Goethe in Berlin im Mai 1778

Johann Wolfgang von Goethe hatte von den Berlinern keine sonderlich große Meinung. Er hielt sie für einen "verwegenen Menschenschlag" und ungehobelt. Nur einmal in seinem langen Leben hatte der Dichter und Weimarer Minister die preußische Hauptstadt zu Gesicht bekommen. Das war im Mai 1778, als der damalige Legationsrat seinen Landesherren, Herzog Carl August von Sachsen-Weimar, in einer diplomatischen Mission nach Berlin begleitete.

Was Goethe und die anderen Herren an der Spree und bei einem Kurzbesuch auch in Potsdam erlebten, dokumentierte die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Zusammenarbeit mit der Goethe-Gesellschaft Berlin e. V. in einer Ausstellung, die anlässlich des Preußenjahres 2001 gezeigt wurde.

Da Goethe Tagebuch geführt und sich auch in Briefen über seine Eindrücke geäußert hat, kann die Ausstellung in der Alten Staatsbibliothek recht genau nachvollziehen, welches Besuchsprogramm absolviert wurde, wen die Gäste aus Weimar trafen, welche Sehenswürdigkeiten sie besuchten und was bei den Empfängen am Hof geredet wurde, sofern das durch schriftliche Äußerungen überliefert ist. Die Ausstellung blickt zurück auf die Situation in der preußischen Hauptstadt und gibt auch Berliner Künstlern und Gelehrten das Wort, mit denen Goethe in den folgenden Jahrzehnten in Verbindung stand.

Da Friedrich der Großen in jenem Jahr wieder einmal einen Krieg führte, kam es zu keiner Begegnung. Sie wäre für den aufstrebenden Dichter vermutlich nicht sehr erfreulich ausgefallen, denn der Preußenkönig konnte mit deutscher Literatur nichts anfangen und hielt sie im Unterschied zur französischen Dichtkunst für unbedeutend. Wohl aber kam in der kurzen Besuchswoche eine Visite beim Bruder des Königs, Prinz Heinrich, zu Stande, über die sich Goethe sehr vorsichtig äußerte - wissend, dass Heinrich gegenüber seinem Bruder eine distanzierte Haltung einnahm. Dem "alten Fritzen" sei er dennoch nah gekommen, schrieb Goethe rückblickend. "Da hab ich sein Wesen gesehn, sein Gold, Silber, Marmor, Affen, Papageien und zerrissene Vorhänge, und hab über den großen Menschen seine eigenen Lumpenhunde räsonnieren hören. Damit waren Prinz Heinrich und seine Umgebung gemeint, die ihre abfälligen Bemerkungen über den König nur unter sich austauschen konnten.

Als die Reisegruppe Potsdam besuchte, muss es zu einem unangenehmen Auftritt mit dem Schlosskastellan gekommen sein, dem Goethe flegelhaftes Verhalten bescheinigte. Wohl deshalb, weil sich der Beamte weigerte, den Besuchern das Allerheiligste der königlichen Wohnräume zu zeigen. Mit "Menschen", also den Berlinern, habe er sonst gar nicht verkehrt, schrieb Goethe. Da er sich auf einer diplomatischen Mission befand, habe er sich in Zurückhaltung geübt "und hab in preußischen Staaten kein laut Wort hervorgebracht, das sie nicht könnten drucken lassen".

Im Nachhinein hatte Goethe zwiespältige Gefühle: "Es lebt aber dort ein so verwegener Menschenschlag beisammen, dass man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern dass man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muss, um sich über Wasser zu halten. Das Völkchen besitzt viel Selbstvertrauen, ist mit Witz und Ironie gesegnet und nicht sparsam mit diesen Gaben." Die Eindrücke, die Goethe gewonnen hat, hielten ihn später neben manch anderen Gründen davon ab, trotz Einladungen an den nunmehr berühmten Dichter, die Stadt erneut zu besuchen. Seine Werke wurden hier dennoch oft und mit großem Erfolg aufgeführt und gelesen.