.
Bei aller Anerkennung der sittlichen und sozialen
Aufgaben  der Kirche  wendet sich  Goethe schon
früh einem, zur allgemeinen Humanität verklärten
unkirchlichen Christentum zu.
Goethe hat sich in seinen Dichtungen hin und wie-
der des Kreuzes bedient und dabei auf Schwach-
stellen  und  Angriffspunkte  im  Christentum
aufmerksam gemacht. Mir willst Du zum Gotte ma-
chen, solch ein Jammerbild am Holze! fragt er in
den Venezianischen  Epigrammen und  im Divan.
Mit dem Fundament des Christentums, der Theolo-
gie des Gottessohns und  Erlösers, dem Märchen
von Christus, konnte er sich nie befreunden und
noch weniger mit dem leidigen Marterholz. Laut
Goethe  war  dies das  Widerwärtigste  unter  der
Sonne, das kein vernünftiger Mensch auszugraben
und aufzupflanzen bemüht sein sollte. – Es werden
wohl noch zehntausend Jahre ins Land gehen, und
das Märchen vom Jesus Christus wird immer noch
dafür sorgen, daß keiner so richtig zu Verstande
kommt.
Die Apotheose des Leidens am Martergerüst, über-
haupt die christliche Verdrossenheit, die die Welt
zum von der Erbsünde kontaminierten Jammertal
entwertet,  stieß ihn  ab, um  so mehr  lobte  er am
125
Islam  eine  lebensfrohe  Diesseitigkeit,  die  selbst
noch die Jenseitsvorstellungen bestimmt.
Goethe hatte überdies zu Leid und Tod ein ambiva-
lentes, ja gestörtes Verhältnis. So erklären sich wohl
auch die Emotionen, mit denen er das Kreuz Christi
gelegentlich attackierte. Ihn störte
vor allem die Darstellung der Ma-
terinstrumente bei der Kreuzigung
und die des Todes Jesu. Er wollte
nicht den Gekreuzigten, er wollte
den  Auferstandenen  dargestellt
wissen.
Goethe stand schon früh der Theo-
logie und Kirche wesentlich frem-
der gegenüber als der christlichen
Religion  überhaupt.  Daran  hatte
seine einstige zeitweilige Hinwen-
dung  zur  christlichen  Religion
unter dem Einfluße Langers auch
nichts geändert. So schrieb er an
Langer: Für eine Seele, wie meine,
war es alten Priestern der Welt un-
möglich, sie zu rühren, besonders
bei dem unevangelischen Gewä-
sche unserer Kanzeln.
Er war überaus empfindlich gegenüber aller Heu-
chelei. Zwischen wesentlichem Kern und äußerer
Schale unterschied Goethe auch beim Christentum,
wo er gar viel Dummes in den Satzungen der Kir-
che« fand. »Aber sie will herrschen, und da muß sie
eine bornierte Masse haben, die sich duckt und ge-
neigt ist, sich beherrschen zu lassen. Die hohe reich
dotierte Geistlichkeit fürchtet nichts mehr als die
Aufklärung der unteren Massen. Sie hat ihnen auch
die Bibel lange genug vorenthalten.
Auch wenn Goethe mit der christlichen Staatskirche
nichts im Sinn und seine geistige Arbeit nie der Kir-
che gegolten hatte, so blieb er doch sein Leben lang
Mitglied der Kirche. Offiziell hat
er  mit  dem  institutionalisierten
Christentum nie gebrochen. Er ließ
seinen Sohn August und die ande-
ren, früh verstorbenen Kinder tau-
fen,  ließ  August  1802  durch
Herder konfirmieren und wohnte
selbst der Konfirmandenlehre bei.
1806  heiratete  er  kirchlich  und
hatte zehn Jahre später gegen ein
christliches Begräbnis von Chris-
tiane nichts einzuwenden.
Lassen  Sie  uns  vom  Menschen
würdig  denken,  mahnte  er 1799.
Seine  Anthropologie  erschöpfte
sich nicht darin, den Menschen als
bloßes  Vernunftwesen  zu  sehen.
Die Göttlichkeit des Menschen be-
stand für ihn in seiner Humanität.
Man  könne  zu einer eigenen  Religion  gelangen,
wenn man sein Leben nach dem Guten ausrichte,
war sein Credo.
Der Göttlichkeit des Alls entspricht, laut Goethe,
ein inneres Universum, und da auch im Menschen
Göttliches wirkt, ist es sinnvoll, daß die Völker dem
Besten dieses Universums den Namen Gott verlei-
hen. Ein Pluralismus der Toleranz zeichnet sich ab,
wo jeder das verehren und göttlich nennen darf, was
ihm wertvoll erscheint. Gott aber ist an das ethische
Verhalten  des  Menschen  gebunden,  andernfalls
wäre Gott in der Natur allein und könnte als solcher
gar nicht begriffen werden.
Wie Leibniz nahm auch Goethe in der überall le-
bendigen Natur unzählige selbständige Einzelwesen
an, die kraft ihrer Entelechie, zusammengebunden
als Glieder einer universellen Harmonie,  dem in
ihnen angelegten Lebensziel entgegenstreben; auch
im Mikrokosmos wirken die Gesetze, die im Ma-
krokosmos herrschen.
In seinen letzten Lebensjahrzehnten näherte er sich
den Ursprüngen des Christentums, des Judentums,
des Islam, des Parsismus und mit Einschränkungen
auch denen des Hinduismus. Erst die Summe der
Weltreligionen schufen für Goethe die moderne ak-
zeptable Metaphysik des Glaubens.
Gottes ist der Orient! / Gottes ist der Okzident! /
Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden sei-
ner Hände.
Als Goethe 1814 mit seinem Gedichtzyklus West-
östlicher Divan dem Orient seine Reverenz erwies,
setzte er sich dem Verdacht aus, selbst ein ›Musel-
mann‹ zu sein. Wie dem auch sei, auf jeden Fall hat
Goethe mit diesem Werk schon vor rund zweihun-
dert Jahren nichts Geringeres vorbereitet als den
Dialog mit dem Islam. Die Strategie, die er hierbei
verfolgte, beruhte auf gründlicher Beschäftigung
mit dem scheinbar Fremden. Bei Goethe endete sie
in Anerkennung, ja in der Überzeugung, daß der
Koran neben der Bibel das wichtigste religiöse Do-
kument der Menschheitsgeschichte sei. Goethe kam
126
dabei sogar zu dem Fazit: Das einzige und tiefste
Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle
übrigen untergeordnet sind, bleibt der Konflikt des
Unglaubens  und  des  Glaubens.  Goethe  hat  sich
nicht nur im West-östlichen Divan mit außereuro-
päischen Religionen intensiv befaßt.
Als neue Vorbilder, sinnstiftende Figuren hat er –
neben christlichen Heiligen, neben Filippo Neri und
St. Rochus – manche mythologische und histori-
sche Gestalt und manche Sekte wieder entdeckt: Pe-
lagius, Mohammed, Faust, Ahasver, Prometheus,
Luzifer, Tantalus, Ixion und Sisyphos, Spinoza und
Machiavelli, die Arianer oder die Hypsistarier.
Denken,  Wissen,  Bildung,  Humanität  und  Men-
schenwürde vereinigen sich bei ihm zum Glauben
an eine zwar nicht ungefährdete, aber stetige Hö-
herentwicklung der Menschheit, wobei die Wande-
rung  des  Menschen  durch  die  Zeiten  in  der
Ehrfurcht vor dem kulminiert, was über uns, was
uns gleich und was unter uns ist, und im Staunen –
Zum Erstaunen bin ich da –, das zur Anerkennung
der Transzendenz herausfordert und nur mystisch
zu begreifen ist. Was Goethe bewegte, war heilige
Scheu  und  Ehrfurcht  vor  dem  Ewigen,  dem
  Geheimnis, dem Unerforschlichen, das es ruhig zu
verehren gilt.  Gegenüber  dem,  was  Geheimnis
bleibt, hilft, laut Goethe, nur Respekt und Anerken-
nung. Erst so vermag eine Philosophie der Religion
das Unendliche mit dem Endlichen zu vereinen und
dem einzelnen eine metaphysische Bedeutung zu-
rückzugeben, die es immer schon in sich trägt.
Gnostisches und magisches Denken aus Goethes
Frühzeit  kehrt  nun  in  erweiterter  Form  zurück.
Doch hierüber in angemessener Form zu reden, das
bleibe, meint Goethe, allein der Kunst, der Dich-
tung und der Poesie vorbehalten. Gedanken an Un-
sterblichkeit und möglicher  Wiedergeburt  waren
dem Dichter offensichtlich nicht ganz fremd und
unlieb.
So soll Goethe bis an sein Lebensende die Anschau-
ung von der Wiederkunft aller geteilt haben. Aller-
dings hielt er es nicht für ratsam, diese Lehre zu
verkünden,  weil  er  wohl  fürchtete,  dadurch  den
Ernst  der  sittlichen  Forderung  abzuschwächen.
Goethe sei später dieser Gefahr dadurch entgangen,
meint Barner, daß er eine Reinkarnation der Seelen
zum Zweck der Vervollkommnung annimmt.
In Goethes Weltbild fallen alle Gegensätze zur Ein-
heit zusammen: Gott und die Welt, Geist und Natur,
Idee und Materie, Individuum und Gesellschaft.
Diese  aus  Glauben  und  Schauen  entsprungene
Überzeugung, welche in allen Fällen, die wir für die
wichtigsten erkennen, anwendbar und stärkend ist,
liegt zugrunde meinem sittlichen sowohl als litera-
rischen Lebensbau, und ist als ein wohl angelegtes
und reichlich wucherndes Kapital anzusehn, ob wir
gleich in einzelnen Fällen zu fehlerhafter Anwen-
dung verleitet werden können, heißt es in Dichtung
und Wahrheit und in Faust: Wer immer strebend
sich bemüht, den können wir erlösen.
Vermächtnis
Kein Wesen kann zu nichts zerfallen,
Das Ew'ge regt sich fort in allen;
Am Sein erhalte dich beglückt!
Das Sein ist ewig, denn Gesetze
Bewahren die lebend'gen Schätze
Aus welchem sich das All geschmückt.
127
Als ich im Vorjahr Manfred Osten gegenüber
erwähne, wir planten ein Jahresthema mit dem
Titel Goethes Lebensthemen – und seine Suche,
nach dem, was die Welt im Innersten zusammen-
hält, schlägt er spontan vor, etwas über die natur-
wissenschaftlichen  Implikationen  im Faust  II
auszuarbeiten; diese würden häufig von vielen
gar nicht so bemerkt, dennoch gehörten sie ja zu
den eminent wichtigen Lebensthemen Goethes.
Gleich zu  Beginn  stürzt  sich  der Referent auf
eines  seiner  Lieblingsthemen,  die Beschleuni-
gungsturbulenzen,  die  jenseits  aller  tradierten
Parameter der Humanität den antiquierten Men-
schen  hinter  sich  lassen,  um  aufzubrechen  zu
einem neuen optimierten Menschentyp mit ver-
besserter Anpassungsfähigkeit an die immer ra-
santeren Anforderungen der Globalisierung.
In Gestalt sehr ernster Scherze, Goethes Defini-
tion der  Ironie, wagt Goethe –  so  Osten –  im
zweiten Teil der Faust-Tragödie bereits diesen
letzten Schritt einer Liquidierung des unzurei-
chenden Menschen als antiquiertes Fehler- und
Mängelwesen. Durch gentechnologischen Ein-
griff in den Genotyp des Menschen züchtet hier
der zum Molekularbiologen avancierte Famulus
Wagner mit Mephistos Hilfe einen neuen Phäno-
typ  mit  Namen  Homunculus.  Wagner  gelingt
hierbei vor allem die Optimierung des menschli-
chen Gehirns. Denn sein Homunculus ist aus-
drücklich konzipiert als ein Hirn, das trefflich
denken soll.
Homunculus also als ein dem globalen Dorf be-
reits weit vorauseilendes Geschöpf postmoderner
Züchtungsutopien, die Goethes Imagination ab-
geleitet hatte aus wissenschaftlichen Forschungs-
ergebnissen  seiner  Zeit.  Die  Rede  ist von  der
1828 erstmalig gelungenen Umwandlung anorga-
nischer in organische Materie. Und zwar in Ge-
stalt der Wöhlerschen Harnstoffsynthese und der
hieraus für Goethe resultierenden Neukonzeption
der Homunculus-Szene im 2. Akt des zweiten
Teils der Faust-Tragödie.
Friedrich Wöhler hatte nämlich an der Berliner
Gewerbeschule mit Hilfe cyansauren Ammoni-
ums eine kristallisierte Substanz gewonnen, die
sich als identisch mit tierischem Harnstoff erwies.
Seinem Lehrer Johann Jakob Berzelius in Stock-
holm berichtete Wöhler als stolzer Famulus über
sein biochemisches Experiment mit  dem Hin-
weis, daß er nunmehr Harnstoff machen kann,
ohne dazu Nieren (...) nötig zu haben. Eine Nach-
richt, deren lebenswissenschaftliche Tragwei