Made with MAGIX
Veranstaltungen 1987-2019
Tagesfahrt nach Bad Lauchstädt, Goethe-Theater, Inszenierung
Die Zauberflöte
Prof. Dr. h.c. Karl-Heinz Hahn:
Thomas Mann und die Goethe-Gesellschaft
Prof. Dr. Norbert Miller:
Anmerkungen zur Münchener Ausgabe
Prof. Dr. Hans Wolfgang von Löhneysen:
Die Goethe-Büste von David d´Angers
Beate Schubert:
Goethe am Vorabend der Französischen Revolution
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings:
Die Initiation »Wilhelms Meisters«
Hans Joachim Mey:
Der Briefwechsel Marianne von Willemer und Hermann Grimm
Prof. Hans-Dieter Holzhausen:
Der Literaturkritiker und Goetheforscher Ludwig Geiger
Joachim Pukaß und Christian Rhode: Lesung
Goethes »Reinicke Fuchs«
Prof. Dr. Hans Wolfgang von Löhneysen: Seminar
Der Sammler und die Seinigen
Goethes 240. Geburtstag in Schuberts Garten – mit musikalischen Darbietungen
Prof. Dr. Paul Raabe:
Goethes verstreute Briefe
Tagesexkursion nach Wörlitz,
Führung durch die Gartenanlagen
Goethes 241.Geburtstag in Schuberts Garten – mit musikalischen Darbietungen
Tagesfahrt nach Weimar,
Anna Amalia und ihr Musenhof,
Exkursion nach Bischofsgrün:
Auf den Spuren Goethes zum Ochsenkopf,
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings:
Zeitkritik in Goethes »Wahlverwandtschaften«
Szenische Lesung
Goethes »Wahlverwandtschaften«
Frank-Volker Merkel-Bertholdi:
Leopardis »Consalvo« und Goethes »Werther«
Gesprächsabend über
Alfred Kirchners Inszenierung von Goethes »Faust I«
Theater: Peter Hacks:
Gespräch im Hause v. Stein ü. d. abwesenden Herrn von Goethe
Dr. Rudolf Elvers:
Die Mendelssohns und Goethe
Filmvorführung:
Carl August von Weimar – Goethes Freund
, Regie: Beate Schubert
Tagesfahrt nach Weimar
Goethes 242.Geburtstag in Schuberts Garten – mit musikalischer Umrahmung
Tagesfahrt nach Bad Lauchstädt, Besuch der Inszenierung von Goethes »
Urfaust«
Tagesfahrt nach Neu-Hardenberg, Führung durch Schloß und Parkanlagen
Prof. Dr. Kurt Biermann:
Alexander von Humboldt als Weggefährte Goethes
Dr. Birgit Weissenborn:
Bettina von Arnim und Goethe,
Szenische Lesung »
Die Wahlverwandtschaften«
Ulrich von Heintz:
Führung durch das Schloß Tegel
Goethes 243. Geburtstag in Schuberts Garten – Musikalisch literarischer Abend
Dr. Frank Schweitzer ;
Goethes »Farbenlehre«
Prof. Dr. Heide Eilert:
Goethe und die Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts
Prof. Dr. Martin Seiler:
Exkursion über die Pfaueninsel
Goethes 244.Geburtstag in Schuberts Garten – Musikalisch-literarischer Abend
Filmvorführung:
Charlotte von Stein,
Regie: Beate Schubert
Prof. Dr. Siegfried Unseld:
Goethe, der Schriftsteller – vom Verleger gesehen
Prof. Dr. Otto Krätz:
Goethe und die Naturwissenschaften
, Vortrag mit Experimenten
Prof. Dr. Alfred Behrmann:
Italien, wir und die klassischen Reisen der Goethezeit
Dr. Ilse Jahn:
Alexander von Humboldt und Goethe
Exkursion ins Fichtelgebirge:
Mit dem Geologenhammer auf Goethes Spuren
Goethes 245. Geburtstag in Schuberts Garten – Musikalisch-literarischer Abend
Gottfried Eberle:
Goethe und die Musik
, mit gesungenen und gespielten Beispielen
Dr. Joachim Burkhardt: Buch- und Videovorführung:
Ein Film für Goethe
Dr. Manfred Obermann:
Der Einfluß der Freimaurerei auf Goethes Leben und Werk
Prof. Dr. Wolfgang von Löhneysen: »
West-östlicher Divan«: Buch der Betrachtungen
Dr. Werner Hennig:
Einführung in Goethetexte: »Das Märchen» – »Novelle«
Dr. Werner Hennig:
Goethe Einkommen und Vermögen
Prof. Dr. Hans-Dieter Holzhausen:
Goethes Gespräche mit Eckermann
Dr. Gerhard Schewe:
Zum Goethebild Romain Rollands
Prof. Dr. Frank Nager:
Gesundheit, Krankheit und Tod bei Goethe
Film-Uraufführung
Goethe und sein Haus am Frauenplan
, Regie Beate Schubert
Goethes 246.Geburtstag in Frau Schuberts Garten – Musikalisch-literarischer Abend
Prof. Dr. Effi Biedrzynski:
Goethes Weimar
Dr. Ernst Schneider:
Goethe midlife-crisis in Italien
Reinhold Köpke:
Goethe – ein Vorläufer der Tiefenpsychologie
Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff:
Goethe und der Orient
Dr. Dagmar von Gersdorff: Lesung
Königin Luise und Friedrich Wilhelm III.
Prof. Dr. Alfred Behrmann:
Goethes Reise nach Sizilien
Goethes 247.Geburtstag in Schuberts Garten – Konzert
Tagesfahrt nach Naumburg: Stadtbesichtigung und Führung durch den Dom
Tagesfahrt nach Dornburg: Besichtigung des Renaissance- und des Rokokoschlosses
Dr. Renate Grummach:
Goethe im Gespräch – aus der Arbeit eines Editors
Peter Stein:
Über die Möglichkeiten, den Gesamtfaust zu inszenieren
316
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings:
Schillers Kritik am Illuminatenorden und ihre Folgen
Beate Schubert:
Goethes Verhältnis zu Büchern
Dr. Jochen Klauß:
Charlotte von Stein – eine Weimarer Legende
Goethes 248. Geburtstag: Wannsee-Dampferfahrt z. 10-jährigen Bestehens der GG-Bln.
Dr. Dagmar von Gersdorff: Lesung
Bettina und Achim von Arnim
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethes Konstitution und Krankheiten
Tagesexkursion: Besuch der Inszenierung
Faust I,
Anhaltinisches Theater Dessau
Prof. Dr. Otto Krätz:
Alexander v. Humboldt – Wissenschaftler, Weltbürger, Revolutionär
Tagesexkursion nach Leipzig:
Klein Paris und der junge Goethe
Tagesexkursion: Anhaltinisches Theater Dessau, Besuch der Inszenierung »Faust II«
Goethes 249.Geburtstag in Schuberts Garten – musikalisch-literarischer Abend
Prof. Martin Seiler (SPSG): Führung durch die Potsdamer Gärten
Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff:
Deutschlands dienstältester Minister
Maria Erxleben:
Goethes Verhältnis zu Berlin
Dr. Gudrun Fritsch: Führung durch das Käthe-Kollwitz-Museum, anschließend:
Dr. Wolfgang Butzlaff:
Käthe Kollwitz und Goethe
Hans-Hellmut Allers:
Goethe und das Berliner Theater
Prof. Dr. Ernst Osterkamp:
Goethe und Wilhelm von Humboldt
Dr. Helmut Börsch-Suphan:
Goethes Dichtungen als Inspirationsquelle Berl. Künstler
Dr. Hartmut Schmidt:
Goethe, Nicolai und die Berliner vor 225 Jahren
Tilmann Buddensieg:
Schinkel, Rauch und Goethe
Prof. Dr. Frank Schneider:
Goethe und Reichhardt
Gottfried Eberle:
Goethe Interesse an Zelters Singakademie
Prof. Dr. Norbert Miller:
Goethe im Hause Mendelssohn
Prof. Dr. Hartmut Böhme, Jan-Lüder Röhrs, Prof. Dr. Ferdinand Dammerschun:
Alexander von Humboldt
, Podiumsdiskussion
Prof. Dr. Volker Hesse:
Gesundheit und Krankheit bei Goethe
Dr. Hubert Heilemann:
Goethe als Patient
Prof. Dr. Manfred Heuser:
Die Newton Kritik – eine paranoide Psychose Goethes?
Prof. Dr. Wolfgang Schad:
Goethe als Psychiater
Goethes 251. Geburtstag in Schuberts Garten – Muskalisch-literarisches Programm
Dr. Hartmut Schmidt:
Essen und Trinken bei Goethe
Prof. Dr. Manfred Bühring:
Goethe Anschauen in der Medizin
Prof. Dr. Heinz Schott:
Medizin der Goethezeit
Dr. Gunhild Pörksen:
Gesundheit und Krankheit in Goethes Tagebüchern und Briefen
Prof. Dr. Henrik Birus:
Die Wiederbegegnung des alten mit dem jungen Goethe
Dr. Renate Grötzebach:
Zwei Leseabende zu Goethes »Werther«
Was geht uns heute Goethe an?
Diskussion mit Schülern über »Werthers« Leiden
Jahrestagung der deutschen Goethe-Gesellschaften e.V.
Ausstellung
Goethe – Berlin –Mai 1778
, Staatsbibliothek Berlin (Haus I)
Filmvorführung:
Die neuen Leiden des jungen W.
(1976),
Ulrich Plenzdorf:
Rückblick nach 30 Jahren,
Diskussion mit dem Autor
Joachim Wohlleben:
Goethes »Werther« im Kontext seiner Zeit
Goethes 252. Geburtstag in Schuberts Garten, Lesung:
Der Mann von 50 Jahren
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethes Beziehungen zu Kindern und Heranwachsenden
Hans-Wolfgang Kendzia:
Fünf Leseabende zu Goethes »Faust II«
Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff:
Gespräch über Peter Steins »Faust«-Inszenierung
Dr. Klaus-Michael Köppen:
Goethe als geriatrischer Patient
Dr. Dagmar von Gersdorff: Autorenlesung
Goethes Mutter und Schwester
Dr. Josef Mattausch:
Goethes Jugendliebe Katharina Schönkopf
Dr. Wolfgang Butzlaff:
Goethes Verlobungen und Gelöbnisse
Monika Schopf-Beige:
Friedrike Brion und Lili Schönemann
Musikalisch-literarischer Abend –
Die Liedgedichte des jungen Goethe
Dr. Harald Schmidt:
Werthers Lotte – Wahrheit und Dichtung
Ottilie Lohss:
Charlotte von Stein – Goethes Freundin
Prof. Dr. Friedmar Apel:
Iphigenie in Weimar
Eckart Henscheid: Lesung
Frauen unter Goethe
Dr. Franziska Schöffler:
Frauengestalten in »Wilhelm Meisters Lehrjahre«
Siegfried Seifert:
Die Weimarer Primadonna Karoline Jagemann
Eckart Kleßmann:
Christiane Vulpius im Urteil der Zeitgenossen
Hans-Hellmut Allers:
Bettine von Arnim und ihre Beziehung zu Goethe
Prof. Dr. Theo Buck:
Mariannne von Willemer und Goethe
Cornelia Kühn-Leitz: Rezitationsabend
»Buch Suleika«
aus dem
»West-östlichen Divan«
Prof. Dr. Katharina Mommsen:
Die Dichterin Marianne von Willemer
Dr. Heike Spies:
Die Frauengestalten in »Wilhelm Meisters Lehrjahre«
Prof. Dr. Detlev Jena:
Goethes Verhältnis zur Großfürstin Maria Pawlowna
Filmvorführung:
Die Wahlverwandtschaften
mit anschließender Diskussion
Hans-Wolfgang Kendzia:
Goethes Einstellung zur Ehe
Dr. Klaus-Michael Koeppen: Ulrike von Levetzow
Monika Schopf-Beige:
Ottilie von Goethe
Prof. Dr. Werner Busch:
Goethe und die Künste
Hans-Hellmut Allers:
Der Dramatiker und Theaterleiter Goethe
317
Prof. Dr. Katharina Mommsen:
Die Malerin Angelica Kauffmann
Dr. Michael Engelhard:
Goethe und Palladio
Gottfried Eberle:
Goethe und die Musik
Prof. Dr. Ernst Osterkamp:
Goethe als Leser Johann Joachim Winckelmanns
Dr. Jochen Klauss:
Johann Heinrich Meyer, Goethes Künstlerfreund
Hans-Wolfgang Kendzia:
Goethes Portraitisten und sein Verhältnis zu ihnen
Dr. Helmut Börsch-Suphan:
Goethe und Schinkel
Prof. Dr. Norbert Miller:
Der Dichter, ein Landschaftsmaler
Dr. Manfred Koltes:
Das Verhältnis der Gebr. Boisserée im Spiegel ihrer Korrespondenz
Hans-Hellmut Allers:
Goethe und Schiller – Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft
Monika Schopf-Beige:
»Das Märchen« – Eine Botschaft Goethes an Schiller
Rainer Schmitz:
Weimarer »Xenien« – Anmerkungen zur lit. Streitkultur um 1800
Prof. Dr. Rolf-Peter Janz:
Schillers und Goethes Annäherung an das antike Theater
Prof. Dr. Katharina Mommsen:
Goethes Anteil an Schillers »Wilhelm Tell«
Dr. Angelika Reimann:
Goethe und Schillers und ihr Balladenschaffen
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethe und die Medizin
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings:
Die Weimarer Klassik und das Böse
Hans-Wolfgang Kendzia:
Anmerkungen zum Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller
Ulrich Ritter und Christian Steyer: Lesung:
Goethe und Schiller – eine Begegnung
Hans-Helmut Allers:
Dr. Faustus in Historie und Literatur
Prof. Dr. Frank Möbus:
Zur Entstehungsgeschichte von Goethes »Faust«
Dr. Alwin Binder:
Visionen moderner Welt in Goethes »Faust I« vor und nach 1800
PD Dr. Michael Jaeger:
Mephistos Modernität
Dr. Manfred Osten:
Zur Aktualität der »Faust«-Tragödie
Event Theaters Brandenburg in der Ruine des St.-Pauli-Klosters
»Faust I«
Prof. Dr. Volker Hesse:
Dr. Faustus und Dr.med Johann Wolfgang Goethe
Dr. Angelika Reimann:
Goethes Gretchentragödie u. d. Kindsmord im 18. Jahrhundert
Prof. Dr. Theo Buck: »
Faust II«, 5. Akt – Fausts Tod, ein tragisches Ende?
Prof. Dr. Alfred Behrmann:
Die Dramaturgie der »Faust«-Dichtung
Hans-Hellmut Allers:
Goethe 1775-1786 – Das erste Weimarer Jahrzehnt
Dr. Jochen Golz:
Ein Portrait der Herzogin Anna-Amalia
Dr. Thomas Franzke:
Goethe und das Weimarer Liebhabertheater
Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma:
Wieland in Oßmannstedt bei Weimar
Dr. Manfred Osten:
Goethe als Leiter der Kriegskommission
Dr. Angelika Reimann:
Goethes amtliche Tätigkeit vor und nach der italienischen Reise
Prof. Dr. Theo Buck:
Goethe – ein politischer Schriftsteller?
Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff:
Politische Dimensionen der Weimarer Theaterarbeit
Prof. Dr. Katharina Mommsen:
Goethes berufliche Auseinandersetzung mit Friedrich II
.
Hans-Hellmut Allers:
Goethes lebenslange Suche
Ursula Homann:
Goethes Glaube und Gottesvorstellung
Dr. Manfred Osten:
Goethe u. d. Verheißungen der Lebenswissenschaften im 21. Jhdt.
Prof. Dr. Ludolf von Mackensen:
Goethe und die Alchemie
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings: »
Faust« – die alte und die neue Schöpfung
Goethes 259. Geburtstag, Jürgen Thormann liest
Goethe: Meine Religion, mein Glaube
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethes Ergründung der Naturwissenschaften
Dr. Otto Krätz:
Chemische und physikalische Experimente bei Goethe
Beate Schubert:
Esoterik in Goethes Leben und Werk
Prof. Dr. Theo Buck:
Goethes Entelechie
Hans-Hellmut Allers:
Goethes Freunde,Weggefährten und Lehrmeister
Beate Schubert:
Goethes Lehrmeister in Frankfurt und Leipzig
Dr. Michael Zaremba:
Johann Gottfried Herder – Goethes Mentor
Dr. Ulrike Leuschner:
Die schwierige Freundschaft zwischen Goethe und Merck
Dr. Egon Freitag:
Zum Verhältnis von Goethe und Wieland
Dr. Manfred Osten:
Zur Modernität des Goethe-Jacobi-Verhältnisses
Prof. Dr. K. Mommsen:
Goethes und Schillers Bündnis im Spiegel ihrer Dichtungen
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethe, die Jenenser u. weitere Lehrer d. Naturwissenschaften
Dr. Volker Ebersbach:
Goethes Freundschaft mit Carl August u. m. Carl Friedrich Zelter
Prof. Dr. Manfred Geier:
Goethe und die Gebrüder Humboldt
Dr. Bettina Fröhlich:
Goethes Platon-Rezeption
Prof. Dr. Günter Häntzschel:
Goethe zu Homer
Dr. Manfred Osten:
Zur Aktualität der Hafis-Rezeption bei Goethe
Prof. Dr. Hendrik Birus:
Goethes Shakespeare
Prof. Dr. Alfred Behrmann:
Dantes Spuren bei Goethe – ein Fährtengang
Dr. Michael Engelhard:
Der Sprachmeister Goethe als Erbe Luthers
Prof. Dr. Christoph Perels:
Goethes kritische Verehrung für Rousseau, den Erzieher
Prof. Dr. Theo Buck:
Goethes Verhältnis zu Moliere,Voltaire und Diderot
Dr. Manfred.Osten:
Goethes Spinoza-Begeisterung
Prof. Dr. Volker Riedel:
Goethes Blick auf die Jahrhundert-Gestalt Winckelmann
Dr. Detlev Lüders:
Goethes Aktualität
(Einführung)
Prof. Dr. Dieter Borchmeyer:
Goethes Altersfuturismus
Dr. Manfred Osten:
Goethe als Manager unserer Krisen
Prof. Dr. Wulf Segebrecht:
Goethe in Gedichten der Gegenwart
Prof. Dr. Ekkehart Krippendorff:
Die Entdeckung des politischen Goethe
Prof. Dr. Josef Mattausch:
Vom Leben der Goethe-Sprache
Hans-Hellmut Allers:
Goethes Haltung zu Liebe, Ehe und Familie
318
Dr. Elisabeth von Thadden:
Zur Aktualität von Goethes »Wahlverwandtschaften«
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethes naturwiss. Forschungen – ihre aktuelle Bedeutung
PD Dr. Michael Jaeger:
Fausts Weltkolonisation – Zur Aktualität Goethes
Prof. Dr. Theo Buck:
Goethe heute
Dr. M. Osten u. Dr. Sahra Wagenknecht:
Über den Eigentumsbegriff bei Goethe
Dr. Bernhard Bueb:
Was die deutsche Schule von Goethe lernen sollte
Dr. Adolf Muschg:
Goethes Natur als Beziehungsfähigkeit
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Zur Modernität von Goethes »Werther«
Prof. Dr. Katharina Mommsen:
Goethe und die Weltkulturen
Prof. Dr. John-Dylan Haynes, Dr. Manfred Ostenund, Prof. Dr. Wolf Singer:
Podiumsgespräch
Naturwissenschaftliche Implikationen in Goethes Denken
Dr. Manfred Osten:
Zur Aktualität von Goethes Asienverständnisses
Hans-Hellmut Allers:
Goethe zwischen Aufklärung, Klassik und Romantik
Rainer Falk:
Der junge Goethe und die Berliner Aufklärung
Gösta Knothe (Regisseur):
Die zwei inkommensurablen Teile des Goethe’schen »Faust«
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Die lit. Fehde zwischen Goethe und den Berliner Aufklärern
Prof. Dr. Hans Richard Brittnacher:
Der Konflikt zwischen Goethe und Kleist
Prof. Dr. Helmut Schanze:
Goethe und die Frühromantik
Prof. Dr. Christa Lichtenstern:
Goethe und die Skulptur
Theater Palais am Festungsgraben: »
Reinecke Fuchs«
zu Goethes 264.Geburtstag
Prof. Dr. Hartmut Fröschle:
Goethes Verhältnis zu der Dramatik der Romantiker
Prof. Dr. Conrad Wiedemann:
Goethes Mann in Berlin – Der Briefwechsel mit Zelter
Dr. M. Osten:
Die Romantik und Goethes Widerstand gegen deren Kunst u. Literatur
Prof. Dr. Theo Buck:
Goethes »Werther« im Urteil der europäischen Romantik
Dr. Manfred Osten:
Goethes Dichtung und was ist Wahrheit?
Robert Walter-Jochum, M.A.:
Goethes Sesenheim in »Dichtung und Wahrheit«
Prof. Dr. Gesa Dane:
Fakten und Fiktionen in Goethes »Die Leiden des jungen Werthers«
Prof. Dr. Peter André Alt:
Goethes »Torquato Tasso« als Drama der sozialen Form
Prof. Dr. Rüdiger Safranski, Dr. Manfred Osten:
Goethe – Kunstwerk des Überlebens
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Warum Goethe über Italien keinen Reisebericht verfaßte
Dr. Ariane Ludwig:
Entstehung und Komposition von »Wilhelm Meisters Wanderjahren«
Prof. Dr. Dirk v. Petersdorff:
Widersprüche in Goethes Leben u. Lyrik
Prof. Dr. Anne Bohnenkamp-Renken:
Aus der Arbeit an der historisch-kritischen
Hybrid-Edition von Goethes »Faust II«
Prof. Dr. Peter André Alt:
Das Vorspiel als Endspiel: Goethes »Faust«-Prolog
PD Dr. Michael Jaeger:
Goethe, der Wanderer und »Faust«
Prof. Dr. Daniel W. Wilson:
Schillers Zensur der »Römischen Elegien«
u. d. »Venezianischen Epigramme«
Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm:
Zu Goethes autobiogr. Schriften und ihrer Entstehung
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Goethes Briefe aus der Schweiz
Goethes 266.Geburtstag, Duo Con emozione:
Goethe-Vertonungen
Dr. Elke Richter:
Goethes Briefe an Charlotte von Stein
Dr. Manfred Osten:
Alexander von Humboldt in Goethes »Wahlverwandtschaften«
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethes Verständnis des Lichtes
Prof. Dr. Steffen Martus:
Die Entstehung von Goethes Lebenswerk
Dr. habil. Jochen Golz:
Der Weltbürger Goethe
)
Prof. Dr. Christof Wingertszahn:
Goethe und England
Prof. Dr. Theo Buck:
Die intensive Beschäftigung Goethes mit Frankreich
Prof. Dr. Michael Maurer:
Kulturmuster Bildungsreise – Goethe in Italien u. d. Folgen
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Die böhmischen Bäder: Refugium u. intellektueller Marktplatz
Dr. Manfred Osten:
Goethe, ein fernöstlicher Weltbürger
Prof. Dr. Volker Hesse:
Goethes Interesse an Südamerika
Dr. Manfred Osten:
Zur Modernität von Goethes Islam-Verständnis
PD Dr. Michael Jaeger:
Goethes Flüchtlinge
Prof. Dr. Hendrik Birus:
Goethes Idee der Weltliteratur
Dr. Manfred Osten:
Die Liebe – Goethes Glücksgeheimnis
Prof. Dr. Thorsten Valk:
Erotische Rollenspiele in der Lyrik des jungen Goethe
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Zur Natur- und Liebesdichtung im Sturm- und Drang
Detlef Schönewald:
Der Werther – ein Liebesversuch
August Dr. Heike Spies:
Verlobung und Hochzeit im Goethe-Umkreis
Beate Schubert:
Goethes Briefe und Zettelgen an Frau von Stein
Dr. Monika Estermann:
Die Wahlverwandtschaften - ein literarisches Experiment
Dr. Manfred Osten:
Die Liebe im westöstlichen Divan
Prof. Dirk von Petersdorff:
Die letzte Liebeserschütterung in der Marienbader Elegie
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Über die Aktualität von Goethes Werken
Dr. Manfred Osten:
Goethe, ein Vordenker der Migrationskrisen des 21. Jahrhunderts
Prof. Dr. Olaf L. Müller:
Goethe als Naturwissenschaftler – eine Rehabilitation!
Prof. Dr. Bertram Schefold:
Goethe und die moderne Wirtschaft
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
Goethes Stadtflucht oder warum wir alle einen Kleingarten haben wollen
Podiumsdiskussion: Dr. Manfred Osten, Dr. Rüdiger Safranski:
Das Glück bei Goethe oder die Kunst des Überlebens
Podiumsdiskussion: Dr. Sahra Wagenknecht, Dr. Manfred Osten, Dr. Michael Jaeger:
Auf freiem Grund mit freiem Volker stehn – Alptraum oder Utopie
Prof. Theo Buck:
Goethe als Dramaturg des modernen Theaters
Dr. Bernhard Fischer:
Goethe und Cotta auf dem Weg zum modernen Urheberrecht
Dr. Michael Jaeger:
Feuermaschinen - Goethe und Marx
319
Beate Schubert:
Goethes Verhältnis zu den bildenden Künsten
Dr. Manfred Osten:
Einführung in Goethes Schule der Achtsamkeit
Dr. Petra Maisak:
Der junge Goethe und die bildenden Künste
Prof. Dr Norbert Christian Wolf:
Goethe Kunstanschauung vom Sturm und Drang bis zur Rückkehr aus Italien
Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt:
100 Jahre Goethe-Gesellschaft Berlin e.V.
Prof. Dr. Johannes Grave:
Ideal und Geschichte - Spannungen in Goethes Kunstauffassung um 1800
Prof. Dr. Hermann Mildenberger:
Goethes Weg zur Landschaft
Prof. Dr. Thorsten Valk:
Spannungsvolle Nähe - Goethe und die Kunst der Romantik
Prof. Dr. Stefan Matuschek (Jena):
Goethe Antike-Konzept in seiner historischen Entwicklung
Dr. Robert Steegers:
Der Sammler Goethe im Spiegel seiner Werke und seiner Zeit
Prof. Dr. Uwe Hentschel:
(Autographen) Sammeln als Leidenschaft
Dr. Markus Bertsch:
Wirkung und Rezeption Goethes in der zeitgenössischen Kunst
320
Als erste Tagesexkursion wählen wir Bad Lauch-
städt, wohin uns der Direktor Bernd Heimmühle
freundlicherweise eingeladen hat. Jeder einzelne
muß privat ein Einreisevisum für die DDR beantra-
gen. Belohnt werden wir mit  einer stimmungsvol-
len  Inszenierung  der Zauberflöte;  anschließend
zeigt man uns den historischen Schnürboden, der
noch  aus  der  Goethezeit  stammt.  Die  25  DM
Zwangsumtausch verprassen wir anschließend in
den Lauchstädter Gaststuben, wo wir auf Mozart
und Goethe anstoßen.
Den Eröffnungsvortrag über Thomas Mann und die
Goethe-Gesellschaft hat der aus Weimar angereiste
GG-Präsident Karl-Heinz Hahn mit Bedacht ge-
wählt, wirft das damalige Geschehen doch ein ganz
erfreuliches Licht auf die Berliner.
Der liberal gesinnte Vorsitzende der Berliner Orts-
vereinigung, Floduard von Biedermann bemühte
sich  zwischen  1921  und  1929  darum,  Thomas
Mann und Harry Graf Kessler für den Weimarer
Vorstand vorzuschlagen; das hätte nicht nur deren
Mitarbeit am Goethe-Jahrbuch zur Folge gehabt,
sondern  vielleicht  auch  ein
wenig  frischen  Wind  in  den
recht  konservativen  Vorstand
gebracht,  dem  damals  aus-
schließlich Männer angehören.
Beide Kandidaturen stoßen bei
den Weimarer Philologen auf
Ablehnung.  Peinlich  genug,
erhält Thomas Mann doch 1929 den
Nobelpreis für Literatur.
Ferner  können  wir  gleich  zu  Beginn Norbert
Miller dazu gewinnen, uns über die neue Verlags-
unternehmung der beim Hanser-Verlag entstehen-
den Münchner  Ausgabe zu  berichten,  deren
Mitherausgeber er ist. Diese bietet – nach den Epo-
chen seines Lebens und Schaffens geordnet – das
gesamte dichterische und autobiographische Werk
Goethes, sämtliche  Schriften zu Literatur, Kunst
und Naturwissenschaft, eine breite Auswahl aus den
amtlichen Schriften, die Briefwechsel mit Schiller
und Carl Friedrich Zelter sowie die Gespräche mit
Eckermann.
Neue Wege geht die Ausgabe auch mit dem dar-
gebotenen Text: Sie vertraut nicht mehr der Aus-
gabe letzter Hand, sondern bemüht sich, auf bessere
frühere Drucke oder die Handschriften zurückzu-
gehen. In Textgestalt, Anordnung und Kommentar
entsteht so ein farbiges und historisch differenzier-
tes Goethe-Bild, das sich der neuen Begegnung und
aktuellen Aneignung anbietet. Eine Ausgabe, die –
von  besten  Sachkennern  betreut  –  den  neuesten
wissenschaftlichen Standard repräsentiert.
1987
Exkursion nach Bad Lauchstädt
Besuch der Inszenierung Die Zauberflöte,
Führung durch das Goethe-Theater
durch Direktor Bernd Heimmühle
Prof. Dr. h.c. Karl-Heinz Hahn (Weimar)
Versäumte Gelegenheit
Thomas Mann und die Goethe-Gesellschaft
Zur Geschichte der Ortsgruppe Berlin
Prof. Dr. Norbert Miller (Berlin)
Goethe – nach Epochen seines Schaffens
Anmerkungen zur Münchener Ausgabe
20
Goethe erlebt in Italien
– wie er später schreibt
–  seine Wiedergeburt
als  Mensch  und
Künstler, nimmt neue
Landschaften, Farben
und  Formen  in  sich
auf. Inspiriert von den
schlichten Formen rö-
mischer  Landhäuser
und  Palazzi,  beein-
druckt von italienischen Baumeistern wie Palla-
dio,verändert  sich  seine  Vorstellung  von
Architektur. Sein neues Ideal: Der Klassizismus
mit seinen klaren, strengen Formen, die sich an
den Tempelbauten des Altertums orientieren.
Ein Brief, den Goethe noch von Rom aus an den
Herzog richtet, spricht neben seinem dankbaren
Gefühl zart andeutend seine Wünsche hinsicht-
lich seiner künftigen Stellung aus: Ich darf wohl
sagen, ich habe mich in dieser anderthalbjähri-
gen Einsamkeit selbst wieder gefunden. Aber als
was? – Als Künstler! Was ich sonst noch bin, wer-
den Sie beurteilen und nutzen. Sie haben durch
Ihr fortdauerndes wirkendes Leben jene fürstliche
Kenntnis, wozu die Menschen zu brauchen sind,
immer  mehr  erweitert  und  geschärft,  wie  mir
jeder Ihrer Briefe deutlich sehen lässt; dieser Be-
urteilung unterwerfe ich mich gern. (…)
Lassen Sie mich an Ihrer Seite das ganze Maß
meiner Existenz ausfüllen, so wird meine Kraft,
wie eine neu geöffnete, gesammelte, gereinigte
Quelle von einer Höhe, nach Ihrem Willen leicht
da oder dorthin zu leiten sein. Schon sehe ich,
was mir die Reise genützt, wie sie mich aufgeklärt
und meine Existenz erheitert hat. (…) Ich habe so
ein großes und schönes Stück Welt gesehen und
das Resultat ist: daß ich nur mit Ihnen und mit
den Ihrigen leben mag. Ja, ich werde Ihnen noch
mehr werden, als ich oft bisher war, wenn Sie
mich nur das tun lassen, was niemand als ich tun
kann, und das Übrige andern auftragen.
Ihre Gesinnungen, die Sie mir in Ihren Briefen
zu erkennen geben, sind so schön, für mich bis
zur Beschämung ehrenvoll, daß ich nur sagen
kann:  Herr!  Hier  bin  ich,  mache  aus  deinem
Knecht, was du willst.
Diese Wünsche erfüllt
ihm Carl August. Die
Präsidien von Kriegs-
kommission und Kam-
mer  werden  Goethe
abgenommen.  Er  be-
hält nur die Bergbau-
kommission.  Nach
und nach werden sei-
ner  Oberaufsicht  die
Landesanstalten  für
Wissenschaft  und
Kunst zu Weimar, Jena
und  Eisenach  unter-
stellt, die zum Teil erst
auf  seine  Anregung
vom Herzog ins Leben
gerufen  oder  zu  Be-
deutung  gelangt  wa-
ren. Somit erhält er einen seinen geistigen Bestre-
bungen angemessenen Geschäftsbereich, der ihm
für jene eine freiere Muße übrig läßt.
Nach fast zweijähriger Abwesenheit trifft Goethe
im Juni 1788 wieder in Weimar ein. Die weima-
rische Gesellschaft setzt Wochen nach Goethes
Rückkehr die größten Erwartungen in ihn; erhofft
ihn ganz als den Alten wiederzufinden, sprühend
voller Geschichten und Anekdoten, die er in be-
währter Manier zum Besten gibt.
Doch Goethe ist ein anderer geworden; er hat
einen Standpunkt in seiner Bildung gewonnen,
auf den ihm in der damaligen Umgebung keiner
folgen kann, Später klagt er in der Metamorphose
der Pflanzen: Aus Italien, dem formenreichen war
ich in das gestaltlose Deutschland zurückgewie-
1988
Prof. Dr. Hans Wolfgang von Löhneysen (Berlin)
Die Goethe-Büste von David d´Angers
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings (Berlin)
Gedenke zu leben!
Die Initiation Wilhelms Meisters
Hans Joachim Mey (Berlin)  
Buchvorstellung: Im Namen Goethes
Der Briefwechsel Marianne von Willemer
und Hermann Grimm     
Beate Schubert (Berlin)
Eine neue Epoche der Weltgeschichte
Goethe am Vorabend der Französischen Revolution
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sen, heiteren Himmel mit einem düsteren zu ver-
tauschen; die Freunde, anstatt mich zu trösten
und wieder an mich zu ziehen, brachten mich zur
Verzweiflung. Mein Entzücken über entfernteste,
kaum bekannte Gegenstände, mein Leiden, meine
Klagen über das Verlorne schien sie zu beleidi-
gen, ich vermisste jede Teilnahme, niemand ver-
stand  meine  Sprache.  In  diesen  peinlichen
Zustand wußte ich mich nicht zu finden, die Ent-
behrung war zu groß, an welcher sich der äussere
Sinn gewöhnen sollte...
Wenn er die Welt der neuen Anschauungen, die
in  seinem  Innern  lebendig  ist,  mit  Entzücken
schildert und seine Sehnsucht nach dem dort Ver-
lorenen, fühlt sich die Weimarer Gesellschaft von
seinen Klagen beleidigt.
Auch das vordem innige Verhältnis zu Charlotte
von Stein, das noch während der italienischen
Reise  zumindest  in  der  Korrespondenz,  wenn
auch recht abgekühlt zumindest auf dem Papier
fortbestand, scheint nun endgültig zerbrochen.
Beide haben sich kaum noch etwas zu sagen. In
diesen Tagen entsteht das Gedicht Erster Verlust:
Ach! wer bringt die schönen Tage,
Jene Tage der ersten Liebe,
Ach! wer bringt nur Eine Stunde
Jener holden Zeit zurück!
Einsam nähr’ ich meine Wunde,
Und mit stets erneuter Klage
Traur’ ich um’s verlorne Glück.
Ach! wer bringt die schönen Tage,
Jene holde Zeit zurück!
In den folgenden Wochen zieht er sich nun wieder
häufiger in die Einsamkeit seines Gartenhauses
zurück. In dieser Zeit, wo Sehnsucht nach dem
Verlorenen, Mißstimmung über die Gegenwart
ihm manche schwere Stunde bereiten, sodaß er
diese Unbehaglichkeit später als einen Zustand
der Verzweiflung bezeichnet, nimmt er sein Dra-
menfragment Tasso vor, das er vor Italien im Zu-
stand beglückender Liebe begonnen hatte.
Ihm begegnet in diesem Sommer ein junges Mäd-
chen namens Christane Vulpius, die ihm ein Bitt-
gesuch  für  ihren  Bruder  überbringt.  Mit  ihrer
natürlichen Art,  dem  brunetten  Teint  und  den
dunklen Augen erinnert ihn Christiane an Italien.
Noch am selben Tag erhält sie die Schlüssel zum
Gartenhaus,  als
seine  Haushälte-
rin  und  als  seine
Geliebte. Bald si-
ckert  in  Weimar
durch,  daß  der
Freund  des  Her-
zogs  eine  Affäre
mit  einem  einfa-
chen Kleinbürger-
mädchen hat.
In diesen Tagen – im Juli 1789 bringt er den Tasso
zum Abschluß. Wenn die Prinzessin dort noch so
eindringlich dem Erlaubt ist, was sich  z i e m t
das Wort redet, so schildert Goethe nun die gol-
dene, vom Tasso geträumte Zeit, jenen glückli-
chen  Naturzustand,  wo  das Erlaubt  ist,  was
gefällt, nun Geltung erhält.
In derselben Woche kommt es in Paris zum Sturm
auf die Bastille, dem Beginn zur Französischen
Revolution. Im hochsommerlichen Weimar, wo
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die  Zeitungen  aus  Frankreich  erst  mit  einer
Woche Verspätung eintreffen, nimmt man die Er-
eignisse erst einmal nicht so richtig wahr. Auch
ist Goethe momentan mit ganz anderem beschäf-
tigt, versucht er doch, einige besondere Eindrücke
der Italienischen Reise in den Römischen Elegien
zu Papier zu bringen:
Raubt die Liebste denn gleich mir einige
Stunden des Tages;
Gibt sie Stunden der Nacht mir zur
Entschädigung hin.
Wird doch nicht immer geküßt,
es wird vernünftig gesprochen,
Überfällt sie der Schlaf, lieg’ ich
und denke mir viel.
Oftmals hab’ ich auch schon
in ihren Armen gedichtet
Und des Hexameters Maß
leise mit fingernder Hand,
Ihr auf den Rücken gezählt.
Am 7. September arrangiert Charlotte von Len-
gefeld, deren Patentante Charlotte von Stein ist,
in ihrem Elternhaus in Rudolstadt 1788 eine erste
Begegnung von Goethe und Schiller,  die aber
eher frostig verläuft. Goethe hat natürlich von
dem Erfolg des 10 Jahre jüngeren Autors und sei-
nem Stück Die Räuber gehört, aber er hält den
Dramatiker aus Stuttgart auf Distanz und sonnt
sich stattdessen in der Bewunderung der Abend-
gesellschaft, die seinen Erzählungen über Erleb-
nisse in Italien lauscht.
Schiller  an  Gottfried  Körner,  12.  September
1788: Endlich kann ich Dir von Goethe erzählen,
worauf Du, wie ich weiß, sehr begierig wartetest.
Ich habe vergangenen Sonntag beinahe ganz in
seiner Gesellschaft zugebracht, wo er uns mit der
Herder, Frau v. Stein und der Frau v. Schardt, (...)
besuchte. Sein erster Anblick stimmte die hohe
Meinung ziemlich tief herunter, die man mir von
dieser  anziehenden  und  schönen  Figur  beige-
bracht hatte.
Er ist von mittlerer Größe, trägt sich steif und
geht auch so; sein Gesicht ist verschlossen, aber
sein Auge sehr ausdrucksvoll, lebhaft, und man
hängt mit Vergnügen an seinem Blicke. (…)
Unsere  Bekanntschaft  war  bald  gemacht  und
ohne den mindesten Zwang; freilich war die Ge-
sellschaft zu groß und alles auf seinen Umgang
zu eifersüchtig, als daß ich viel allein mit ihm
hätte  seyn  oder  etwas  anders  als  allgemeine
Dinge mit ihm sprechen können.
Im Ganzen genommen ist meine in der That
große  Idee  von  ihm  nach  dieser  persönlichen
Bekanntschaft nicht vermindert worden; aber ich
zweifle,  ob  wir  einander  je  sehr  nahe  rücken
werden.
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1989
Prof. Hans-Dieter Holzhausen (Berlin)
Der Goetheforscher Ludwig Geiger
Anmerkungen zu Leben und Büchern
Joachim Pukaß und Christian Rhode
Lesung: Goethes Reinicke Fuchs
Prof. Dr. Hans Wolfgang von Löhneysen (Berlin)
Seminar: Der Sammler und die Seinigen
Goethes 240. Geburtstag in Frau Schuberts Garten
Geselliger Abend mit musikalischen Darbietungen
Prof. Dr Paul Raabe (Wolfenbüttel)
Goethes verstreute Briefe
Anmerkungen zu alten und neuen Goethe-Funden
Die  beiden  Schauspieler Joachim  Pukaß und
Christian Rhode, Sprecherkollegen vom Sender
Freies Berlin, touren im Sommer mit  Goethes
Reinecke Fuchs durch die Lande und können zu
einer sommerlichen Lesung im Bolivarsaal der
Staatsbibliothek gewonnen werden. Ein unver-
geßlicher Abend.
Das französische Epos Le roman de Renart ent-
stand bereits im Hochmittelalter. Goethe greift
das mittelalterliche Epos über Reineke Fuchs auf
und formuliert es unter dem Eindruck der aktuel-
len gesellschaftlichen Veränderungen in den be-
ginnenden  1790-er  Jahren  in  4312
Hexameter-Versen neu.
In einem Kosmos, der ein Abbild der lasterhaften
menschlichen Gesellschaft darstellt, triumphiert
der smarte, listige und skrupellose Fuchs immer
wieder  über andere Tiere.  Sie  fallen  ihm  zum
Opfer – aber sie tragen alle durch eigene Schuld
oder Dummheit dazu bei.
Mit dieser Satire verarbeitet Goethe die Eindrü-
cke  der  chaotischen  Zustände  dieser  Jahre,  in
denen die Gesellschaft aus den Fugen gerät, Ge-
setz und Ordnung auf den Kopf gestellt werden.
Der heuchlerische Charakter des Protagonisten
scheint  ihm geeignet wie kein anderer, die  ge-
sellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit anzupran-
gern.
An Charlotte v. Kalb schreibt er am 28. Juni 1794:
Da dieses Geschlecht auch zu unsern Zeiten bei
Höfen, besonders aber in Republiken sehr ange-
sehen und unentbehrlich ist, so möchte nichts bil-
liger  sein,  als  seinen  Ahnherrn  recht
kennenzulernen.
Reinecke Fuchs, zeitloses Vorbild  aller kleinen
Gauner  und  großen  Betrüger,  die  sich  die
Schlupflöcher des Gesetzes zunutze machen, all
jene Politiker, die außerhalb der Legalität operie-
ren und sich mit rhetorischen Finten aus der Af-
färe  zu ziehen  wissen,  in  dem  sie  den  Leuten
immer genau  das erzählen, was sie hören wollen,
er scheint  unsterblich zu sein.
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1990
Johannes Kowalewsky (Berlin)
Die Wahlverwandtschaften
Tagesfahrt nach Weimar
Anna Amalia und ihr Musenhof
Ltg. Beate Schubert / Johannes Kowalewsky
Exkursion nach Bischofsgrün
Auf den Spuren Goethes zum Ochsenkopf
Ltg. Christoph Schaller (Bayreuth)
Prof Dr. Hans-Jürgen Schings (Berlin)  
Willkür und Notwendigkeit
Zeitkritik in Goethes Wahlverwandtschaften
Ursprünglich  als  Novelleneinlage  zu Wilhelm
Meisters  Wanderjahre gedacht,  veröffentlicht
Goethe Die  Wahlverwandtschaften im Oktober
1809. Der Roman wird oft als sein bester und zu-
gleich rätselhaftester bezeichnet. Er beschreibt die
Geschichte des in abgeschiedener Zweisamkeit le-
benden Paares Charlotte und Eduard, deren Ehe
durch das Hinzukommen zweier weiterer Figuren
auseinanderbricht. Wie gleichsam in einer chemi-
schen  Reaktion  erfahren  beide  Eheleute  eine
starke, jeweils auch  erwiderte, neue Anziehung:
die vernunftbetonte Charlotte zu dem verständig-
tatkräftigen Hauptmann Otto; der impulsiv-leiden-
schaftliche Eduard zu der heranwachsenden, auf
stille Weise reizvollen Ottilie. Der Konflikt zwi-
schen Leidenschaft und Vernunft führt ins Chaos
und schließlich zu einem tragischen Ende.
Einerseits findet man Elemente, die ihn zu einem
Werk  der  Weimarer  Klassik  machen,  wie  bei-
spielsweise die Anlage der Handlung als naturwis-
senschaftliches Gleichnis. Aber auch gegenläufige
Tendenzen sind vorhanden, die ihn fast zu einem
Werk der Romantik machen, etwa wenn man an
die Figur der christlichen Märtyrerin am Ende des
Romans denkt.
Der  Begriff  „Wahlverwandtschaft“  stammt
bekanntlich aus der Chemie, wo er das anziehende
und abstoßende Verhalten von chemischen Verbin-
dungen beschreibt, indem die stärkere Säure die
schwächere aus ihren Salzen verdrängt.
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Im Sommer lädt uns unser neues Mitglied, der Mu-
sikwissenschaftler  und  Mendelssohn-Experte
Rudolf Elvers in das von ihm betreute Musikarchiv
der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz. Hier er-
fahren  wir  viel  Neues  und  Interessantes  über
Goethes Verhältnis zur Familie Mendelssohn, ins-
besondere zu dem jungen Felix, der ihn mehrfach
in Weimar aufsucht und im Junozimmer den dorti-
gen  Flügel auf  gehörige  Weise  zum  Erklingen
bringt.
Bis zu seinem frühen Tod mit nur 38 Jahren schafft
Felix Mendelssohn Bartholdy ein Œuvre von mehr
als 400 Werken. Mit neun beginnt er zu komponie-
ren, seine erste Sinfonie für Streicher schreibt er mit
zwölf.
Felix Mendelssohn Bartholdys Vater Abraham ist
bereits seit seiner Jugend mit Carl Friedrich Zelter
befreundet. Dieser hatte in Zwölf Lieder am Klavier
zu spielen einige Gedichte von Goethe vertont, wo-
durch Mendelssohn neugierig wurde. Neben dem
Klavierunterricht und der sportlichen Ertüchtigung
sollen alle Kinder von Abraham Mendelssohn auch
Gesangsunterricht in der Berliner Singakademie er-
halten. Zelter erkennt sehr früh Felix’ Begabung
und erteilt ihm auch Unterricht in Harmonielehre,
Kontrapunkt und Komposition.
In einem Brief vom 26. Oktober 1821 kündigt er
Goethe einen Besuch mit Mendelssohn an: meinem
besten Schüler will ich gerne Dein Angesicht zei-
gen, ehe ich von der Welt gehe, worin ich’s freilich
so lange als möglich aushalten will. Der letztere ist
ein guter hübscher Knabe, munter und gehorsam.
Als Mendelssohn Goethe das erste
Mal begegnet, ist er zwölf Jahre
alt, und gilt –ähnlich wie sechs
Jahrzehnte zuvor Mozart – als
ein Wunderkind.  Briefe der
Eltern und Fannys ermahnen
Felix höflich und zurückhal-
tend zu sein, klug und über-
legt  zu  antworten  und  sich
alles  haargenau  einzuprägen,
wäre ein Kontakt zu Goethe doch
ein existentielles Erlebnis.
In  einem  Brief  vom  6.  November  1821  schreibt
Mendelssohn an seine Eltern: Nach zwei Stunden
kam Professor Zelter: ›Goethe ist da. Der alte Herr
ist da.‹ – Gleich waren wir die Treppe herunter in
Goethes  Haus.  Er  ist  sehr  freundlich,  doch  alle
Bildnisse von ihm finde ich nicht ähnlich. (...) Nach-
mittag spielte ich Goethe über zwei Stunden vor,
teils Fugen von Bach, teils phantasierte ich.
Ludwig Rellstab berichtet von dieser ersten Begeg-
nung folgendes: Gleich nach seiner Ankunft musste
Mendelssohn Goethe vorspielen, Zuerst gab Zelter
eine  einfache  Melodie  in  Triolenbewegung  vor,
nach der Mendelssohn frei fantasierte. Er spielte
aufbrausend und benutzte schwierige harmonische
Kombinationen und  kontrapunktische Sätze, wo-
raufhin Zelter meinte: ›Na, du hast wohl vom Ko-
bold  oder  Drachen  geträumt!  Das  ging  ja  über
Stock und Block!
Danach spielte Mendelssohn Fugen von Bach, wel-
che Goethe besonders gern hörte, und das Menuett
aus Don Juan. Als Goethe darum bat, auch die Ou-
vertüre daraus zu hören, meinte Mendelssohn, daß
dies nicht machbar sei und spielte stattdessen die
Ouvertüre aus Figaro. Goethe war begeistert von
dem  musikalischen Talent und  dem offenen, be-
scheiden kindlichen Charakter Mendelssohns.
Er wurde immer heiterer und neckte Felix. Bis jetzt
hast du mir nur Stücke gespielt, die du kanntest,
jetzt wollen wir einmal sehen, ob du auch etwas
spielen kannst, was du noch nicht kennst. Ich werde
1991
Frank-Volker Merkel-Bertholdi (Berlin)
Giacomo Leopardis Consalvo
vor dem Hintergrund von Goethes Werther
Gesprächsabend über
Alfred Kirchners Goethes Faust I
im Schiller-Theater,
Ltg. Ursula Mank-Müller (Berlin)
Dr. Rudolf Elvers (Berlin)
Die Mendelssohns und Goethe
26
dich einmal auf die Probe stellen, sprach Goethe
und holte Noten von Mozart und Beethoven. Beide
waren von den Komponisten selbst geschrieben und
letztere sehr stark verschmiert und schwer zu lesen.
Doch Mendelssohn spielte beim zweiten Versuch
einwandfrei vom Blatt und konnte dabei auch noch
die Singstimme mitsingen und Kommentare abge-
ben.
Nach der Aufführung des ersten Quartetts von Men-
delssohn in  Weimar  sagte Goethe  angeblich  den
Musikern: Die musikalischen Wunderkinder sind
zwar hinsichtlich der technischen Fertigkeit heut-
zutage keine so große Seltenheit mehr; was aber
dieser kleine Mann im Fantasieren und Primavist-
spielen vermag das grenzt an’s Wunderbare und ich
hab es bei so jungen Jahren nicht für möglich ge-
halten.
Als daraufhin Zelter nach Mozart fragte, den Goe-
the mit zwölf Jahren gehört hatte, antwortete dieser:
Ja damals zählte ich selbst erst zwölf Jahr und war
allerdings, wie alle Welt, höchlich erstaunt über die
außerordentliche Fertigkeit  desselben; was aber
Dein Schüler jetzt leistet, mag sich zum damaligen
Mozart  verhalten  wie  die  ausgebildete  Sprache
eines Erwachsenen zu dem Lallen eines Kindes.
Als Mendelssohn abreisen wollte, insistierte Goethe
laut, so daß Zelter nachgab und Mendelssohn statt
geplanter  14  Tage  vier  Wochen  unterwegs  und
davon 16 Tage bei Goethe war.
Zu Weihnachten 1821 schicken sich Mendelssohn
und Goethe Briefe und Geschenke. So erhält Felix
u.a. ein Manuskript des Faust, eine Federzeichnung
von Goethe und ein von Adele Schopenhauer aus
Papier geschnittenes Steckenpferd mit folgenden
Versen von Goethe:
Wenn über die ernste Partitur
Quer Steckenpferdchen reiten,
Nur zu auf weiter Töne Flur,
Wirst manchem Lust bereiten
Wie Du’s gethan mit Lieb‘ und Glück.
Wir wünschen Dich allesammt zurück
Am  5.  Februar  1822  schreibt  Goethe  an  Zelter:
Auch Felix sag ein gutes Wort und seinen Eltern.
Seit Eurer Abreise ist mein Flügel verstummt, ein
einziger Versuch ihn wieder zu erwecken, wäre bei-
nahe mislungen«, woraufhin Mendelssohn an Goe-
the am 19. März schrieb: »Mit schwerem Herzen
denk ich ans schöne Weimar zurück; wenn ich doch
noch einmal hinkäme! Es sollte Ihrem Flügel nicht
sehr angenehm sein mich bei ihm zu wissen und
mein Getrommel auszuhalten.
Im Herbst 1822 kommt es zu einem zweiten Be-
such, bei dem Mendelssohn seine Eltern mitnimmt.
Seine  Mutter  berichtet: Da  Goethe  gewöhnliche
Musik nicht liebt, war sein Piano seit Felix’ Abwe-
senheit unberührt geblieben und er öffnete es ihm
mit den Worten: ›Komm’ und wecke mir all’ die ge-
flügelten Geister, die lange darin geschlummert‹«.
Und ein andermal: ›Du bist mein David, soll ich
krank  und  traurig  werden,  so  banne  die  bösen
Träume durch Dein Spiel, ich werde auch nie wie
Saul den Speer nach Dir werfen.
Mendelssohn  und  sein  Vater  fahren  1825  nach
Paris. Abraham Mendelssohn erhoffte sich dort von
Cherubini eine Bestätigung, daß das musikalische
Talent seines Sohnes für eine Laufbahn als Kom-
ponist und Dirigent ausreichend sei. Von Paris und
seinem Musikbetrieb ist der nun mittlerweile 16-
jährige Mendelssohn jedoch schwer enttäuscht. So-
wohl auf der Hinreise, als auch auf der Rückreise
besuchen beide Goethe. Felix schreibt am 13. März
1825 an seine Familie: Ich komme eben vom Dîner
bei Göthe zurück, wo es gar nicht steif herging. Das
fürchterliche ›Sie‹, womit er mich gestern empfing,
war heute wieder ins vormalige ›Du‹ verwandelt.
Der Kontakt erstreckt sich über neun Jahre, beide
empfanden große Sympathie für einander. Zu Leb-
zeiten Carl Friedrich Zelters hält sich Mendelssohn
mit Vertonungen von Gedichten Goethes zurück, da
dies Zelters Gebiet war.
Theaterabend Peter Hacks
Ein Gespräch im Hause von Stein
über den abwesenden Herrn von Goethe
Goethes 242.Geburtstag in Frau Schuberts Garten
Geselliger Abend mit musikalischer Umrahmung
von Schülern und Lehrern der John-F.-Kennedy-Oberschule
Prof. Dr. Kurt Biermann (Berlin)
Alexander von Humboldt als Weggefährte Goethes
27
Der Herzog mit dem ich
nun  schon  an  die  neun
Monate in der wahrsten
und  innigsten  Verbin-
dung  stehe,  hat  mich
endlich  auch  an  seine
Geschäfte gebunden, aus
unsrer Liebschaft ist eine
Ehe entstanden, die Gott
seegne. So  beschreibt
Goethe 1776 seine Beziehung zu dem acht Jahre
jüngeren Carl August, der gerade einmal seit einem
Jahr als 19-jähriger Herzog von Sachsen-Weimar-
Eisenach ist.
Geboren wird Carl August am 3. September 1757
in der Residenzstadt Weimar. Als Folge des allzu
frühen Todes seines Vaters, Ernst August Constan-
tin, übernimmt seine Mutter Anna Amalia für ihn
die Vormundschaft und die Regierungsgeschäfte bis
zu seiner Volljährigkeit.
Sie  läßt  dem  temperamentvollen  und  vielseitig
begabten  Thronfolger  eine  hervorragende  Erzie-
hung zuteil werden, die sie dem Schwaben Chris-
toph  Martin  Wieland  und  Karl  Ludwig  Knebel
überträgt; erreicht aber nicht, daß das überschäu-
mende Wesen des Prinzen gezügelt werden kann.
Die Lösung dieser schwierigen Aufgabe bleibt be-
kanntlich  Goethe  vorbehalten,  den  Carl  August
während seiner Kavalierstour nach Paris 1774 in
Frankfurt  als  Autor  des  gefeierten  Briefromans
Werther kennenlernt. Schon bei der ersten Begeg-
nung  der  damals  noch  jungen  Männer  1774  in
Frankfurt muß ein Funke der Sympathie überge-
sprungen sein, dessen Feuer nicht verlöschen soll.
Spontan wiederholt Carl August im Jahr seine Ein-
ladung in seine Haupt- und Residenzstadt Weimar.
Nunmehr ist er volljährig; auch seine ihm frisch an-
getraute Gattin, Prinzessin Luise von Hessen-Darm-
stadt,  die  Goethe  seit  ihrer  Jugend  kennt  und
schätzt, möchte den Dichter an den etwas provin-
ziellen Weimar Hof holen.
Was ist das für ein
Mensch, der, durch-
aus  Repräsentant
des feudalen Zeital-
ters, einen Bürgerli-
chen,  noch  dazu
einen  Intellektuel-
len,  einen  Dichter
gar,  zum  engsten
Vertrauten  erwählt
und dies fürs ganze
Leben? Der diesen
Dichter  im  Laufe
seines langen Berufslebens  mit den  unterschied-
lichsten und wichtigsten politischen Ämtern über-
häuft? Der Goethe selbst noch die unangekündigte
spontane Flucht nach Italien im Sommer 1786 ver-
zeiht und ihn dort volle zwei Jahre treiben läßt, was
er will, selbstverständlich unter Fortzahlung der Be-
züge?
Ein Schöngeist ist er mitnichten; noch nicht einmal
besonders involviert in die Gründung jenes »Wei-
marer Musenhofs«, welcher der kleinen Residenz-
stadt an der Ilm ein kulturelles »goldenes Zeitalter«
bescheren wird  und die im Wesentlichen als das
Werk seiner Mutter Anna Amalia anzusehen ist.
Carl August muß man sich vielmehr als machtbe-
wußten,  draufgängerischen  Mann  von  »starker
Sinnlichkeit« vorstellen, wie man damals sagte; er
ißt und trinkt gern und beschränkt sich in seinem
Liebesleben keinesfalls auf die ihm angetraute Her-
zogin Luise.
Zum »Genietreiben« um 1780, über das schon die
Zeitgenossen sich die Mäuler zerreißen, gehören
auch regelmäßige Jagden, nicht nur aufs Wild, son-
dern auch auf die schönsten »Misels« in den umlie-
genden Dörfern, zu denen sich Fürst und Dichter in
der Anfangszeit des öfteren aufmachen. Die Beute
genießt der hohe Herr allein; Goethe, in sexueller
Hinsicht heikel, empfiehlt sich diskret. In späteren
Jahren hält sich Carl August als Mätresse die Schau-
spielerin Caroline Jagemann, die ihm nach Einwil-
ligung  Luises  als  »Gattin  zur  linken  Hand«
angetraut und zur Frau von Heygendorf nobilitiert
wird. Da ist ihm der Freund längst zuvor gekom-
Filmvorführung:
Carl August von Weimar – Goethes Freund
Regie: Beate Schubert
Tagesfahrt nach Weimar
Carl August, der Freund Goethes
Ltg. Beate Schubert / Johannes Kowalewsky
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men, lebt er doch seit Jahren mit Christiane Vulpius
gemeinsam in sogenannter wilder Ehe unter dem
Dach des Hauses am Frauenplan. Im Frühjahr 1792
hat Carl August das bis dato von Goethe nur gemie-
tete Haus diesem geschenkt – bis heute bewahrt es
die Lebenswirklichkeit des Dichters, ein deutscher
Gedächtnisort der allerersten Kategorie.
Im  Herbst  hatten  der  Fürst  und  sein  Genie  die
»Campagne in Frankreich« mitgemacht, die mit der
Kanonade  von Valmy ein so unrühmliches Ende
fand. Nichts hat sie so zusammengeschweißt wie
diese gemeinsam überstandene Todesgefahr.
Und nun,  Ende Dezember,
gibt  der  Herzog  seinem
Goethe,  der bereits  wieder
nach Weimar zurückgekom-
men  ist,  carte  blanche  für
den  Bau  jenes Römischen
Hauses,  das  nach  beider
Plänen  entstand  und  das
erste Gebäude Weimars im
klassizistischen Stil werden sollte – und eben auch
Denkmal einer ungewöhnlichen Freundschaft.
Wenig unterscheidet Carl August von einem typi-
schen Fürsten des aufgeklärten Absolutismus, nicht
sein militärischer Ehrgeiz, nicht sein Bemühen, das
ihm anvertraute kleine Land politisch aufzuwerten,
nicht sein Lavieren zwischen Kaiser und der neuen
deutschen Großmacht Preußen. Wie so viele Män-
ner seines Standes wird er mit den Jahren gesetzter
und ein »gütiger Landesvater«, dazu von der groß-
zügigen Liberalität des Genußmenschen, der gern
fünfe gerade sein läßt.
Carl  August  bleibt  sein
Leben lang auf seinen Dich-
terfreund  angewiesen.  Er
und  Goethe  finden  sich
überdies  darin,  daß  sie,
beide  reichspatriotisch  ge-
sinnt, eine Rolle in der poli-
tischen Welt spielen wollen.
Und sie streben beide nach
Reformen politischer, wissenschaftlicher, kulturel-
ler, erzieherischer Art. Denn auch der Herzog ist auf
seine Weise Humanist. Da braucht er jemanden an
seiner Seite, der auch als Höfling hohe Ziele nie aus
den Augen verliert. Und für diese Rolle konnte er
keinen Besseren finden als Goethe.
.
Carl August von Weimar
Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine;
Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur, was er vermag.
Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte
Jeder; da wär‘s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein.
Doch was priesest du ihn, den Taten und Werke verkünden?
Und bestochen erschien‘ deine Verehrung vielleicht;
Denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren,
Neigung, Muße, Vertraun, Felder und Garten und Haus.
Niemand braucht‘ ich zu danken als Ihm und manches bedurft‘ ich,
Der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand.
Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben?
Nichts! Ich habe, wie schwer! Meine Gedichte bezahlt.
Deutschland ahmte mich nach, und Frankreich mochte mich lesen;
England! Freundlich empfingst du den zerrütteten Gast.
Doch was fördert es mich, dass auch sogar der Chinese
Malet mit ängstlicher Hand Werthern und Lotten auf Glas?
Niemals frug ein Kaiser nach mir, es hat sich kein König
Um mich bekümmert, und Er war mir August und Mäzen.
29
Wer an diesem Abend er-
schienen ist, um etwas Er-
hellendes  über  Goethes
Verhältnis  zu  der  jungen
Bettina Brentano zu erfah-
ren, kommt nicht so ganz
auf seine Kosten, geht es
doch Birgit Weissenborn
eher um die emanzipierte
Bettina  von  Arnim  der
1830er  bis  1850er Jahre;
seit  1811  verheiratet  mit
dem Schriftsteller Achim
von Arnim, Mutter von sieben Kindern, wohnhaft in
Berlin und Wiepersdorf.
Im Fokus stand hier nicht das Verhältnis der jungen
Bettina von Arnim zu Goethe, sondern die Zeit der
emanzipierten  Frau
zwischen  1830  und
1850. Seit 1811 ist sie
mit  dem  Schriftsteller
Achim von Arnim ver-
heiratet, bewirtschaftet
mit  ihm  das Gut  Wie-
persdorf,  hat  sieben
Kindern,  lebt  aber
meist in Berlin. Sie hat
von  1806  bis  1811
Kontakt zu Goethe. Ihr
schwärmerischer Briefwechsel aus  dieser Zeit ist
dem Geheimrat eher unangenehm und er beantwor-
tet die Briefe äußerst knapp. Sie besuchte mehrfach
Goethes  Mutter  in  Frankfurt  und  hat  von  ihr
Geschichten  über  Goethes  Kindheit  und  Jugend
gehört. Er bittet sie, ihr diese Aufzeichnungen zu
schicken, da er sich mit dem Gedanken einer Auto-
biographie trägt.  
Es beginnt ein Briefwechsel zwischen den beiden.
In  ihrer  literarischen  Projektion  idealisiert  sie
Goethe und hebt ihn auf ein unerreichbares Podest.  
Bei einem neuerlichen Besuch Bettinas in Weimar
1811 kommt es zu einer öffentlichen Auseinander-
setzung  zwischen  ihr  und  Goethes  Ehefrau
Christiane. In einer Gemäldeausstellung des  Goethe-
Vertrauten Johann Heinrich Meyer äußert sich Bet-
tina  bekanntlich  abfällig  über  die  Werke  von
Kunschtmeyer.  Christiane  reißt  ihr  daraufhin  die
Brille von der Nase, und Bettina nennt Goethes Frau
daraufhin eine wahnsinnige Blutwurst. Goethe ver-
bietet Bettina und ihrem Ehemann fortan sein Haus.
1811 kommt es zu einem endgültigen Bruch.
Kurz nach dem Tod Achim von Arnims (1831) und
Goethes (1832) beginnt – im Gegensatz zur vorherr-
schenden Meinung – eine wesentlich eigenständige
Lebensphase. Ihre schriftstellerische Tätigkeit wird
von der Referentin nicht mehr im Rahmen der Ro-
mantik und schon gar nicht im Schatten Goethes be-
griffen.  1835  publiziert  Bettina  den  angeblich
authentischen Briefwechsel mit Goethe unter dem
Titel: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde. Sei-
nem Denkmal.
Die  grundlegende
literarische  Trans-
formation des Ori-
ginalbriefwechsels
zum  Entwurf  eines
Gegenbildes  von
Goethe  und  auch
die  weitere  Verar-
beitung ihrer Bezie-
hung  zu  Goethe
führt zu einem den
Jungdeutschen  na-
hestehenden Appell
1992
Dr. Birgit Weissenborn
Bettina von Arnim und Goethe
Szenische Lesung
Die Wahlverwandtschaften – Fontanes L´Adultera
Ltg. Johannes Kowalewsky (Berlin)
Ulrich von Heintz:
Führung durch das Schloß Tegel
Goethes 243.Geburtstag in Frau Schuberts Gar-
ten
Musikalisch literarischer Abend
Dr. Frank Schweitzer (Berlin)
Goethes Farbenlehre
30
einer neuen, von Menschlichkeit getragenen Gesell-
schaftsordnung, in der auch die Rolle des Künstlers
und der Frau in einem neuen Licht erscheinen.
Nach  Weißenborn  hätte
Bettina in ihrem Buch Goe-
the sozusagen gezwungen,
sich  ihr  gegenüber  so  zu
verhalten,  wie  sie  es  sich
damals  gewünscht  hätte.
Ihr  imaginierter  Goethe
zeigt sich wesentlich inte-
ressierter,  aufmerksamer,
liebevoller, schreiblustiger
und versöhnlicher als er in
der Realität war.
Ihr Ton ist schwärmerisch-
verehrend bis ironisch: Es ist mein Athem der um
Deine Lippen spielt, der Deine Brust anfliegt; – so
dachte ich aus der Ferne zu Dir, und meine Briefe
trugen Dir diese Melodieen zu; es war mein einzig
Begehren daß Du meiner gedenken mögest und so
wie in Gedanken ich immer zu Deinen Füßen lag,
Deine Kniee  umfassend,  so wollte ich,  daß Deine
Hand segnend auf mir ruhe. Dies waren die Grund-
accorde meines  Geistes  die  in  Dir  ihre Auflösung
suchten.
(Briefwechsel, 2. Teil, S. 311)
Mit Hilfe einer kreativen poetischen Imagination und
den Mitteln romantischer Phantasie und Ironie läßt
die Autorin Betina von Arnim den fiktiven Goethe
nun gerade an denjenigen Dingen besonderen Anteil
nehmen, für die der reale Goethe in der Vergangen-
heit kein oder nur geringes Verständnis hatte – am
Freiheitskampf  der  Tiroler  und  an  –moderner  –
Musik im Stile Beethovens.
Bettina  hatte  ihre  modernen  Kompositionen  vor
allem der Vertonung von Goethes Gedichten gewid-
met, ohne daß diese ihm allerdings je gefallen hätten.
In ihrem Buch rächt sie sich an dem konservativen
Musikgeschmack des alten Mannes, indem sie ihm
lobende Äußerungen über ihre musikalischen Explo-
sionen in den Mund legt.
Sie  beschreibt  Goethe  nach  seinem  Prinzip  der
Grundwahrheit aus Dichtung und Wahrheit. So gibt
es auch in Goethes »Wahrheit« einige faktische In-
korrektheiten.
Ein deutliches Zeugnis von Bettinas Goethe-Bild gibt
uns ihr Entwurf zu seinem Denkmal: ...auf dem Goe-
the unter der Legende ‚Dieses Fleisch ist Geist ge-
worden‘ in olympisch-antiker Monumentalität thront,
während Bettine als Mischung
aus Nymphe und Engel sich zu
seinen Füßen tummelt.
Bettina  beschwört  in  ihrem
Goethebuch  beständig  seine
überirdische Schönheit.
Schön wie ein Engel warst Du,
bist Du und bleibst Du. Und im
Originalbriefwechsel findet sich
eine Anekdote  über  seine  frü-
heste  Kindheit: Er  war  so
schön, daß ihn seine Wärterin
nicht wohl durch eine volkrei-
che Straße tragen konnte, weil
alle Menschen sich heran drängten, ihn zu sehen;
auch  begehrten  Frauen,  die  gesegneten  Leibes
waren, ihn zu sehen...
An anderer Stelle schreibt Bettina: Seine höchst edle
Gestalt ist gebrechlich, es ist, als ob die Hülle leicht
zusammensinken könne, um den Geist in die Freiheit
zu entlassen.
Sie selber schreibt über ihre Art, ihn zu beschreiben:
Laß mich malen, Goethe, aus meinem kleinen Mu-
schelkasten, es wird so schön! Sieh sie an, die grell
abstechenden Farben, die der philosophische Maler
vermeidet, aber ich, das Kind, ich male so; und Du,
der dem Kinde lächelt wie den Sternen, und in dessen
Begeisterung Kindereinfalt sich mischt mit dem Se-
herblick des Weisen, freue Dich der grellen bunten
Farben meiner Phantasie.
31
Etwas versteckt in einer kleinen Gasse im Zentrum
der Weimarer Altstadt befindet sich ein achteckiger
und  zweigeschossiger  Pavillon,  der,  gelegen  am
Ende eines längeren Verbindungsganges, verbun-
den ist mit dem Palais Schardt in der Scherfgasse
3, dem Elternhaus der Charlotte von Stein.
Insgesamt dreizehn Fenster verleihen den beiden
Räumen des Pavillons genügend Tageslicht und bil-
den eine Atmosphäre, als würde man sich im Freien
bewegen.
Hier fand am 11. November 1775 die erste Begeg-
nung  zwischen  Goethe  und  der  Hofdame Anna-
Amalias statt. Überliefert ist uns die Begegnung
von Charlottes zehnjährigem Sohn Karl: Nachmit-
tags, es war schon dämmericht in meiner Eltern
Wohnung, als der junge Herzog und der junge Dok-
tor Goethe hereintraten. Letzterer war eben ange-
kommen  und  erregte  Neugier.  Es  waren  außer
meinen Eltern noch mehrere im Zimmer.
(Karl von
Stein, Erinnerungen)
Bei  einem  Besuch  in Weimar  im  Frühjahr  1992
gerät mir ein Faltblatt der Pavillon-Presse in die
Hand – eine junge Unternehmung, die sich nach der
Wende in der Scherfgasse 5 gegründet hat, um bi-
bliophile Publikationen über die Geschichte Wei-
mars  herzustellen.  Man  hat  sich  eingemietet  im
Erdgeschoß neben dem momentan leerstehenden
ehemaligen Schardt´schen Palais.
Am heutigen Tag zur Mittagsstunde, so ist dort zu
lesen, soll nach jahrzehntelangem Leerstand und
über mehrmonatiger grundlegender Restaurierung
der Goethepavillon wieder eröffnet werden, der sei-
nen  Namen  der  ersten  Begegnung  von
Goethe und Charlotte im November 1775 verdankt.
Der Pavillon ist somit Ausgangspunkt einer engen
Freundschaft und späteren Liebesbeziehung zwi-
schen Charlotte von Stein und Johann Wolfgang
von  Goethe, Grund genug, noch einige Stunden län-
ger in Weimar zu bleiben.  
Auf der kleinen Feier, die ich als Journalistin besu-
che, spricht auch der Weimarer Baudezernent und
teilt mit, man  werde  das Schardt’sche Palais  bis
Weihnachten so herrichten, daß man am 1. Feiertag
dort gebührend den 250. Geburtstag der Charlotte
von  Stein  begehen  könne.  Ich  spitze  die  Ohren.
Derartige runde Geburtstage kommen  nur selten
vor; der ideale Aufhänger zu meinem ersten eigen-
ständigen Film: Der Titel wird lauten Mein Leben
nur  an  Deinem  hängt. Charlotte  von  Stein  –
Goethes unsterbliche Geliebte.
Eine  Woche  später  ist  das  Exposé  geschrieben;
beim MDR benötigt man zwei Monate für die Ant-
wort; dann heißt es: »kein Bedarf«. Zwischen den
Jahren strahlen sie dann eine eigene Produktion aus;
der übliche Ideenklau. Ich biete ergo mein Thema
der Deutschen Welle an, die ihre Produktionen auf
fünf  Kontinenten  ausstrahlt.    Der  Name  Goethe
zieht: Prompte Zusage für 28 Minuten Länge in vier
Sprachen.
1993
Prof. Dr Heide Eilert (Berlin)
Amor als Landschaftsmaler
Goethe und die Malerei des 17. u. 18. Jahrhunderts
Filmvorführung:
Mein Leben nur an Deinem Leben hängt –
Charlotte von Stein, Goethes unsterbliche Geliebte
Regie: Beate Schubert
32
Wir  beginnen  mit  dem  Dreh  im  Hochsommer.
Eine Darstellerin für die Charlotte findet sich im
Bekanntenkreis:  eine  Architekturstudentin,  die
nur der Protagonstin ähnlich sein, sanft gucken
und an Goethes Arm im Kochberger Park hin- und
herwandern  soll. Doch  woher  so schnell  einen
glaubhaften Goethe nehmen?
Heidemarie  Förster-Stahl, die in den 1990-er Jah-
ren Pension, Restaurant und ein kleines Charlotte-
Museum im Schloß Kochberg betreibt,weiß Rat.
Sie  schlägt mir einen ansehnlichen jungen Mann
aus dem Dorf vor, der gut reiten kann; doch er hat
blaue Augen und ist typmäßig eher ein Carl Au-
gust, dennoch besorgen  wir  ihm ein  passendes
Kostüm in Babelsberg.
Dann kommt uns eine Fügung des Schicksals zu-
gute:  um im Oktober eine Totale des Kochberger
Tals mit seinen verfärbten Herbstbäumen zu dre-
hen, fahren wir mit dem Produktionswagen  auf
bedenklichen Serpentinenwegen in die Höhe; das
Ergebnis, ein platter Reifen, der für den kommen-
den Dreh ausgewechselt werden muß. Bei Reifen-
Krüger in  Halensee steht  er dann plötzlich vor
mir: Darius Taheri, Studnet der Volkswirtschaft,
Sohn des namhaften persischen Berliner Chirur-
gen, der gerade seinen Sportwagen mit Winterrei-
fen versehen will.
Die Ähnlichkeit mit dem jungen Goethe ist so ein-
deutig, daß ich ihn ansprechen muß. Er hält mich
zunächst nicht für ganz bei Trost, als ich ihn frage,
ob er mit uns zwei Tage später nach Thüringen
fahren könne, um dort Charlotte von Stein zu um-
werben; er müsse sich allerdings bis nachmittags
entscheiden, da wir ihm noch ein passendes Out-
fit besorgen müßten.
Zwei Stunden später sagt er zu; seine österrei-
chische Mutter hat mit ihm zusammen im Brock-
haus nachgeschaut und ebenfalls befunden, daß er
dem jungen Goethe ähnlich sehe.
Vera Vonnahme, die Charlotte-Darstellerin lernt
er erst kennen, als sie in Kochberg  im Reifrock
vor ihm steht. Unlängst hörte ich, die beiden seien
bis heute befreundet.
Den Film gibt es längst als einstündige DVD. Da
sich Weihnachten 2017 Charlottes 275. Geburts-
tag jährt, wird es wohl bis dahin eine Neufassung
geben.
33
Detailliert  und  anschaulich  beschreibt Siegfried
Unseld Goethes wechselvolle Verleger-Geschichte
von den ersten anonymen Publikationen im Selbst-
verlag bis zu den großen Editionen  bei dem seiner-
zeit bedeutendsten Verleger Cotta. Dazu hat er die
reiche  Verlegerkorrespondenz  ausgewertet,  die
Briefe von und an Freunde, Kollegen und Mitarbei-
ter, ferner Goethes Tagebücher, die Briefe und Be-
richte Dritter sowie die überlieferten Verlagsverträge.
Goethes Verständnis auch für die unternehmerischen
Belange der Verleger haben immer wieder zu Span-
nungen, aber auch zu großartigen Vereinbarungen
geführt. Je nach Anlaß und Adressat zeigt sich Goe-
the in diesen Verhandlungen teils vorsichtig zurück-
haltend,  teils  selbstverständlich  fordernd.  In  den
meisten Fällen folgt er seiner Maxime, nach der man
sich in geschäftlichen Dingen lakonisch, imperativ
prägnant zu verhalten habe.
Als  Goethe  zu  publizieren  beginnt,  sind  das
Urheberrecht und seine Nutzung noch nicht allge-
meinverbindlich geklärt. Anders als in England oder
Frankreich gibt es im Deutschen Reich, das vor den
Napoleonischen Kriegen aus 314 souveränen Teil-
staaten  besteht,  fast  keinen  urheberrechtlichen
Schutz literarischer Werke. Jedermann kann nahezu
unbehelligt und ungestraft Nachdrucke eines einmal
veröffentlichten  Werkes  zu  beliebigen  Zwecken
herstellen, was Goethe ungemein verdrießt. Auf An-
raten  seines  Freundes  Johann  Heinrich  Merck
bringt er daher 1773 seinen Goetz von Berlichingen
im Selbstverlag heraus. Merck sorgt für den Druck,
Goethe kauft das nötige Papier.
Wir vollendeten das Werk, berichtet er in Dichtung
und Wahrheit, und es ward in vielen Paketen vers-
endet. (...) Weil wir aber, bei unseren beschränkten
Verhältnissen, die Exemplare nicht schnell genug
nach allen Orten zu verteilen vermochten, so er-
schien plötzlich ein Nachdruck.
Aufgrund des Aufsehens, das der Goetz erregt, bie-
tet Christian Friedrich Weygand in Leipzig Goethe
im nächsten Jahr an, Die Leiden des jungen Wer-
thers (1774)  zu verlegen, und Goethe ist, so berich-
tet er, sehr zufrieden, als das Honorar, das ich dafür
erhielt, nicht ganz durch die Schulden verschlungen
wurde, die ich um des Goetz von Berlichingen wil-
len zu machen genötigt gewesen.
Kurz vor der italienischen Reise plant Goethe 1786
seine erste achtbändige Werkausgabe bei Georg Joa-
chim Göschen, der ihm von Bertuch empfohlen wor-
den war. Dieser meldet ihm eine Startauflage von
3.000 Exemplaren. Wie sich später herausstellt, stellt
Göschen ohne Wissen Goethes, da dieser ja auch
weit weg in Rom weilt, noch 1.000 Separatdrucke
Prof. Dr. Siegfried Unseld (Frankfurt a. M.)
Goethe, der Schriftsteller – vom Verleger gesehen
34
Georg Joachim Göschen
der einzelnen Werke und eine vierbändige ordinaire
Ausgabe von 2.000 Exemplaren auf billigem Papier
her.
Von dem Nachdruck hinter seinem Rücken erfährt
Goethe erst Jahre später. Der Schriftsteller Karl Phi-
lipp Moritz, Goethes Freund aus  der Zeit seiner
ersten Italienreise, vermittelt ihm für seine zweite
Werkausgabe den Verleger Johann Friedrich Unger,
der 1792-1800 Goethes Neue Schriften in sieben
Bänden in der modernen Schrift Antiqua heraus-
gibt.
Unger druckt 1789 auch Goethes Das Römische
Carneval mit der Titelvignette von Heinrich Lips
und 20 kolorierten Kupfertafeln von Georg Mel-
chior Kraus nach G. Schütz, eine der schönsten Ver-
öffentlichungen der deutschen Klassik. Sie ist vom
Verleger,  der  eine höhere Auflage  für  ein Risiko
hielt, in nur 250 Exemplaren hergestellt worden,
und  es  ist  bekannt,  daß  Goethe  vergeblich  ein
Exemplar für seine Bibliothek wieder zu erwerben
suchte.
(Anton Kippenberg)
Schiller stellt  schließlich  Goethes  Beziehung  zu
dem renommierten Verleger Johann Friedrich Cotta
her.
Goethes tiefes Mißtrauen seinen Verlegern gegen-
über  richtet sich selbst gegen Cotta, obwohl dieser
niemals gegen die Verträge verstoßen, ja bisweilen
höhere als die vereinbarten Honorare gezahlt oder
zugunsten Goethes auf die Durchsetzung vertrag-
licher Vereinbarungen verzichtet hat.
Goethe gelingt es, 1825 über die Gesandten des
Bundestages das Privilegium seiner Ausgabe letz-
ter Hand für alle deutschen Länder und Freien
Reichsstädte zu erringen; danach darf nur Cotta
seine Werke verlegen.  
Dies hat, so Unseld, nicht nur für Goethe selbst,
weitreichende  Folgen: Gilt  einmal  ein  solcher
Schutz für das Werk eines Autors, kann er auch
für andere Auoren gelten, und es könnte sich das
entwickeln, was dann später tatsächlich erreicht
wurde, nämlich ein allgemeines Urheber- und Ver-
lagsrecht.
Sein Mißtrauen Verlegern gegenüber bleibt jedoch
bestehen. Gegenüber  Kanzler von Müller äußert
er sich 1829: Die Buchhändler sind alle des Teu-
fels, für sie muß es eine eigene Hölle geben.
35
Johann Friedrich Unger
Johann Friedrich Cotta
Otto Krätz stellt Goethe als weltoffenen, immer fra-
genden  Menschen  vor  und  belegt,  wie  dessen
Beschäftigung mit der Natur auf Goethes Dichtun-
gen eingewirkt hat. Schon als Student in Leipzig ist
Goethe stark an den Naturwissenschaften interes-
siert, ein Interesse, das später zur Forschungstätig-
keit auf den Gebieten der Mineralogie, der Botanik
und der Zoologie führt. Krätz bringt das Kunststück
fertig, ganz selbstverständlich auch  dem  Goethe-
Kenner Unbekanntes einfließen zu lassen.
Nicht der Faust, nicht Tasso und nicht Werther, son-
dern zuallererst die Farbenlehre sollte auf den Lehr-
plänen stehen, wenn es nach Goethe selbst ginge.
Auf alles, was ich als Poet geleistet habe, läßt der
alte Geheimrat rückblickend seinen unentbehrlichen
Eckermann wissen, bilde ich mir gar nichts ein. Es
haben treffliche Dichter mit mir gelebt, es lebten
noch trefflichere mit mir, und es werden ihrer nach
mir sein. Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der
schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der Ein-
zige bin, der das Rechte weiß, darauf tue ich mir
etwas zu gute.
Angefangen hatte alles ganz unscheinbar und recht
bald  nach  der  italienischen  Reise.  Wegen  seiner
eigenmächtigen Entfernung aus Karlsbad gen Süden
empfing  den  Heimgekehrten  die  Hofgesellschaft
kühl (die unzüchtige Liaison mit Christiane tat ein
übriges), und Goethe stürzt sich, wie oft in Krisen-
zeiten,  ins  Tüfteln,  Laborieren  und  naturwissen-
schaftliche Studieren.
Goethe pflegt seine wissenschaftlichen Beziehungen
zur Universität Jena, regt naturkundliche Sammlun-
gen und einen botanischen Garten (mit) an, die Me-
tamorphose der Pflanze erscheint, und im Januar
1790 ist es dann soweit: Hofrat Büttner läßt sich
nicht länger vertrösten, schickt einen persönlichen
Boten, und der säumige Goethe muß die vor Zeiten
ausgeliehenen Glasprismen, ob er will oder nicht,
wieder aus den Händen geben. In der Eile will Goe-
the wenigstens einen einzigen Blick hinein getan
haben und siehe da: Aber wie verwundert war ich,
als  die  durchs  Prisma  angeschaute  weiße  Wand
nach wie vor weiß blieb, daß nur da, wo ein Dunkles
dran sich stieß, sich eine mehr oder weniger ent-
schiedene Farbe zeigte (...) Es bedurfte keiner lan-
gen Überlegung, so erkannte ich, daß eine Grenze
notwendig sei, um Farben hervorzubringen, und ich
sprach wie durch einen Instinkt sogleich vor mich
laut aus, daß die Newtonische Lehre falsch sei. In
einer Sekunde ist es entschieden, und vier verblei-
bende Lebensjahrzehnte können daran nichts mehr
ändern – Goethe steht quer zu Newton und damit zu
einem ganzen Jahrhundert.
Prof. Dr. Otto Krätz (München)
Goethe und die Naturwissenschaften
Vortrag mit Experimenten im
Naturkundemuseum zu Berlin
36
Die Anhäufung von Wissen in Anatomie, Mineralo-
gie,  Geologie,  Botanik,  Chemie,  Zoologie  wäre
nicht möglich gewesen ohne den Verkehr mit einer
Unzahl von wissenschaftlich regen Geistern – ins-
besondere zu Alexander von Humboldt, dessen en-
zyklopädischem, experimentierfreudigen und doch
stets von einem ganzheitlichen Bild der Natur aus-
gehenden Geist sich Goethe verwandt und zugleich
(ein einmaliger Fall) unterlegen fühlt.
Einige  tüchtige  (wenngleich  nie  so  überragende
Köpfe) bildet Goethe sich im Verein mit seinem in
naturforscherlichen Dingen kaum weniger interes-
sierten Brotherrn Carl August regelrecht heran: Etwa
den jungen Provisor des Hofapothekers Göttling, der
mit Staatsgeldern nach Göttingen geschickt, nach
der Promotion in Jena zum Professor gemacht wird.
Er geht Goethe zur Hand bei allerlei farbchemischen
Versuchen, stopft – mit eingeschränktem Erfolg –
empfindliche Wissenslücken des Geheimrates auf
dem  Feld  der  Chemie. Auch  hier  gibt  Krätz  uns
Stoffreiches aus Goethes Leben und zugleich kleine
Bildnisse aus der Sozialgeschichte, die wir sonst nur
entlegener Fachliteratur entnehmen könnten.
Wie sich die praktischen Zwänge amtlicher Pflich-
ten mit einem nie gestillten Wissensdurst vereinen
können, erfahren wir nicht zuletzt am wohl berühm-
testen  Beispiel,  dem  Fall  des  Bergwerkes  zu  Il-
menau,  das  Goethe  für  seinen  Herzog  wieder
flottmachen soll, auf daß es der stets maroden Wirt-
schaft des kleinen Landes aufhelfe: Ich kam höchst
unwissend in allen Naturstudien nach Weimar, und
erst das Bedürfnis, dem Herzog in mancherlei sei-
ner Unternehmungen, Bauten, Anlagen, praktische
Ratschläge geben zu können, trieb mich zum Stu-
dium  der Natur. Ilmenau hat  mir viel Mühe und
Geld gekostet, dafür habe ich auch etwas gelernt
und mir eine Anschauung der Natur erworben, die
ich um keinen Preis umtauschen möchte, bilanziert
der greise Dichter ein halbes Jahrhundert später
Die für seinen Charakter und seine immerwährende
Neugierde an Phänomenen der Natur ganz bezeich-
nende Seite des Goetheschen Dranges zum Wissen
ist seine ganz handfeste Lust am Herumprobieren,
die man einem Olympier nicht ohne weiteres zu-
traut: Er ist nicht nur leidenschaftlich interessiert an
der Theorie der Verbrennung und der Chemie der
Gase, die im ausgehenden Jahrhundert viele Gemü-
ter  bewegt.  Unter  Döbereiners  Anleitung  macht
Goethe selbst chemische Versuche mit den verschie-
denen Oxidationsstufen des Mangans, Farbreaktio-
nen, die man als chemisches Chamäleon bezeichnet.
37
38
Der Einfluß der Freimaurerei auf Goethes Leben
und Werk
Mit Goethes Verhältnis zur Freimaurerei beschäf-
tigen sich unzählige Studien, die jedoch meist in nur
freimaurerischen Zeitschriften veröffentlicht wor-
den  sind.  Seine  erste Kontaktaufnahme zu einer
Loge  erfolgt  in  Frankfurt  im  Jahre  1764.  Der
versuchte  Eintritt  in  die  von  Ernst  Carl  Ludwig
Ysenburg von Buri 1759 gegründete Arkadische
Gesellschaft  Philandrina scheitert  jedoch.
Unabhängig davon hat Goethe alsbald intensiven
freundschaftlichen Kontakt sowohl zu Mitgliedern
von  Frankfurter als  auch  Straßburger  Sozietäten
namens Philandria.
Dort begeistert er sich unter dem Einfluß Johann
Gottfried Herders, der 1766 in Riga in der Loge Zum
Schwert in den Freimaurerbund aufgenommen wor-
den war, für Homer, Pindar, Shakespeare, für die
gotische Baukunst und für das Volkslied.
In Wetzlar gehörte er der Rittertafel und dem Orden
des  Überganges an,  beides  logenartige  Gesell-
schaften.
In  Weimar  existiert  seit
1764  die  Loge  (Anna)
Amalia zu den drei Rosen.
Die Loge Amalia gehört
mit zu den ältesten deut-
schen  Logen.  Sie  erhält
ihren  Namen  nach  der
damaligen Regentin. Die
Herzogin war als Braun-
schweigerin  sehr  logen-
freundlich.  Erster Meister vom Stuhl ist der Minister
von Fritsch.
Am 7. Januar 1780 kehren Goethe und Carl August
von ihrer zweiten Schweizer Reise zurück, auf der
beide den Entschluß gefaßt hatten, sich in den Frei-
maurerbund aufnehmen zu lassen. Zehn Tage nach
der Heimkehr hat Goethe  eine lange Unterredung
mit Johann Joachim Christoph Bode, und Anfang
1780 reicht er an den Staatsminister und Kabinetts-
chef Freiherrn von Fritsch, dem Meister vom Stuhl,
das offizielle Gesuch ein:
Schon lange hatte ich einige Veranlassung zu wünschen, daß
ich mit zur Gesellschaft der Freimaurer gehören möchte;
dieses Verlangen ist nun auf unserer letzten Reise viel leb-
hafter geworden. Es hat mir nur an diesem Titel gefehlt, um
mit Personen, die ich schätzen lernte, in nähere Verbindung
zu treten, und dieses gesellige Gefühl ist es allein, was mich
um die Aufnahme nachsuchen läßt.
Am 23. Juni 1780 leitet Johann Joachim Christoph
Bode die Aufnahmearbeit in der Freimaurer-Loge
Amalia in Weimar, in der Goethe das Licht der frei-
maurerischen Welt erhält. Die Aufnahme vollzieht
der  zugeordnete  Meister  vom  Stuhl,  Bode,  da
zwischen Goethe und von Fritsch Spannungen be-
standen.
Am 31. März 1781 richtet Goethe folgendes, vom
freimauerischen Standpunkt sicher etwas unortho-
doxe Schreiben  an den Meister vom Stuhl:
Darf ich Ew. Exzellenz bei der nahen Aussicht auf die
Zusammenkunft einer Loge auch meine eigenen kleinen An-
gelegenheiten empfehlen? So sehr ich mich allen mir unbe-
kannten Regeln des Ordens unterwerfe, so wünschte ich
doch  auch, wenn  es  den Gesetzen  nicht  zuwider wäre,
weitere Schritte zu tun, um mich dem Wesentlichen mehr zu
nähern.
1994
Prof. Dr. Alfred Behrmann (Berlin):
Italien, wir und die klassischen Reisen
der  Goethezeit
Dr. Ilse Jahn (Jena)
Alexander von Humboldt und Goethe
Exkursion ins Fichtelgebirge:
Mit dem Geologenhammer auf
Goethes  Spuren
Ltg. Prof. Dr. Barthel (Nürnberg)
Goethes 245. Geburtstag in Frau Schuberts
Garten
Musikalisch-literarischer Abend
Gottfried Eberle (Berlin)
Goethe und die Musik
Mit gesungenen und gespielten Beispielen
Dr. Joachim Burkhardt (Berlin)
Vorstellung des Buchs und Videovorführung:
Ein Film für Goethe
Dr. Manfred Obermann (Berlin)
Der Einfluß der Freimaurerei
auf Goethes Leben und Werk
Prof. Dr. Wolfgang von Löhneysen (Berlin)
»West-östlicher Divan«
Ich wünsche es sowohl um mein selbst als um der Brüder
willen, die manchmal in Verlegenheit kommen, mich als
einen Fremden traktieren zu müssen. Sollte es möglich sein,
mich gelegentlich bis zu dem Meistergrade hinaufzuführen,
so würde ich's dankbarlichst erkennen. Die Bemühungen,
die ich mir bisher in nützlichen Ordenskenntnissen gegeben,
haben mich vielleicht nicht ganz eines solchen Grades un-
würdig gelassen.
Der ich jedoch alles Ew. Exzellenz gefälligster Einleitung
und besseren Einsicht lediglich überlasse und mich mit un-
wandelbarer Hochachtung unterzeichne
Ew. Exzellenz / ganz gehorsamster / Goethe.
Am 23. Juni 1781 wird Goethe zusammen mit dem
damals berühmten Anatomie Professor Loderer von
der Universität Jena zum Gesellen befördert. Bevor
Carl August seinen Entschluß in die Tat umsetzt,
vergehen zwei Jahre.
Am 5. Februar 1782 nimmt man auch
ihn im Beisein vieler fürstlicher Frei-
maurer feierlich auf und bereits am 2.
März befördert man ihn in den Gesel-
lengrad; anschließend wird er noch am
selben Abend zusammen mit Goethe in
den  Meistergrad  erhoben.  Bereits  am
10. Dezember 1782 wird Goethe in den
Inneren Orden der Strikten Observanz
aufgenommen.
Die Loge Amalia stellt allerdings kurz nach seiner
Erhebung am 24. Juni 1782 bis zu ihrer erneuten In-
stallation am 24. 10. 1808 die Arbeiten ein. Dies
stand im Zusammenhang mit dem Verfall der Strik-
ten Observanz und ihres Tempelherrensystems.
1809 wirkt Goethe bei den Aufnahmen des Kanzlers
von Müller und, einen Monat später, Wielands in
den Freimaurer-Bund mit. Als 1813 der Dichter des
Oberon, Wieland, stirbt, tritt Goethe an den im Tem-
pel errichteten Katafalk, um die berühmt gewordene
Gedächtnisrede zu  brüderlichem  Andenken  Wie-
lands zu halten, in der er den Satz über die Freimau-
rerei prägte:
Wenn dieser altgegründete und nach manchem Zeitwechsel
oft wieder hergestellte Bund eines Zeugnisses bedürfte, so
würde hier das vollkommenste bereit sein, indem ein talen-
treicher Mann, verständig, vorsichtig, umsichtig, erfahren,
wohldenkend und mäßig, sich bei uns in einer Gesellschaft
fühlte, die er, der besten gewohnt, als Vollendung seiner
menschlichen und geselligen Wünsche so gern anerkannte.
Danach entstand wohl das Tiefste, was jemals in
poetischer Form über Freimaurerei gesagt wurde,
das Symbolum, jenes Gedicht, in dem Goethe das
ganze Wesen der maurerischen Symbolik, das Wan-
dern des Maurers durch die verschiede-
nen  Grade  als  Abbild  des  höheren
geistigen Menschenlebens schildert. Als
Goethe am 22. 3. 1832 in Weimar stirbt,
war damit auch die Zeit der deutschen
Klassik, die Goethe-Zeit, vorüber.
Am 8. November 1832 wird zum ruhm-
reichen Gedächtnis ihres in den ewigen
Osten eingegangenen hochverehrten und
geliebten Bruders Johann Wolfgang von
Goethe  die  Trauerloge  abgehalten.
Kanzler Friedrich von Müller, bei dessen Aufnahme
Goethe 1809 mitgewirkt hatte, hielt die Gedächtnis-
rede, die er mit den Worten schloß, die Goethe einst
am Grabe der Herzogin Amalia gesprochen hatte:
Das ist der Vorzug edler Naturen, daß ihr Hinscheiden in
höhere Regionen segnend wirkt, wie ihr Verweilen auf der
Erde, daß sie uns von dorther gleich Sternen entgegenleuch-
ten, als Richtpunkte, wohin wir unsern Lauf bei einer nur zu
oft durch Sturm unterbrochenen Fahrt zu lenken haben, daß
diejenigen, zu denen wir uns als zu Wohlwollenden und Hilf-
reichen im Leben hinwendeten, nun die sehnsuchtsvollen
Blicke nach sich ziehen, als Vollendete, Selige.
Goethes maurerische Werke ausschließlich maureri-
schen Inhalts oder für maurerische Anlässe gedichtet:
Rede zum brüderlichen Andenken Wielands, von Goethe
selbst bei der Trauerfeier am 18. Februar 1830 vorgetragen.
Einleitung zu den Trauerreden aus Anlaß des Ablebens des
Meisters vom Stuhl Ridel, 1821.
Bundeslied: In allen guten Stunden, entstanden 1775.
Symbolum: Des Maurers Handeln, ca. 1815,
Dank des Sängers: Vom Sänger hat man viel erzählt, 1815,
Verschwiegenheit: Wenn die Liebste zum Erwidern 1816,
Trauerloge: An dem öden Strand des Lebens,
Zur Logenfeier am 3. September 1825 (50-jähriges Regie-
rungsjubiläum Carl Augusts): Einmal nur in unserem Leben;
Laßt fahren hin das Allzuflüchtige; Nun auf und laßt verlau-
ten, Dem würdigen Bruderfeste: Fünfzig Jahre sind vorüber,
datiert Johanni 1830.
Wilhelm Meisters Lehrbrief in den Lehrjahren, dann in den
Wanderjahren,
Das Märchen mit freimaurerischer Symbolik.
Der Zauberflöte zweiter Teil: Fortsetzung zu Schikaneders
Zauberflöte, (Fragment),
Die Geheimnisse, in denen Humanus als Hohepriester der
Humanität erscheint und die Versöhnung von Antike und
Christentum gefeiert wird,
Der Großkophta mit der Kritik an den Verir-
rungen der Freimaurerei in Goethes Zeit.
39
Goethes Märchen ist die letzte Erzählung in dem
Novellenzyklus Unterhaltungen deutscher Aus-
gewanderten,  der  erstmals  1795  in  der  von
Friedrich Schiller herausgegeben Zeitschrift Die
Horen erscheint. Seit Erscheinen des Märchens
sind unzählige Interpretationen entstanden, die
sich nicht selten grundlegend widersprechen.
Aufgrund deutlicher Hinweise im Märchen sind
sich einige Exegeten darin einig, das antike Rom
mit Fähre, Fluß und dem Pantheon sei das reale
Vorbild für den Schauplatz des Märchens.Nach
anderen Deutungsansätzen sind als historischer
Hintergrund die Französische Revolution sowie
alle  despotischen  Herrschaftsformen  von  der
Antike bis Ludwig XVI. zu sehen.
Katharina Mommsen schreibt indes hierzu: Der
einzige Leser des ›Märchens‹, der seinen Sinn
erkannt hat, war Schiller. (...) Das ›Märchen‹
Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie
40
enthielt in vielem eine Botschaft  Goethes an ihn.
Das der gesamten Handlung zugrunde liegende
Thema ist das der U t o p i e .
Als Schiller sich 1794 mit Goethe befreundet,
bilden die Ästhetischen Briefe, an denen er  gerade
arbeitet, einen der ersten Gesprächsgegenstände.
Schillers Hauptgedanke: Die Herbeiführung eines
glücklicheren Menschenzustands, einer Welter-
neuerung könne nur mit Hilfe der Kunst gesche-
hen. In einem ästhetischen Staat fänden die Men-
schen Erfüllung ihrer Ideale und die Befreiung
von ihren Leiden. Angestrebt sei daher die Ver-
edelung des Charakters und diese könne nur die
Kunst gewährleisten, die Dichtung vor allem.
Doch – so schließt Schiller ab mit dem lakoni-
schen  Hinweis:  In  Wirklichkeit  gäbe  es  den
ästhetischen Staat nicht, er existiere nur dem Be-
dürfnis nach in jeder feingestimmten Seele.
Damit, so Katharina Mommsen, war zugestan-
den, wovon die Briefe handeln: Utopie. Goethes
Tagebuchnotiz: Märchen des Utopien – Keim-
zelle zum Märchen stammt aus der Zeit, als er
mit der Niederschrift beginnt.
41
Eckermann wird am 21.September 1792 in ärm-
lichen Verhältnissen in Winsen an der Luhe gebo-
ren, einer kleinen Stadt vor den Toren Hamburgs.
In jugendlichen Jahren zieht er mit seinem Vater,
einem Hausierer, durch die Winsener Marsch, um
in den Dörfern allerlei Waren zu verkaufen.
Bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr besucht der
Junge nur unregelmäßig die Schule und kann nur
notdürftig  lesen  und  schreiben. Dann  hört  der
Oberamtmann Johann Friedrich Meyer von der
zeichnerischen Begabung des jungen Eckermann
und sorgt dafür, daß der Junge mit den Kindern
der wenigen gutsituierten Bürger des Ortes Pri-
vatstunden in Französisch, Latein und Musik er-
hält.
Krank und von den Anstrengungen des Krieges
arg geschwächt, kehrt er 1814 nach Winsen zu-
rück, doch bald nach der Genesung zieht es ihn
wieder hinaus. Er ist von dem Wunsch beseelt,
sich zum Kunstmaler ausbilden zu lassen, doch
eine Krankheit zehrt seine schmalen Geldmittel
auf, sodaß er das Vorhaben aufgeben muß. Not-
gedrungen nimmt er in Hannover eine Stelle als
Registrator  in  der  Militärverwaltung  an  und
liest Shakespeare, Sophokles und Homer, doch
vor allem Goethes Gedichte.
Er genießt dabei ein Glück, das keine Worte
schildern können, denn er findet in ihnen sein ei-
genes [ihm] bisher unbekanntes Innere wieder.
Die Lektüre weiterer Werke Goethes, vor allem
des Faust, schlägt ihn gänzlich in ihren Bann,
sodaß er Jahr und Tag in diesen Werken [lebt] und
[...] von nichts anderem [spricht] als von Goethe.
Vor allem aber stellt er hier seine  Beyträge zur
Poesie mit besonderer Hinweisung auf Goethe
fertig, den Schlüssel, der ihm später den Zugang
zu seinem großen Vorbild am Weimarer Frauen-
plan verschafft.
Im Mai 1823 sendet er das Manuskript der Bey-
träge  zur  Poesie samt  Begleitschreiben  an
Goethe. Nachdem er wochenlang ohne Antwort
bleibt, begibt er sich auf die  beschwerliche Fuß-
wanderung nach Weimar.
Am 9. Juni 1823 spricht er bei Goethe am Frau-
enplan vor und wird von diesem freundlich emp-
fangen.  Was  Eckermann  nicht  weiß:  Der  fast
74-jährige Goethe sucht seit einiger Zeit vergeb-
lich nach einem geeigneten jungen Gelehrten, der
ihn  bei  der  Redaktion  und  Herausgabe  seiner
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1995
Dr. Werner Hennig (Berlin)
Goethes Einkommen und Vermögen
Ein Rückblick auf das alte Weimar
Prof. Hans-Dieter Holzhausen (Berlin)
Goethes Gespräche mit Eckermann
Dr. Gerhard Schewe (Berlin)
Stirb und Werde!
Zum Goethebild Romain Rollands
Prof. Dr. Frank Nager (Luzern)
Gesundheit, Krankheit und Tod bei Goethe
Prof. Dr. Martin Seiler (Berlin)
Führung über die Pfaueninsel
Prof. Effi Biedrzynski (Stuttgart)
Goethes Weimar (Dia-Vortrag)
Dr. Ernst Schneider (Bamberg)
Goethes midlife-crisis in Italien
Reinhold Köpke (Berlin)
Goethe – ein Vorläufer der
Tiefenpsychologie
geplanten Ausgabe letzter Hand fachkundig un-
terstützen kann. Da kommt ihm der junge Literat
gerade recht.
Die Nähe zu seinem vergötterten Meister verhin-
dert  zwar  eine  eigene  Karriere,  die  sich
Eckermann  wiederholt  bei  internationalen
Literaturzeitschriften zu eröffnen versucht, ver-
schafft ihm aber glückliche Stunden und geistige
Erfüllung. Auf Bitten Goethes bereitet er nun die
Ordnung der Werke des greisen Dichters vor.
Seit seinem Eintreffen in Weimar im Juni 1823
bis zu Goethes Tod im März 1832 verfaßt Ecker-
mann mit dem Ziel, ein literarisches Kunstwerk
zu schaffen, die berühmten Gespräche mit Goethe
in den letzten Jahren seines Lebens. Darin über-
nimmt er oft die Rolle des naiv fragenden, aber
sachkundigen  Gesprächspartners,  der  Goethe
durch Frage, Antwort und kritisches Nachfragen
geschickt allerlei Gedanken und Stellungnahmen
entlockt.
In einfühlsamer, wohlwollender Weise und oft ge-
radezu lyrischem Stil, dennoch durchstrukturiert
und auf das Wesentliche fokussiert, beleuchtet
Eckermann dann später in den Ausarbeitungen
der ersten beiden Bände einzelne Facetten des
alten Goethe, etwa besondere Wesenszüge, den
Hintergrund einiger seiner großen Werke, seine
Einstellungen  zu  berühmten  Persönlichkeiten
sowie zu deren Taten und Werken oder zu philo-
sophischen und politischen Fragen.
Auf ausdrücklichen Wunsch Goethes kann Ecker-
mann das vom Dichter quasi autorisierte Werk
aber erst nach dessen Tod veröffentlichen. 1836
bringt der Leipziger Verlag F. A. Brockhaus die
Bände 1 und 2 heraus.
In den folgenden Jahren kommt es allerdings zu
einem Prozess, als Eckermann – darauf hingewie-
sen von aufmerksamen Lesern – bemerkt, daß
Brockhaus hinter seinem Rücken weitere Aufla-
gen veranstaltet hat, ohne mit ihm abzurechnen.
Ein jahrelang intensiv geführter Rechtsstreit mit
Brockhaus in Leipzig belastet ihn sehr, kostet ihn
die heikle Angelegenheit doch außerordentlich
viel Zeit, Kraft und Geld.
Der einflußreiche Brockhaus obsiegt auf ganzer
Linie. In der Folgezeit ist er überdies bemüht,
Ehre und Ansehen Eckermanns in der Öffentlich-
keit herabzuwürdigen, um ihn ein für alle Mal aus
der Welt der Literatur zu verbannen. Unter dem
Druck seiner Schulden und weil er von den gerin-
gen Einkünften am Weimarer Hof nicht existieren
kann, unterbreitet er dem Weimarer Herrscher-
haus seine desolate Situation.
Daraufhin übernimmt die ihm durchaus gewo-
gene Großherzogin Maria Pawlowna seine Wei-
marer Schulden und gewährt ihm neben seinem
völlig unzureichenden Gehalt einen dauerhaften,
aber äußerst kargen Zuschuß zu seinem Lebens-
unterhalt. In Weimar lebt er zurückgezogen und
fristet, nahezu unbeachtet, ein erniedrigendes Da-
sein in bitterster Armut .
Trotz der Schwierigkeiten, die Brockhaus ihm zu
bereiten versucht, findet Eckermann  rechtzeitig
zu Goethes 100. Geburtstag 1848 für einen inzwi-
schen fertiggestellten dritten Band seiner Gesprä-
che  mit  Goethe in  dem Magdeburger Verleger
Heinrichshofen einen Partner, der zu angemesse-
nen Konditionen den dritten Band herausgibt.
Einer frühen ersten englischen Übersetzung der
Gespräche aus der Mitte des Jahres 1839 folgt
eine weitere im Jahre 1850. Heute liegen Ecker-
manns Gespräche mit Goethe u. a. in französi-
scher,  italienischer,  russischer,  spanischer,
schwedischer, dänischer, niederländischer, tsche-
chischer, ungarischer, japanischer und türkischer
Sprache vor.
Eckermanns Werk wurde eigenmächtig in Goe-
thes Gespräche mit Eckermann umbenannt, ohne
einen Verfasser zu nennen.
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Effi Biedrzynski
Goethes Weimar
Im Herbst haben wir Effi Biedrzynski zu Gast,
die uns einen Diavortrag über Goethes Weimar
halten will, sitzt sie doch seit Jahren an einem am-
bitionierten Buchprojekt – einem einzigartigen
Nachschlagewerk über das Weimar der Goethe-
zeit, das zum 250. Geburtstags Goethes erschei-
nen soll.  
In Fachkreisen gilt sie als eine der besten Kenne-
rinnen der großen klassischen Epoche der Stadt,
quasi  als  »Grande  Dame«  der  Goethe-  und
Weimar-Literatur, ein wandelndes Lexikon, das
jederzeit – wenn um Rat gefragt – ihr Wissen he-
raussprudelt. So habe ich sie bei der Weimarer
Jahrestagung kennengelernt, und so ist auch ihr
Vortrag: kenntnis- und faktenreich sowie voller
Anekdoten.
Als Goethes  Weimar 1999  erscheint,  heißt  es
darüber: Dieses  Lexikon  ist  die  Summe  einer
lebenslangen, liebevollen und akribisch-sachkun-
digen Auseinandersetzung der Autorin mit Goe-
the und seiner Welt.
44
In rund 350 Personen- und Sachartikeln ziehen Men-
schen und Schauplätze an dem Leser vorbei, von der
Großherzogin bis zum Nähmädchen, vom Sekretär bis
zum Hofrat. Die Lebensgeschichten und Erlebnisse
dieser Zeitgenossen Goethes vermitteln neue Einbli-
cke in das Umfeld und den Alltag des Geheimrats.
Große und kleine, tragische und kuriose Bewohner
Weimars gewinnen Kontur und Leben in der Darstel-
lung von Effi Biedrzynski, die so präzise beschreibt,
daß man glaubt, sie habe sie  persönlich gekannt.
Wir erfahren aber nicht nur viel Wissenswertes über
die Akteure, sondern auch über die Orte der Handlung:
Häuser, Schlösser, Kirchen, Gärten und Parks sowie
über die gesellschaftlichen Zirkel. Das Buch weckt Er-
innerungen und zeigt auf charmante Art, welche große
Welt im kleinen Weimar lebte.
Wer Goethes Werk und Umwelt besser verstehen will,
dem vermittelt die Autorin mit diesen  Lebensbildern
auf anmutige und profunde Weise neue Einsichten.
2004 stirbt Effi Biedrzynski hochbetagt; wir alle ken-
nen den von ihr seit 1964 konzipierten und herausge-
gebenen Goethekalender Mit Goethe durch das Jahr,
für den sie bis zu ihrem 95. Geburtstag die Auswahl,
die Anmerkungen  und  das  Quellenverzeichnis  be-
sorgte. Jedes Jahr erscheint er im Advent in einer Auf-
lage von rd. 40.000 Exemplaren, seit 2003 wird er von
Jochen Klauß betreut.
45
Illustrationen aus Merkwürdige und interessante originelle und komische Menschen
im Weimar der Goethezeit – Tradition und Gegenwart- Weimarer Schriften, Weimar
In jedem Jahr besuchen über 180.000 Menschen
aus aller Welt das Barockhaus am Weimarer Frau-
enplan. Durch glückliche Umstände hat es sich
über 200 Jahre nahezu vollständig im authenti-
schen  Zustand  erhalten  können.  Als  wir  1995
einen Film über das Wohnhaus vorbereiten, erhal-
ten wir nur eine Drehgenehmigung unter der Vo-
raussetzung, daß die Aufnahmen ausschließlich
außerhalb der Öffnungszeiten und an den Ruheta-
gen  erfolgen.  Bald  erweist  sich,  daß  diese  er-
schwerten Drehbedingungen einen unvergleichli-
chen Vorteil haben: Wir erleben das Haus ohne
Touristen und zu allen Tageszeiten und gewinnen
einen Eindruck, wie es sich zu Goethes Lebzeiten
im Innern des Hauses gelebt haben muß.
Uns wird gestattet, die Schränke öffnen zu lassen,
um unter den strengen Augen eines Kustos einige
der Sammlungsgegenstände mit der Kamera im
Detail zu erfassen, beim Laufen hört man nun die
Dielen knarren, wenn jemand über den Hof geht
oder aus dem Treppenhaus heraufkommt, nimmt
man dies in den frühen Morgenstunden schon von
weitem wahr.
Da  natürlich  keine elektrischen  Deckenlampen
vorhanden  sind,  müssen  die  Räume  sorgfältig
ausgeleuchtet  werden,  Schienen  für  Kamera-
fahrten werden hier und dort verlegt, mehrfach
bricht die Stromanlage zusammen, dann springt
Film-Uraufführung:  
Goethe und sein Haus
am Frauenplan
Regie: Beate Schubert
46
die Notbeleuchtung an, die über den Fenstern verborgen ist, und die Zimmer
geraten in ein diffuses Halbdunkel, plötzlich hat man den Eindruck, als ob
nur einige Petroleumlampen die Räume erhellen. Eigentlich fehlt nur noch,
daß der Hausherr gleich um die Ecke biegt mit einem Kerzenleuchter in der
Hand.
Inzwischen wurde der Film restauriert, denn im 21. Jahrhundert wollen die
Menschen angeblich die Dinge nur noch im Breitwandformat, sprich HD
sehen. 2019 wird das Haus für einige Jahre für Besucher geschlossen werden,
da eine umfangreiche Generalrestaurierung ansteht. Da wird es vielleicht
ganz gut sein, daß man die Innenräume des Hauses dann wenigstens auf einer
Kinoleinwand sehen kann.
47
1996
Prof. Dr. Ekkehard Krippendorf (Berlin)
Goethe und der Orient
Dr. Werner Hennig (Berlin) – Drei Leseabende:
Aus Goethes autobiografischen Schriften
Dr. Dagmar von Gersdorff (Berlin)
Lesung aus ihrem Buch
Königin Luise und Friedrich Wilhelm III.
Prof. Dr. Alfred Behrmann (Berlin)
Goethes Reise nach Sizilien
Goethes 247. Geburtstag in Frau Schuberts Garten
Musikalisch-literarischer Abend
mit Goethe-Vertonungen von Franz Schubert,
Markus Ahme, Tenor  / Edwin Diele, Klavier
Tagesexkursion nach Naumburg
Stadtbesichtigung und Führung durch den Dom
Tagesexkursion nach Dornburg
Besichtigung des Renaissance- und des Rokoko-
schlosses, anschließend Gitarrenkonzert
Dr. Renate Grummach (Berlin)
Goethe im Gespräch – aus der Arbeit eines Editors
Peter Stein (Berlin)
Die Möglichkeiten, den Gesamtfaust zu inszenieren
Hatten wir uns in den ersten Jahren themenmäßig
nur mit dem Werk beschäftigt und waren höchstens
bis Weimar oder Kochberg gekommen, so erwei-
tern wir Mitte der 1990er Jahre unseren Radius. Es
geht nun thematisch nach Naumburg und Dorn-
burg, in den Orient, an den preußischen Hof und
nach Sizilien.
Naumburg hat nur sehr dürftige Spuren in Goethes
Werk hinterlassen; meist speist er dort nur bei der
Durchfahrt während des Pferdewechsels; lediglich
1813 auf der Rückreise von Dresden sind einige
Bemerkungen zum Dom überliefert, in dem – als
Folge der Säkularisation unter Napoleon – seit Jah-
ren keine Gottesdienste mehr stattgefunden hatten.
An Christiane schreibt er am 17. September: wir
(sein Begleiter ist Heinrich Meyer) gelangten in
das altheilige, nunmehr vermodernde Gebäude ,
woraus wir gern einiges durch Kauf, Tausch oder
Plünderung  an  uns gebracht  hätten. Noch  sehr
schöne gemalte Fensterscheiben sind übrig und
manches Größere oder Kleinere von Bronze. Ich
sah Bild einer heiligen Schustertochter (Mechthel-
dis am Barbara-Altar), die zum Wahrzeichen den
Schuh noch in der Hand trägt. Ein Graf hatte sie
wegen ihrer großen Schönheit geehelicht. Sie muß
sehr hübsch gewesen sein, da sie, nicht zum besten
gemalt,  etwas  aufgefrischt  und  lackiert,  doch
immer noch reizend genug ausieht.
Goethe landet – um sich vor einem Regenguß zu
schützen – in dem seit Jahren leerstehenden Dom,
und was  beschreibt  er?  Die  liebreizenden  Züge
einer Heiligen aus dem Mittelalter.
Das  Verblüffende  an  dieser  Schilderung:  Keine
Silbe über die berühmten Stifterfiguren. Immerhin
galt    Uta  von  Naumburg,  die  Markgräfin  von
Meißen, als schönste Frau des
Mittelalters.  Möglicherweise
gelangte Goethe aber gar nicht
bis in den Westchor; außerdem
scheint es dunkel gewesen zu
sein, schreibt er doch von den
Passionsfriesen: ich konnte sie
nicht  scharf genug  sehen  und
ich wüßte nichts weiter darüber zusagen, denn wir
eilten bald aus dem Heiligthume, wo es feucht, kalt
und unfreundlich war.
48
Als wir zum ersten Mal nach Dornburg
kommen und in der kleinen Bergstube
im  Renaissanceschloß  stehen,  in  der
Goethe  bei  seinen  Aufenthalten  resi-
dierte, und durchs Fenster kilometerweit
ins Saaletal blicken, ist uns klar, warum
es ihn immer wieder hierher zog.
In den 1990-er Jahren konnte man noch
im Schloß selbst speisen und sogar dort
in einer privat bewirtschafteten Pension
wohnen.
Tatsächlich gehörten die Schlösser von
1923- 1954 der Goethe-Gesellschaft in
Weimar. Die Enteignung durch die Na-
tionalen Forschungs- und Gedenkstätten
in  den  1950-er  Jahren  hätte  nach  der
Wende  angefochten  werden  können.
Doch die Muttergesellschaft zog es 2003
vor, die Schlösser entschädigungslos an
den NFG-Nachfolger Stiftung Weimarer
Klassik zu übertragen; dieser überließ
man seinerzeit auch ohne Wertausgleich
die  rund  60  000  Bände  umfassende,
zahlreiche bibliophile Ausgaben enthal-
tende  Bibliothek  der  Goethe-Gesell-
schaft  aus  der  Vorkriegszeit  als
Dauerleihgabe. Doch das ist eine andere
Geschichte.
Immerhin können seitdem die GG-Mit-
glieder bei Vorzeigen ihres Ausweises
die Schlösser umsonst besichtigen. So
richtig hat sich das leider noch nicht he-
rumgesprochen, sodaß an dieser Stelle
noch einmal darauf hingewiesen sei.
Wir  beschließen,  häufiger  hierher  zu
kommen,  nehmen als Erinnerung lauter
kleine Gingkopflanzen mit, die wir in
Berliner Erde setzen, und haben seitdem
nie unseren Weg nach Weimar genom-
men, ohne in Dornburg eingekehrt zu
sein.
Freudig trete herein,
Und froh entferne Dich wieder,
Ziehst du als Wandrer vorbei,
Segne die Pfade Dir Gott.
Ich bin eben nirgends geborgen,
Sogar bis zur lieblichen Saale hier
Verfolgen mich meine Sorgen –
Und meine Liebe zu Dir.
Verse an Charlotte von Stein, die Goethe auf
die Rückseite einer Zeichnung der Schlösser
schrieb, die er im Oktober 1776 anfertigte.
49
1997
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings (Berlin)
Despoten der Aufklärung
Schillers Kritik am Illuminatenorden
Johannes Kowalewsky (Berlin)
Drei Leseabende:
Sylvie, Minchen, Ulrike und Goethe
Beate Schubert (Berlin)
Kannst Du lesen, sollst Du verstehn…
Goethes Verhältnis zu Büchern
Dr. Jochen Klauß (Weimar)
Charlotte von Stein
– eine Weimarer Legende
Goethes 248. Geburtstag
Dampferfahrt auf dem Wannsee
anlässlich des 10-jährigen Bestehens
der Ortsvereinigung Berlin,
Erika Eller und Ulrich Ritter:
Lesung: Goethe-Anekdoten
Dagmar von Gersdorff (Berlin)
Lesung aus ihrem Buch
Bettina und Achim von Arnim
– eine fast romantische Ehe
Prof. Dr. Volker Hesse (Berlin)
Vermessene Größen
Goethes Konstitution und Krankheiten
In Goethes privater Bibliothek im Haus am Frauenplan,
die heute rund 6.000 Titel umfasst, befanden sich nach
seiner Rückkehr aus Italien erst 327 Werke, wie wir
einem frühen Verzeichnis des Sekretärs Kräuter entneh-
men können.
Wie kommt es nun in 50 Jahren zu der recht einzigarti-
gen Zusammensetzung dieser Bibliothek? Nach wel-
chen Kriterien sammelt er und wie gelangt er in den
Besitz so manchen Buchschatzes?
Vieles in Goethes Bibliothek wird ihm geschenkt und
dediziert. Je älter er wird, desto häufiger erhält er von
Besuchern Buchgeschenke sowie Widmungsexemplare
von jungen aufstrebenden, mehr oder minder bedeuten-
den Schriftstellern.
Einen erheblichen Anteil in Goethes Bibliothek müssen
– namentlich in der Spätzeit – die Rezensionsexemplare
gespielt haben. Wie zeremoniell sich unter Umständen
ein Bücherkauf Goethes abspielte, erfahren wir durch
einen Brief des Dichters aus Padua, wo er einen Palladio
erstand. Welche Summen Goethe im Laufe seines Le-
bens für Bücher ausgegeben hat, findet sich nirgends
verzeichnet.
Goethes  eigene  Bücherei  genügt  aber  seinem  Lese-
bedürfnisse bei weitem nicht. Er ist ein eifriger Benutzer
der verschiedenen ihm zur Verfügung stehenden Biblio-
theken, besonders in Weimar und Jena. Allein von der
Weimarer Bibliothek entlehnt Goethe, bei steigendem
Jahreskontingent, insgesamt 2.276 Bücher. Die Jenaer
Bibliothek nutzt er besonders eifrig, wenn er persönlich
in der Universitätsstadt weilt.
Ebenso werden ihm auf seinen Wunsch hin durch Ver-
mittlung von Christian Gottlob Heyne manche bedeu-
tende Werke oft auf lange Zeit aus der Göttinger Uni-
versitätsbibliothek anvertraut; aber aus keiner andern
öffentlichen Bibliothek hat des Dichters Geist in so rei-
chem Maße Leben und Nahrung gesogen wie aus der
Weimarer.
Aber nicht nur die Benutzung, auch die Leitung der öf-
fentlichen Bibliotheken ist zu reformieren. Goethe plant
einen weimarisch-jenaischen Gesamtkatalog, seine Tat-
kraft reicht indessen nur für die Bestände Jenas aus.
1817 erteilt ihm Carl-August die Vollmacht zur Neu-
ordnung des sehr komplizierten jenaischen Bibliothek-
wesens.
Von vorzüglichen Kräften mit Hingabe unterstützt, be-
wirkt Goethe die räumliche und organisatorische Verei-
nigung  der  jenaischen  Bibliotheken,  im  festen
Entschluß, die Hindernisse für Null zu erklären,
wie man ja bei jedem bedeutenden Unter-
nehmen tun muß.
50
1998 machen wir uns gleich zweimal nach Dessau auf,
um uns im Anhaltischen Theater die beiden Faust I + II-
Inszenierungen unter der Regie von Helmut Straßburger
anzuschauen .Von  den meisten  unserer  gemeinsamen
Theaterbesuche  können  wir  wenig  berichten,  da  sich
weder Bilder noch Berichte erhalten haben, doch hier
haben sich diesmal, dank des freundlichen anhaltischen
Theaterarchivs, Fotos erhalten; ferner ein Bericht der
Berliner Zeitung vom 10. 6. 1998 (Autor Horst Schuma-
cher) über die Faust II-Premiere, von der wir hier den
Anfang wiedergeben wollen:
Helmut Straßburger und Ernstgeorg Hering haben vor
zwei Jahren den ersten Teil in Szene gesetzt und sich jetzt
an den zweiten herangetraut. Straßburger ließ sich bei
seiner Fassung deutlich von der Anregung Goethes lei-
ten, es komme darauf an, »daß die einzelnen Massen be-
deutend und klar seien«. Aus den fünf Akten werden in
der Dessauer Aufführung drei Komplexe: den ersten be-
stimmt die Geldverfälschung am Kaiserhof, den zweiten
die klassische Walpurgisnacht und die unglücklich en-
dende Vermählung von antikem und faustischem Geist,
den dritten Fausts »höchster Augenblick« als »Koloni-
sator«, sein Tod und seine Errettung. (…) Die Auffüh-
rung trägt dem Umstand Rechnung, daß es kaum noch
»gute Kenner des Altertums« gibt. Die Möglichkeit, auch
bei »Ungelehrten« anzukommen, wurde tatsächlich in
der Entdeckung »einiger guter Späße« gesucht, die nach
der Überzeugung Goethes in seinem allegorischen Al-
terswerk stecken. Berlin, mach·s nach, mach’s besser!
Mein Kurzkommentar: Hat es ja wenig später auch, mit
der Faust I +II-Inszenierung Peter Steins.
1998
Tagesexkursion:
Besuch der Inszenierung Faust I
Anhaltisches Theater Dessau
Ltg.: Beate Schubert
Prof. Dr. Otto Krätz (München)
Alexander von Humboldt –
Wissenschaftler, Weltbürger,
Revolutionär
Exkursion nach Leipzig
...und bildet seine Leute...
Klein-Paris und der junge Goethe
Ltg.: Dr. Josef Mattausch
Tagesexkursion:
Besuch der Inszenierung Faust II
Anhaltisches Theater Dessau
Ltg.: Barbara von Lehmann
Goethes 249.Geburtstag
in Frau Schuberts Garten
Musikalisch-literarischer Abend
Führung durch die Potsdamer Gärten
Leitung von Prof. Martin Seiler (SPSG)
Prof. Dr. Ekkehart Krippendorf (Berlin)
56 Jahre Geheimrat Goethe
– Deutschlands dienstältester Minister
51
Das Jubiläumsjahr 250 Jahre Goethe beginnen wir
erstmalig mit einem monothematischen Jahrespro-
gramm und einem selbstgestalteten Flyer. Eröffnet
wird die Veranstaltungsreihe mit einem Vortrag von
Maria Erxleben, Bewundert viel und viel geschol-
ten… – Goethes Verhältnis
zu Berlin.
Erst  nach  Wochen  des
Suchens hat sich ihr Text
als  Schreibmaschinen-
skript wieder angefunden,
und  wir  können  ihn  auf
den  nächsten  Seiten  in
komprimierter Form wie-
dergeben.
Die  Referentin  räumt
darin auch fachkundig auf
mit  dem  immer  wieder
kolportierten  Vorurteil,
Goethe habe Resentiments
gegen die Berliner gehabt
und  diese  Zeit  seines
Lebens für einen verwege-
nen  Menschenschlag  ge-
halten.
Sie läßt all jene prominenten Berliner Zeitgenossen
Revue passieren  – Literaten, Verleger, Architekten,
Künstler,  Schauspieler,  Musiker,  Mediziner  und
Naturwissenschaflter –, zu denen Goethe in den
sechs Jahrzehnten von 1774 bis 1832 Kontakt hat
und mit denen er umfangreiche Korrespondenzen
unterhält.  
In der anschließender Diskussion wird der  Wunsch
geäußert, man möchte doch einen Spaziergang auf
Goethes Spuren durch das alte Berlin unternehmen.
Gesagt getan, Mitte Mai finden sich fast 40 Inte-
ressierte Unter den Linden ein und folgen,  Frau
Erxlebens kundigen Erläu-
terungen  lauschend,  via
Staatsbibliothek, Universi-
tät,  Zeughaus,  Palais  am
Festungsgraben (die ehe-
malige  Zelter´sche Sing-
akademie),  über  die
Museumsinsel hinüber ins
Nikolaiviertel, um schließ-
lich erschöpft und um ei-
nige Erkenntnisse über das
friderizianische Berlin rei-
cher,  in  der  historischen
Weinstube  in  der  Post-
straße zu landen, die Goe-
the – wer weiß – damals
vielleicht auch schon auf-
gesucht hat.
Zwei  Tage  später  nutzen
drei  Dutzend  Mitglieder
die  Gelegenheit,  sich  die
Stella-Aufführung  der
Schaubühne anzusehen und anschließend ein von
Ekkehart  Krippendorff vermitteltes  Gespräch
mit der Dramaturgin zu führen.
Im Mai findet eine kombinierte Veranstaltung statt:
zunächst eine kundige Führung durch das Käthe-
Kollwitz-Museum durch die Direktorin Gudrun
Fritsch.
1999
Goethe und seine Berliner Beziehungen
Maria Erxleben (Berlin)
Bewundert viel und viel gescholten….
Goethes Verhältnis zu Berlin
Dr. Gudrun Fritsch (Berlin)
Führung durch das Käthe-Kollwitz-Museum
anschließend: Dr. Wolfgang Butzlaff (Kiel)
Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden…
Käthe Kollwitz und Goethe
Hans-Hellmut Allers (Berlin)
Erlaubt ist, was gefällt…
Goethe und das Berliner Theater
Prof. Dr. Ernst Osterkamp (Berlin)
die schönsten Spuren des
fruchtbaren Zusammenseins…
Goethe und Wilhelm von Humboldt
Dr. Helmut Börsch-Suphan (Berlin)
Menschliche Formen zu zeigen,
so schön als möglich…
Goethes Dichtungen
als Inspirationsquelle Berliner Künstler
Dr. Hartmut Schmidt (Lotte-Museum, Wetzlar)
Ein Genie ist ein schlechter Nachbar…
Goethe, Nicolai und die Berliner vor 225 Jahren
Tilmann Buddensieg (Berlin)
Die grenzenlose Marmorthätigkeit der
preußischen Hauptstadt
Schinkel, Rauch und Goethe (Dia-Vortrag)
52
Anschließend läßt uns im benach-
barten Literaturhaus Wolfgang
Butzlaff in  seinem  Vortrag
Käthe Kollwitz und Goethe an
den  Ergebnissen  seiner  For-
schungen teilhaben. Die Enkelin
der Künstlerin hatte ihm die Tage-
bücher ihrer Großmutter zur Lektüre überlassen und
so erfährt man zum allgemeinen Erstaunen, daß die
Malerin der Not, des Elends und der Unbill der Hun-
gerjahre nach dem Ersten Weltkrieg eine ausgewie-
sene und belesene Goethe-Kennerin war.
Nach der Sommerpause eröffnet die Herbstsaison
unser Mitglied Hans-Hellmut Allers mit seinem
Vortrag Erlaubt ist, was gefällt – Der Dramatiker
Goethe und seine Beziehungen zum Berliner Thea-
ter. Seine ungemein spannende, viel bislang unbe-
kannte Details aufweisende Recherche, kann hier
aus Platzgründen auch nicht ansatzweise wiederge-
geben werden, liegt jedoch als 140 Seiten umfas-
sende  Publikation  vor;  zwei  Dutzend  Exemplare
sind noch vorhanden und können über die Berliner
Geschäftsstelle zum Preis von 10 € bezogen werden.
Anläßlich  der  250.  Wiederkehr  von  Goethes
Geburtstag widmen wir uns ja in diesem Jahr vor
allem der Frage, welche Haltung der mittlerweile
überzeugte  Weimarer  Goethe  zur  preußischen
Hauptstadt einnahm. Zu welchen Künstlern, Wissen-
schaftlern und sonstigen Zeitgenossen hatte er Kon-
takt, entweder durch lebhafte Korrespondenzen oder
durch mündlichen Gedankenaustausch in Weimar
oder an einem dritten Ort?
In  seinem  Vortrag Die  schönsten
Spuren  des  fruchtbaren  Zusa-
menseins weist Ernst  Oster-
kamp darauf  hin,  daß  die
Zustände Berlins und Weimars
erstaunlicherweise kaum einen
Niederschlag  im  Briefwechsel
mit Wilhelm von Humboldt finden.
Immerhin gilt dieser als Repräsentant des gültigen
künstlerischen Geschmacks in Berlin und nimmt in
seiner Funktion als Staatsrat für Unterricht und Kul-
tus, als Vorsitzender des Vereins der Kunstfreunde
sowie als Leiter der Kommission zur Einrichtung
des ersten preußischen Kunstmuseums großen Ein-
fluß im Sinne Goethes auf die Kultur und Wissen-
schaftsmetropole.
Wie uns Helmut Börsch-Suphan anschaulich er-
läutert, steht am Anfang der Beziehung zwischen
Goethe und den Berlinern Künstlern die Illustration.
1775 stach Daniel Berger Zeichnungen Chodowie-
ckis  zu  Goethes Schriften, zu Erwin  und  Elmire,
Clavigo, doch insbesondere zu den Leiden des jun-
gen Werther. Es sind Bilder, die im Fluß der Hand-
lung einzelne geeignete Momente herausheben.
Gottfried Eberle (Berlin)
Poesie, Harmonie und Gesang…
Goethe Interesse an Zelters Singakademie
(mit Musikbeispielen)
Prof. Dr. Norbert Miller (Berlin)
Schnappe nur jedes Wort auf, alles will ich
von ihm wissen
Goethe im Hause Mendelssohn
Prof. Dr. Hartmut Böhme, Jan-Lüder Röhrs,
Prof. Ferdinand Dammerschun
Alles der Natur angehörige kam  zur Sprache
Goethe und Alexander von Humboldt
53
Auf  der  höheren  Ebene  einer  durchdringenden
Zusammenfassung des Geschehens stehen die bei-
den von Chodowiecki selbst tradierten Blätter zur
französischen  Übersetzung  des Werther,  weil  sie
Leben und Tod, Anfang und Ende des Romans in der
ganzen Spannung des Geschehens bezeichnen.
Der so beliebten Szene der ersten Begegnung Wer-
thers mit der von sechs Kindern umringten Lotte,
steht  das  von  einer  unerbittlichen  Geometrie  ge-
prägte Sterbezimmer mit der Silhouette Lottes ge-
genüber.  Es  gibt  bei  Chodowiecki  weniges  von
dieser Größe bei kleinem Format.
Eines der am beliebtesten Motive neben den Illu-
strationen zu Goethes Faust war der Erlkönig. Von
diesem Gedicht existieren bis in die Gegenwart un-
zählige Darstellungen; als bekannteste Darstellung
kann wohl das zu Goethes Lebzeiten entstandene
Gemälde von Moritz von Schwind gelten, von dem
unzählige  Kopien  hergestellt  wurden.  Auch  der
Faust I bot eine Fülle von dankbar aufgegriffenen
Motiven,  namentlich solche mit historisierendem
genrehaftem Charakter. Weitgehend unbekannt ist
die von Karl-Friedrich Schinkel 1834 geschaffene
Gouache mit dem Titel Die Nacht zieht über den
Golf von Neapel, zu der er sich von Goethes Faust
II inspirieren ließ.
In einem ebenso launigen wie faktenreichen Vor-
trag erläutert uns Hartmut Schmidt, der Leiter des
Lotte-Museums in Wetzlar das gespannte Verhält-
nis zwischen Goethe und dem Berliner Verleger
Friedrich Nicolai, dem damaligen tonangebenden
Verfechter der Berliner Aufklärung. Dieser macht
sich bekanntlich lustig über den Werther-Kult und
verfaßt 1775 eine Parodie auf Goethes Die Leiden
des jungen Werther: Die Freuden des jungen Wer-
ther, in der dieser am Leben bleibt (die Pistole war
von Albert nur mit Hühnerblut geladen worden)
und schließlich Lotte heiratet. Ende gut, alles gut –
wie langweilig.   
Die Reaktionen auf Nico-
lais  Parodie  sind  höchst
unterschiedlich. Viele, be-
sonders aus den Reihen der
Aufklärer, loben diese Ver-
sion, während die Stürmer
und Dränger überwiegend
die beißend satirische Dar-
stellung der Protagonisten,
die eine deutliche Anspie-
lung auf das Genre sind, kritisieren.
Die wohl heftigste Reaktion kommt jedoch vom
Verfasser des  Originals. Als einer  der bissigsten
Kommentare  Goethes  zu Werthers  Freuden gilt
sein Gedicht Nicolai auf Werthers Grab, erschienen
etwa 1775:
Ein junger Mensch ich weiß nicht wie,
Starb einst an der Hypochondrie
Und ward dann auch begraben.
Da kam ein schöner Geist herbei
Der hatte seinen Stuhlgang frei,
Wie ihn so Leute haben.
Der setzt sich nieder auf das Grab,
Und legt ein reinlich Häuflein ab,
Schaut mit Behagen seinen Dreck,
Geht wohl erathmend wieder weg,
Und spricht zu sich bedächtiglich:
„Der arme Mensch, er dauert mich
Wie hat er sich verdorben!
Hätt’ er geschissen so wie ich,
Er wäre nicht gestorben!“
Aufs äußerste verärgert über diese Verunglimpfung
seines Romans, beginnt Goethe einen aufs heftigste
geführten literarischen Feldzug gegen Nicolai, der
Zeit seines Lebens anhalten wird. Neben einzelnen
Streitgedichten verfaßt er weitere schriftliche zum
Teil sehr offensichtliche Angriffe, etwa in den Xe-
nien und 'widmet' Nicolai sogar einen kleinen Auf-
tritt in seinem Faust II als Proktophantasmist, eine
Anspielung darauf, dass Nicolai an Phantasmen litt.
Am 16. Juli schreibt Goethe an Sulpiz Boisserée:
Insofern es mir ziemt, ein Wort mitzusprechen, (...)
thu ich folgenden, doch ganz unmaßgeblichen Vor-
schlag: Rauch in Berlin genießt eines verdienten
Ruhms (…) er könnte mich in den nächsten Mona-
ten besuchen, sein Modell mit fortnehmen und, bey
der gränzenlosen Marmorthätigkeit, die jetzt in
Berlin herrscht, würde die Büste bald fertig seyn;
setzt man sich von Frankfurt aus in Bezug mit ihm,
so erbiete ich mich, ihn auf's freundlichste im Laufe
dieser Monate zu empfangen.
Tilmann Buddensieg entführt uns ins Jahr 1820 in
die Woche vom 18.-20. August, in der die beiden
Berliner  Bildhauer  Christian  Daniel  Rauch  und
Christian  Friedrich  Tieck  gleichzeitig  (a  tempo)
54
ihre Bildnisse des einundsiebzigjährigen Goethe in
dessen Jenaer Gartenwohnung modellieren. Wäh-
rend der dreitägigen Modellierarbeit unterrichten
die beiden Bildhauer Goethe über den Fortgang der
Bauarbeiten  am  Neuen  Berliner  Schauspielhaus
nach Plänen Schinkels, dessen Vorgängerbau im
Jahre 1817 abgebrannt war.
Im Unterschied zur Büste Tiecks, die zunächst in
Vergessenheit gerät, erfreut sich die Büste Rauchs
bald  lebhaften  Interesses  und  großer Wertschät-
zung. Auch Goethe selbst ist von der Arbeit Rauchs
sehr angetan. Mit Rauchs Büste bin ich sehr zufrie-
den (...) Die  Behandlung  der  Büste  ist  wirklich
grandios und wird sich daher in jeder Größe statt-
lich ausnehmen.
Heute noch gilt die Büste Rauchs aufgrund ihrer
Lebensnähe  als Inbegriff  des
späten Goethe.
(Siehe hierzu aus  Maria Erxlebens Vor-
trag: Goethe und seine Berliner Beziehun-
gen auf den folgenden Seiten)
Einen weiteren  Höhepunkt bil-
det  die  Veranstaltung  im  Haus  von Gottfried
Eberle im Westend:  Poesie, Harmonie und Gesang
– Goethes Interesse an Zelters Singakademie mit
Gesangseinlagen  der  Sopranistin Regine  Geb-
hardt.
Sowie Zelter sich auf Flügeln des Gesangs mit einem
Sprung über Ziegelsteine und Mauern hinweg vom
Feld seines Handwerks in das Feld der Kunst begibt,
so soll auch dieses geflügelte Pferd über die Felder
springen und dabei genau in der Schwebe, im Sprung
über die Grenze, gleichsam zwi-
schen beiden Feldern festge-
halten sein. Derart gehört es
dem Bereich  der  Kunst  und
dem Bereich des Handwerks
gleichermaßen  an.  Der  im
Wappen abgebildete Zelter als
Pferd ist  zugleich ein Pega-
sus, auf dem der Dichter aus
Weimar im Geiste sich reiten sieht. Versteckt erinnert
Goethe so daran, daß nicht wenige seiner Gedichte
für den Freund und die geselligen Berliner Anlässe in
der Singakademie entstanden.
Auszug aus: Der Singemeister Carl Friedrich Zelter,
hg. von Christian Filips
Mehrheitlich hieß es, man habe sich gefühlt wie in
einem Berliner Salon und ob sich etwas in dieser
Form nicht öfter machen ließe. Ich gebe diese An-
regung hier weiter an Mitglieder, die über die ge-
eigneten  Räumlichkeiten  verfügen  und  bereit
wären, die Goethe-Gesellschaft einmal für eine Ver-
anstaltung  zu  beherbergen;  öffentliche  Säle  mit
einem Flügel sind in Berlin unbezahlbar.
Ein  Selbstläufer  ist  schließlich
der Vortrag von Norbert Mil-
ler über Goethe  und  Felix
Mendelssohn  Bartholdy.
Daß  dieses  Wunderkind,
»der neue Mozart«, zu den
Schülern seines Duzfreun-
des  Zelter  zählte,  ist  ein
Glücksumstand , der Goe-
the wohl bewußt war.  Vier-
zehnmal  kommt  Zelter nach
Weimar. Vergeblich versucht er,
Goethe wenigstens einmal zu einem Besuch von
Berlin  zu  bewegen,  das  doch  im  Hinblick  auf
Musik  und  Musiktheater  so viel mehr zu  bieten
hatte.
Die Gewinner dieser von Miller genau analysierten
Abstinenz sind wir Nachgeborenen. Denn die in der
Provinz-Residenz doch stets mit Spannung erwar-
teten Neuigkeiten aus der Hauptstadt haben zum fa-
cettenreichen  Kolorit  einer  der  wichtigsten
Goethe-Korrespondenzen beigetragen.
Zum Jahresende wagten wir uns dann zum ersten
Mal an eine Podiumsdiskussion: Unser neugeba-
ckenes Vorstandsmitglied Jan-Lüder Röhrs fragte
die beiden Berliner Naturwissenschaftler Hartmut
Böhme und Ferdinand  Dammerschun über
Goethes besonderes Verhältnis zu Alexander von
Humboldt aus.
Zelters Wappen,
Entwurf Goethes, 1831
55
Maria Erxleben
Goethes Beziehungen zu Berlin
Bewundert viel und viel gescholten – Es sei mir ge-
stattet, diesen Vers, der den Helena-Akt des Faust
II eröffnet, zu zitieren und zur Charakterisierung
von Goethes Urteil über Berlin zu benutzen, drückt
er doch in einmaliger Weise die Widersprüchlich-
keit aus, in der sich Zustimmung und Ablehnung
gleicherweise finden. Goethes Verhältnis zu Berlin
sei, eine geistige Mitbürgerschaft (...), welche über
Zeit und Ort hinaus ein gegenseitiges Glück beför-
dert.
(Brief an Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen
vom 15. März 1826.)
Es gibt bedeutende Veranlassung, sich wieder ein-
mal mit Goethes Verhältnis zu unserer Stadt zu be-
fassen und zu versuchen, einen – wenn auch nur
partiellen und notwendigerweise eingeschränkten
– Überblick über die vielfältigen menschlichen und
kulturellen Wechselbeziehungen zu bieten, die sich
zwischen ihm und der sich seit Friedrich des Gro-
ßen Regierung in ungeheuren Tempo entwickeln-
den  Metropole  im  nordöstlichen  Deutschland
ergeben haben.
Äußerungen  Goethes  über  Berlin,  die  große
Königsstadt,  die lebendige,  getümmelreiche,  le-
benslustige, verführerische, ungeheuer weite und
bewegte, die immer wieder mit den berühmt-be-
rüchtigten biblischen Großstädten Babylon, Ninive,
Sodom und Gomorrha gleichgesetzt wurde, solche
Äußerungen, bewundernd, absprechend oder iro-
nisch gebrochen, finden sich in großer Zahl in Goe-
thes  Briefen  und  Gesprächen,  später  auch  in
Aufsätzen und Rezensionen.
Wer  kennt  nicht  die  pointierten  Aussagen,  die
immer wieder belegen sollen, daß Goethe mit un-
serer Stadt nichts im Sinn gehabt habe? Ich meine
die Zeilen des ganz jungen Leipziger Studenten im
Brief  vom  1766  an  die Schwester  Cornelia: Ich
glaube, es ist jetzt in Europa kein so gottloser Ort
als die Residenz des Königs in Preußen oder den
von Eckermann Jahrzehnte später überlieferten Satz
aus einem  Gespräch  vom 4. Dezember 1823: In
Berlin ist ein so verwegener Menschenschlag bei-
sammen, daß man mit Delikatesse nicht weit reicht,
sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und
mitunter etwas grob sein muss, um sich über Was-
ser zu halten.
Viel bedeutsamer für unser Thema als solche Einzel-
aussagen Goethes über Berlin und die Berliner sind
die aus seinem Schaffen erwachsenen und auf sein
Schaffen zurückwirkenden, durch ein Empfangen
und  Geben  fruchtbaren  Wechselbeziehungen  mit
hervorragenden Bürgern und angesehenen Institutio-
nen der Stadt, die sich auf der Basis gleichartiger
sachlicher Interessen und enger persönlicher Kon-
takte – meist beidem – entwickelten und die jeweils
zugleich ein Stück Kulturgeschichte reflektieren.
Seit etwa 1790, nachdem die Aus-
einandersetzung mit der Berli-
ner Aufklärung und besonders
mit Friedrich Nicolai und des-
sen Werther-Persiflage  sowie
die eigenen Reiseeindrücke von
1778 erst einmal Vergangenheit für
Goethe geworden waren, läßt sich ein immer reger
werdendes Interesse seinerseits an den historischen
und  kulturellen  Fortschritten,  an  den  künstleri-
schen, wissenschaftlichen und technischen Vorha-
ben  im  aufstrebenden  Berlin  beobachten.  Diese
Teilnahme, die nach der Italienreise Goethes ein-
setzt, wird ganz sicher durch die monatelange Ge-
meinschaft  mit  Karl  Philipp  Moritz  in  Rom
geweckt.
Dieser  junge,  doch  schon
anerkannte  Reiseschrift-
steller,  Verfasser  des
Romans Anton  Reiser,
Philologe  und  Archäo-
loge  wird  Goethes
Freund  und  Vertrauter,
und er profitiert dabei selbst
von dessen umfangreichen Altertums- und Sprach-
kenntnissen.
Man darf wohl annehmen, daß in den langen Ge-
sprächen,  die  Goethe  in  seiner  Eigenschaft  als
Krankenpfleger, Beichtvater, Vertrauter und gehei-
mer Sekretär – so von Goethe in der Italienischen
Reise im Januar 1787 beschrieben – mit dem Kran-
ken (er hatte sich beim Sturz vom Pferd den Arm
gebrochen) führte, daß in diesen Gesprächen auch
die Rede von Berlin gewesen sein wird.
56
Dort in Rom, der südlichen Haupt- und Weltstadt,
dürfte Goethe von Moritz eine freundliche Korrek-
tur seines Eindrucks von Berlin, den er während
seines fünftägigen Besuchs im Mai 1778 gewonnen
hatte, erfahren haben. Dazu dürfte sicher auch die
poetische  Beschreibung  der  großen  Stadt  in
Moritzens Gedicht Sonnenaufgang über Berlin auf
dem Tempelhofer Berge vom 10. August 1780 bei-
getragen haben:
Des blau gewölbten Tages Glanz wird stärker,
und majestätisch steigt Berlin empor.
Die Sonne, die den Gold umsäumten Fächer
Des Morgenrot entfaltet hat,
Vergüldet nun mit ihrem Strahl die Dächer
Und grüßt mit Lächeln unsere Königsstadt…
Mit seiner Häuser und Paläste Menge
Hat es die ganze Flur bedeckt.
Dort dient es sich in ungeheurer Länge
Und hat die beiden Arme ausgestreckt,
Von da, wo seiner Dächer helles Schimmern
Sich in des Waldes Grün verliert,
Bis an die Wiesen, deren sanftes Flimmern
Im Sonnenglanz die Morgenseite ziert…
Nun strömt das Lichtt herab wie Flammenbäche
Und alle Gipfel sind besonnt.
Unüberschaubar ist die weite Fläche
Der Stadt und reicht bis an den Horizont.
Moritz selbst verehrt Goethe unendlich. Als Theo-
retiker  des  sogenannten  Kunstschönen  und  zum
Professor der Ästhetik und Altertumskunde an der
Akademie der Wissenschaften zu Berlin ernannt,
verbreitet  Moritz  in  seinen  Vorlesungen  in  den
Räumen  der Akademie  –  die  Universität  war  ja
noch nicht gegründet –, die von allen bedeutenden
und einflußreichen Leuten, auch von Ministern und
Angehörigen des Hofes sowie einem Kreis gebil-
deter  Damen  besucht werden, Goethes  Ruhm in
Berlin.
Er exemplifiziert an Goethe und an seinem dichte-
rischen Gestaltungsvermögen, seiner ihm von der
Natur verliehenen Bildungskraft, die sich in allen
seinen Werken manifestiere, seine eigene Kunst-
theorie. Damit löst Moritz eine Art Initialzündung,
ein prägendes Bildungserlebnis in den
Köpfen  und  auch  Herzen  seiner
Hörer und vor allen Dingen Höre-
rinnen aus, die, wie er selber, au-
ßerdem  fast  alle  im  seit  1780
bestehenden kultivierten Salon der
Henriette Herz verkehren.
In diesem unterhält man
sich, wie später auch in den
anderen berühmten Berliner
Salons – etwa dem der Rahel
Levin, über die neuesten Er-
scheinungen auf dem Gebiet
der Literatur.
Im Salon Herz, in dem Geist und Gefühl, nicht Her-
kunft und Stand den Ausschlag geben, beginnt man
nun sehr einfühlsam, Goethes Dichtungen in neuem
Lichte zu sehen, sucht und findet Besonderes an
ihnen und findet damit auch gleichzeitig zu einem
neueren  besseren  Verständnis  des  Dichters,  was
gewiß  auch  manchmal  zu  einer  schwärmerisch
übertriebenen Verehrung seiner Person führt.
Auch nach Moritz’ frühem Tod 1793 werden die
freundschaftlichen Gefühle und Verbindungen, die
sich  zwischen  den tonangebenden Männern und
Frauen der Berliner Gesellschaft zu Goethe herge-
stellt  haben,  von  diesen  weitergetragen  und  bei
Begegnungen und in Korrespondenzen vertieft.
Zum Kreise der Verehrer zählen auch die jungen
Dichter  der  Romantik,  die  in  diesen  Jahren  in
Berlin wirken, etwa Ludwig Tieck, die Gebrüder
Schlegel,  de  la  Motte  Fouqué  und  Zacharias
Werner, die sich Goethe und seiner Dichtung ver-
bunden fühlen.
Besonders ist auch der in Berlin geborene Achim
von Arnim zu nennen, der hier in Berlin zusammen
mit Clemens Brentano 1804 die Liedersammlung
Des Knaben Wunderhorn plant, die dann 1805 in
Heidelberg ausgeführt und Goethe gewidmet wird.
Programmatisch für das geistig kulturelle Berlin
stehen ferner Namen wie Wilhelm von Humboldt,
Carl-Friedrich  Zelter,  August  Wilhelm  Iffland,
Georg  Wilhelm  Friedrich  Hegel,  Karl  Friedrich
Schinkel, Christian Daniel Rauch, Christoph Wil-
helm Hufeland und Wilhelm Beuth zu nennen, auf
die hier nicht im Einzelnen eingegangen werden
kann.
Stellvertretend mögen sie für alle stehen, durch die
Goethe mit der Literatur und Musik, mit der dar-
stellenden, bildenden und der Baukunst sowie den
Geistes- und Naturwissenschaften  einschließlich
der Ökonomie, Technik und Politik sowie mit allen
entsprechenden Institutionen in Berlin verbunden
ist.
Diese Verbindungen erweitern Goethes Gesichts-
feld, bilden mit das universale Hintergrundwissen,
57
aus dem Ideen und Fakten, oft schöpferisch adap-
tiert und reproduziert, Eingang in sein dichterisches
Werk sowie in seine kunsttheoretischen und natur-
wissenschaftlichen Arbeiten finden. Aber auch die
Berliner Bekannten und Freunde fühlen sich ihrer-
seits in ihren Bestrebungen durch Goethe angeregt
und bestätigt.
In Berlin findet Goethe die Anerkennung und Ver-
ehrung weitreichender Kreise durch alle sozialen
Schichten hindurch, nicht zuletzt durch Zelters po-
puläre  Gedichtvertonungen.  Von  hier  wird  der
klassische Goethe und sein Werk weitestgehend be-
kannt gemacht, wird er doch auf den Gebieten von
Kunst und Wissenschaft Autorität und Vorbild.
Im Folgenden sei nun auf einige Einzelheiten von
Goethes Begegnung mit und sein Verhältnis zu Ber-
lin eingegangen. Zunächst einmal ist festzuhalten:
Berlin hat in Goethes Leben einen anderen Stellen-
und Erlebniswert als andere Orte, in denen er ge-
wesen ist oder wohin er briefliche Kontakte unter-
hielt.  Nach  Berlin  verzehrt  ihn  nicht  eine
schmerzhafte  Sehnsucht  wie  nach  Rom,  hierher
  locken ihn nicht die freundlichen Jugenderinnerun-
gen und die Milde des Spätsommerlichts wie nach
den Städten der Rhein-Main-Gegenden. Es zieht
ihn  auch  nicht  eine  heiter  gesellige Atmosphäre
hierher wie in die böhmischen Bäder; nein, die Be-
ziehungen zu Berlin sind von Anfang an nüchterner,
sachlicher,  nicht  durch  eine  arkadische  Traum-
vorstellung verklärt.
Doch  ist  sein  Verhältnis  zu  der  Stadt  zugleich
gemischt aus Neugierde, Furcht und Bewunderung,
weniger voll innerer Wärme. Die Stadt gibt seinem
Geist  Nahrung,  weniger  seinem  Gemüt,  flößt
Respekt ein, aber keine liebenden Gefühle. Dazu
ist sie ihm zu groß, grenzenlos im Umfang wie im
Wollen und Hervorbringen.
Die  große Vielfalt  und  Rastlosigkeit  in  der  sich
verändernden ökonomischen und sozialen Struktur,
die Beschleunigung aller lebendigen und techni-
schen Prozesse als Ausdruck der rasanten Entwick-
lung der Produktivkräfte, reißt alle und alles mit
sich und macht das Lebensgefühl und die Lebens-
weise der Berliner so dynamisch im Positiven wie
auch  Negativen.
In welchem Licht erscheint nun Berlin dem jungen
Goethe? Als er das erste und auch einzige Mal in
die Stadt kommt, ist er 28 Jahre alt, der Sieben-
jährige Krieg erst 15 Jahre vorüber und die preußi-
schen Truppen bereits in ein neues Kriegsabenteuer
verwickelt, den bayerischen Erbfolgekrieg.
Vom 15.-20. Mai 1778 begleitet er den inkognito
als  Graf  von  Ahlefeldt  reisenden  Herzog  Carl
August und den Fürsten Leopold Franz III. von An-
halt-Dessau, die hier in Berlin die politische Lage
sondieren wollen. Friedrich der Große ist zu diesem
Zeitpunkt gar nicht anwesend, sondern bei seinen
Truppen.
Vielleicht  hat  man  gerade  deshalb  diese  Tage
gewählt, denn man macht sehr bald Besuch beim
Prinzen Heinrich, von dem man  weiß, daß  er in
Opposition zu seinem königlichen Bruder steht und
mit verschiedenen Generälen eine Fronde bildet,
die gegen eine Teilnahme an diesem Krieg sind. Die
sächsischen Fürsten wären bei einer erneuten krie-
gerischen Auseinandersetzung zwischen Preußen
und Österreich von einem Durchmarsch der preu-
ßischen  Armee  durch  ihr  Land  die  wieder  am
stärksten Betroffenen.
Also schon der Anlaß für diese Berlinreise ist für
Goethe  ein  höchst
unerfreulicher;  drin-
gende   Zurückhaltung
und Diskretion im Um-
gang mit Zivilpersonen
und  Militärs  zur  Wah-
rung von Carl Augusts
Inkognito sind ihm an-
geraten.  Außerdem  ist
ihm  auch  das  literari-
sche  Berlin  mit  seiner
propagierten Aufklärung, aus der heraus auch Nico-
lais Werther-Persiflage entstanden ist, nicht gerade
sympathisch.  Es  ist  noch  nicht  lange  her, da  hat
Goethe  in  diesem  Zusammenhang  die  Verse  ge-
schrieben: Was schert mich der Berliner Bann, Ge-
schmäckler-Pfaffenwesen,  und  wer  mich  nicht
verstehen kann, der lerne besser lesen!
58
Zeit  seines  Lebens  fühlt  er  sich  in  gewissen
Berliner Literaturkreisen als Geächteter, erst bei
den Aufklärern, sehr viel später dann, fast am Ende
seines Lebens, bei den streng orthodoxen Kreisen
und viele seiner wenig freundlichen Urteile über die
Berliner beziehen sich nur auf diese Personengrup-
pen.
Doch wieder zurück zum Mai des Jahres 1778. Aus
Potsdam kommend fährt Goethe am 16.Mai nach-
mittags um 4 Uhr nach Berlin hinein. Vermutlich
wohnt er Unter den Linden 23 im Hotel de Russie,
das später den Namen Zur goldenen Sonne erhält.
Goethes Berliner Tagebuch bietet nur äußerst lako-
nische  Eintragungen  und  stichwortartig  einige
Namen  und  Bezeichnungen,  aus  denen  seine
Besichtigungen  und  Besucher
werden  müssen.  Man  ersieht
aus den kurzen Notizen, daß er
im  Stadtzentrum  war, in  der
Nikolaikirche,  wo  er  einer
Predigt  des  Aufklärers  und
Berliner   Propstes  Johann  Joa-
chim  Spalding  beiwohnt.   Ferner
besucht  er  die  Spandauer  Straße,  besichtigt  das
Schloß, den alten Dom und das Zeughaus, spaziert
durch  die  Friedrichstraße  und  stattet  auch  der
Königlichen Porzellan-Manufaktur am Ende  der
Leipziger Straße einen Besuch ab.
Die damals doch recht neuen Prachtgebäude Unter
den Linden wie die Oper, die zwischen 1775 und
1780 entstehende Bibliothek, d.h. die Kommode,
das  1766  erbaute  Palais  Prinz  Heinrich,  heute
Humboldt-Universität, sowie die von Friedrich dem
Großen  selbst  als  Entwurf  skizzierte  Hedwigs-
Kathedrale hat er zwar gesehen, äußert aber keine
Eindrücke, sondern notiert nur die Namen.
Zweimal ist Goethe bei
dem von ihm verehrten
Kupferstecher  Daniel
Chodowiecki zu Besuch,
dessen  kleinformatige
Buchillustrationen  er
Zeit  seines  Lebens  be-
wundert.  Das  Titelbild
zu Nicolais Anti-Werther
Die Freuden des jungen
Werthers,  die  Umar-
mung Lottes durch Wer-
ther  darstellend,  hat  er
sich  sogar  ausgeschnit-
ten und, wie er später in Dichtung und Wahrheit be-
schreibt, »unter seine liebsten Kupfer gelegt.«
Erwähnt wird ein Spaziergang im Tiergarten. Fer-
ner besucht er den Archivar der Akademie der Wis-
senschaften, Wegelin, und die deutsche Sappho, die
Dichterin Anna Louise Karsch.
Die  Karschin  und  ihre  Tochter
geben ausführliche Berichte über
Goethes Besuch in ihrem Hause,
die aber sicherlich recht dichte-
risch ausgeschmückt sind. Offen-
bar erfreulich für Goethe sind das
Wiedersehen mit dem aus den Lili-
Tagen in Offenbach bekannten Musiker
und Komponisten Johann André, der 1775 Erwin
und Elmire vertont hat und nunmehr Musikdirektor
der Döbbelinschen Schauspielertruppe in Berlin ist.
Gleich am Abend des Ankunftstages sieht Goethe
die Aufführung Die Nebenbuhler.
Genauso karg wie zu Berlin sind die Tagebuchan-
gaben über die Tage in Potsdam auf der Hin- und
Rückfahrt, die auch nur aus einigen, oft noch in Ab-
kürzung geschriebenen, Wortbrocken bestehen.
Geradezu erschütternd ist jedoch das wiedergege-
ben, was Goethe in Berlin eigentlich bewegt und
dann  auch  wohl  für  mehr  als  50  Jahre  wie  ein
Trauma seine Einstellung zur preußischen Königs-
stadt immer wieder unterschwellig beeinflußt haben
mag, wie in seinen Reisebriefen an Charlotte von
Stein und in einem Bericht an den Freund Johann
Heinrich Merck, den hochgebildeten einstigen He-
rausgeber der Frankfurter Gelehrten Anzeigen und
derzeitigen Kriegsrat in Darmstadt.
Auch in Berlin hat Goethe, der Augenmensch, auf-
merksam  umhergeschaut, aber er hat geschwiegen
– geschwiegen im Tagebuch, an der Tafel, in adliger
Gesellschaft und in bürgerlichen Häusern. Man hat
ihm das – fremde Tagebücher und Briefe bezeugen
es mehrfach – als Stolz und Hochmut, aber auch als
59
Unwissenheit  und Ungeschicklichkeit ausgelegt.
Aber in den vertrauten Briefen sprach er!
Im Bericht an Charlotte von Stein heißt es:
Berlin. Sonntag d. 17. Abends. Durch die Stadt und
mancherley Menschen Gewerb und Wesen hab ich
mich durchgetrieben. Von den Gegenständen selbst
mündlig mehr. Gleichmut und Reinheit erhalten mir
die Götter aufs schönste, aber dagegen welckt die
Blüte des Vertrauens der Offenheit, der hingeben-
den Liebe täglich mehr. Sonst war meine Seele wie
eine Stadt mit geringen Mauern, die hinter sich eine
Citadelle auf dem Berge hat. Das Schloss bewacht
ich, und die Stadt lies ich in Frieden  und Krieg
wehrlos, nun fang ich auch an die zu befestigen,
wärs nur indess gegen die leichten Truppen.
Es ist ein schön Gefühl an der Quelle des Kriegs
zu sizzen in dem Augenblick da sie überzusprudeln
droht. Und die Pracht der Königstadt, und Leben
und Ordnung und Überfluss, das nicht wäre ohne
die tausend und tausend Menschen bereit für sie ge-
opfert zu werden. Menschen Pferde, Wagen, Ge-
schütz,  Zurüstungen,  es wimmelt von allem. (...)
Wenn ich  nur gut erzählen  kan  von  dem grosen
Uhrwerck, das sich vor einem treibt, von der Bewe-
gung der Puppen kan man auf die alte Walze FR,
gezeichnet mit tausend Stiften, schliessen, die diese
Melodien eine nach der andern hervorbringt.
Berlin d. 19. Wenn ich nur könnte bey meiner Rück-
kunft Ihnen alles erzählen wenn ich nur dürfte. Aber
ach, die eisernen Reifen mit denen mein Herz ein-
gefasst wird ,treiben sich täglich fester an, daß end-
lich gar nichts mehr durchrinnen wird. (…) So viel
kann ich sagen, ie grösser die Welt, desto garstiger
wird die Farce und ich schwöre, keine Zote und
Eseley der Hanswurstiaden ist so eckelhafft als das
Wesen der Grossen Mittlern und Kleinen durchei-
nander. Ich habe die Götter gebeten dass sie mir
meinen Muth und grad seyn erhalten wollen biss
ans Ende, und lieber mögen das Ende vorrücken
als mich den lezten Theil des Ziels lausig hinkrie-
chen lassen. Aber den Werth, den  wieder dieses
Abenteuer für mich für uns alle hat, nenn ich nicht
mit Nahmen.
Im Brief an Merck lesen wir am 5.August:
… in Berlin war ich im Frühjahr; ein ganz ander
Schauspiel! Wir  waren  wenige  Tage  da, und ich
guckte nur drein wie das Kind in Schön-Raritäten-
Kasten. Aber Du weißt, wie ich im Anschaun lebe;
es  sind  mir  tausend  Lichter  aufgegangen.  Und
dem alten Fritz bin ich recht nah worden, da ich
hab sein Wesen gesehn, sein Gold, Silber, Marmor,
Affen, Papageien und zerrissene Vorhänge, und hab
über den großen Menschen seine eignen Lumpen-
hunde räsonniren hören. Einen großen Theil von
Prinz Heinrichs Armee, den wir passirt sind, Ma-
noeuvres und die Gestalten der Generale, die ich
hab halb dutzendweis bei Tisch gegenüber gehabt,
machen mich auch bei dem jetzigen Kriege gegen-
wärtiger. Mit Menschen hab ich sonst gar Nichts zu
verkehren gehabt und hab in preußischen Staaten
kein laut Wort hervorgebracht, das sie nicht könn-
ten drucken lassen. Dafür ich gelegentlich als stolz
ausgeschrieen bin.
Soweit Goethes Eindrücke und Erlebnisse bei dem
einzigen Berlin-Besuch seines Lebens. In den Jah-
ren danach tritt Berlin für ihn erst einmal zurück bis
zum Ende seiner Italienreise, erst die 90-er Jahre
des  18.  Jahrhunderts  beginnen  den  Wandel  in
seinen Beziehungen zu Berlin herbeizuführen.
Zwar hat es 1795 noch eine Kontroverse gegeben,
als der zur Aufklärer-Fraktion um Friedrich Nicolai
zählende Daniel Jenisch im Berlinischen Archiv der
Zeit und des Geschmacks den Vorwurf erhebt, daß
es in Deutschland an klassischen Nationalautoren
mangele. Goethe hat das in seinem berühmten Auf-
satz Literarischer Sansculottismus zurückgewiesen
und  dabei  auch  den  heute  selbstverständlichen
Gedanken der Verbindung der vergangenen Kultur-
leistung  mit  den  Bestrebungen  der  Gegenwart
innerhalb  der  eigenen  historischen  Epoche  aus-
gesprochen.
Und auch, als 1796 die Xenien in Berlin wie auch
anderswo große Aufregung bei den Betroffenen,
aber auch geheime Zustimmung bei den Goethe-
Verehrern finden, wird das sich aufbauende Verhält-
nis nicht mehr ernstlich gestört.
Goethe hat sich zur Abrundung seines Weltbildes
und der Verfestigung seiner theoretischen Überle-
gungen  und  wissenschaftlichen  Erkenntnisse  in
Berlin  Gleichgesinnte  gesucht,  gleich  strebende
60
und vorzügliche, Belehrung gebende Sachkenner,
und sie auf fast allen Gebieten gefunden. Er lernt
Berlin  als  die  Stadt  anerkennen,  wo,  wie  er  an
Beuth  im  Februar  1832  schreibt:  Wissenschaft,
Künste, Geschmack und Technik vollkommen ein-
heimisch in lebendiger Tätigkeit sind.
Auf Vorschlag des Archäologen
Aloys Hirt wird Goethe 1806
zum Ehrenmitglied der Aka-
demie der Wissenschaften er-
nannt  in  der  richtigen
Einschätzung,  daß  er  durch
seine  den  Klassizismus  in
Deutschland fördernden Bestrebun-
gen, mit seinen aus tiefer Antike-Kenntnis erwach-
senden theoretischen Aufsätzen und literarischen
Kunstwerken auch wissenschaftliche Anerkennung
verdiene.
Nun  einige  weitere  Bereiche,  in  denen  Goethes
Einbindung in das kulturelle Leben Berlins sichtbar
wird:  Eine hervorragende  Rolle spielt  dabei das
Theater. Der im Entstehen begriffenen deutschen
Bühne kommt eine der bedeutendsten Vermittler-
rolle zwischen dem Autor, dem Sprachkunstwerk
und dem Publikum zu. Weiter gefördert wird beim
Publikum das Verständnis des Bühnenwerks wie
auch die Bekanntschaft mit der Person des Autors
durch Kritiken und Besprechungen in den großen
Berliner  Tageszeitungen,  besonders  der Spener-
schen und der Vossischen.
Es sei jedoch gleich gesagt, daß Goethes Stücke
keinen besonders großen Raum im Spielplan des
Berliner Theaters einnehmen. Die Autorenhonorare
für die Zeit von 1790 bis 1810 belegen das für Ber-
lin. Sie betragen für Goethe 200, Schiller 1100, für
Iffland 2700 und für Kotzebue 4000 Taler! Das liegt
daran, daß man von Seiten des großen Publikums
den klassischen Aufführungen vielfach Langeweile
vorwirft.
Die Natürliche Tochter erregt 1803 sogar einen
Theaterskandal,  ausgelöst  von  dem  Bildhauer
Gottfried Schadow, wie man in Berlin munkelt. Die
Aufführung wurde ausgepocht, also das, was heute
durch Pfeifen und Ausbuhen geschieht.
Anders klingen natürlich die Berichte der Goethe-
Verehrer aus dem an Bildung und Einfluß tonange-
benden  Teil  des  Publikums,  die  auch  auf  die
Geschmacks- und Urteilsbildung ihrer Mitbürger
Einfluß nehmen wollen.
Rahel  Levin  berichtet  z.B.  ihrem  zukünftigen
Gatten Varnhagen von der Tasso-Aufführung 1811:
Meine Wonne! Es mußten 800 Menschen Götter-
worte hören und die Seele einnehmen... Goethe,
Gott, wie vergöttere ich den immer von neuem.
Tatsächlich entfaltet Goethes dramatisches Werk
von Berlin aus seine große künstlerische Wirkung.
Es beginnt damit schon am 12. April 1774 mit der
Uraufführung des Götz von Berlichingen durch die
Koch’sche Gesellschaft. Diese Truppe nimmt nach
dem Götz 1774 auch noch den Clavigo in ihr Re-
pertoire auf; doch das Thema Goethe und das Ber-
liner  Theater  ist  abendfüllend  und  reicht  für
mehrere Bücher.
Wie mit dem Theaterleben ist Goethe über Carl-
Friedrich Zelter natürlich mit der Musikkultur Ber-
lins  verbunden.  Es  ist  dies  ebenfalls  eines  der
großen Themen, die in Einzelbehandlungen immer
wieder dargestellt zu werden verdienen.
1796  hatte  Zelter Goethe einige
seiner Lied-Kompositionen zu-
kommen lassen, die in Goethe
den Wunsch nach näherer Be-
kanntschaft  erwecken.  Er
schreibt  an  die  Übermittlerin
der Lieder, die Frau des Berliner
Verlegers  Johann Friedrich Unger:
Musik kann ich nicht beurteilen, denn es fehlt mir
an  Kenntnis  der  Mittel,  deren  sie  sich  zu  ihrem
Zweck bedient, ich kann nur von der Wirkung spre-
chen die sie auf mich macht... Und so kann ich von
Herrn Zelters Kompositionen meiner Lieder sagen,
daß  ich  der  Musik  so  herzliche  Töne  zugetraut
hätte.
Es ist das Einfache, das Gemütvolle, das ihn an Zel-
ters Musik anzieht. Mit Zelter ergibt sich dann eine
jahrzehntelange  Korrespondenz,  die  in  dem
menschlich so anrührenden und kulturhistorisch so
61
interessanten Briefwechsel nachzulesen ist. Zelter
wird für Goethe der Berichterstatter über Berliner
Verhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft und
bei Hof, über die Entwicklung der Stadt und ihrer
Bewohner, über das kulturelle Leben in allen seinen
Manifestationen. Er ist der Vermittler persönlicher
Kontakte zwischen Goethe und manchen Berliner
Persönlichkeiten der Wissenschaft und Kunst, und
er wird selbst im Laufe der Zeit so etwas wie der
offizielle  Repräsentant  des  großen  Dichters  in
Berlin.
Als Direktor der Singakademie und Begründer der
geselligen Berliner Liedertafel (1808), so genannt,
weil man alle vier Wochen an jedem einem Voll-
mond nächsten Dienstag (die Straßenbeleuchtung
in Berlin war nämlich katastrophal) bei einer Mahl-
zeit von zwei Gängen an einer langen Tafel zusam-
menkam, bei der man nach dem Vorbild russischer
Truppen auch in Berlin den Männergesang pflegen
wollte, fand Zelter viele Goethe-Gedichte geeignet,
später verfasst der Dichter zum Teil eigens Verse
für diesen geselligen Kreis. Es sei hier nur an das
Bundeslied (In allen guten Stunden...), das Tischlied
(mich ergreift, ich weiß nicht wie, ein himmlisches
Behagen...)  zu  erinnern  oder  an  das  berühmte
Trinklied ergo bibamus (Hier sind wir versammelt
zu löblichem Tun...). Beim  ersten Mal – so ein Be-
richt vom April 1810 – habe man so laut und fürch-
terlich gesungen, daß die Dielen erklangen und die
Decke des langen Saals sich zu heben schien.
Und wer kennt nicht die schlichte Vertonung des Kö-
nigs in Thule? Durch diese volksliedhaften, gut sing-
baren Kompositionen werden Goethes  Gedichte in
weiten Kreisen der Bevölkerung bekannt. Von den
Aufführungen der Berliner Singakademie, von ihrem
endlich 1827 fertiggestellten großen neuen Gebäude
am  Kastanienwäldchen  hinter  der  Alten  Wache
gehen ständig Berichte nach Weimar.
1827 ist auch die Höhe der von Zelter betriebenen
Bach-Pflege  erreicht.  Schon  vorher  sind  in  der
Singakademie Bach’sche Motetten erklungen, nun
aber  überträgt  Zelter  seine  Begeisterung  für  die
Musik  des  universalen  deutschen  Komponisten
auch auf den großen deutschen Dichter.
Der läßt sich in Bad Berka vom dortigen Organisten
Schütz Bachkompostionen vorspielen und übermit-
telt seinem Freund nach Berlin im Juni 1827 den
ungeheuren Eindruck, den diese Musik auf ihn ge-
macht hatte, mit den großartigen, der Musik adä-
quaten Worten: wenn die ewige Harmonie sich mit
sich selbst unterhielte, wie sich’s etwa in Gottes
Busen kurz vor der Weltschöpfung möchte zugetra-
gen haben.
Als Krönung von Zelters Bemühungen um Bach ist
die am 11. März 1829 erfolgte erste Wiederauffüh-
rung der Matthäuspassion in der Singakademie an-
zusehen,  die  zu  dirigieren  Zelter  seinem
bedeutendsten und liebsten Schüler überlässt, Felix
Mendelssohn Bartholdy. Auch dieser, schon in Kin-
derjahren bei Goethe eingeführt, ist stets ein großer
Verehrer  des  Dichters  und  seiner  poetischen
Schöpfungen geblieben.
Von seinen Vertonungen Goethischer Gedichte soll
hier nur die 1831 begonnene Erste Walpurgisnacht,
Ballade  für  Chor  und  Orchester,  die  Ouvertüre
Meeresstille und glückliche Fahrt genannt werden,
ebenso die Liedkomposition Auf dem See und das
Zigeunerlied.
Unter  Goethes  Komponisten
seiner  Texte  verdient  noch
besonders  der  schon  ge-
nannte  Johann  Friedrich
Reichardt hervorgehoben zu
werden, der mit seinen Lied-
vertonungen  im  letzten  Jahr-
zehnt des 18. Jahrhunderts sehr zur
Volkstümlichkeit Goethes beigetragen hat.
Nicht zuletzt ist auch Karl-Friedrich Schinkel in
besonderer Weise mit  Zelter  verbunden  –  durch
dessen  Eigenschaft  als  Maurermeister  und  über
Schinkels Theaterneubau des Schauspielhauses am
Gendarmenmarkt und durch seine Bühnendekora-
tionen.
Belebende und  fördernde Anteilnahme sind  hier
ebenfalls  die  Grundpfeiler.  Es  ist  bekannt,  daß
62
Goethe durch sein schöpferisch nachvollziehendes
Vorstellungsvermögen  gerade  bildende  Künstler
anzuregen und zu ermuntern vermag, ihre eigenen
Ideen reicher darzulegen und manche seiner Emp-
fehlungen in ihre eigene Vorstellungswelt einzube-
ziehen.
Schinkel empfindet dies ganz stark, wie aus seinem
Brief an Christian Daniel Rauch vom November
1816 hervorgeht In Goethes Nähe wird dem Men-
schen eine Binde von den Augen genommen, man
versteht sich vollkommen mit ihm über die schwie-
rigsten Dinge, welche man allein sich nicht getraut
anzugreifen und man hat selbst eine Fülle von Ge-
danken darüber, die sein Wesen unwillkürlich aus
der Tiefe herauslockt.
Da Goethe ein lebenslanges Interesse
an Bauaufgaben pflegt, läßt er sich
auch von Schinkel besonders über
dessen Vorhaben in Berlin unter-
richten. 1817 berät er sich mit ihm
über  das  Relief  an  der  Neuen
Wache. 1820 wird er bei einem ge-
meinsamen Besuch von Schinkel, Rauch
und Friedrich Tieck (während die beiden letztge-
nannten dabei ihre Goethe-Büste modellieren) über
den Theaterneubau unterrichtet.
Goethe notiert in den Tag und Jahresheften, wie
fruchtbar für beide Seiten diese Begegnung ist: Es
hatte sich in den wenigen Tagen so viel Produktives
betreffend Anlage und Ausführung, Pläne und Vor-
bereitung, Belehrendes und Ergötzliches  zusam-
mengedrängt,  daß  die  Erinnerung  daran  immer
wieder neu belebend sich erweisen muß.
Und so entwirft er dann mit Schinkel gemeinsam
eine passende Inschrift für das Neue Schauspiel-
haus, der dann aber doch jene des Altertumsfor-
schers Aloys Hirt vorgezogen wird
Auch  über  die  Innenausstattung  und  sogar  über
räumliche Mängel, wie z.B. die Logen hinter dem
Balkon seien zu eng, zu niedrig, finster, ja ängstlich,
oder die Orchesterleute klagten über unbequeme
Eingänge und Treppen oder die Bildhauer bewit-
zelten die Reliefs, Gruppen, Figuren usw., darüber
wird ein genauer Briefwechsel, meist über Zelter
oder Schultz geführt.
Goethe erhält auch alle Pläne und Risse des Alten
Museums im Lustgarten sowie die Bauzeichnungen
der  Friedrichwerderschen  Kirche,  die  der  greise
Dichter mit den Worten kommentiert: Ich wünschte
wirklich darin einer Predigt beizuwohnen, welches
viel gesagt ist!
(an Zelter, 12. Februar 1829)
Am 10. Februar 1821 findet in Anwesenheit des
Hofes die Einweihung des Konzertsaals und der
Festsäle im Schauspielhaus statt. Das eigentliche
Theater wird am 26. Mai mit einem Eröffnungspro-
log,  den  Goethe eigens zu dem Anlaß  gedichtet
hatte, festlich seiner Bestimmung übergeben. Vor-
getragen wurde der Prolog vor einem Prospekt, der
den Gendarmenmarkt mit dem Schauspielhaus zwi-
schen den Türmen des Deutschen und des Franzö-
sischen Domes zeigte.
Goethes Dank an Schinkel für die sich in seiner
Architektur aussprechende humanisierende Bau-
gesinnung, die der eigenen entspricht, findet sich in
den Schlußversen des Prologs zur Eröffnung des
Schauspielhauses 1821 in der mahnenden Anrede
an das versammelte Publikum:
So schmücket sittlich nun den geweihten Saal
Und fühlt euch groß im herrlichsten Lokal
Denn euretwegen hat der Architekt
Mit hohem Geist so edlen Raum bezweckt
Das Ebenmaß bedächtig abgezollt
Daß ihr euch selbst geregelt fühlen sollt.
Auf den Prolog folgte Goethes Schauspiel Iphige-
nie auf Tauris.
Von gleicher Herzlichkeit wie zu Schin-
kel ist gleich von Anfang an Goethes
Verhältnis  zu  Christian  Daniel
Rauch. Auch hier seien nur wenige
Fakten in Erinnerung gerufen. Bei
seinem  Besuch  mit  Schinkel  und
Tieck  in  Weimar  1820  modelliert
Rauch seine berühmte à-tempo-Büste, die
mit ihrem leicht zur Seite gedrehten Kopf wohl die
bekannteste,  weil  lebensvollste  und  wahrheits-
63
getreueste Wiedergabe des Goethe’schen Antlitzes
darstellt.
Die  bereits  erwähnten  Bildhauer
Friedrich Tieck und Gottfried Scha-
dow stehen ebenfalls in einem pro-
duktiven  Verhältnis  zu  Goethe.
War  die  Beziehung  zu  Schadow
ursprünglich ablehnend, so wandelt
sie sich doch im Lauf der Jahre.
Zu  den künstlerischen  und zugleich  technischen
Leistungen, die Goethe hier beeindrucken, gehört
auch die vom Stadtbaumeister Christian Gottlieb
Cantian vor dem Alten Museum aufgestellte Gra-
nitschale, wie Goethes Aufsatz von 1828 Granitar-
beiten in Berlin beweist.
Auf dem sich überschneidenden Gebiet von Wis-
senschaft, Technik und  Volksbildung seien auch
noch zwei Männer genannt, die weiter Wirkendes
und Bleibendes geleistet haben, indem sie den Fort-
schritt auf praktisch technischem Gebiet in die Aus-
bildung junger Menschen integrierten, was Goethe
außerordentlichen Respekt abnötigte.
Es handelt sich um Christian Wilhelm
Beuth als Begründer des Gewerbein-
stituts. Ihm vertraut Goethe in sei-
nen  letzten  Lebenswochen, am  1.
Februar 1832, eine in die Zukunft
gehende  Bitte  an,  nämlich für  die
Herstellung künstlicher plastischer ana-
tomischer Lehrpräparate von Organen und
Körperteilen zu sorgen, wofür Beuth entsprechende
Institutionen und Künstler interessieren sollte.
Ich habe nicht lange mehr Zeit, schreibt Goethe,
und muß daher eilen, das Mögliche zu tun, anderes
zuverlässigen  Freundin  anzuvertrauen.  Ich  mag
mich  aber  umsehen,  wo  ich  will,  außer  Berlin
scheint mir das Gelingen unmöglich. — Wie sehr
er  von  der  Wichtigkeit  dieses Anliegens  durch-
drungen ist, bezeugt der Ausschnitt über die plasti-
sche  Anatomie  im  dritten  Buch  von Wilhelm
Meisters  Wanderjahren,  auch  dieses  wieder  ein
Beispiel, wie Tageswissen in einer Dichtung seinen
Platz findet.
Als zweites Beispiel neben Beuth ist Karl Friedrich
Klöden zu nennen, dessen mit Stichen Daniel Cho-
dowieckis versehenes Buch Von Berlin nach Berlin
manchem bekannt sein wird. Klöden
berichtet darin von seiner Leitung
der  ersten  Gewerbeschule.
Diese, eine hohe Allgemein-
bildung zur Bewältigung der
Aufgaben  der  industriellen
Revolution vermittelnde Schu-
le, wird das Muster eines neuen
Schultyps,  der  Realschule,  in  der
man sich, statt auf die alten Sprachen wie im her-
kömmlichen Gymnasium, auf die lebenden und auf
die naturwissenschaftlichen und technischen Fächer
konzentriert. Ihr Programm zu Prüfungen an den
Gewerbeschulen  wird  1829  von  Goethe  lobend
besprochen.
Zum Schluß möchte ich noch auf einige der zahl-
reichen und vielfältigen wissenschaftlichen Kon-
takte  eingehen,  die  sich  zwischen  Goethe  und
Berliner Gelehrten und wissenschaftlichen Institu-
tionen ergeben haben.
Es steht außer Zweifel, daß Goethes Streben in den
späteren Lebensjahren darauf gerichtet ist, gerade
auch für seine naturwissenschaftlichen Arbeiten auf
den Gebieten der Optik, der Farbenlehre, der Ana-
tomie, Zoologie, Botanik, Geologie und Mineralo-
gie Anerkennung zu finden, die ihm jedoch von den
meisten Fachgelehrten versagt bleibt.
Als 1806 Preußen seine Universität Halle verliert
(Halle wurde bekanntlich dem Königreich Westfa-
len zugeschlagen), kommen viele Professoren von
dort nach Berlin und es entsteht sehr schnell der
Plan einer Universitätsgründung.
Der Altphilologe Friedrich August Wolf, der die
Philologie von der Theologie eman-
zipiert und die eigentliche Al-
tertumswissenschaft  erst
begründet hat, dem Goethe
freundschaftlich verbunden
ist und dem er viel für sein
eigenes  Antike-Verständnis
verdankt, hat schon 1807 eine
diesbezügliche  Denkschrift  bei
Friedrich Wilhelm III. eingereicht und Wilhelm von
Humboldts Namen an die erste Stelle seiner Vor-
schlagsliste gesetzt.
Zelter schreibt dazu an Goethe am 23 August 1809:
Wolf hat einen Plan gemacht, statt der alten Uni-
versität Halle eine neue preußische hier am Orte
zu etablieren und solche womöglich in der Akade-
mie der Wissenschaften zu verbinden.
Aber erst 1809, als Wilhelm von Humboldt zum
Leiter des preußischen Unterrichtswesens berufen
64
wird, erreicht dieser die Gründungsgenehmigung
und dazu die Schenkung des seit 1802 leerstehen-
den Palais des verstorbenen Prinzen Heinrich als
Universitätsgebäude.
Humboldt, auch im Salon der Henriette Herz als
junger  Mann  zum  Verehrer  Goethes  geworden,
steht seit 1794 in engem Kontakt mit Goethe und
bleibt bis zu dessen Lebensende einer seiner ver-
trauten jungen Freunde, der es sich sogar erlauben
kann, den Herrn Geheimrat in seinen Briefen mit
Liebster Goethe oder mein innig geliebter Freund
anzureden.
Wilhelm  von  Humboldt,  das
sei  nicht  vergessen  anzu-
merken, ist auch der Adres-
sat  von  Goethes  letztem
Brief  vom  17.  März  1832,
fünf  Tage  vor  seinem  Tode
geschrieben, geht dieser somit
als Vermächtnis auch nach Berlin.
Er enthält die Antwort auf Humboldts Bitte, das
Faust-Manuskript doch nicht einzusiegeln, sondern
den  Freunden  schon  jetzt  den  Lesegenuß  zu
gönnen.
Goethe aber lehnt es ab, weil für diese sehr ernsten
Scherze die Zeit noch nicht gekommen sei, da ver-
wirrende Lehre zu verwirrtem Handeln über die
Welt walte. Und er schließt mit dem Bekenntnis und
der Aufforderung zur Steigerung der eigenen Per-
sönlichkeit, der individuellen Existenz.
Genauso vertraut wie zu Wilhelm von Humboldt ist
auch  Goethes  Verhältnis  zu  dessen  jüngerem
Bruder Alexander. 1794 hatte der junge Bergrat bei
seinem Bruder in Jena zu Besuch geweilt und es
hatte  sich  eine  tiefe  gegenseitige  Beziehung
zwischen ihm und Goethe ergeben.
Goethe stellt diese Beziehung in einem Brief an den
Berliner  Verleger  Unger  einmal  so  dar: Die
Gegenwart  des  Herrn  Bergrat  machte  mir  eine
ganz besondere Epoche, indem er alles in Bewe-
gung setzt, was mich von vielen Seiten interessieren
kann.
Auch der junge Humboldt bekennt, daß das Jenaer
Jahr und der Gedankenaustausch mit Goethe auf
seine geistige Entwicklung sehr stark eingewirkt
habe, nach seiner Rückkehr von
einer Süd- und Mittelamerika-
Expedition finden wir in dem
Brief an Goethe vom 6. Feb-
ruar 1806, in dem er die beab-
sichtigte  Übersendung  seiner
mit Bonpland verfaßten Ideen zu
einer Geographie der Pflanzen ankündigt, den schö-
nen Satz: In den einsamen Wäldern am Amazonen-
strom  erfreute  mich  oft  der  Gedanke,  Ihnen  die
Erstlinge dieser Reise widmen zu dürfen nach Art
der antiken Weihgeschenke!
Besonders schätzt Goethe den archäologisch und
zeichnerisch begabten Architekten Wilhelm Zahn,
der Zeichnungen von Wandmalereien aus Pompeji
vorlegen kann und dem die Benennung eines der
schönsten  pompejanischen  Häuser  mit  Casa  di
Goethe zu danken ist.
65
Zu Goethes Besuchern oder Korrespon-
denzpartnern  gehören  ferner  der
Theologe  und  Philosoph  Friedrich
Schleiermacher,  der  Verfasser  der
Römischen Geschichte Barthold Georg
Niebuhr und der Althistoriker  Friedrich
Wilken.
Nicht  vergessen  sei  auch  der  große  Orientalist
Heinrich  Friedrich  von  Diez,  dessen  wertvoller
Nachlaß in der Berliner Staatsbibliothek auf-
bewahrt wird, und dem Goethe bedeutende
Anregungen und Belehrungen für seinen
West-östlichen Divan verdankt. Verbun-
den mit Goethe ist auch der Philosoph
Johann Gottlieb Fichte, mit dessen An-
schauung er vielfach übereinstimmt und
den er gern nach dem Atheismusstreit an der
Universität Jena gehalten hätte.
In der pädagogischen Provinz in Wilhelm Meisters
Wanderjahren reflektiert er in der Lehre von der
notwendigen  Einordnung  des  individuellen
Lebens in die Gesellschaft unter anderem
auch Fichtes philosophische Grundsätze.
Auch Wilhelm Friedrich Hegel ist mit
Goethe seit seiner Lehrtätigkeit in Jena
1801-1807 gut bekannt, Goethes Urphä-
nomen und Hegels Idee sind einander ent-
sprechende Begriffe. Beide verbindet auch
Hegels Eingehen auf Goethes Farbenlehre.
Neben  vielen  anderen  hervorragenden  Männern
ihres Fachs seien auch noch zwei berühmte Ärzte
genannt: Werner Christoph Wilhelm Hufeland, als
Sohn  des Weimarer Hofarztes auch  einige  Jahre
Goethes behandelnder Arzt, ist leitender Mediziner
der Charité und königlicher Leibarzt in Berlin ge-
worden.  Sein  Kollege  Johann
Christoph Reil, nach der Schlie-
ßung der Hallenser Universität
1806 auch in Berlin tätig, ist
bei seiner ärztlichen Tätigkeit
in den Lazaretten nach der Völ-
kerschlacht bei Leipzig 1813 an
Typhus verstorben. Mit Goethe war
er schon als Badearzt in Halle wie auch durch seine
dortige Begründung des Theaters bekannt, wozu
der  Dichter  1811  den  Prolog Was  wir  bringen
geschrieben hat.
Last but not least sei der große Anteil von Berliner
Verlegern  an  der  fruchtbaren  Wechselbeziehung
zwischen Goethe  und  Berlin  angeführt.  Sie  ma-
chen, zum Teil in Erstdrucken,
Goethes Werk dem Lesepubli-
kum bekannt. Um nur die wich-
tigsten  zu  nennen:  Bei Unger
erscheint  1789  Das Römische
Carneval, später in die Italieni-
sche Reise aufgenommen, dann
7 Bände Goethes Neue Schrif-
ten und 1796 der Wilhelm Meis-
ter.  Vieweg  verlegt  1797  den
Erstdruck  von Hermann  und
Dorothea, der ein Riesenerfolg
wird, so daß Goethe zufrieden
an Aloys Hirt schreibt:»Berlin
ist  vielleicht  der  einzige  Ort,
von dem man sagen kann, dass
ein  Publikum  beisammen  sei,
und umso mehr muss es einen
Autor interessieren, wenn er daselbst gut aufge-
nommen wird.«
Nicht  zu  vergessen  auch  der  berüchtigte  Nach-
drucker Friedrich Himburg, der zwar ohne Hono-
rarzahlung an  den  Dichter,  doch  aber schon seit
1775  für  die  Verbreitung  seiner  Werke  gesorgt
hatte. Dem gesamten Verhältnis, das zu einer tiefen
Verbundenheit mit unserer Stadt geführt hatte, gibt
Goethe Ausdruck in einem anfangs bereits zitierten
Brief vom 15. März 1826 an Friedrich Wilhelm III.
anläßlich  des erteilten  Privilegs gegen Nachdru-
cker, wo er sich über Berlin und sich Rechenschaft
gibt: Männer, welche (...) das Treffliche vollbrin-
gen, solche standen von früh an mit mir in trauli-
chen  Verhältnissen  und  durch  fortdauernde
Wechselwirkung ist eine geistige Mitbürgerschaft
eingeleitet, welche über Zeit und Ort hinaus ein ge-
genseitiges Glück befördert.
Auf einer  geistigen  Mitbürger-
schaft beruhte sein Verhältnis zu
Berlin,  der  persönlichen  hat  er
sich, selbst besuchsweise, immer
wieder  entzogen,  trotz  des
manchmal geäußerten Wunsches,
hinzukommen. Am 19. Novem-
ber  1820  schreibt  er: Mein
Wunsch Berlin zu besuchen (...)
die Königsstadt  zu  schauen, zu
erkennen  und  zu  verehren (...),
dieses Gefühl ist zu einer Art Un-
geduld  geworden,  daß,  wenn
Fausts Mantel in meinem Besitz
wäre,  sie  mich  augenblicklich
auffliegen sehen.
66
Aber der Mantel ist  nicht in seinem Besitz. Von
einer weiteren Berlinvisite mag ihn eher eine bei-
nahe ans Existenzielle rührende Faustische Vision
der Großstadt abgehalten haben: Des Erdgeists sau-
sendes Weben, die menschliches Vermögen eigent-
lich  übersteigende  unablässige  Bewegung  und
Tätigkeit, die hier Wirklichkeit geworden war.
Rational läßt sich so etwas nicht erklären. Entschei-
dend aber bleibt, daß trotz oder gerade wegen aller
Widersprüchlichkeiten das Verhältnis Goethes zu
Berlin für beide Seiten fruchtbar war und der Kunst
und der Wissenschaft ihrer Zeit einen bis heute gül-
tigen Stempel aufgeprägt haben.
67
Man hat mich immer als einen vom Glück besonders Begüns-
tigten  gepriesen, auch will ich mich nicht beklagen und  den
Gang meines  Lebens nicht schelten. Allein im  Grunde ist  es
nichts als Mühe und Arbeit gewesen, und ich kann wohl sagen,
daß ich in meinen fünfundsiebzig Jahren keine vier Wochen ei-
gentliches Behagen gehabt.
Goethe zu Eckermann, 27.Januar 1824
Goethes zahlreiche, oft akut-bedrohliche, oft auch
langwierige und immer wiederkehrende Erkran-
kungen  sind  ein  lebenslanges Thema  in  seinen
eigenen Äußerungen, Gesprächen und Briefkon-
takten mit seinem Umfeld. Die wichtigsten Diag-
nosen, die uns dadurch überkommen sind, seien
hier wiedergegeben: Lebensbedrohliche Risikoge-
burt; Masern, Windpocken, echte Pocken; Hals-
entzündungen, katarrhalische Fieber; zweimaliger
Blutsturz; Gelenk- und Muskelrheumatismus; Ha-
bituelle Obstipation; Nierensteine; Zahneiterun-
gen,  Zahnverlust;  Hypertonie,  Arteriosklerose;
Schwindelanfälle, Gedächtnisverlust; zwei Herz-
infarkte; Hypochondrie, Depression; Polyarthritis;
phasenweise Alkoholismus.
Die erste lebensbedrohliche Krise ist überliefert
aus der Leipziger Zeit, als der Jugendfreund Beh-
risch 1767 nach Dessau versetzt wird, Goethes
Beziehungen zu dem geliebten Kätchen Schön-
kopf zusammenbrechen und ein Juraexamen be-
vorsteht. Eines  Nachts  wachte  ich  mit  einem
heftigen Blutsturz auf, und hatte noch soviel Kraft
und Besinnung, meinen Stubennachbar zu wecken.
Doktor  Reichel  wurde  gerufen,  der  mir  aufs
freundlichste hülfreich ward, und so schwankte ich
mehrere Tage zwischen Leben und Tod.
Ob die Krankheit in dieser akuten Phase wirklich
lebensbedrohlich war, wissen wir nicht; daß sich
aber die Vorstellung einer Todesnähe bei Goethe
traumatisch festgesetzt  hat, lässt  sich über  sein
ganzes Leben immer wieder beobachten. Bei den
ersten Anzeichen der Stabilisierung seines Zustan-
des  bricht  er  seinen  Aufenthalt  endgültig  ab.
Frankfurt  erreicht  er als  Schiffbrüchiger,  als
Studienabbrecher,  körperlich  krank,  vor  allem
aber  seelisch  verwundet. Der enttäuschte Vater
findet einen Kränkling vor.
Es beginnt eine einein-
halbjährige  Rekonva-
leszenz im Elternhaus,
mit  mehreren,  erneut
sehr dramatisch erleb-
ten Rückfällen. In sei-
nem  Giebelzimmer
verbringt  er Tage des
Hindämmerns  und
immer  wiederkehren-
der  Rezidive  seiner
seelischen und körper-
lichen Probleme. Einem
unerklärlichen, schlau-
blickenden,  sprechen-
den, übrigens abstrusen
Arzt gelingt es, mit einer
geheimnisvollen Arznei
die  schwere  Verstop-
fung  zu  durchbrechen.
Als der ungeduldig ge-
wordene  Vater  auf  die
Fortsetzung  des  Studi-
ums drängt und Goethe
im  März  1770  nach
Straßburg  aufbricht,
fühlt er meine Gesund-
heit,  noch  mehr  aber
meinen  jugendlichen
Mut wieder hergestellt.
Als er sich 1775 in das problematische Liebesver-
hältnis mit der Frankfurter Bankierstochter Lili
Schönemann  bis  zur  Depression  verstrickt,
schreibt er an seine vertraute Brieffreundin, Au-
guste Gräfin zu Stolberg: O wenn ich jetzt nicht
Dramas schriebe ich ging zu Grund! Dies ist bei
Goethe  ein  wichtiges,  häufig  wiederkehrendes
Phänomen: Schon nach dem Werther-Erlebnis hat
er seine poetische Kreativität als »altes Hausmit-
tel« bezeichnet und sich dadurch aus »einem stür-
mischen Elemente« gerettet gefühlt.
Daß er sich öfter aus körperlichen Misshelligkei-
ten gewissermaßen frei schreibt, läßt sich bis ins
hohe Alter verfolgen.
2000    
Gesundheit und Krankheit bei Goethe
Prof. Dr. Volker Hesse (Berlin)
Was nützt mir der ganzen Erde Geld?
Kein kranker Mann genießt die Welt
Gesundheit und Krankheit bei Goethe
Dr. Hubert Heilemann (Dresden)
Gesteigertes  Übelbefinden, heftige Schmerzen am
Herzen, um 11 Uhr zur Ader gelassen…
Goethe als Patient
68
Prof. Dr. Manfred Heuser (München)
Farben – die Seele des Lichts
Die Newton-Kritik
– eine paranoide Psychose Goethes?
Prof. Dr. Wolfgang Schad (Witten-Herdecke)
Seelenleiden zu heilen vermag der Verstand
nichts,
die entschlossene Tätigkeit hingegen alles…
Goethe als Psychiater
Goethes 251. Geburtstag in Frau Schuberts
Garten
Musikalisch-literarisches Programm
Seit 1776 führt er 57 Jahre lang Tagebuch, bis
wenige Tage vor seinem Tode. Akribisch notiert
er dort u.v.a. seine körperlichen Zustände und
seine Stimmungen. Bereits am Anfang seines
Weimarer Aufenthaltes lesen wir von andauern-
dem Zahnweh, verdorbenem Magen, von wie-
derholten  Fiebern,  Bronchialkatarrhen  und
rheumatischen Schmerzen in Muskeln und Ge-
lenken, von Herzklopfen und fliegenden Hitzen.
Die ständig gestörte Verdauung wird im Alltag
zum Dauerproblem, ebenso die Zahneiterungen,
die zu dieser Zeit beginnen und ihn bis ins Alter
begleiten, bis er seine Zähne verlor. Die Tage-
buchnotizen lassen sich beliebig auffüllen durch
klagende Briefe an die Geliebte Charlotte von
Stein und an Freunde wie Lavater, Merck, Kne-
bel  und  andere.  Sie  alle  zeigen,  wie  anfällig
Goethe sich fühlt, wie übersensibel, wie hypo-
chondrisch er auf körperliche Beschwerden rea-
giert.
In den 1780-er Jahren, unter der Last seiner Wei-
marer Ämter als Kammerpräsident, in der Berg-
werkskommission und in der Oberaufsicht über
die wissenschaftlichen und Kunstanstalten, lesen
wir im Tagebuch und in seinen Briefen immer
wieder  von  Zahnflüssen,  Halsentzündungen,
rheumatischen Beschwerden, Magenverstimmun-
gen  und  ähnlichen  Alltagsbeschwerden: mein
Zahnweh ist leidlich, doch hab ich mich bei Hofe
entschuldigt; (...) mein Hals hat sich diese Nacht
nicht verbessert, ich will versuchen, zuhause zu
bleiben; (...) ich darf es nicht wagen, auszuge-
hen«; »man sieht, daß allerlei im Körper stickt
das nicht weiß, wohin es sich resolvieren will.
Sein Arzt in dieser Zeit ist bis 1793 der damals
noch junge, später wohl berühmteste Arzt seiner
Zeit, Christoph Wilhelm Hufeland. Er überzeugt
nicht nur Goethe durch seine Vorstellung von
einer dem Körper innewohnenden Lebenskraft
und von der Förderung eines gesunden und lan-
gen Lebens durch die vernünftige Regulierung
der  menschlichen  Grundbedürfnisse  Essen,
Trinken, Schlaf, Bewegung, Ruhe etc., die sog.
Makrobiotik. Hufeland schickt Goethe 1785 zu
seiner ersten Badekur nach Karlsbad – ihr wer-
den vierundzwanzig weitere Badereisen folgen:
Das Karlsbader Schwefelwasser fördert insbe-
sondere  Goethes  chronisch  schlechte  Ver-
dauung – bis an sein Lebensende wird er Wasser
vom dortigen Kreuzbrunnen im Hause haben.
69
Aus der zweiten Badekur in Karlsbad, im Septem-
ber 1786, bricht Goethe heimlich nach Rom auf,
um dort bis zum Juni 1788 zu bleiben. Nie wieder
hat er sich so gesund gefühlt wie dort; das Klima
bekommt ihm ausgezeichnet, wo man den ganzen
Tag nicht an seinen Körper denkt, sondern wo es
einem gleich wohl ist, notiert er bereits nach we-
nigen Tagen in Vicenza für Frau von Stein. Gegen
Ende seines Aufenthaltes schreibt er ihr aus Rom,
er hätte die ganze Zeit keine Empfindung aller der
Übel gehabt, die mich im Norden peinigten« und
daß er »mit eben derselben Constitution hier wohl
und munter lebe, so sehr als ich dort litt.
Im Jahr seiner Rückkehr 1788 nimmt er die 23-
jährige Christiane Vulpius zu sich, begegnet erst-
mals Friedrich Schiller und löst sich von Frau von
Stein. Er steht an der Schwelle zu einer neuen Le-
bensphase  –  und  beginnt  erneut  an  den  alten
Übeln zu leiden und sich entsprechend zu verhal-
ten. Da ich mich einmal entschlossen habe krank
zu sein, so übt auch der Medikus (…) sein despo-
tisches Recht aus, schreibt er im März 1800 an
Schiller, durch dessen Freundschaft er andererseits
seit 1794 den für beide so ungeheuer produktiven
Aufschwung erlebt.
Anfang Januar 1801 erkrankt er an der sogenann-
ten Blatterrose, die medizinisch damals wie heute
als Erysipel bezeichnet wird. Unter gleichzeitigem
hohem Fieber mit einer zeitweisen Bewußtlosig-
keit  entwickelt sich  im  Bereich  der linken Ge-
sichtshälfte  eine  hochentzündliche,  teilweise
blasenbildende  Schwellung,  die  auf  das  linke
Auge, den Gaumen, den Rachen und den Kehl-
kopf übergreift. Krampfhusten und Erstickungs-
anfälle führen dazu, daß er zwei Tage nicht im
Bett bleiben kann, um nicht zu ersticken. Neun
Tage und neun Nächte dauert dieser Zustand, nach
dem endgültigen Abklingen bleibt er monatelang
krank, grämlich und reizbar.
Im Februar 1805 erkrankt Goethe erneut ernstlich,
mit wochenlangen Nierenkoliken unter gleichzei-
tigen Fieberschüben und erheblichen Schmerzen;
die Koliken werden Goethe noch jahrelang quä-
len. Zweimal nachts muß Christiane den ganzen
Leib mit scharfem Spiritus einreiben,  innerlich
werden alte, bei Harnwegserkrankungen bewährte
pflanzliche Hausmittel wie Brennessel und Bären-
traube, aber auch Opium und Bilsenkraut gegen
die Schmerzen gegeben. Zudem muß er reiten, um
den vermuteten Nierenstein in Bewegung zu brin-
gen.
Nach der Schlacht von Austerlitz, in der Napoleon
vernichtend die Österreicher und Russen schlägt,
soll Goethe gesagt haben: Wenn mir doch der liebe
Gott eine von den Russennieren schenken wollte,
die zu Austerlitz gefallen sind!
Noch während der Rekonvaleszenz des Steinlei-
dens bricht nach langer, wirklich schwerer Krank-
heit sein Freund Schil-
ler  zusammen  und
quält sich 9 Tage lang
bis zu seinem Tode am
9. Mai 1805 im Alter
von  45  Jahren.  Man
wagt  zunächst  nicht,
es  Goethe  zu  sagen;
als er es erfährt, rea-
giert  er  mit  einem
schweren  Rückfall.
Unleidlicher Schmerz
ergriff  mich,  und  da
mich  körperliche  Leiden  von  jeglicher  Gesell-
schaft trennten, war ich in traurigster Einsamkeit
befangen. Meine Tagebücher melden nichts von
jener Zeit; die weißen Blätter deuten auf einen
hohlen Zustand. Dieser dauert, wie das  nahezu
stumme Tagebuch ausweist, sieben Monate.
Goethes übersensible Einstellung, sich von Krank-
heit und Tod ihm nahestehender Menschen fern-
zuhalten, ist mehrfach aus seinem Leben bezeugt.
1816, während Christianes achttägigem Sterben in
so fürchterlichen Krämpfen, daß die Mägde da-
vonliefen, bleibt er in seinen hinteren Zimmern,
arbeitet, experimentiert und diktiert Post. Goethe
weiß von dieser seiner Tendenz, sich durch Bei-
hülfen, die uns die Kultur anbietet, zusammen zu
nehmen, um sich von Kummer und Trauer abzu-
lenken, bezahlt dies aber fast jedesmal mit einem
vermehrten Ausbruch seiner körperlichen Übel.
Am deutlichsten wird dies nach dem plötzlichen
Tod seines Sohnes August im Oktober 1830 auf
der  Reise  in  Rom,  den  er  zunächst  äußerlich
Dr. Hartmut Schmidt (Wetzlar)
Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort
Essen und Trinken bei Goethe
Prof. Dr. Manfred Bühring (Berlin)
Das Wahre erscheint nicht unmittelbar…
Goethe Anschauen in der Medizin
70
beherrscht zur Kenntnis nimmt, dann aber, einige
Wochen  später mit dem  zweiten Blutsturz  seines
Lebens reagiert.
Mit seinen Ärzten versteht er sich gut; zu seinen
Hausärzten Wilhelm Huschke wie auch später zu
Wilhelm  Rehbein  –  beide  sind  großherzogliche
Leibärzte – hat er großes Vertrauen, wenngleich er
sie vielfach beschimpft und ihre Anordnungen gele-
gentlich hintergeht.
Als sich der 66-jährige 1815 in Heidelberg aus der
Liebesbeziehung mit Marianne von Willemer ver-
abschiedet, fingen aber die bisher nur drohenden
Übel  an,  förmlich  aufzubrechen. Es  entstand,  so
fährt  Goethe  fort, ein  Brustweh,  das  sich  fast  in
Herzweh verwandelt hätte, aber dies sei, so läßt er
sich von dem Heidelberger Professor Nägele beru-
higen, eine  natürliche  Folge  der  Heidelberger
Zugluft und veränderlichen Schloßtemperatur.
Am 11. Februar 1823, im Alter von 74 Jahren, er-
krankt Goethe akut so schwer, daß man bereits sei-
nen  Tod  meldet.  Starke  Schmerzen  in  der
Herzgegend, Beklemmung auf der Brust, hochgra-
diges  Angstgefühl,  Atemnot,  später  Fieber  und
Ödeme an beiden Füßen –Symptome eines Herzin-
farktes.
Huschke  und  Rehbein  können  dies  damals  nicht
wissen, sie behandeln symptomatisch mit Aderlass,
Blutegel, Meerrettich-Kompressen und Arnika-Tee.
Goethe hat hierzu wenig Vertrauen: Probiert nur
immer, sagt er zu seinen Ärzten, der Tod steht in
allen Ecken und breitet seine Arme nach mir aus,
aber laßt euch nicht stören.
Gegen die Hilflosigkeit der Ärzte erhebt er dieses
Mal bittere Klage, beschimpft sie als Hundsfötter
und wehrt sich gegen ihre Verordnungen: wenn ich
nun doch sterben soll, so will ich auf meine eigene
Weise  sterben. Tatsächlich  erholt  er  sich  relativ
bald, ist sich nach dieser Krise aber im Klaren, daß
ihm die nun folgenden Jahre nur  geschenkt sind.
Den nahezu gleichen Zustand mit schwerem Husten
und  Herzschmerzen  erlebt  er  noch  einmal  im
November des gleichen Jahres, in tiefer Depression
nach  dem  Verzicht  auf  die  junge  Ulrike  von
Levetzow in Marienbad. Die relativ schnelle Erho-
lung von diesem Zustand wird sicher zu recht mit
dem  beruhigenden  Besuch  seines Altersfreundes
Carl- Friedrich Zelter gesehen, dem Goethe mehr-
fach die Marienbader Elegie vorliest und dem er
noch ein Jahr später davon schreibt: Wenn das, was
du als Grund meiner Krankheit erkanntest, nun, wie
es den Anschein hat, sich als das Element meines
Wohlbefindens manifestieren wird, so geht alles gut.
Zu Goethes großem Leidwesen verstirbt
1825  sein  langjähriger,  sehr  geliebter
Hausarzt Hofrat Rehbein. An seine Stelle
kommt der junge, erst 28-jährige Dr. Carl
Vogel,  der  Goethe  bis  zu  seinem  Tode
nicht nur bestens ärztlich betreut, sondern
wie seine Vorgänger zur Vertrauensperson
wird. Daß ich mich jetzt so gut halte, sagt
Goethe  zu  Eckermann, verdanke  ich
Vogel; ohne ihn wäre ich längst abgefah-
ren. Vogel ist zum Arzt wie geboren und
überhaupt einer der genialsten Menschen,
die mir je vorgekommen sind.
Bis zuletzt arbeitet er am vierten Teil von Dichtung
und Wahrheit und vollendet im Jahr vor seinem Tod
den zweiten Teil seines Faust. Die Beschreibung sei-
nes  Hausarztes  Vogel  über Die  letzte  Krankheit
Goethe’s im Winter 1831/32 dokumentiert eindrück-
lich den dramatischen Verlauf des offensichtlichen
Herztodes, der schließlich – in der Beschreibung Vo-
gels – ungemein sanft zu Ende gegangen sei.
Prof. Dr. Heinz Schott (Bonn)
Den Sinnen hast Du dann zu trauen,
kein Falsches lassen sie Dich schauen…
Medizin der Goethezeit
Dr. Gunhild Pörksen (Freiburg)
Die Nacht im Sessel sitzend zugebracht…
Gesundheit und Krankheit
in Goethes Tagebüchern und Briefen
71
Hatte Goethe, der sich mit dem Wesen der Natur
beschäftigte, der suchte, was die Welt im Innersten
zusammenhält, der als Staatsmann, Theaterdirektor
und Dichter sich in einem Zustand beständiger Be-
schäftigung  befand,  überhaupt  Zeit  für  Kinder?
Waren sie Teil seines Lebensplanes, seiner Emotio-
nen, seiner Fürsorge und Objekte liebevoller Zunei-
gung?
Wie  wir  aus zeitgenössischen  Berichten  wissen,
fühlt sich bereits der junge Goethe zu Kindern hin-
gezogen. So wissen wir von seiner Zuneigung zu
den Kindern seiner Freunde und Bekannten, u.a. zu
Mercks Kindern  in  Darmstadt,  den  Kindern  des
Amtmanns Buff in Wetzlar, Charlottes Geschwister
sowie den Kindern Wielands in Weimar.
Nach  der  Übersiede-
lung  nach  Weimar
1775 erlebt er den har-
monischen  Familien-
kreis des Schriftstellers
Christoph Martin Wie-
land.  Der  ledige  Goe-
the fühlt  sich Kindern
so eng verbunden, daß
er für den Nachwuchs
der  Freunde  eigens
Kinderfeste  in  seinem
Gartenhaus organisiert
und  gestaltet.  Auch
führt  er  Geschicklich-
keitsspiele und sportli-
che  Übungen  in
Weimar  ein;  etwa  das
Schlittschuhlaufen.
Dies  entspricht  seiner
Vorstellung von einem natürlichen Leben und einer
natürlichen Erziehung.
In  Weimar  nimmt  der  unverheiratete
Goethe zwei Pflegesöhne in sein Haus auf
– zunächst den 12 jährigen Schweizer Hir-
tenknaben Peter im Baumgarten und später
den 11 Jahre alten, Friedrich, genannt Fritz,
den jüngsten Sohn der Frau von Stein.
Die Bemühungen Goethes um seine Pfle-
gesöhne sind in ihrem Ansatz sehr emotio-
nal und z.T. rührend. Während der engen
Bindung an Charlotte von  Stein  kann  er
unter den gegebenen Bedingungen in die-
ser  Lebensperiode  nicht  an  die
Gründung einer eigenen Familie
denken.
Die Betreuung des 12-jährigen
Peter  im  Baumgarten  gestaltet
sich jedoch zunahmend problema-
tisch. Peter gliedert sich nur schwer
ein,  raucht  Pfeife  und  nimmt  seinen
Hund mit ins Bett. Auch malt er einmal die Büste
Wielands mit Tinte an. Nach zwei Jahren schickt
Goethe ihn 1779 nach  Ilmenau, damit er den Jäger-
beruf erlernen soll.  
Frau  von Stein vertraut ihm ihren jüngsten Sohn
Fritz  an, der  drei  Jahre  lang  –  von  1783  bis  zur
Italienreise – in Goethes Haus wohnen wird. Goethe
sieht ihn als ein Liebespfand der Frau von Stein. Er
schreibt ihr 1783: Du weißt nicht, wie sehr ich Dich
auch  in  ihm liebe  und wie ich mich freue,  einen
Pfand von dir zu haben. Er nimmt Fritz auf seinen
Reisen mit, um ihn durch Anschauung zu bilden.
Friedrich  von  Stein  selbst  bezeichnet
später in der Gesamtrückschau die Er-
ziehungsphase bei Goethe als die glück-
lichste Periode seiner Jugend.
In Wilhelm Meisters Wanderjahren äu-
ßert er seine Ansichten über die Aufgabe
der Erziehung: Wohlgeborene, gesunde
Kinder bringen viel mit: die Natur hat
jedem alles gegeben, was er für Zeit und
Dauer nötig hatte, dieses zu  e n t w i k-
k  e  l  n  ist  unsere  Pflicht,  öfters  ent-
wickelt´s sich besser von selbst.
2001
Goethe – Jugend und Alter
Prof. Dr Henrik Birus (München)
Im Gegenwärtigen Vergangenes...
Die Wiederbegegnung des alten
mit dem jungen Goethe
Die neuen Leiden des jungen W. (1976)
Filmvorführung
Anschließend: Diskussion mit dem Autor
Ulrich Plenzdorf: Rückblick nach 30 Jahren
Prof. Dr. Volker Hesse (Berlin)
Meinem Herzen sind die Kinder am nächsten
Goethes Beziehungen zu Kindern
und Heranwachsenden
72
Goethes Erziehungsmaximen beinhalten vor allem
folgende Grundsätze:
1. Heranführen des Kindes an die Dinge der Wirklichkeit.
2. Die Bildung den Anlagen entsprechend zu gestalten.
3. Heiterkeit in der Pädagogik und Milde des Lehrers
4. Erziehung zur Ehrfurcht den Erwachsenen gegenüber.
Bemerkenswert sind für uns auch Goethes Gedan-
ken über Fortentwicklung und Reifen des Kindes.
In Dichtung und Wahrheit schreibt er: Wir können
die kleinen Geschöpfe, die vor uns herumwandeln,
nicht anders als mit Vergnügen, ja mit Bewunderung
ansehen. (...) Das Kind mit seinesgleichen und in
Beziehungen, die seinen Kräften angemessen sind,
scheint so verständig, so vernünftig, daß nichts drü-
ber geht, und zugleich so bequem, heiter und ge-
wandt, daß man keine weitere Bildung für daßelbe
wünschen möchte.
Die Unarten der Kinder vergleicht Goethe milde
mit Stengelblättern einer Pflanze, die nach und nach
von selbst abfallen. Der Mensch sagt er, hat ver-
schiedene  Stufen,  die  er  durchlaufen
muß, und jede Stufe führt ihre besonde-
ren Tugenden und Fehler mit sich, die in
der Epoche, wo sie kommen, durchaus
als naturgemäß zu betrachten und gewis-
sermaßen recht sind. Auf der folgenden
Stufe ist er wieder ein anderer, von den
früheren Tugenden und Fehlern ist keine
Spur mehr, aber Arten und Unarten sind
an deren Stelle getreten. Und so geht es
fort bis zu der letzten Verwandlung, von
der wir nicht wissen, wie wir sein wer-
den.
(zu Eckermann)
Goethe rät zur sorgsamen und geduldigen Erzie-
hung: Ein Blatt, das groß werden soll, ist voller Run-
zeln und Knittern, ehe es sich entwickelt, wenn man
nicht Geduld hat und es gleich so glatt haben will
wie ein Weidenblatt, dann ist’s übel.
(Brief an Jacobi
vom 9. September 1788).
Goethes »Pädagogik« gibt der Bildung den Vorrang
vor der Erziehung. Zwang und Verbote möchte er
vermeiden. In den Wahlverwandtschaften formu-
liert er: Sowohl bei der Erziehung der Kinder als
bei der Leitung der Völker (ist) nichts ungeschickter
und barbarischer als Verbote, als verbietende Ge-
setze und Anordnungen.
Goethe will dagegen dem Heranwachsenden selbst
überlassen, was er aus einem Wissensangebot für
sich entnimmt. Seiner Meinung nach darf das Bil-
dungssystem den Charakter nicht verbiegen. An W.
v. Humboldt schreibt er: Das beste Gemüt ist das,
welches alles in sich aufnimmt, sich alles zuzueig-
nen weiß, ohne daß es der eigentlichen Grundbe-
stimmung, demjenigen was man Charakter nennt,
im mindesten Eintrag thue... Ziel muß es sein, daß
der Einzelne sich zum ’Organ’ der Gemeinschaft
bildet.
Das  Fehlen  erzieherischer  Konsequenzen  beim
gleichzeitigen Ziel eines umfassenden Wissenser-
werbes wirkt sich – retrospektiv gesehen – nicht
umfassend positiv aus, weder auf die Entwicklung
des  Fritz von Stein, noch auf seinen Sohn und seine
Enkel. Als Goethe 40 Jahre alt war, gebärt ihm die
16 Jahre jüngere Christiane Vulpius den einzigen
überlebenden  Sohn  Au-
gust. Es steht außer Zwei-
fel, daß er ein liebevoller
und  besorgter  Vater  ist.
August  wird  später  ein
wichtiger Helfer für Goe-
the, der ihn jedoch lange
noch als Kind und als Ab-
hängigen behandelt.
Nach Augusts Tod muß er zusätzlich die Aufgaben
der Vaterstelle mit übernehmen. Die Enkel haben
in Goethes Haus Sonderrechte, sie dürfen sogar in
das »Allerheiligste«, das Arbeitszimmer, kommen
und haben dort einen Spieltisch. Goethe liebt seine
Enkel, ein Ausdruck hierfür ist ein Brief, den er an
Marianne von Willemer schreibt: Meine Enkel sind
wie heiteres Wetter: Wo sie hintreten, ist es hell..
Wir sehen, daß Goethe nahezu sein ganzes Leben
auch mit Kindern verbringt. Trotz der intensiven
Anforderungen, die an ihn gestellt werden, hat er
Zeit für sie.                                       Volker Hesse
73
Goethe ist sechs Mal in seinem Leben lebens-
bedrohlich erkrankt. Diese Lebenskrisen haben
ihn – das ist das Außergewöhnliche – jeweils tief
verwandelt und ihn geistiger und gereifter werden
lassen, oder, wie er es selbst nannte: Zu höherer
Gesundheit wiedergeboren.
Auch in Zeiten tiefer Depression und schwerer
körperlicher  Beeinträchtigung  arbeitet  Goethe
durch Selbstbeherrschung und mit diszipliniertem
Fleiß und ist auch in solchen Phasen kreativ.
Seine seelischen Krisen, von denen es auch im
Alter viele gibt, bewältigt er durch Läuterung,
konsequente  Bewußtmachung  und  Entsagung
und  schließlich,  dank  seinem  schöpferischen
Genie, durch dichterische Gestaltung.
So sagt er von sich selbst, daß er auch als alter
Mensch aus solchen Krankheits-Krisen gesund
und als ein neuer Mensch hervorgegangen ist, ob-
wohl die körperlichen Einschränkungen unverän-
dert vorhanden sind.
Beim alten Goethe stehen die Mäßigung und der
Verzicht, das Opfer und die Entsagung als For-
men der Selbstbewahrung immer im Mittelpunkt.
Bis ins hohe Alter hinein hat Goethe seine seeli-
schen Leiden und vor allem auch seine körperli-
chen Einschränkungen immer als Ansporn zur
Selbstbesinnung genutzt, um sich auf sich selbst
zurückzuziehen und sein Leben und Wesen zu
deuten. So entstehen bei ihm aus Perioden der
Einsamkeit und der Stille stets Phasen der schöp-
ferischen  Neugestaltung  in  Form  eines  neuen
Kunstwerkes  oder  einer  wissenschaftlichen
Abhandlung.
Goethe über Alter und Krankheit:
Motto von Dichtung und Wahrheit: Der
Mensch, der nicht geschunden wird, wird nicht
erzogen.
Im Tasso: …und wenn der Mensch in seiner Qual
verstummt, gab mir ein Gott zu sagen wie ich
leide.«
In Dichtung und Wahrheit: Genesung ist jedoch
immer angenehm und erfreulich, wenn sie auch
langsam und kümmerlich vonstatten geht und da
sich bei mir die Natur geholfen, so schien ich auch
nunmehr ein anderer Mensch geworden zu sein.
Denn ich hatte eine größere Heiterkeit des Geistes
gewonnen, als mir lange nicht bekannt, ich war
froh, mein Inneres frei zu fühlen, wenn mich gleich
ein langwieriges Leiden bedroht.
Goethe als 78-Jähriger an Kanzler von Müller:
Unser Leben kann sicherlich durch die Ärzte um
keinen Tag verlängert werden, wir leben, solange
es Gott bestimmt hat, aber es ist ein großer Un-
terschied  ob  wir  jämmerlich  wie  arme  Hunde
leben oder wohl und frisch und darauf vermag ein
kluger Arzt viel.
Joachim Wohlleben (Berlin)
Goethes Werther im Kontext seiner Zeit
Prof. Ekkehard Krippendorff (Berlin)
Gespräch über Peter Steins Faustinszenierung
PD Dr. med Klaus-Michael Koeppen (Berlin)
Goethes Schaffenskraft
als geriatrischer Patient
74
Goethe als 80-Jähriger: es ist unglaublich, wie-
viel der Geist zur Erholung des Körpers vermag.
Ich leide oft an Beschwerden des Unterleibes, al-
leine der geistige Wille und die Kraft des oberen
Teiles halten mich im Gange. Der Geist muß nur
dem Körper nicht nachgeben.
Resümee:
Welche Bedeutung kann das Leben eines dichte-
rischen Genies, das in reichlichem Ausmaß kör-
perliche und seelische Leiden durchgemacht und
überstanden hat, für unsere geriatrischen Patien-
ten haben?
Ganz  wichtig  scheint mir hervorzuheben,  daß
Goethe auch in hohem Alter weiß und umsetzt,
wie man sich weiterhin immerfort verändern, er-
neuern und verjüngen muß, um nicht stehen zu
bleiben.  Wie  viele  unserer  alten  geriatrischen
multimorbiden Patienten bleiben stehen, versto-
cken, können und wollen nicht in die Zukunft bli-
cken, beklagen nur ihre Leiden und erinnern sich
stets  der guten  alten  Zeiten und  der  jüngeren
Jahre.
Goethe führt uns vor Augen, wie man auch in
Phasen seelischer und körperlicher Leiden durch
Anpassung an die physische Gegebenheit weiter
aktiv geistig und schaffend sich betätigen kann.
I m m e r ist Goethe tätig, bis ins hohe Alter führt
er Gespräche mit Altersgenossen, aber auch mit
der jüngeren Generation; er interessiert sich für
neue Tendenzen, sieht das künftige Zeitalter der
Technik herannahen, ahnt auch schon das Pro-
blem der drohenden Arbeitslosigkeit und interes-
siert sich für die Möglichkeiten des Auswanderns
nach Amerika.
Die lebhafte Anteilnahme auch des alten Goethe
an aktuellen politischen Ereignissen, etwa der
französichen Juli-Revolution von 1830, an aller-
neuesten Erfindungen wie der Eisenbahn oder
Entdeckungen, auch in anderen Teilen der Welt,
weiß er noch in seinem Alterswerk zu verarbei-
ten. Faust II, Dichtung und Wahrheit und Wilhelm
Meisters Wanderjahre – nicht umsonst mit dem
Untertitel Die Entsagenden versehen – zeigen
uns, wie ein starker Wille auch körperliche und
seelische  Schwächen  des  Alters  durchstehen
kann.
Insbesondere ist es bewundernswert, wie Goethe
bis in sein letztes Lebensjahr die Idee des Faust,
der ihn über 60 Jahre beschäftigt hat, durch die
Reife  des Lebens  und Alters  gewandelt,  doch
noch vollenden kann.
Bemerkenswert und bezeichned ist, wie sehr sich
Goethe bemüht, stets auf der Höhe seiner Zeit zu
bleiben. Durch seine konsequente, dem Leben zu-
gewandte Neugierde werden offenbar Kräfte frei-
gesetzt, die ihn seine körperlichen und seelischen
Leiden nicht nur ertragen lassen, sondern bei ihm
sogar noch schöpferische Kräfte freisetzen.
Auch wenn sich Goethe mit zunehmendem Alter
auf sich selbst zurückzieht und ungewollte Ein-
drücke der Außenwelt abwehrt, so können sein
dichterisches Werk und sein Leben uns auch in
heutiger Zeit Hinweise geben, wie man selbst im
hohen Alter trotz vieler Gebrechen ein geistig fri-
scher  und  körperlich  tätiger  Mensch  sein  und
bleiben kann.
Klaus-Michael Koeppen
75
76
Alle GG-Ortsvereinigungen, die als Gastgeber
schon einmal ein OV-Treffen ausgerichtet haben,
und auch all jene Vorstandsmitglieder, die bereits
ein Dutzend dieser Tagungen und mehr absolviert
haben, würden vermutlich nur müde abwinken,
würde ich jetzt hier einen ausführlichen Bericht
erstatten über die auf der Arbeitstagung behan-
delten Themen.
Vermutlich würde auch eine eingehende Schilde-
rung des kulturellen Begleitprogramms und der
abendlichen  Festivitäten  nach  so  langer  Zeit
höchstens  ein  gelangweiltes  Gähnen  erzeugen.
Daher werde ich versuchen, es kurz zu machen
und nur die  Aspekte betonen, die für künftige OV-
Treffen-Ausrichter von Interesse sein könnten.
Zunächst hier einmal in Stichworten die Arbeits-
tagung, deren Ablauf eigentlich jedem von uns
geläufig ist.
Dem  einzigen  davon  existierenden  Foto  kann
man entnehmen, daß die Weimar-Abordnung zur
traditionellen Fraktion gehört, denn der Präsident,
Dr. habil. Jochen Golz, und die bewährte Leiterin
der Geschäftsstelle, Dr. Petra Oberhauser, reprä-
sentieren die Muttergesellschaft nunmehr seit den
späten 1990-er Jahren.
Prof. Dr.Volkmar Hansen (Düsseldorf) wurde in-
zwischen von Prof. Dr. Christoph Wingertszahn
abgelöst; der damalige Leiter des Goethehauses
Frankfurt, Dr. Christoph Perels (auf der Tagung
vertreten von Dr. Petra Maisak), wurde vor über
einem Jahrzehnt von Prof. Dr. Anne Bohnenkamp
abgelöst.
Auch bei den GG-Vorständen hat es im Laufe von
16 Jahren einige personelle Veränderungen gege-
ben, aber noch ist es – wie die diesjährige OV-
Tagung  in München  wieder  gezeigt hat – wie
schon seit Jahrzehnten ein großes Familientreffen
der deutschen Goetheaner.
Freitag 27. 4.
9 Uhr, Senatssaal der Humboldt-Universität,
Beginn der Arbeitstagung,
Begleitprogramm:  Stadtführung  durch  das  historische
Berlin, die Friedrichstadt, Gendarmenmarkt, Nikolaiviertel;
15 Uhr, Dampferfahrt mit Kaffeetrinken,
20 Uhr, Konzert in der Deutschen Staatsoper: Fidelio /
(alternativ) 20 Uhr, Philharmonie, Nikolaus Harnoncourt:
Mozart und Haydn.
Samstag, 28.4.
9 Uhr, Senatssaal der Humboldt-Universität,
Fortsetzung der Arbeitstagung,
Begleitprogramm: Zwei Museumsführungen:
Pergamonmuseum / (alternativ) Gemäldegalerie,
16:30 Uhr, Vortrag im Plenarsaal des Deutschen Bundes-
tags sowie die Besichtigung der Kuppel im Reichstagsge-
bäude,
19:30  Uhr, Opernpalais Unter  den  Linden:  Geselliger
Abend mit Buffet. Goethe-Vertonungen von Mozart, Reich-
hart und Schubert, Markus Ahme, Tenor, und Edwin Diele,
Klavier.
Jahrestagung der Ortsvereinigungen in Berlin
77
Sonntag, 29.4.
10 Uhr, Führung: Das neue Berlin
– Potsdamer Platz und Sony Center
12 Uhr, Treffen am Goethe-Denkmal im Tiergarten
mit Ansprache des Präsidenten,
anschließend im Haus Sommer neben dem Brandenburger
Tor Treffen mit Mitgliedern der Goethe-Gesellschaft Ber-
lin, Lesung: Ulrich Ritter: Goethes unsterbliche Geliebte
Resumé: Die Goethe-Gesellschaft Berlin veran-
staltete vom 26. 4. bis 29. 4. 2001 eine Jahresta-
gung mit insgesamt 144 Teilnehmern, von diesen
waren 129 zahlende Teilnehmer aus 52 deutschen
Ortsvereinigungen  der  Goethe-Gesellschaft  in
Weimar e.V..
Die Tagung verlief erfolgreich, sämtliche Veran-
staltungen fanden mit großer Beteiligung statt;
die Organisation verlief reibungslos, die Kosten
blieben im Rahmen der veranschlagten Summen.
Hervorzuheben ist, daß die in Zusammenarbeit
mit der Stadtbibliothek  konzipierte Ausstellung
Goethe- Berlin- Mai 1778, die erfolgreich bis
zum 6. 6. 2001 lief, nur aufgrund der Tagung
überhaupt zustande kommen konnte.
2001
Eröffnung der Ausstellung
Goethe ~ Berlin ~Mai 1778
Durch die Stadt und mancherley Menschen Gewerb
und Wesen hab ich mich durchgetrieben.
(An Charlotte von Stein, 17. Mai 1778)
Mitte Mai 1778 besucht Johann Wolf-
gang Goethe als Begleiter des Weima-
rer  Herzogs  Carl  August  die
Preußischen Residenzen. In Berlin war
er sechs Tage unterwegs, An- und Ab-
reise eingerechnet. Anlaß sind diplo-
matische Erkundungen im Hinblick auf
den  zwischen  Preußen  und  Österreich
drohenden Bayerischen Erbfolgekrieg.
Da er Tagebuch geführt und sich auch in Briefen
über seine Eindrücke geäußert hat, konnte der Aus-
stellungskurator  Siegfried  Detemple  in  der Alten
Staatsbibliothek recht genau nachvollziehen, wel-
ches Besuchsprogramm absolviert wurde, wen die
Gäste aus Weimar trafen, welche Sehenswürdigkei-
ten sie besuchten und was bei den Empfängen am
Hof geredet wurde, sofern das durch schriftliche Äu-
ßerungen überliefert ist.
Die Ausstellung blickt zunächst einmal zurück auf
die Situation in der preußischen Hauptstadt und gibt
auch Berliner Künstlern und Gelehrten das Wort, mit
denen Goethe in den folgenden Jahrzehnten in Ver-
bindung stand.
78
Gezeigt wird, wie Goethe schon vorher in Berlin be-
kannt geworden war, nämlich durch  Aufführungen
von Götz von Berlichingen (Uraufführung) und Cla-
vigo, 1774, der Operette Erwin und Elmire, 1775,
und Stella (Uraufführung), 1776.
An seinen Tagebuchnotizen entlang führt die Schau
durch das friderizianische Berlin, macht bekannt
mit den Freunden, Gelehrten
und  Künstlern,  die  er
aufsuchte,  u.  a. An-
ton  Graff und Da-
niel  Chodowiecki,
zeigt  die  Gebäude,
die er besichtigte, und
gibt  eine  Momentauf-
nahme der Stadt im Augenblick
der Mobilmachung.Zu sehen sind zeitgenössische
Gemälde, Radierungen, Stiche, Briefe und Doku-
mente aus den Sammlungen der Stiftungen Preußi-
scher Kulturbesitz und Preußische Schlösser und
Gärten Berlin-Brandenburg, dem Deutschen Histo-
rischen Museum und  dem Gleimhaus in Halber-
stadt.
Viele  Dokumente  werden  erst-
malig öffentlich ausgestellt, z.
B. der Briefwechsel, den Fried-
rich der Große Januar bis Au-
gust 1778 von Schlesien aus mit
seinem  Bruder,  dem Prinzen
Heinrich in Berlin, führte, Do-
kumente zu Friedrichs Kriegsvor-
bereitungen  sowie  eine  in  der
Staatsbibliothek gefundene Sammlung kolorierter
Kupfer mit einer vollständigen Übersicht über die
Uniformen der Preußischen Regimenter dieser Zeit.
Goethe besucht den einzigen Men-
schen, den er in Berlin persönlich
kennt: Johann  André,  Sohn
eines  Offenbacher Seidenfabri-
kanten, erlernte zwar zunächst
den  Handel,  wandte  sich  aber
früh der Musik zu. Theaterdirek-
tor Döbbelin holte ihn  1777 nach
Berlin. Bis dahin hatte er bereits 18 Opern
und  Singspiele  komponiert.  Die  Bekanntschaft
geht zurück ins Jahr 1773, als Goethe sich mit dem
Gedanken trug,  ein Singspiel für das Theater zu
schreiben und mit der Niederschrift von Erwin und
Elmire begann.
Auf seiner Rheinreise 1774 liest Goethe Lavater aus
seiner ersten Fassung vor;  wenig später vertieft sich
die Verbindung zu André, als der 25-jährige Goethe
sich in Lili Schönemann verliebt, dasWerkchen in
wenigen Wochen zu Ende  schreibt und André in
Offenbach  dazu  die Arien  vertont. Im  Mai 1775
wird es in Frankfurt von einer Liebhaberbühne mit
gutem Zuspruch des Publikums uraufgeführt.
Nach  seinem  Besuch  bei Anton
Graff,  dem  hoch  angesehenen
Portraitmaler  des  Hofes,  ent-
schließt sich Goethe spontan zu
einem weiteren Besuch bei dem
Historiker Jacob Daniel Wege-
lin, da dieser zufälligerweise im
selben Haus wie Graff wohnt.
Wegelin ist Mitglied der Königlichen Akademie der
Wissenschaften und deren Archivar. Mit ihm unter-
hielt sich Goethe über die Philosophie der Geschichte
oder über dessen neuestes Projekt, seine 1779 veröf-
fentlichte Abhandlung über die psychologische Kunst
des Tacitus. Wegelin galt zwar als etwas umständlich
und weitschweifig, hatte aber ein unglaubliches his-
torisches Wissen, und er galt als einer der erster Ver-
treter  der  empirischen  Geschichtsschreibung.
Fruchtbar für den 28-jährigen Goethe war das Ge-
spräch  sicher, hatte  er  jedoch   bereits  zwei  Jahre
zuvor in einem Brief an Merck angemerkt,  er wolle
ausprobieren, wie einem die Weltrolle zu Gesicht
stünde.
Zunächst aus Anlaß einer
gemeinsamen  Jahresta-
gung der Goethe-Gesell-
schaften  geplant,  fügt
sich die Ausstellung ein
in  die  Veranstaltungs-
reihe Preussen/2001.
Wegen der vielen Arbei-
ten  Daniel  Chodowie-
ckis, die zu sehen sein
werden,  ist  sie  auch
eine  kleine  Reminis-
zenz  an  dessen  Tod
vor zweihundert Jah-
ren, am 6.Februar 1801
Auf besonders gelungene Weise informiert über Goethes Berliner Aufent-
halt der Katalog zur Ausstellung Goethe-Berlin-Mai 1778 in der Staatsbi-
bliothek zu Berlin 2001 (Siegfried Detemple in Zusammenarbeit mit der
Goethe Gesellschaft Berlin e.V. anläßlich der Jahrestagung der Goethe-
Gesellschaften vom 26.-29.4. 2001).
79
2001 erscheint im Insel-Verlag eine
400 Seiten umfassende Biografie
über  eine  Frankfurter  Bürgers-
frau namens Elisabeth; monate-
lang steht der dicke Wälzer auf
Nr. 1 der Sachbuch-Bestseller-
liste. Er trägt den Titel: Goethes
Mutter. Die Autorin: Unser Mit-
glied Dagmar  von  Gersdorff.
Grund genug für uns, umgehend bei ihr
anzufragen  und  das  neue  Jahresprogramm  den
Frauen um Goethe zu widmen.
Die Autorin stützt sich nicht nur auf die bisher er-
schlossenen Quellen, sondern hat erstmalig die um-
fangreichen  Haushaltsaufzeichnungen  unter  die
Lupe genommen, aus denen viel Aufschlußreiches
über das Leben im Haus am Großen Hirschgraben
hervorgeht.
Die nur 18 Jahre ältere Mutter, Elisabeth Catharina
Textor, ist die erste Frau in Goethes Leben und trägt
fraglos entscheidend dazu bei, daß er dem weib-
lichen  Geschlecht  Zeit  seines  Lebens  nicht  nur
  Bewunderung, sondern auch großen Respekt zollt.
Das fröhliche, lebensbejahende Naturell der Mutter
sorgt für ein offenes Haus, in dem zahlreiche Besu-
cher  aus-  und  eingehen.  Goethe  und  seine
Geschwister, von denen nur die ältere Schwester
Cornelia das Erwachsenenalter erreicht, verleben
hier eine glückliche Kindheit. Insbesondere Wolf-
gang, ihr über alles geliebter Hätschelhans, wird
von der Mutter verwöhnt und häufig gegen den, um
20 Jahre älteren gestrengen Vater in Schutz genom-
men.
Das enge Verhältnis zur Mutter bleibt ein Leben
lang bestehen; aus den wenigen Briefen, die sich er-
halten haben – Goethe hat bei seinem umfangrei-
chen  Autodafé  1792  fast  sämtliche  an  ihn
gerichteten Briefe verbrannt – wird ersichtlich, daß
Mutter und Sohn enge Vertraute waren, die einander
so gut kannten, daß nur wenige Worte oder Andeu-
tungen nötig waren, um einander zu verstehen.
Nur wenig bekannt ist jenes Gedicht, das Goethe
mit 18 Jahren an Frau Aja richtet:
An die Mutter
Obgleich kein Gruß, obgleich kein Brief von mir /
So lang dir kommt /, laß keinen Zweifel doch
Ins Herz, als wär die Zärtlichkeit des Sohns,
Die ich dir schuldig bin, aus meiner Brust
Entwichen. (...)
Und dir bei jedem Blicke zeigt, wie dich dein Sohn verehrt.
Er habe Phantasie, Einbildungskraft und Formulie-
rungskunst von der Mutter, der brillanten Erzähle-
rin,  geerbt,  bemerkt  Goethe  in Dichtung  und
Wahrheit, und auch die Besucher im Hirschgraben
sind oft überrascht, den Dichter ganz in ihr wieder-
zufinden.
Der dreijährige Leipziger Studienaufenthalt vermit-
telt dem jungen Goethe vielfältige Welt- und Selbst-
erfahrung.  Insbesondere  die  Begegnung  mit
Käthchen Schönkopf mit ihren Höhen und Tiefen
markiert  eine  neue  Entwicklungsstufe. Josef
Mattausch geht dem anhand lebendiger, aussage-
starker Zeugnisse nach.
Als der 17-jährige Student  im Herbst 1766 in Leip-
zig zu Studienzwecken eintrifft, nimmt er den Mit-
tagstisch im Gasthof des Weinhändlers Christian
Gottlieb Schönkopf, wo er alsbald die Tochter des
Hauses kennenlernt; Anna Katharina Schönkopf,
die dort gelegentlich aushilft.
Die  Beziehung  scheint  allerdings
von Anfang an recht problematisch
gewesen  zu  sein,  nicht  zuletzt
wegen  Goethes  extremer  Eifer-
sucht  auf  vermeintliche  Neben-
buhler.  Vertrauter  in  der
Beziehung  zu  Käthchen  ist  der
zehn  Jahre  ältere  Ernst  Wolfgang
Behrisch,  Fachmann  in  allen  Fragen
des galanten Lebens und der Poesie. Käthchen wird
allerdings  der  ständigen  überschwenglichen  Ge-
fühlsausbrüche und künstlichen Eifersuchtsdramen
bald  überdrüssig.  Als  er  sie  nach
schrecklichen Szenen wirklich verlo-
ren hat, erscheint die Trennung im
Frühjahr  1768  unausweichlich.
Goethe kuriert sich von den durch-
gemachten Erschütternissen durch
das Schäferspiel Die Laune des Ver-
liebten,  in  dem  ein  eifersüchtiger
Liebhaber geheilt wird, als er erkennt,
2002                  
Die Frauen um den jungen Goethe
Autorenlesung:
Dagmar v. Gersdorff (Berlin)
Goethes Mutter und Schwester  
Dr. Josef Mattausch (Leipzig)  
Erleben und Fiktion
Goethes Jugendliebe Anna Katharina Schönkopf
80
Monika Schopf-Beige geht´s um Friedriken; aus
Platzgründen  müssen  wir  hier  leider  zahlreiche
Details  weglassen,  aber  die Willkommen-und-
Abschied-Geschichte ist ja doch allgemein ganz gut
bekannt.
In Dichtung und Wahrheit berichtet
Goethe  später von seiner  ersten
Begegnung  mit  Friederike: In
diesem  Augenblick  trat  sie
wirklich  in  die  Türe;  und  da
ging fürwahr an diesem ländli-
chen Himmel ein allerliebster
Stern  auf. (…) Schlank  und
leicht, als wenn sie nichts an sich
zu tragen hätte, schritt sie, und bei-
nahe schien für die gewaltigen blon-
den Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu
zart.
Friederike wohnt sechs Reitstunden entfernt. Je
weiter  weg,  desto  besser.  Nichts  entzündet
Goethes Phantasie mehr als das schwer Erreich-
bare. Er schreibt ihr leidenschaftliche Gedichte.
Bald ist sie sein Mädchen, dem er Hoffnung macht.
1770/1 entsteht eine Reihe von Gedichten und Lie-
dern, die er manchmal mit bemalten  Bändern an die
Geliebte sendet. Die Sesenheimer Lieder gehören
maßgeblich zum Sturm und Drang und begründen
Goethes Ruf als Lyriker. Unter ihnen sind zum Bei-
spiel das Mailied, Willkommen und  Abschied und
Das Heidenröslein.
Die Liebesbeziehung ist jedoch nicht von langer
Dauer. Schon im Frühsommer 1771 erwägt Goethe,
der seine unruhige Seele mit dem Wetterhähnchen
drüben auf dem Kirchturm vergleicht, die Bezie-
hung zu beenden. Am 7. August 1771 sieht er Frie-
derike vor  seiner  Heimkehr  nach  Frankfurt  zum
letzten Mal: Als ich ihr die Hand noch vom Pferde
reichte, standen ihr die Tränen in den Augen, und
mir war sehr übel zumute.
Aus berufenem Munde, nämlich dem des Leiters
der  Städtischen  Sammlungen  Wetzlar, Hartmut
Schmidt, der uns im Vorjahr bereits durchs Lotte-
haus geführt hat, erfahren wir, was wirklich ge-
schah  in  jenem  Sommer  1772.  Bekanntlich  ist
vieles, was im Werther steht, erst 1½ Jahre später
zu Papier gebracht worden und lediglich Goethes
Phantasie entsprungen.
Goethe  lernt Lotte, die Tochter des
verwitweten Wetzlarer Amtmanns
Buff, auf einem Tanzfest kennen.
Lotte bezaubert ihn sowohl durch
ihre  äußerliche  Er-
scheinung  als  auch
durch  ihre  offene
Art.  Wie  im  Wer-
ther  beschrieben,
tanzt  er  den  ganzen
Abend  mit  ihr,  und  es  imponiert
ihm sehr, wie Lotte die Festgesell-
schaft  während  des  Gewitters  mit
einem Spiel ablenkt.
Nicht nur mit Lottes Geschwistern versteht Goethe
sich bestens; selbst zu Albert, Lottes Verlobtem, hat
er nach dessen Rückkehr ein sehr gutes Verhältnis.
Dennoch belastet Goethe die Aussichtslosigkeit sei-
ner  Beziehung  so  sehr,  daß  er  Wetzlar  vorzeitig
  wieder den Rücken kehrt. Unfähig, Zuneigung und
Eifersucht zu zügeln, verläßt er nach einem brief-
lichen Abschied von beiden spontan die Stadt an der
Lahn. Erst als er 1½ Jahre später von dem Freitod
des gemeinsamen Wetzlarer Bekannten Jerusalem
erfährt, entscheidet er sich, das Lotte-Erlebnis lite-
rarisch zu verarbeiten.
Die Erstauflage  des in
wenigen  Tagen  aufs
Papier  gewühlten
Briefromans  mit
dem Titel: Die Lei-
den  des  jungen
Werthers erscheint
1774 in einer ersten
Auflage von rd. 800
Exemplaren, vorsichts-
halber  erst  einmal
anoynym.  Als  Goethe
gewahr  wird,  daß  er
damit den Nerv der Zeit
getroffen  hat,  bekennt
er sich als Autor.
Dr. Wolfgang Butzlaff (Kiel)
…einer einzigen angehören…
Goethes Verlobungen und Gelöbnisse
Monika Schopf-Beige (Ludwigsburg)
O Mädchen, Mädchen, wie liebe ich Dich…
Friedrike Brion
Dr. Hartmut Schmidt (Wetzlar)
So sei es denn, Lotte, Lotte lebe wohl!
Werthers Lotte – Wahrheit und Dichtung
81
Anna Elisabeth Schönemann geht in die
Literaturgeschichte  als  Goethes  Ver-
lobte Lili ein. Sie ist die zweite Prota-
gonistin  des  Referats  von Monika
Schopf-Beige,  die  uns  faktenreich
auch diese nächste aussichtslose Be-
ziehung  des  jungen  Advoka-
ten/Dichters  schildert.  Die
Tochter  eines  vermögenden
Frankfurter  Bankiers  lernt
Goethe im Frühjahr 1775 bei einem
Hauskonzert der Familie kennen. In
die  musikalische  Sechzehnjährige
verliebt er sich Hals über Kopf, ver-
lobt  sich  mit  ihr  nach  nur  wenigen
Wochen insgeheim, wie Goethe im 17.
Buch von Dichtung und Wahrheit schil-
dert, erwägt er sogar, mit ihr nach Amerika auszu-
wandern.
Beide stehen in einem eigenartigen Liebesverhältnis
zueinander, wie man ohne große Mühe aus Goethes
Gedicht Lilis Park herauslesen kann:
Ist doch keine Menagerie so bunt als meiner Lili ihre!
Sie hat darin die wunderbarsten Tiere
Und kriegt sie 'rein, weiß selbst nicht wie,
Die armen Prinzen allzumal,
In nie gelöschter Liebesqual!
Schon  nach  einem halben Jahr wird  beider Ehe-
versprechen wieder gelöst, denn die Elternhäuser
stehen der Verbindung ablehnend gegenüber und
Goethe selbst empfindet Lili bald als Einengung
seiner Lebensplanung, will er doch der Einladung
des Herzogs Carl-August nach Weimar folgen.
Dennoch  kann  er  Lili  zeitlebens nicht  vergessen
(wie in Dichtung und Wahrheit nachzulesen ist), hat
seinerzeit bei seiner ersten italienischen Reise sogar
ihr Konterfei in einem Medaillon um den Hals mit
über die Alpen genommen. Noch im Alter von 80
Jahren offenbart Goethe seinem Vertrauten Fried-
rich Soret Lili war die erste, die ich tief und wahr-
haft liebte, und vielleicht war sie auch die letzte.
Wie bereits im Goethe-Jahrbuch 103 sucht Otti
Lohss dem Wesen der tiefen Beziehung nach-
zugehen, die Goethe im ersten Weimarer Jahr-
zehnt mit Charlotte von Stein verbindet. Die
Eckdaten können ja wohl doch weitgehend als
bekannt vorausgesetzt werden.
Charlotte Albertine Ernestine Freifrau von Stein,
ist Hofdame der Herzogin Anna Amalia und ihre
enge Vertraute. Goethe lernt sie kurz nach seiner
Ankunft in Weimar im November 1775 kennen.
Die  sieben  Jahre  Ältere  ist  verheiratet  mit  dem
Landedelmann  Josias  von  Stein,  dem  Oberstall-
meister am Hofe. Sie hatte sieben Kinder mit ihm,
von denen noch drei leben, als Goethe sie kennen-
lernt. Die 1770 Briefe, Billette, Zettelgen und die
zahlreichen Gedichte, die Goethe an sie richtet, sind
die Dokumente einer außergewöhnlich innigen Be-
ziehung (Frau von Steins Briefe sind nicht erhalten).
Es wird darin deutlich, daß die Geliebte den Dichter
als Erzieherin fördert. Sie bringt ihm höfische Um-
gangsformen bei, besänftigt seine innere Unruhe
und stärkt seine Selbstdisziplin.
Fest  steht  nur,  daß  diese
Liebesbeziehung sowohl
für Goethe als auch für
Charlotte  von  Stein
von  enormer lebens-
geschichtlicher  Be-
deutung  ist.  Auch
kann  es  als  nahezu
gesichert gelten, daß
Charlotte den Wunsch
von Goethe nach Sinn-
lichkeit,  nach  der  der
Liebende auch immer wie-
der strebt, nicht zulassen kann.
Als Goethe 1786 heimlich zu einer fast zweijähri-
gen Reise nach Italien aufbricht, erleidet die Bezie-
hung einen tiefgreifenden Bruch. In Anbetracht von
Goethes Schweigen über sein Wegbleiben, wenigen,
schleierhaften Briefen von unbekanntem Ort und
ihrer Unkenntnis der für sie geschriebenen Reise-
tagebücher, wird die von ihr empfundene Frustra-
tion verständlich. Sie ist der Meinung, er habe sie
verlassen. Erst recht nicht verzeihen kann sie ihm
nach seiner Rückkehr die Liebesbeziehung zu der
um 25 Jahre jüngeren Christiane Vulpius.
Erst  nach  vielen  Jahren  gestaltet  sich  zwischen
beiden  wieder  ein  gewisses  Freundschaftsver-
hältnis, das bis zum Tode der Frau von Stein (1827)
andauert.
Monika Schopf-Beige (Ludwigsburg)
Herz, mein Herz, was soll das geben?
Lili Schönemann
Otti Lohss (München)
Kanntest jeden Zug in meinem Wesen…
Charlotte von Stein – Goethes Freundin
82
Die Herzogstochter und Nichte
Friedrichs des Großen heira-
tet als Sechzehnjährige den
zwei  Jahre  älteren   Herzog
Ernst   August  Konstantin
von Sachsen-Weimar  und
schenkt ihm zwei Söhne.
Als ihr Mann nach drei Jahren
stirbt, verwaltet Anna Amalia die
Regentschaft für ihren unmündigen
Sohn.  In  die  Geschichtsbücher  geht  sie  ein  als
menschliche und sehr kunstsinnige Regentin, die ihr
Herzogtum mit einigem wirtschaftlichen Geschick
lenkte.
Neben ihren vielen offiziellen Pflichten pflegt Anna
Amalia die Künste; sie nahm Klavierunterricht, be-
gründete das deutsche Schauspiel in Weimar und
kann auch als eigentliche Initiatorin der Weimarer
Museen  bezeichnet  werden.  Sie  sammelte  einen
Kreis wichtiger Musiker und Dichter wie Herder,
Wieland und Goethe um sich.
Friedmar Apel nimmt  Corona  Schröter  und  ihr
besonderes Verhältnis zu Goethe in den Fokus. Die
Sängerin, Schauspielerin und Komponistin wird ab
November 1776 auf  Goethes Betreiben  zur viel-
beschäftigten  und  bewunderten  Sängerin  der
Weimarer Hofkapelle. Sie ist vielseitige professio-
nelle Darstellerin und als solche die Hauptstütze
von Goethes Liebhaberaufführungen, eine fertige
Klavier-  und  Flötenspielerin, gewandte  Gesell-
schafterin sowie  künstlerisch  und  literarisch
ambitioniert. 1779 findet die erste Auf-
führung der Iphigenie mit Corona in
der Titelrolle und Goethe als Orest
statt, auch der Herzog wirkt mit.
Corona  Schröter  wird  zu  ihrer
Zeit auch als Liederkomponistin
gefeiert;  vertont  sie  doch  u.a.
auch  Goethes Erlkönig.
Die Beziehung zwischen Goethe
und  der  Schauspielerin  Corona
Schröter ist nach wie vor geheimnis-
voll. Unzweifelhaft aber scheint, daß sowohl
der Herzog als auch Goethe sich um sie bemühen.
Der Dichter aber entziffert an ihr spiegelbildlich
die  Problematik  des  Künstlers  im  Dienst  der
Macht.
Das ist auch ein Thema der Iphigenie. Auffallend
oft sagt Iphigenie im Eingangsmonolog »hier«.
So konnte das Stück dem Weimarer Publikum die
Selbstbehauptung  des  Künstlers  der  Obrigkeit
gegenüber vor Augen führen.
Prof. Dr. Friedmar Apel (Bielefeld)
und selbst Dein Name ziert, Corona,  Dich...
Iphigenie in Weimar
Eckart Henscheid (Berlin)
Frauen unter Goethe (Lesung)
Dr. Franziska Schöffler (Freiburg i.B.)
Lehrjahre
Frauengestalten im Wilhelm Meister
83
Das Jahr beginnt mit einem Lichtbildervortrag im
Literaturhaus,  in  dem  uns Siegfried  Seifert die
Weimarer Primadonna Karoline Jagemann vorstellt.
Sie ist ein Weimarer Kind. Der Vater, Bibliothekar
der  Herzoginmutter,  sorgt  1790  dafür,  daß  die
Stimme  seiner  13-jährigen  Tochter  Karoline  am
berühmten Mannheimer Nationaltheater unter Iff-
lands strenger Leitung die gründlichste Ausbildung
erfährt. sechs Jahre später kehrt sie nach Weimar
zurück,  nun  eine  Sängerin  und  Schauspielerin,
deren  Sprechen so melodisch und geistreich akzen-
tuiert ist, wie ihr Gesang einem Nachtigallenton
gleicht, voll Süße, Rundung und Kraft.
Seiner Lehre, so Goethe 1824 zu Eckermann, habe
sie nie bedurft. Sie sondere klug die Charaktere und
bilde jede Einförmigkeit meidend, die eigene Indi-
vidualität der dichterischen Figur gemäß um«. Sie
sei »wie auf den Brettern geboren, in allem sicher
und entschieden, gewandt und fertig wie die Ente
auf dem Wasser gewesen.
Sie  ist  unbedingt  ein
Gewinn  für  Weimars
Bühne, doch auch ein
Problem für einen In-
tendanten wie Goethe,
der selbst von der gro-
ßen  Begabung  den
Willen  zur  Einord-
nung in das Ensemble
erwartet.  Karoline
aber  neigt  weder  zur
Bescheidenheit  noch
zur  Selbstunterschät-
zung.
Die Situation verschärft sich, als sie dem jahrelan-
gen leidenschaftlichen Werben Carl-Augusts nach-
gibt und 1802, nachdem sie sicher sein kann, daß
Herzogin Luise großmütig zustimmt, in eine Ver-
bindung einwilligt, die sie als Nebenfrau an Carl
Augusts Seite rückt. Goethe sieht sich plötzlich mit
einer  Primadonna  konfrontiert,  gegen  die  er  nur
mühsam seinen Willen behaupten kann.
1809 legalisiert Carl August zudem den Bund mit
Karoline und deren Nobilitierung zu einer Frau von
Heygendorf. Noch im selben Jahr ernennt der Her-
zog sie zur Operndirektorin. Sie übernimmt, nach-
dem sie gegen Goethe intrigiert und 1817 dessen
Rückzug aus dem Theaterbetrieb bewirkt hat, die
alleinige  Leitung des Hoftheaters. Als  1823, zur
Feier von Goethes Genesung von einer schweren
Herzerkrankung Tasso gegeben wird, krönt sie statt
Vergils Goethes Büste mit Lorbeer und bringt am
Ende der Aufführung, noch im Kostüm ihrer Rolle,
den Kranz dem Dichter.
Eckart  Kleßmann,  ausgewiesener  Kenner  der
Goethezeit, bereitet gerade ein Buch vor mit dem
Titel: Christiane – Goethes Geliebte und Gefährtin
und gewährt uns vorab schon einmal einen Einblick
in seine Recherchen. Zahlreich sind die überkom-
menen Klischees über Goethes langjährige Lebens-
gefährtin und spätere Ehefrau, die zunächst von der
Weimarer  Gesellschaft,  später  von  Generationen
von Literaturhistorikern als Bettschatz und Dumm-
chen tituliert wurde.
Mit  dem  schönen  Elan  der
Sympathie entwirft Kleß-
mann  ein  gerechteres
Bild der jungen Frau,
die  mehr  ist  als  die
sinnliche  Geliebte,
die umsichtige Wirt-
schafterin  und  sor-
gende  Mutter:  für
Goethe  ist  sie die
unvergleichlich e
Partnerin  im  Reich
der guten Täglichkeit,
deren Liebe er mit Liebe
erwidert  und  für  deren
Wärme er mit Wärme dankt,
des dauerhaften Vergnügens, das
sie ihm beschert, niemals überdrüssig.
Kleßmann geht es darum, durch eine Auswahl von
Urteilen  und  Briefen  zum  einen  den  Charakter
Christianes für uns schärfer zu konturieren sowie
zum anderen zu umreißen, wo und wie wir der lang-
jährigen Lebensgefährten Goethe in seinem Werk
wiederbegegnen.
2003                 
Die Frauen um den älteren Goethe
Siegfried Seifert (Weimar)
Goethes schöne Freundin?
Die Weimarer Primadonna Karoline Jagemann
(Dia-Vortrag)
Eckart Kleßmann  (Hamburg)
Mein Liebchen Du…
Christiane Vulpius im Urteil der Zeitgenossen
und in Goethes Briefen und Gedichten
84
Dem  Gedicht Gingko
biloba und  seiner  Ent-
stehunggeschichte.wid-
met  sich Theo  Buck.
Das  Gedicht  ist  Mari-
anne von Willemer ge-
widmet  und  stellt  das
Ginkgoblatt  aufgrund
seiner Form als Sinnbild
der  Freundschaft  dar.
Die Erstfassung des Ge-
dichts ist datiert auf den
15. September 1815, als
Goethe  während  eines
fünfwöchigen  Aufent-
haltes in Frankfurt dort
mehrmals mit Marianne
von Willemer am Main-
ufer  verabredet  ist.  Er
wohnt sogar eine Woche im Roten Männchen, der
Willemerschen Stadtwohnung, die übrige Zeit in
der Gerbermühle.
Überliefert ist, daß Goethe die Blät-
ter des Ginkgo betrachtet und über
deren Form sinniert habe. Eines der
Blätter  sendet  er  schließlich  als
Ausdruck seiner Zuneigung an Ma-
rianne. Der mit Goethe befreundete
Kunstsammler  und  Schriftstel-
ler  Sulpiz  Boisserée  erwähnt  in
einer Tagebucheintragung vom 15.
September  1815: Heiterer Abend.
G. hat der  Willemer ein Blatt des
Ginkgo  biloba  als  Sinnbild  der
Freundschaft  geschikt  aus  der
Stadt. Man weiß nicht ob es eins das sich in 2 theilt,
oder zwey die sich in eins verbinden. So war der In-
halt des Verses.
Im Juni ist Katharina Mommsen, Expertin in Sa-
chen Divan, aus Palo Alto wieder einmal über den
Großen Teich gekommen und widmet sich in ihrem
Vortrag der Dichterin Marianne von Willemer.
Eine eingehende wissenschaftliche Beschäftigung
mit diesem Thema schien sich bisher weitgehend zu
erübrigen. Fast ausnahmslos werden die Gedichte
aus Mariannes Feder Goethe zugerechnet, in dessen
Divan sie sich so nahtlos einfügen; apostrophiert als
Goethes Suleika, erscheint  sogar  die Verfasserin
selbst als Goethes Geschöpf, als Dichterin allein
von Goethes Gnaden, aus deren Mund letztlich das
Genie selber spricht.
Dabei ist die Tatsache, daß Marianne einige Ge-
dichte zu Goethes großem Spätwerk beigetragen hat
seit 1869 durchaus bekannt, zumindest der Goethe-
Forschung. Ihr großes Geheimnis wurde allerdings
erst neun Jahre nach ihrem Tod ver-
öffentlicht. In einem Gespräch mit
dem Schriftsteller und Kunsthistori-
ker Herman Grimm, dem Sohn des
Märchensammlers Wilhelm Grimm,
bekennt sie  sich dazu, als Suleika
dem Dichter auf seine Verse mit ei-
genen  Gedichten  geantwortet  zu
haben.
Katharina Mommsen: In der Litera-
tur über Marianne von Willemer ist
es üblich, ihre Gedichte, soweit es
sich nicht um die des Buchs  Suleika handelt, als
schwach zu kennzeichnen und als bloße Gebrauchs-
lyrik  abzuwerten.  Wie  es  scheint,  hat  sie  selbst
durch die für sie charakteristische große Beschei-
denheit zur Unterbewertung ihres dichterischen Ta-
lents  beigetragen.  Bezeichnend  für  ihre  Demut,
beginnt auch ihr erstes an Goethe gerichtetes Ge-
dicht mit dem Vers:
Zu den Kleinen zähl ich mich,
Liebe Kleine nennst Du mich.
Willst Du immer so mich heißen,
Werd ich stets mich glücklich preisen,
Bleibe gern mein Leben lang
Lang wie breit und breit wie lang.
Als den Größten kennt man Dich,
Als den Besten ehrt man Dich,
Sieht man Dich, muß man Dich lieben,
Wärst Du nur bei uns geblieben,
Ohne Dich scheint uns die Zeit
Breit wie lang und lang wie breit.
Dadurch  gibt  sie  sich  selbst  auf  den  ersten  Blick
einen fast schulmädchenhaften Anstrich. Doch wenn
man die Verse genauer betrachtet, so entdeckt man,
daß sie bei aller äußeren Einfachheit von unüber-
windbarem Raffinement sind.Das konnte allerdings
nur Goethe gewahr werden, während sich die übrigen
Leser durch den naiven Ton täuschen ließen.
Prof. Theo Buck (Aachen)
…sind es zwei, die sich erlesen...
Mariannne von Willemer und Goethe
im Spiegel des Gedichtes Gingko biloba
Prof. Dr. Katharina Mommsen (Palo Alto)
Zu den Kleinen zähl ich mich…
Die Dichterin Marianne von Willemer
85
Im  März  setzt  uns Hans-Hellmut
Allers ins Bild über Goethes Verhält-
nis zu Bettine Brentano, der exzen-
trischen Tochter seiner Jugendliebe
Maximiliane, die stirbt, als Bettine
acht Jahre alt ist. Der Vortrag setzt
ein bei der Großmutter Sophie La
Roche, schildert die Freundschaft
der  jungen   Bettine  mit  Goethes
Mutter,  deren  Erzählungen  aus  der
Kindheit des Dichters letztendlich Goe-
the zur Niederschrift seiner Autobiografie anregen.
Als  Bettine  in  Begleitung  von  Schwester  und
Schwager Savigny Goethe das erste Mal in Weimar
gegenübertritt, ist sie 22 Jahre jung; er ist 57 Jahre
alt und seit sechs Monaten mit Christiane verhei-
ratet.
Was folgt, ist allgemein bekannt: Bettines zahlreihe
Briefe an ihn; seine meist spärlichen und recht sprö-
den Antworten; mehrere Begegnungen; ihre Verlo-
bung mit Achim von Arnim; ihr beharrliches Vor-
schlagen eines Treffens zwischen Goethe und Beet-
hoven, die sich ohne ihre Vermittlung vielleicht nie
persönlich begegnet wären; schließlich der vielfach
kolportierte  Streit  zwischen  ihr  und  Christiane
– Bettine äußert sich hochmütig und abfällig über
die Werke vom Kunschtmeyer; Christiane reißt  ihr
daraufhin die Brille von der Nase, worauf  Bettine
sie bekanntlich eine wahnsinnige Blutwurst nennt.
Goethe erteilt ihr Hausverbot; es wird ein endgülti-
ger Bruch sein. Dem Referenten gelingt es, in der
restlichen halben Stunde Bettines Familienleben zu
schildern, ihr späteres soziales Engagement in Ber-
lin und einzugehen auf den von ihr nach Goethes
Tod veröffentlichten überwiegend fingierten Brief-
wechsel mit einem Kinde. Als Epilog sodann die
kurze Schilderung ihres Entwurfs für ein Goethe-
Denkmal: Dieses zeigt ihn als thronenden Olympier
gehüllt in eine griechische Toga mit nacktem Ober-
körper, in der Hand eine Lyra.
Viel  ist  schon über  Bettine  geschrieben  worden,
deshalb  faßt  der  Vorstand  den  Entschluß,  Hans-
Hellmut Allers' Vortrag über Goethes Verhältnis zu
Bettine  als  Jahresgabe  zu  publizieren,  der  eine
Reihe weiterer aus seiner Feder folgen werden.
Im Oktober spricht der Historiker Detlef Jena, Ex-
perte für die napoleonische Ära, und bringt uns die
Zarentochter Maria Pawlowna näher, indem er sie
im historischen, geistigen, politischen und räumli-
chen Kontext zeigt und daher auch ihr Verhältnis zu
Goethe sehr lebensnah mit Kolorit versieht.
Wir lernen  viel  an  diesem Abend:  Die russische
Großfürstin Maria Pawlowna, Enkelin Katharina
der Großen, Tochter des unglückseligen, 1801 von
einer Adelsclique erdrosselten Zaren Paul, Schwes-
ter der Zaren Alexander und Nikolaus und spätere
Schwiegermutter des deutschen Kaiser Wilhelm I.,
heiratet 1804 den Erbherzog von Sachsen-Weimar-
Eisenach, Carl Friedrich. Vom weltstädtischen Ve-
nedig des Nordens – St. Petersburg – kommt die
18-jährige in das kleine, provinzielle, aber geistig
und literarisch hochgerühmte Weimar.
Maria Pawlowna, die neben Rus-
sisch und Französisch Deutsch,
Englisch  und  Italienisch
spricht, identifiziert sich mit
der Weimarer Klassik, verehrt
und unterstützt insbesondere
Goethe und Liszt und ruft eine
einmalige  Symbiose  von
Musik, bildender Kunst, Archi-
tektur und Dichtung ins Leben.
Zunehmend  entwickelt  sie  sich  zur  sozial  und
karitativ engagierten, lebenspraktisch orientierten
Landesmutter  und  setzt  sich  landesweit  für  eine
elementare Bildung und Ausbildung insbesondere
für Frauen und Kinder ein. Goethe zu Eckermann:
Ich kenne die Großfürstin seit dem Tage ihrer An-
kunft und habe in Menge Gelegenheit gehabt, ihren
Geist und Charakter zu bewundern. Sie sei eine der
besten  und  bedeutendsten  Frauen  ihrer  Zeit  und
würde es auch sein, wenn sie keine Fürsten wäre.
Und er fährt fort: Für dieses Land ist sie von jeher
wie ein guter Engel gewesen und wird es mehr und
mehr, je länger sie mit ihm verbunden ist.
Hans-Hellmut Allers (Berlin)
Du wunderliches Kind
Bettine von Arnim und ihre Beziehung zu Goethe
Prof. Detlev Jena (Eisenberg/Jena)
Die sehnlichst Erwartete
Goethes Verhältnis zur Großfürstin
Maria Pawlowna
Dr. Heike Spies (Düsseldorf)
Mariane, Philine, Aurelie….
Die Frauengestalten in Goethes Roman
Wilhelm Meisters Lehrjahre
86
Im  November  widmet  sich
Klaus-  Michael  Koeppen
Goethes letzter  Liebe,  Ulrike
von   Levetzow,  und  erläutert
dem Publikum, warum  Goethe
1823  am  Herzen  erkranken
mußte, und daß dies ein gera-
dezu  klassisches  Beispiel  von
psychosomatischen Leiden dar-
stelle.
Den  Reigen  beschließt  im  Dezember Monika
Schopf-Beige mit einem faktenreichen Vortrag über
Goethes Schwiegertochter. Diese, geborene Ottilie
von Pogwisch, lebt allein bei der Mutter und Groß-
mutter,  einer  geborenen  Henckel  von  Donners-
marck. Von Zeitgenossen wird sie beschrieben als
klein  und  zierlich,  sie  hat  ausdrucksvolle  blaue
Augen, schönes Haar und kann gewandt plaudern;
sie singt, zeichnet, ist gefühlvoll und früh gewitzt,
gelehrig, begeistert sich für Byron, hat Freude am
Theater und dichtet auch ein wenig.
Goethe setzt große Hoffnungen in diese junge Frau,
um die  sein Sohn August wirbt. Schließlich ent-
schließt sie sich im Juni 1817, also ein Jahr nach
Christianes Tod, mit knapp 21 Jahren nach einigem
Widerstreben die Frau August von Goethes zu wer-
den,  doch  vor  allem  die  Schwiegertochter  des
Weimarer Dichterfürsten.
In der Mansardenwohnung am Weimarer Frauen-
plan ist sie wohl mehr die mit dem berühmten Dich-
ter geistvoll plaudernde Schwiegertochter als die
sich  dem  Ehemann  August  liebevoll  widmende
Gattin,  dem  sie  immerhin  drei  Kinder  gebärt:
  Walther Wolfgang (1818), Wolfgang Maximilian
(1820) und das 1827 geborene Nesthäkchen Alma.
Während Ottilie sich neben dem Schwiegervater zu
behaupten weiß, ist August eher eine fatale Rolle
zugeteilt: Der Vater hat ihn herangezogen, damit er
Goethes Geschäfte verwaltet; für ihn die Honorar-
verhandlungen mit den Verlegern führt und über-
haupt  alles  übernimmt,  was  Goethe  von  seinen
wichtigen Hauptgeschäften, seinen Korresponden-
zen und seinem dichterischen Tun abhält.
Dies  erfüllt  er  zwar  alles  zur  Zufriedenheit  des
Vaters, doch Ottilie entgeht dieser etwas entwürdi-
gende Status des Ehemanns quasi als Haushofmei-
ser  am  Frauenplan  keinesfalls  und  das  läßt  sie
August auch spüren. Die Ehe ist alles andere als
harmonisch.
15 Jahre lang wird sie nun die
nächste  Mitbewohnerin  des
Dichters.  Rasch  entwickelt
sich die geistreiche Schwie-
gertochter zum Anziehungs-
punkt  der  internationalen
Gästeschar des alten Goethe.
1829  gründet  sie  die  Zeit-
schrift Chaos,  in  der  neben
Goethe und den Weimarer Freun-
den auch zahlreiche berühmte Zeitgenossen vertre-
ten sind.
Nach zwölf Ehejahren projiziert Ottilie ihre uner-
füllte Liebessehnsucht auf den neunzehnjährigen
Iren Charles James Sterling, der Goethe im Auftrage
Lord Byrons besucht.
Sterling bleibt ein Jahr lang in Weimar; zur selben
Zeit, da der 74-jährige Goethe seine Marienbader
Affäre mit Ulrike von Levetzow hat, bahnt sich zwi-
schen Ottilie und Sterling eine von Ottilie leiden-
schaftlich betriebene Beziehung an.
Dennoch erfüllt sie weiterhin ihre Pflichten als Mut-
ter  und  Schwiegertochter.  Augusts  Alkohol-
probleme und Ottilies Liebschaft belasten die Ehe
allerdings bald so schwer, daß August sich zu einer
Reise nach Italien entschließt, wo er 1830 in Folge
eines Nierenversagens stirbt.
Nach seinem Tod lebt Ottilie weiterhin bei ihrem
Schwiegervater; obwohl sie sich gelegentlich von
Goethe überfordert fühlt, gehört er, den sie liebevoll
Vater nennt,  zu  den wenigen  stabilen  Größen  in
ihrem Leben.
Als Goethe 1832 stirbt, verfügt er in seinem Testa-
ment, daß an Ottilie eine Rente auf Lebenszeit nur
unter  der  Prämisse ausgezahlt wird,  daß sie von
einer erneuten Heirat absieht.
Dr. Klaus-Michael Koeppen (Berlin)
Keine Liebschaft war es nicht
Ulrike von Levetzow –
Traum oder Wirklichkeit?
Monika Schopf-Beige (Ludwigsburg)
Was Du mir als Kind gewesen,
was Du mir als Mädchen warst
Ottilie von Goethe
87
Zum Auftakt führt uns Werner Busch Goethes Ver-
hältnis zur bildenden Kunst vor Augen. Seine ersten
bewußten Kunsteindrücke: Die Gemälde der zeit-
genössischen Frankfurter Malerschule deren Land-
schaften  der  Vater  sammelt.  Noch  mehr
beeindrucken ihn die Renaissance-Kupferstiche im
Treppenhaus, die über drei Jahrzehnte seine Vor-
stellung von Rom prägen werden.
Der Leipziger Student nimmt Un-
terricht  beim   Kupferstecher
Adam Friedrich Oeser, doch mit
der arabesken Formensprache
des Rokoko vermag er wenig
anzufangen. Es folgt die Straß-
burger Sturm- und-Drang-Zeit,
in  der  der  Zweiundzwanzig-
jährige  den Aufsatz Von  deut-
scher Baukunst verfaßt, in dem er
über  die  gotische  Bauweise  des
Münsters und seiner Details reflektiert.
Den entscheidenden Einschnitt markiert die Italien-
reise.  Die  dort  gewonnenen  Eindrücke  werden
Goethes  Kunstideal  für  die  nächsten  Jahrzehnte
prägen. An den aus der Geschichte  der Antike und
der  Renaissance  gewonnenen  Vorstellungen  des
Menschenbildes, der Architektur- und Naturdarstel-
lung richtet Goethe nun seine kunsterzieherischen
Bemühungen in den nächsten Jahren aus. Sie prä-
gen in der Zeit um 1800 auch seine aktive Einfluß-
nahme gegen die Romantiker;
Erst im letzten Drittel seines Lebens – nach der
durch Sulpiz Boisserée herbeigeführten Wiederbe-
gegnung mit Motiven der altdeutschen Malerei –
wird  Goethe  versöhnlicher  anderen  Kunstauf-
fassungen gegenüber gestimmt. Sein hohes künst-
lerisches  Schönheitsideal  –  die  harmonische
Verbindung des Menschen mit der Natur – bildet
das Leitthema seiner Sammlung von über 17.000
Graphikblättern.
Im Februar gibt uns Hans-Hellmut Allers einen
detaillierten Einblick in das Bühnengeschehen hin-
ter den  Kulissen  des Weimarer Theaters,  dessen
Leitung Goethe über 25 Jahre innehat. Von beson-
derem Interesse ist  für viele Zuhörer auch die enge
Verbindung  zu den Berliner Bühnen, die der Dra-
matiker, Intendant und Spieleiter Goethe Zeit seines
Lebens sucht.
Goethe steht mit Iffland, Devrient und vielen ande-
ren  in  engem  Briefkontakt  und  läßt  sich  später
regelmäßig von seinem vertrauten Freund Zelter
berichten, wie das Publikum auf welche Inszenie-
rungen reagiert habe.   
2004                
Goethe und die Künste
Prof. Dr. Werner Busch (Berlin)
Goethe und die Künstler
Hans-Hellmut Allers (Berlin)
Erlaubt ist, was gefällt
Der Theaterleiter Goethe
Prof. Dr. Katharina Mommsen (Palo Alto)
vielleicht die kultivierteste Frau in Europa
Die Malerin Angelica Kauffmann
Michael Engelhard (Bonn)
Nichts Höheres, nichts Vollkommeneres…
Goethe und Palladio
Gottfried Eberle (Berlin)
Symbolik fürs Ohr
Goethe und die Musik
Prof. Dr. Ernst Osterkamp (Berlin)
Goethe als Leser
Johann Joachim Winckelmanns
88
89
Im italienischen Tagebuch (für Charlotte von Stein)
heißt es unter dem Datum 19. Oktober 1786: Zwey
Menschen, denen ich das Beiwort groß, ohnbedingt
gebe, habe ich näher kennen lernen: Palladio und
Raphael. Es war an ihnen nicht ein Haarbreit Will-
kürliches,  nur  das  sie  die  Grenzen
und  Gesetze  ihrer  Kunst  im
höchsten Grade kannten und
mit  Leichtigkeit  sich  darin
bewegten,  sie  ausübten,
macht sie groß!
Michael Engelhard bringt
uns  rhetorisch  beeindru-
ckend und kenntnisreich den
führenden  Baumeister  der
norditalienischen  Renaissance
näher. Dessen Schriften mit Grundris-
sen und Stichen der antiken Tempelbauten erwirbt
Goethe in Padua  und macht sich auf den Weg nach
Rom, dessen klassische Bauten er nun durch die
Augen Palladios zu sehen beginnt: Jetzt studier ich
das  Buch  und  es  fallen  wie  Schuppen  von  den
Augen, der Nebel geht auseinander und ich erkenne
die Gegenstände.
Im  Mai  ist  zur  Abwechslung  die  Musik  an  der
Reihe. 50 Mitglieder lauschen Gottfried Eberles
Ausführungen,  betitelt Symbolik  fürs  Ohr  in  der
Dahlemer Geschäftsstelle. Wir erfahren viel Neues
und  Wissenswertes  über  Goethes  Verhältnis  zur
Musik,  im  Besonderen  zu  zeitgenössischen
Musikern wie Mozart, Beethoven und Schubert, zu
Reichhardt und Zelter, der ihn in Weimar mit dem
jungen  Felix  Mendelssohn-Bartholdy  bekannt
macht.
Eberle, jahrzehntelang Musikredakteur beim RIAS,
reichert seinen faktenreichen Vortrag immer wieder
mit Musikbeispielen am Klavier an, einprägsam er-
gänzt durch die junge Nachwuchssopranistin Ute
Eckert, die unter einem Zelter-Gemälde Vertonun-
gen Goethischer Gedichte vorträgt, neben den Ever-
greens Veilchen, Erlkönig, Rattenfänger und Wer
nie sein Brot mit Tränen aß eben auch solche, die
man nicht alle Tage zu hören bekommt.
Zur  Einstimmung  auf  die
Schweizer Reisen reist in der
ersten  Augusthälfte Jochen
Klauss aus  Weimar  an,  um
uns über das Verhältnis Goe-
thes  zum  Künstlerfreund
Heinrich Meyer zu unterrich-
ten.  Diesen  hatte  Goethe
1786  in  Rom  kennen  und
bald als unentbehrlichen Rat-
geber schätzen gelernt. 1791 zog der Kunschtmeyer
ins Haus am Frauenplan mit ein, dessen  Ausgestal-
tung  Goethe dem Freund während seiner durch die
Teilnahme an den Feldzügen von Valmy und Mainz
bedingten Abwesenheit  überläßt. 1795 überträgt
ihm Goethe die Leitung der Freien Zeichenschule.
Den  Zeitgenossen  ist  ein  wenig  unverständlich,
warum Goethe sich ausgerechnet auf das Urteil die-
ses als Maler eher mittelmäßig talentierten Schwei-
zer  Kunsthistorikers offenbar  blindlings  verläßt.
Relativ wenig schriftliche Zeugnisse von Dritten
sind überliefert, aus denen sich ein Charakterbild
Meyers ergibt. Goethe schätzt diesen kunstsinnigen
Hausgenossen so sehr, daß er einmal äußert: Wenn
er stirbt, so verlier ich einen Schatz, den wiederzu-
finden ich für das ganze Leben verzweifle. Meyer
hielt sich daran und überlebte Goethe um wenige
Wochen.
Im September beschert uns Hans-Wolfgang Kend-
zia neue Erkenntnisse über Goethes Portraitisten.
Zu Goethes Lebzeiten entstehen über 80 Portraits,
Schattenrisse, Bleistift-, Sepia-, Kreide- und Tusch-
zeichnungen, Radierungen, Kupferstiche, Minia-
turen sowie Reliefs, Skulpturen und mehr als ein
Dutzend Ölgemälde.
Der Vortragende konzen-
triert  sich  notabene  auf
jene  Portraits  des  Dich-
ters,  die  Goethes  Natur
und seinem Wesen wohl
am nächsten kommen: die
Bleistiftzeichnung  des
26-Jährigen  etwa  von
Georg  Melchior  Kraus;
Martin  Gottlob  Klauers
Büste von 1790, ferner die Altersbildnisse Heinrich
Kolbes  und  Joseph  Karl  Stielers  und  die  Büste
Christian Daniel Rauchs. Interessantes ist zu erfah-
ren über Goethes Verhältnis zu seinen Portraitisten
und ihren »Hervorbringungen«, von denen er nur
den geringeren Teil gelten ließ.
Mit der ihm eigenen kunsthistorischen Kompetenz
und  Detailkenntnis  referiert Helmut  Börsch-
Suphan über das Verhältnis Goethes zu dem Berli-
ner Architekten und Maler Karl Friedrich Schinkel,
den er persönlich erst 1816 kennenlernt.Vier Jahre
später trifft man sich in Jena, wo Schinkel ihm die
Pläne für sein neues Schauspielhaus in Berlin zeigt,
die  bei  Goethe auf  großes  Interesse stoßen,  ent-
spricht doch die Art, wie der um 32 Jahre Jüngere
die griechische Baukunst den Bedürfnissen eines
modernen Theaters anzupassen versteht, ganz sei-
nem eigenen Kunstideal.
In seinen Annalen verzeichnet er:
...eine lebhafte, ja leidenschaftli-
che  Kunstunterhaltung  und  ich
durfte  diese  Tage  unter  die
schönsten  des Jahres rechnen.
Dr. Jochen Klauss (Weimar)
Wenn er stirbt, so verlier ich einen Schatz...
Johann Heinrich Meyer,
Goethes Künstlerfreund
Hans-Wolfgang Kendzia (Berlin)
Goethes Portraitisten
und sein Verhältnis zu ihnen
Dr. Helmut Börsch-Suphan (Berlin)
Mögen wechselseitige Zeugnisse dieses
glückliche Verhältnis immerfort beleben…
Goethe und Schinkel
90
Neue  Einsichten  bieten  auch  die  Ausführungen
Norbert  Millers  über  den  Zeichner  Goethe,  in
denen er sich auf die Begegnung des Dichters mit
Jakob  Philipp  Hackert  konzentriert,  dem  wohl
berühmtesten  Landschaftsmaler  seiner  Zeit.
Goethe, der zuvor mehr oder minder als Autodidakt
...doch nicht ganz ohne Talent Thüringer Berge und
Burgen aufs Papier gestrichelt hat, geht nun hier
noch einmal in die Schule und studiert Kompositi-
onslehre- und Ausführung. Hackert verachtet den
bloßen  Kunst-Enthusiasmus  der  Dilettanten;  die
flüchtig schraffierte Impression ist ihm ebenso är-
gerlich wie die durch heftige zum Ereignis drama-
tisierte Naturansicht. Sein Credo Die Natur trägt
die Schönheit in sich macht Goethe sich zu eigen,
muß sich freilich alsbald eingestehen, daß der eige-
nen gestalterischen Begabung hier Grenzen gesetzt
sind.
Im Dezember schließt
sich  der  thematische
Reigen mit Manfred
Koltes Vortrag  über
Das  Verhältnis  der
Gebrüder  Boisserée
zu Goethe. Bevor wir
jene  Baurisse  des
noch unfertigen Köl-
ner  Doms  zu  sehen
bekamen,  mit  denen
der  Kunstsammler
Sulpiz  Boisserée  1810  Goethe  an  den  Rhein  zu
locken  versuchte, gab  es  erst einmal Außen-und
Innenansichten  des  Weimarer  Goethe-Schiller-
Archivs zu sehen.
Dort nämlich befinden sich die Briefe Sulpiz Bois-
serées an Goethe, die – wie seit kurzem der gesamte
übrige Goethe-Bestand – von Manfred Koltes be-
treut werden. Erstaunt nehmen wir zur Kenntnis,
daß dem jungen Rheinländer häufig so das Herz
übersprudelte, daß er ganz vergißt, über seine Zei-
len eine Anrede zu setzen. 1814 endlich entschließt
sich Goethe die Boisserée’sche Sammlung in Hei-
delberg anzuschauen, deren Schätze altdeutscher
und niederländischer Meister einen tiefen Eindruck
auf ihn machen.
Prof. Dr. Norbert Miller
Der Dichter, ein Landschaftsmaler
(Dia-Vortrag)
Dr. Manfred Koltes (Weimar)
Das Verhältnis der Gebrüder Boisserée
im Spiegel ihrer Korrespondenz
91
1791 eröffnet das Weimarer Hoftheater. Goethe ist ein
strenger Theaterchef; er will den ganzen komödian-
tischen Stand und damit das deutsche Theater zu klas-
sischer  Höhe  treiben.  Erstmals  hat  Weimar  ein
eigenes Ensemble, erstmals einen eigenen Direktor.
Goethe, gerade von der zweiten Italienreise zurück,
ist voll Elan für einen neuen Anfang. Bisher gab es in
Weimar mit dem benachbarten Sommerbad Lauch-
städt nur das vom Hofadel und dem Herrn von Goethe
selbst gespielte Liebhabertheater oder fahrende Thea-
tertruppen ließen sich kurzfristig nieder. Deren Zeit
geht nun zu Ende. Überall in Deutschland entstehen
feste Hof- und Nationaltheater; Weimar will im 1776
erbauten Komödienhaus mithalten.
Alle sind angesteckt vom Goethes Ernst und Elan. Als
der erste Vorhang sich hebt, will man die Sache of-
fenbar bescheiden  angehen. Goethes Prolog:
Der Anfang ist in allen Sachen schwer;
Bei vielen Werken fällt er nicht ins Auge.
Der Landmann deckt den Samen mit der Egge,
Und nur ein guter Sommer reift die Frucht;
Der Meister eines Baues gräbt den Grund
Nur desto tiefer, als er hoch und höher
Die Mauern führen will; der Maler gründet
Sein ausgespanntes Tuch mit vieler Sorgfalt,
Eh' er sein Bild gedankenvoll entwirft,
Und langsam entsteht, was jeder wollte.
Nun, dächten wir, die wir versammelt sind,
Euch manches Werk der Schauspielkunst zu zeigen,
Nur an uns selbst; so träten wir vielleicht
Getrost hervor und jeder könnte hoffen
Sein weniges Talent euch zu empfehlen.
Allein bedenken wir, daß Harmonie
Des ganzen Spiels allein verdienen kann
Von euch gelobt zu werden, daß ein Jeder
Mit jedem stimmen, alle mit einander
Ein schönes Ganzes vor euch stellen sollen:
So reget sich die Furcht in unsrer Brust.
Von allen Enden Deutschlands kommen wir
Erst jetzt zusammen; sind einander fremd,
Und fangen erst nach jenem schönen Ziel
Vereint zu wandeln an, und jeder wünscht
Mit seinem Nebenmann, es zu erreichen;
Denn hier gilt nicht, daß einer atemlos
Dem andern heftig vorzueilen strebt,
Um einen Kranz für sich hinweg zu haschen.
Wir treten vor euch auf, und jeder bringt
Bescheiden seine Blumen, daß nur bald
Ein schöner Kranz der Kunst vollendet werde,
Den wir zu eurer Freude knüpfen möchten.
Und so empfehlen wir mit bestem Willen
Uns eurer Billigkeit und eurer Strenge.
92
Drei Jahrzehnte später verrät er Eckermann, er sei
mit Vernügen an die Arbeit gegangen. Nicht ohne
wirtschaftliche Rücksichtnahme, ist dafür doch
nur wenig Geld vorhanden. Auch muß er dem
Geschmack des Publikums Rechnung tragen. Al-
lein 87 Titel von  Kotzebue und 38 von Iffland
lässt Goethe während seiner Intendanz spielen,
die  25  Jahre  später  wegen  der  Intrige um  den
legendären dressierten Hund auf der Bühne zu
Ende gehen soll. Das  Publikum und die Schau-
spieler müssen zu Größerem erzogen werden, zu
Shakespeare, Calderon, Molière und nicht zuletzt
zu Goethe und Schiller.
Genauso wichtig wie das Sprechtheater ist ihm
das  Musiktheater,  das  auch    Herzenssache  der
Herzoginmutter ist; eine besondere Freude für den
Theaterchef, wenn er vor allem Mozart spielen
lassen kann. 280 Mal kommen Mozarts Opern in
Goethes Intendantenzeit vor. Fasziniert ist er vor
allem von der Zauberflöte, die in Weimar mit dem
von  ihm  entworfenen  Bühnenbild  so  auf  die
Bühne kommt, daß an den Abenden die Türen
offen stehen müssen, da das Haus das Publikum
nicht fassen kann.
93
Katharina Mommsen präsentiert uns die vielleicht
kultivierteste Frau iher Zeit in Europa: die Malerin
Angelica  Kauffmann,  eine  der  wenigen  begabten
Künstlerinnen  des  18.  Jahrhunderts,  war  eine
Ausnahmeerscheinung.  Goethe  war  ihr  in  Rom
begegnet, hatte ihr Modell gesessen für ein Portrait,
das einen etwas effeminierten Dichter zeigt, der dazu
meint: ...ein hübscher Bursche, aber keine Spur von
mir.
In ihr lernt er zum ersten Mal eine Malerin von in-
ternationalem Ansehen kennen, zählt sie doch nicht
nur zu den gesuchten Portraitisten der Gesellschaft,
sondern gilt als anerkannte Historienmalerin. Sein
Urteil: Sie hat unglaubliches und als Weib wirklich
ungeheures Talent! quittiert das überwiegend weib-
liche Publikum im Auditorium mit vernehmlichem
Räuspern.
Er liest ihr aus Iphigenie und aus Egmont vor, die
sie illustriert. Sie faßt Vertrauen zu ihm und gibt zu
erkennen, daß sie gern aus ihrem Arbeitsalltag aus-
brechen und ein anderes Leben führen würde.
Bildnisaufträge machen zeitlebens den lukrativsten
Hauptbestandteil ihres künstlerischen Œuvres aus.
Neben  Herrscherporträts  für  die  neapolitanische
Königsfamilie und dem Bildnis für Kronprinz Lud-
wig von Bayern porträtierte sie Künstlerkollegen
wie  Reynolds  und  Jakob  Philipp  Hackert  sowie
zahlreiche Romreisende, unter ihnen Goethe und
Herder. Doch auch auf dem Gebiet der Historien-
malerei, welches Frauen aufgrund des Aktstudiums
nahezu verschlossen bleibt, genieß Angelica Kauff-
mann hohes Ansehen. Wichtige Aufträge führte sie
u.a. für Kaiser Joseph II. und für das russische Herr-
scherhaus aus.
Viele ihrer Werke, in denen sich trotz ihres rokoko-
haften, leichten Farbauftrags klassizistische Tenden-
zen  spiegeln,  werden  bereits  zu  Lebzeiten  in
Stichfolgen verbreitet und  finden dekorative An-
wendung auf kunstgewerblichen Gegenständen. Die
zeitgenössische  Begeisterung  für  Kauffmanns
Werke finden ihren Ausdruck im enthusiastischen
Ausruf: The whole world is angelicamad!
Die  für  eine  bürgerliche  Frau  ungewöhnliche
Karriere  zu  einer  angesehenen,  hochdotierten
Künstlerin und zum Mitglied der Akademien von
London, Rom,  Florenz,  Bologna und Venedig ist
nicht nur auf Kauffmanns früh entwickeltes künst-
lerisches Talent zurückzuführen, sondern auch auf
ihre gesellschaftliche Akzeptanz und ihre viel ge-
rühmte zarte Seele, dem Inbegriff weiblicher Emp-
findsamkeit.
94
Ernst Osterkamp legt dar, wie früh bereits in
der Leipziger Studentenzeit Joachim Winckel-
manns  Ideal  der  autonomen,  körperlich  wie
geistig schönen Persönlichkeit – vermittelt durch
den glühenden Winckelmann-Verehrer Oeser –
auf den 17-jährigen Goethe einwirkt. In Rom er-
wirbt er das Hauptwerk Winckelmanns in italie-
nischer  Sprache  und  steht  –  wie  auch  sein
gesamter römischer Freundeskreis – von nun an
unter dem Eindruck von dessen Gedanken und
Idealen. Gewissenhaft stattet er auf Spuren sei-
nes Mentors in Sachen Antike den Zeugnissen
der Vergangenheit seinen Besuch
ab, wobei er insbesondere seiner
Begeisterung über den Apoll von Belve-
dere in Briefen an die Freunde hymnisch
Ausdruck  verleiht: Gewaltiger  Eindruck
eines göttlichen Marmorbildes.
Ähnlich wie sein Vorbild Winkelmann be-
ginnt auch Goethe bereits während seines
Italienaufenthalts den eigenen Bildungs-
weg als etwas Besonderes zu sehen, als ein
bewußt formbares Kunstwerk, das
auf das Leben zu übertragen sei. Goethes Refle-
xionen über die Totalität des Kunstwerks, in dem
sich die menschliche Schönheit verewigt, stellen
den Künstler zwar als zweiten Schöpfer dar, sein
Werk wird jedoch als autonome Schöpfung be-
trachtet und nicht mehr zu den Hervorbringun-
gen in der Natur gezählt.
Nach seiner Rückkehr aus Italien beginnt sich
Goethe  intensiv  mit  Winckelmanns  Kunstan-
schauungen  im  Einzelnen  zu  beschäftigen;  er
verfaßt eine Reihe von Aufsätzen, in denen er
noch einmal alles resümiert, was er mit Moritz in Italien,
mit Meyer und auch mit Schiller über Antikes, Heidni-
sches und ihre jeweiligen Auffassungen zeitloser Schön-
heit durchgesprochen und durchgearbeitet hat.
Auf diese Weise entsteht eine einzigartige Aufsatzsamm-
lung, die neben Winkelmanns Briefen den Entwurf einer
Kunstgeschichte des 18. Jahrhundert umfaßt. Glanzstück
des Werkes ist jedoch Goethes Charakteristik Winkel-
manns, die in weit ausgreifenden Betrachtungen eine
Übersicht über die Erscheinung dieses Mannes als
eines großartigen Repräsentanten des Zeitalters bie-
tet.
Der Referent legt dem Auditorium wärms-
tens  die  Lektüre  von Goethes  Winckel-
mann und sein Jahrhundert ans Herz; man
sollte sich das Werk allerdings besser aus-
leihen, gehört es doch zu jenen Ausnah-
mepublikationen,  die  vom  derzeitigen
Preisverfall bei Büchern nicht betroffen
sind; der Reprint mit Illustrationen kostet
nach wie vor im Buchhandel stolze € 98.
95
Seine Zeichnungen wirken bescheiden. Zart fließen
die wasserdünnen Farben in Aquarelltechnik inei-
nander, färben den Himmel blassblau, den Horizont
blassrosa, das Laub der Bäume blassgrün.
Wenn man Goethes Zeichnungen, auch die bekann-
teren von seiner Italienreise, betrachtet, könnte man
meinen, der Dichter nehme sich beim Zeichnen sehr
zurück.  Es  scheint das  Kraftvolle zu  fehlen, das
seine  Dichtung  so  auszeichnet.  Dieser  Eindruck
deckt  sich  durchaus  mit  der  Selbsteinschätzung
Goethes: Täglich wird mir's deutlicher, dass ich ei-
gentlich zur Dichtkunst geboren bin und dass ich
die nächsten zehen Jahre, die ich höchstens noch
arbeiten darf, dieses Talent exkolieren  und noch
etwas Gutes machen sollte, da mir das Feuer der
Jugend  manches  ohne  großes  Studium  gelingen
ließ. Von meinem längeren Aufenthalt in Rom werde
ich den Vorteil haben, dass ich auf das Ausüben der
bildenden Kunst Verzicht tue.
Selbst später, als er ein alter Mann und seines Ruh-
mes sicher war, schreibt er über sein Zeichentalent:
Was ich aber sagen wollte, ist dieses, dass ich in
Italien in meinem vierzigsten Jahre klug genug war,
um mich selber insoweit zu kennen, dass ich kein
Talent zur bildenden Kunst habe.
Doch was auf uns – und ihn selbst – manchmal so
unentschieden gewirkt haben mag, entspricht in vie-
lerlei Hinsicht der Technik und dem Verständnis der
Epoche. Freilich, Goethe schreibt selbst: Ich hatte
eine gewisse Furcht, die Gegenstände auf mich ein-
dringend zu machen, vielmehr war das Schwächere,
das Mäßige nach  meinem  Sinn.  Machte ich eine
Landschaft und kam ich aus den schwachen Fernen
durch  die  Mittelgründe  heran,  so  fürchtete  ich
immer,  dem  Vordergrund  die  gehörige  Kraft  zu
geben, und so tat denn mein Bild nie die gehörige
Wirkung.
Doch betrachtet man Zeichnungen seines großen
Vorbilds und Lehrers  in  Italien  Philipp  Hackert,
wird die Verwandtschaft augenfällig. Hackert malt
keine Stimmungen, sondern Details. Er strebt da-
nach, in den Konturen eines Baumes, in der Struk-
tur der Rinde und der Form der Blätter noch die
Buche erkennbar zu machen. In dieser Detailver-
sessenheit kann der zeichnende Goethe sich wieder-
96
finden.  So  bringt  er  nicht  nur  Land-
schaften und Tempel aufs Papier, son-
dern  auch  anatomische  Studien  und
naturwissenschaftliche Skizzen – auch
als bildschaffender Künstler fühlt sich
Goethe den Anhängern Johann Joachim
Winckelmanns verbunden, den Klassi-
zisten.
2700 Zeichnungen Goethes sind erhal-
ten. Der zehnbändige Corpus der Goe-
the-Zeichnungen macht  deutlich,  daß
der Dichter durchaus einen überdurch-
schnittlich ausgeprägten Sinn für For-
men und Farben hatte. Sein Vater wäre
stolz auf ihn gewesen. Über ihn schrieb
Goethe  in Dichtung  und  Wahrheit:
Zeichnen müsse jedermann lernen, be-
hauptete mein Vater. Auch hielt er mich
ernstlicher dazu an als zur Musik.
97
Auftakt des Vortragszyklus Das Goethe-Schiller-
Jahrzehnt bildet der Einführungsvortrag von Hans-
Hellmut Allers, der den 120 Zuhörern anschaulich
vor Augen führt, welch große Hindernisse zu über-
winden waren, bis die beiden so unterschiedlichen
Charaktere Goethe und Schiller zueinander finden
konnten, um  schließlich  über  ein Jahrzehnt  lang
gemeinsam jene dioskurische Dichterwerkstatt zu
betreiben, die in der Literaturgeschichte wohl ein-
zigartig ist.
Wer aus den letzten fünf Jahrzehnten des 20. Jahr-
hunderts  literarische  Hervorbringungen  für  das
Theater in deutscher Sprache zu nennen wüßte, die
es mit  den damals entstandenen Klassikern aufnah-
men könnten, der trete hervor.
Ein  Experiment  stellt das  im  Februar von
Monika Schopf-Beige veranstaltete Mär-
chen-Seminar samt Rollenspiel dar. 30 Mit-
glieder lassen sich davon überzeugen, daß
Goethes 1794 entstandenes Märchen eine
Botschaft an den Freund Schiller enthalte
– eine Entdeckung, die Katharina Momm-
sen bereits vor einigen Jahren pu-
bliziert hatte.
Der  März-Vortrag  von Rainer
Schmitz Weimarer Xenien, Berliner
Prügeleyen beschert den Zuhörern
interessante Einsichten hinsichtlich
der  literarischen  Streitkultur  um
1800. Zwischen 1795-96 verfassen
die beiden Dichter nahezu tausend
Xenien, ironische Spitzen auf bor-
nierte Kritiker und andere medio-
kre, publizistisch tätige Zeit-
genossen wie etwa der Ber-
liner Buchhändler Friedrich
Nicolai, der seinerseits sa-
tirische  Angriffe  gegen
Goethe, Schiller und Her-
der geritten hatte und als
organisatorischer Mittel-
punkt  der Berliner Auf-
klärung galt.
2005             
Das Goethe-Schiller- Jahrzehnt
Hans-Hellmut Allers (Berlin)
Glückliches Ereignis…
Goethe und Schiller –
Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft
Monika Schopf-Beige (Ludwigsburg)
Das Märchen –
Eine Botschaft Goethes an Schiller
Zweitägiges Seminar
Rainer Schmitz (München)
Weimarer Xenien, Berliner Prügeleyen...
Anmerkungen zur literarischen
Streitkultur um 1800
Prof. Dr. Rolf-Peter Janz (Berlin)
Die Braut von Messina und Iphigenie
Schillers und Goethes Annäherung
an das antike Theater
98
Im April unterrichtet uns der FU-Dozent Rolf-Peter
Janz über die unterschiedliche Herangehensweise
der beiden Dichter an das antike Theater . Dem Au-
ditorium ist manches neu, was Schillers dramati-
sche  Kunstauffassung  anbetrifft,  etwa  seine
Rechtfertigung, in der Braut von Messina wieder
den antiken Chor einzuführen: Ein poetisches Werk
muß sich selbst rechtfertigen, und wo die That nicht
spricht, da wird das Wort nicht viel helfen. Man
könnte es also gar wohl dem Chor überlassen, sein
eigener Sprecher zu sein.
Der Mai beschert uns ein weiteres Mal das Glück,
Katharina Mommsen als Referentin zu hören, die
uns überzeugend darlegt, daß der Tell eigentlich ein
Gemeinschaftswerk  beider  Dichter  gewesen  sei.
Seine Teilhabe am Entstehungsprozeß geht weit da-
rüber hinaus, daß er lediglich Schillers Aufmerk-
samkeit auf den Stoff lenkte. Ursprünglich gedachte
Goethe, den Stoff selbst zu bearbeiten; nun schildert
er dem Freund lebendig die Tell-Gedenkstätten in
den Ur-Kantonen. Aus Katharinas Mommsens Vor-
trag mehr auf der folgenden Doppelseite.
Im September erläutert Volker Hesse aus der Sicht
des erfahrenen Arztes die verschiedenen schweren
Krankheiten, die den Dichter seit der Jugend pla-
gen. Das Resumée: Nur Schillers starker Wille, der
in seinem Credo zum Ausdruck kommt: Es ist der
Geist, der sich den Körper baut, kann die erstaun-
liche Tatsache erklären, daß ein Mensch mit einer
derart labilen Gesundheit, die ihn häufig zur Arbeit
unfähig machte, überhaupt in der Lage ist, in einer
Lebensspanne von nicht einmal zwei Jahrzehnten
ein derartiges Werk zu schaffen.
Im Oktober erwartet uns ein Vortrag von
Hans-Jürgen Schings, betitelt: Die Wei-
marer Klassiker und das Böse am Bei-
spiel von »Wallenstein« und »Faust I
Thematischer  Roter  Faden:  der  Pakt
zwischen Gut und Böse, gewissermaßen
als Dreh- und Angelpunkt beider Stücke.
Der  Disput  zwischen  den  guten  und
schlechten Kräften bleibt im Wallenstein
abstrakt und intellektuell. Faust dagegen
muß  sich  mit  einem  veritablen  Teufel
herumschlagen.
Im November läßt uns Hans-Wolfgang-Kendzia
noch einmal teilhaben an der geistigen Atmosphäre,
die in diesem nach erheblichen Anlaufschwierigkei-
ten  zustande  gekommenen Arbeits-  und  Freund-
schaftsbund herrschte. Das Goethische Bekenntnis:
Ich bin Ihnen nah, mit allem, was in mir denkt und
lebt vermag uns dieser eindrucksvolle Abend bild-
haft vor Aug und Ohr zu führen, hat der Referent
doch noch eine Überraschung parat: Vom Band er-
klingt der Anfang des Briefwechsels, gelesen von
Will Quadflieg und Gerd Westphal.
Im Dezember haben sich Ulrich Ritter und Erwin
Schastok mit ihrem Live-Programm: Atemlos in
unserer Mitte zum Ziel gesetzt, einen inhaltlichen
Akzent  auf  jenen  Zeitraum  zu  setzen,  da  beide
Dichter einander noch persönlich fremd waren und
im jeweils anderen zunächst allein den Konkurren-
ten sehen.
Wir werden Zeuge, wie der von einer anfänglichen
Hassliebe erfüllte Schiller gegen den älteren erfolg-
reichen Goethe zunächst polemisiert, um später –
nach  Einsetzen  der  Korrespondenz  –  doch  sehr
wohl zu registrieren, daß nicht nur er als Jüngerer
von Goethe lerne, sondern daß auch dieser nun sehr
wohl von seinen, Schillers Ratschlägen profitiere.
Prof. Dr. Volker Hesse (Berlin)
Ohne Gesundheit kann man nicht gut sein
Schiller, Goethe und die Medizin
Prof. Dr. Hans-Jürgen Schings (Berlin)
Die Weimarer Klassik und das Böse
Beispiele Faust und Wallenstein
Hans-Wolfgang Kendzia (Berlin)
Ich bin Ihnen nah mit allem,
was in mir lebt und denkt…
Anmerkungen zum Briefwechsel
zwischen Goethe und Schiller
Ulrich Ritter und Christian Steyer lesen:
Atemlos in uns’rer Mitte
Goethe und Schiller – eine Begegnung
99
In neuerer Zeit hört und liest man immer wieder die
Behauptung,  Schiller  habe  den  Stoff  zu  seinem
Wilhelm Tell nur aus Büchern geschöpft. Bei nähe-
rer Beschäftigung mit der Entstehungsgeschichte
von Schillers Tell stellt sich heraus, daß Goethes
Anteil weit größer ist, als bisher von der Forschung
bemerkt wurde. Goethes Teilhabe an der Konzep-
tion und dem Entstehungsprozess des Tell, gehört
zu den  ergreifendsten  Beweisen  seiner  Liebe zu
Schiller;  er  fördert  den  schwerkranken  jüngeren
Freund,  dem nur noch  eine  kurze Lebensspanne
vergönnt ist, insgeheim, um ihm mit dem Tell zum
größten Erfolg seines Lebens zu verhelfen.
Bekannt ist die Tatsache,  daß Goethe im  Herbst
1797 an Schiller schreibt, er habe sich die großen
Naturszenen, die den Vierwaldstättersee umgeben,
wieder recht genau vergegenwärtigt und plane, den
Tell-Stoff zu behandeln. Schiller weiß, daß Goethe
sich  zum  dritten  Mal  auf  Tells  Spuren  befindet,
denn  er  kennt  dessen  frühere  Briefe  aus  der
Schweiz von 1775 und 1779. Goethe hat sie ihm,
dem immer um Stoff verlegenen Herausgeber der
Horen, im Februar 1796 zur Verfügung gestellt, und
Schiller macht tatsächlich  durch  die Veröffentli-
chung der Briefe auf einer Reise nach dem Gotthard
von 1779 in den Horen von 1796 davon Gebrauch.
Goethe bezeichnet schon seine früheste Pilgerschaft
zu den Tell-Stätten, die er 1775 unternommen hat,
als  eine  längst  ersehnte  Wanderung.  Goethe  ist
bereits damals an der Tell-Figur intereressiert.
Aufgrund des Tagebuchs von 1775 berichtet Dich-
tung und Wahrheit noch vom Besuch der Tell-Ka-
pelle in der Hohlen Gasse: Nicht ohne manche neue
wie  erneuerte  Empfindungen  und  Gedanken  ge-
langten wir durch die bedeutenden Höhen des Vier-
waldstätter Sees nach Küßnacht, wo wir landend
und unsere Wanderung fortsetzend, die am, Weg ste-
hende Tellen-Capelle zu begrüßen und jenen, der
ganzen Welt als heroisch, patriotisch-rühmlichen
Meuchelmord zu gedenken hatten.
Goethes  primäres  Interesse  an  der  Gestalt  des
Wilhelm Tell liegt allerdings nicht bei dessen poli-
tischer Befreiungstat. Schon damals ist er politisch
zu  illusionslos, um sich für Tell als geheimen Ver-
schwörer  und  Freiheitskämpfer  zu  engagieren;
nein, was ihn schon im Juni 1775 in Altdorf  bewegt,
darauf deutet ein Brief vom 19. Juni 1775 hin, den
er nach einer längeren Pause an Lotte und Albert
Kestner  schreibt.  Diesem  ist  zu  entnehmen:
Goethes Interesse gilt Tell, dem Familienvater und
dem  Phänomen,  daß  seelische  Grausamkeit  und
willkürlich ausgeübte  Gewalt  in  den der Gewalt
Unterworfenen  Gegengewalt  weckt  und  sie  zu
Handlungen bewegt, die sie normalerweise nie be-
gehen würden.
Genaueres  über  Goethes  Interesse  an  der  Tell-
Gestalt wissen wir erst seit 1797, als er mit Schiller
über seine Tell-Konzeption spricht. Dabei zeichnet
sich als Hauptzug von Goethes Wilhelm Tell ab, daß
er seinem ganzen Wesen nach kein Revolutionär
und Verschwörer ist, sondern nur für seine Familie
leben will.
In  den Tag-  und  Jahresheften bestätigt  Goethe:
Schiller war mein Plan wohlbekannt und ich war
zufrieden, daß er den Hauptbegriff eines selbstän-
Prof. Dr. Katharina Mommsen (Palo Alto)
Unser Tell...
Goethes Anteil an Schillers Wilhelm Tell
100
digen, von den übrigen Verschworenen unabhängi-
gen Tell benutzte.
Goethes Faszination durch die Lokalitäten der Tell-
Legende ist so stark, daß es ihn vier Jahre nach der
ersten Schweizer Reise wieder dorthin zieht. Auf
der 1779 mit Carl August zusammen unternomme-
nen zweiten Schweizer Reise sucht der inzwischen
30-jährige Goethe die Tell-Gedenkstätten in umge-
kehrter  Richtung  und  Reihenfolge  auf,  worüber
Carl Augusts Reisetagebuch manche Einzelheiten
verrät.
1797, nach weiteren 18 Jahren durchwandert und
durchschifft der inzwischen 48-jährige Goethe zum
dritten und letzten Mal die Tell-Landschaft, diesmal
in Gesellschaft des gebürtigen Schweizers Heinrich
Meyer, des Malers und Kunsthistorikers, der ihm
als Begleiter besonders willkommen ist, weil er mit
seinem richtigen und scharfen Blick schon lange die
Verhältnisse kannte und in einem treuen Gedächtnis
bewahrte, wie Goethe im Brief aus Stäfa vom 14.
Oktober 1797 gegenüber Schiller rühmt.
Dort ist ausführlich von unmittelbarem Anschauen
von interessanten Gegenständen, von Einblicken in
die Naturhistorischen, geographischen, ökonomi-
schen und politischen Verhältnisse, wie auch der
Lektüre einer alten Chronik die Rede und von sonst
manchem Aufsatz der arbeitsamen Schweizer.
An das frohlockende Bekenntnis seiner Absicht, die
Fabel vom Tell (…) episch zu behandeln, schließt
Goethe die Bemerkung an, daß er die Charaktere,
Sitten und Gebräuche der Menschen in diesen Ge-
genden, so gut als in der kurzen Zeit möglich beob-
achtet habe, nun, komme es auf gut Glück an, ob
aus diesem Unternehmen etwas werden kann.
Es war auf  dem Vierwaldstättersee und  auf dem
Weg nach Altdorf in der freien Natur, wo Goethe
seiner eigenen Aussage nach den Plan eines Tell-
Epos konzipiert.
Dem wiederholten Anschauen der Örtlichkeiten und
Studium von Land und Leuten und der Schweize-
rischen Geschichte liegt Goethes Absicht zugrunde,
der poetischen Darstellung des Stoffes möglichst
viele realistische Züge und dadurch Überzeugungs-
kraft zu verleihen. Solche realistischen Züge der
helvetischen Existenz betrachtet er als wichtigste
Voraussetzung,  um  dem  Tell-»Märchen«  wahres
Leben einzugeben.
Betrachtet man nun  Goethes Landschaftsnotizen
seiner drei Schweizer Reisen genauer, so findet man
viele Entsprechungen in Schillers Tell-Drama, so
daß es völlig überzeugend  ist, wenn man in den
Eckermann-Gesprächen liest: In Schillern lag die-
ses Naturbetrachten nicht. Was in seinem Tell von
Schweizer Lokalität ist, habe ich ihm alles erzählt,
aber er war ein so bewundernswürdiger Geist, daß
er selbst nach solchen Erzählungen etwas machen
konnte, das Realität hatte.
Von vornherein begrüßt Schiller Goethes Tell-Pro-
jekt mit Begeisterung und spendet ihm auch weiter-
hin großen Beifall. Natürlich wird sofort nach der
Rückkunft aus der Schweiz darüber gesprochen, als
Goethe bei Schiller in Jena Station macht. Dieser
ist damals vollauf durch die Arbeit am Wallenstein,
101
an Maria Stuart, der Jungfrau von Orleans und der
Braut von Messina beansprucht.
Die Gespräche mit Goethe über den Tell-Stoff zie-
hen sich hin, mit Unterbrechungen, von 1798 bis
zur Aufführung von Schillers Tell im März 1804 .
Gegenüber Eckermann charakterisiert Goethe 1827
seinen gedachten Helden: Den Tell dachte ich mir
als einen urkräftigen,  in sich  selbst  zufriedenen,
kindlich  unbewußten  Heldenmenschen,  der (...)
überall gekannt und geliebt ist, überall hülfreich,
übrigens ruhig sein Gewerbe treibend, für Weib und
Kinder  sorgend,  und  sich  nicht  kümmernd,  wer
Herr oder Knecht sei.
Hier zeigt sich deutlich: Goethes Tell ist nicht der
übliche Freiheitsheld, Revolutionär und typische
Rebell  gegen  politische  Mißstände,  sondern  ein
Mensch, der sich über Herrschaft oder Knechtschaft
überhaupt  keine  Gedanken  macht.  Darin  unter-
scheidet sich Goethes Tell-Konzeption ganz ent-
schieden von den  zahlreichen Darstellungen  der
Schweizer Überlieferungen, die sämtlich Tell als
Verschwörer und Anführer auf dem Rütli darstel-
len.
Schiller  schließt  sich  zwar  darin  der  Schweizer
Tradition an, daß er den Helden als Alpenjäger auf
die Bühne stellt, aber im Gegensatz zur Tradition
sondert Schiller seinen Tell von den Verschwörern
ab. Dies ist ein ganz wesentlicher Zug, den Schiller
von Goethes Tell übernimmt.
Als Einzelgänger wie bei Goethe, der eben nicht aus
dem gleichen Holz wie die politischen Täter ge-
schnitzt war, läßt sich die Tell-Figur differenzierter,
gebrochener, interessanter gestalten. Goethe ist der
Zusammenhang zwischen seiner und Schillers Tell-
Konzeption völlig klar.
In seinen Annalen von 1804 drückt Goethe seine
Zufriedenheit darüber aus, daß der mit seinem Tell-
Plan vertraute Freund den Hauptbegriff eines selb-
ständigen,  von  den  übrigen  Verschworenen
unabhängigen Tell benutzte. Wenn man an einen
derartig selbstbestimmten Tell denkt, der keines-
wegs aus Büchern stammte, so ist die Behauptung,
Schiller habe den Stoff nur aus der Literatur ge-
schöpft, geradezu absurd.
Tatsächlich rücken Schillers Gestalten der wackeren
Zeitgenossen des Tell also ganz in die Nähe der Ge-
stalten, die Goethe vorgeschwebt haben und von
denen er Eckermann 1827 berichtet: Das Höhere
und Bessere der menschlichen Natur (...) Die Liebe
zum heimatlichen Boden, das Gefühl der Freiheit
und Sicherheit unter dem Schutze vaterländischer
Gesetze, das Gefühl ferner der Schmach, sich von
einem fremden Wüstling unterjocht und gelegent-
lich mißhandelt zu sehen, und endlich die zum Ent-
schluss reifende Willenskraft, ein so verhasstes Joch
abzuwerfen, alles dieses Höhere und Gute hatte ich
den  bekannten  edleren  Männern  Walther  Fürst,
Stauffacher, Winkelried und anderen zugeteilt und
dieses waren meine eigentlichen Helden, meine mit
Bewußtsein handelnden höheren Kräfte.
Im Gespräch mit Eckermann erinnert sich Goethe,
wie er von diesem schönen Gegenstande (…) ganz
voll war und dazu schon gelegentlich seine Hexa-
meter summte und Schiller sich damals durch seine
Schilderungen nicht nur die Landschaften, sondern
auch die handelnden Personen einprägen.
102
Aber, so fährt Goethe fort, da ich andere Dinge zu
tun  hatte  und  die  Ausführung  meines  Vorsatzes
immer weiter verschob, so trat ich meinen Gegen-
stand an Schiller völlig ab, der denn daraus sein
bewundernswürdiges Gedicht schrieb.
Zur Überlassung des Stoffes an den Freund berich-
ten die Tag- und Jahreshefte zum Jahr 1804: Über
dieses innere Bilden und äußere Unterlassen waren
wir  in  das  neue  Jahrhundert
eingetreten.  Ich  hatte  mit
Schiller  diese  Angelegenheit
oft  besprochen  und  ihn  mit
meiner lebhaften Schilderung
jener Felswände und gedräng-
ten Zustände oft genug unter-
halten, dergestalt daß sich bei
ihm dieses Thema nach seiner
Weise zurechtstellen und for-
men mußte. Auch er machte mich mit seinen Ansich-
ten bekannt, und ich entbehrte nichts an einem Stoff,
der bei mir den Reiz der Neuheit und des unmittel-
baren Anschauens verloren hatte und überließ ihm
daher denselben gerne und förmlich, wie ich schon
früher mit den Kranichen des Ibykus und manchem
andern Thema getan hatte; da sich denn aus jener
obigen Darstellung, verglichen mit dem Schilleri-
schen Drama, deutlich ergibt, daß ihm alles voll-
kommen angehört, und daß er mir nichts als die
Anregung und eine lebendigere Anschauung schul-
dig sein mag, als ihm die einfache Legende hätte
gewähren können.
Wann genau Goethe seinen epischen Tell dem dra-
matischen Tell Schiller zuliebe beiseite legt und den
Stoff seinem Freund abtritt, ist nicht überliefert.
Fassen wir abschließend noch ein mal zusammen,
worin Goethes Anteil an diesem Werk besteht:
1. in der Anregung, sich überhaupt mit dem Stoff
zu befassen,
2. in der suggestiven Schilderung der Schweizer
Lokalitäten,
3. in der Konzeption des Helden als eines Einzel-
gängers; die vaterländischen Verschwörungsmotive
überträgt Schiller – Goethes Konzeption entspre-
chend – auf die anderen Gestalten sowie auch auf
einzelne Frauen des Dramas.
Zu den Frauen im Tell sei noch ergänzend gesagt,
daß  auch  sie  von  Goethe  wesentlich  mitgeprägt
worden sind.
Wilhelm Tell ist Schillers letztes vollendetes Werk.
Als  er  wenige  Monate  nach  dessen  Vollendung
stirbt, plante Goethe eine Totenfeier, doch war er
selber so leidend, daß ihn die Vorstellung einer sol-
chen Feier zu sehr angriff und so sind nur wenige
Versfragmente von dem, was er als Freund sagen
wollte, übriggeblieben.
Goethes Reflexion: Das Gute was man Liebenden
erzeigt / Belohnet sich in dieser ernsten Stunde ruft
unwillkürlich seine Mitwirkung am Gelingen des
Wilhelm  Tell ins  Gedächtnis. Auch  die  trostlose
Frage: Soll ich ihm nicht mehr das leisten? läßt an
Goethes Teilhabe an diesem großen Werk denken.
In diesen Versfragmenten kommt das überwälti-
gende  Gefühl  der  Einsamkeit  nach  dem  Verlust
Schillers zum Ausdruck, das Bewußtsein, keinen
Partner  mehr  zu  haben,  den  er  so  beschenken
konnte wie den geliebten Freund.
103
Die  meisten  Balladenschöpfungen,  wie  wir  sie
heute kennen, verdanken ihre Entstehung in diesem
fruchtbaren Jahrzehnt ausschließlich jener einzig-
artig engen Zusammenarbeit zwischen zwei Dich-
tern, ihrer ständigen gegenseitigen Anregung, aber
auch konstruktiver Kritik, die dem Genius und der
Eigenart des Anderen jedoch stets freie Hand lässt.
Dies  ist freilich nur dadurch möglich, daß  beide
über derart viel kreatives Potential verfügen, daß sie
sich Ideen und Eingebungen eben mal auf einem
Zettelgen hinüber- und herüberschicken können.
Heute, im Zeitalter des Ideenklaus, da es ohnehin
allerorten an  originellen und  geistvollen literari-
schen  Schöpfungen  mangelt,  erscheint  dieser
Reichtum  der  dichterischen  Produktion  in  nur
einem Jahrzehnt an nur einem Ort schier unglaub-
lich.
Unvergesslich wird allen Anwesenden sicher die
Juni-Veranstaltung in der Landesvertretung Baden-
Württembergs bleiben.  Angelika Reimann, Litera-
turwissenschaftlerin aus Jena, hatte als Untertitel zu
ihren Ausführungen  über  Goethes  und  Schillers
Balladenschaffen das launige Zitat gewählt: Leben
Sie recht wohl und lassen Sie Ihren Taucher je eher,
desto besser ersaufen.
Neben der lebhaften Darstellung des Funktionierens
der gemeinsamen  Jenenser Dichterwerkstatt, mal in
Schillers Garten, mal im Gasthof zur Tanne, erfreut
uns die Referentin auch noch durch professionelles
Deklamieren einiger Balladen Schillers.
In seiner Schrift Über naive und sentimentalische
Dichtung hatte Schiller vom modernen Dichter ge-
fordert, über den Zustand der Naivität hinauszuge-
hen,  da  die  Darstellung  des  Ideals  den  Dichter
mache.  Im  Unterschied  zur  Volksballade  solle
die Kunstballade bewußt sittliche Lehren vermit-
teln. Gestalten und Geschehnisse sind einer tragen-
den Idee zu unterwerfen, die Gestaltung soll mit
straffer  Handlungsführung  und  sprachlichem
Schwung  auf  unmittelbare  Wirkung  beim  Hörer
bzw. Leser zielen. Den Balladen weist er die Auf-
gabe zu, den Leser zu Anteilnahme und Wertungen
aufzufordern, ihm seine Möglichkeiten des mensch-
lichen Handelns zu zeigen und die Balladenwelt mit
seiner bisherigen Lebenserfahrung zu vergleichen.
Laut Goethe solle der Leser die Literatur urteilend
genießen. Außerdem sollen die Texte die Vielfalt
sprachlicher Schönheiten der deutschen Sprache de-
monstrieren.
Die  beiden  verabreden,
eine größere Zahl an Bal-
laden  zu  verfassen,  um
ihre  theoretischen  Ab-
sichten literarisch zu ver-
wirklichen.  Die  Verse
entstehen  in  einer  Art
künstlerischem  Wett-
streit,  werden  jedoch
häufig  vor  ihrem  Er-
scheinen brieflich disku-
tiert.
Das Jahr 1797 gilt als
die Geburtsstunde der
klassischen Kunstbal-
lade.  Niemals vorher
und  niemals  danach
schreiben Goethe und
Schiller so viele Bal-
laden wie im Frühjahr
und  im Sommer  die-
ses  Jahres.  In  kurzer
Folge  entstehen Der
Taucher, Der  Hand-
schuh, Ritter Toggen-
burg, Die  Kraniche  des  Ibykus ebenso  wie Der
Schatzgräber, Der Gott und die Bajadere oder Der
Zauberlehrling, die über  Generationen zum unver-
zichtbaren Bestand unserer Nationalliteratur gehö-
ren.
Die Balladen dieses Sommers
erscheinen  im Musenalma-
nach auf das Jahr 1798. Schil-
ler im Vorwort: Wir haben uns
vereinigt, in den diesjährigen
Almanach  mehrere  Balladen
zu geben  und  uns bei  dieser
Arbeit über Stoff und Behandlung dieser Dichtungs-
art selbst aufzuklären.
Nach dem aufsehenerregenden Xenien-Almanach
im Vorjahr überraschen die beiden zusammen ar-
beitenden  Dichter  die  literarische  Öffentlichkeit
auch hierin. Die Einheit von Goethe und Schiller
offenbart sich in ihrer wechselseitigen Annäherung
ihrer künstlerischen Auffassung und in der Behand-
lung der Gattung.
Dr. Angelika Reimann (Jena)
Leben Sie recht wohl und lassen Sie
Ihren ‘Taucher’ je eher, je besser ersaufen…
Die Zusammenarbeit Goethe und Schillers
am Beispiel des Balladenschaffens
104
Goethes  ältere  Balladen
wie Der Fischer, Der Erl-
könig und Der König von
Thule,  aber  auch  seine
späteren Balladen-Schöp-
fungen sind empfindungs-
reiche  Stimmungsgedichte,  Spiegelungen
geheimnisvoller  Naturer-
scheinungen, Darstellung ma-
gischer Eindrücke, welche die
Elemente mit ihrer verlocken-
den, sinnbetörenden und zer-
störenden  Macht  auf  unser
Gefühl und auf unsere Phan-
tasie ausüben.
Auch seine neueren Balladen von 1797 leugnen den
Ursprung aus der nordischen Volksdichtung nicht.
Auch  hier  walten  dämonische  Kräfte,  Tod  und
Grauen wie in Die Braut von Korinth oder in Der
Gott  und  die  Bajadere.  Im Zauberlehrling und
im Schatzgräber walten harmlosere Geister. Wäh-
rend Goethe also die Stimmung seiner alten Balla-
den beibehält, trifft er den Ton nun kunstvoller und
bewußter. Neu hingegen ist bei Goethe, daß seine
Ereignisse nun einer bestimmten Idee folgen. Hierin
macht sich der Einfluß von Schiller bemerkbar, der
seine Balladenstoffe ebenso zu behandeln pflegte.
Goethe bekennt in einem Brief an Meyer am 21.
Juli 1797, es komme darauf an, die Balladenform
mit würdigeren und mannigfaltigen Stoffen und mit
einem tieferen Gehalt zu erfüllen.
Schiller hingegen tritt immer mehr aus der Sagen-
welt in das geschichtlich bewußte Leben über. Seine
Balladen bilden eine besondere Kunstform, in der
das episch-dramatische Element das lyrische über-
wiegt. Dabei ist er immer bestrebt, die rein erfaßte
Idee sinnlich und gegenständlich erscheinen zu las-
sen. Den idealen Gehalt füllt er plastisch, zeichnet
ihn mit Klarheit und bringt ihn durch seine charak-
teristische  Färbung  zu  lebendiger  Anschauung.
Goethe bleibt hierin sein Vorbild.
Goethe ist wohl der erste, der den wahren Wert von
Schillers Balladen aufrichtig anerkennt, bewundert
und verteidigt – sogar gegen Schiller selbst. Schiller
erscheint in seinen Balladen als Volksdichter, der
den  Geschmack  der  Gebildeten  und  das  Auf-
fassungsvermögen  der  großen  Menge  durch  die
Größe seiner Kunst aufzuheben versteht.
Schiller selbst bekennt zu Beginn des gemeinsamen
Balladen-Wettstreits am 18. Juni 1797, Goethe ge-
wöhne ihm immer mehr die Tendenz ab, vom All-
gemeinen zum Besonderen zu gehen. Er führe ihn
auf  den  umgekehrten  Weg
vom  Engen  ins  Weite,  vom
einzelnen  Fall  zum  großen
Gesetz, vom Bild und der An-
schauung zum Gedanken. Mit
wenigen Ausnahmen bringen
Schillers Balladen eine sittli-
che Idee zum Ausdruck.
Doch nirgends ergreift er das Wort zu lehrsamer
Mahnung  oder  fügt  formelhaft  eine  moralische
Nutzanwendung  hinzu.  Aus  seiner  Darstellung
leuchtet der Grundgedanke hell und rein als orga-
nischer Bestandteil hervor. Die Balladen ergreifen
durch ihre Schönheit und Wahrheit als echte Kunst-
werke. Sie erschüttern das Gemüt durch das Schick-
sal,  das  sie  offenbaren,  und  regen  den  Geist  zu
ahnungsvollem Sinnen an.
105
2006
200 Jahre Goethes Faust
Hans-Helmut Allers (Berlin)
Vom Volksbuch bis zu Thomas Mann
Dr. Faustus in Historie und Literatur
Prof. Frank Möbus (Göttingen)
Der Teufel, den ich beschwöre,
gebärdet sich sehr wunderlich…
Zur Entstehungsgeschichte von Goethes Faust
Im Januar gibt uns Hans-Hellmut Allers einen an-
schaulichen  Überblick  über  die  Entwicklung  der
Faustfigur Vom  Volksbuch  bis  zu  Thomas  Mann.
Obwohl wir bereits im Vorjahr bei unserem Besuch
des Faust-Museums in Knittlingen mit dem histori-
schen Dr. Faustus und den zahlreichen ihn umgeben-
den Sagen und Gerüchten bekannt gemacht worden
waren, erfahren wir doch noch viel Neues, nicht nur
über die Faust-Historie, sondern auch über die diver-
sen Faust-Adaptionen von Christopher Marlowe bis
Thomas Mann.
Zur Entstehungsgeschichte von Goethes Faust teilt
uns  im  Februar  der  Göttinger  Professor Frank
Möbus erstaunliche  Details mit. Vielen  Zuhörern
wird nun erst klar, daß die Faust-Figur in Deutsch-
land bis ins späte 18. Jahrhundert hinein eigentlich
mehr oder minder als Marionette mit holzsschnittar-
tigen Charakterzügen agiert, bei Jahrmärkten  und
Messen auf Puppenbühnen, der Dr. Faustus  als ein
berüchtigter Magier und Schwarzkünstler, der mit
dem Teufel wettet und ihm schließlich seine Seele
verschreibt.
Erst  Goethe erkennt das dramatische Potential dieses
Charakters, der auf der metaphsysischen Suche ist
und wissen will, was die Welt im Innersten zusam-
menhält. Er läßt seinen Protagonisten bekanntlich in
Begleitung  Mephistos die Reise in die Kleine und
die Große Welt antreten, reichert  die wunderliche
Posse noch  durch  eine  Liebesgeschichte  an  und
schafft damit aus der Puppenspielfabel einen Stoff
der Weltliteratur und aus Faust einen zeitlos moder-
nen  Charakter,  den  seitdem  jede  Generation  von
neuem für sich entd