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Der Umbruch der Epoche um 1800 erfaßt einen Zeitraum von 1770 bis 1830, der mit der Konstituierung des selbstbewußten Individuums (im Sturm und Drang) einsetzt und einen Höhepunkt mit der Französischen Revolution und ihren Folgeereignissen erreicht, zu denen der Niedergang des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation 1806 gehört, die Neuordnung Europas im Wiener Kongress 1815 sowie die Juli-Revolution 1830, womit in Auswahl allein wichtige geschichtliche Ereignisse erfaßt sind, jedoch nicht das Entscheidende beschrieben ist – nämlich, was und wer die Menschen zu diesen Veränderungen bewegte und wie sie diese erfuhren. Führte doch der Zusammenbruch des deutschen Reiches zu einer mentalen und sozialen Entwurzelung vieler Menschen, denn sie erlebten mehr denn je, dass ihre angestammte Scholle zum Spielball der Mächte wurde. Sie machten die Erfahrung, dass jahrhundertealte Werte und Normen obsolet wurden; es kam zu einer Orientierungslosigkeit, welche sich durch eine Fülle an immer neuen Informationen und divergierenden Meinungen noch vergrößern konnte; hinzu traten der zunehmende Anpassungsdruck an rationale Vergesellschaftungsformen, die Auflösung der feudalen Agrarverfassung, der Sieg des modernen Eigentumsrechts, die wachsende Bedeutung des Faktors Zeit und des Leistungsdrucks sowie noch viele andere Erscheinungen eines modernen Alltags, die sowohl intellektuell als auch lebensweltlich gemeistert werden mußten.
Viele Menschen schreckten vor diesen Herausforderungen zurück. Sie waren verunsichert und wünschten sich zurück in eine Sekurität ermöglichende Vormoderne; nicht wenige suchten den Aufbruch, kämpften für eine Liberalisierung des Lebens, setzten auf Machtteilhabe. Die Literatur übernahm in dieser Zeit der Verunsicherung und des Aufbruchs eine wichtige Funktion als Informationsquelle, Orientierungshilfe und Sinngeber. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was Goethe, die Zentralgestalt der deutschen Literatur in dieser Zeit, aufnahm von all diesen Veränderungen und welche Antworten er seinen Zeitgenossen angesichts der Brüche, Verwerfungen und Neuerungen geben konnte. Da wir uns heute, 200 Jahre später, wieder in einer Zeit des Umbruchs und der Krisenerfahrungen befinden (Digitales Zeitalter, Naturvernichtung versus -bewahrung, Epidemien usw.), kann es von Interesse sein, sich mit den Bewältigungsstrategien des/der Altvorderen zu beschäftigen.